Philosophie Lexikon der Argumente

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Kontext/Kontextabhängigkeit: Sätze, Wörter und Texte sind in verschiedenem Maße von der Ergänzung durch zusätzliche Angaben zur Beseitigung von Mehrdeutigkeiten abhängig. Insbesondere führt der Gebrauch von Indexwörtern wie „hier“, „jetzt“, aber auch von Pronomina wie „mein“ zu Unbestimmtheiten der Referenz. Die zusätzlichen Angaben können evtl. aus einer schon vorhandenen Informationsmenge entnommen werden, wobei die zu untersuchenden Sätze, Wörter oder Texte eine Teilmenge dieser umfassenderen Menge bilden. Eine solche schon an anderem Ort vorhandene umfassendere Informationsmenge wird Kontext genannt. Siehe auch Abhängigkeit, Ambiguität, Unbestimmtheit, Entdeckung.

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Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente.

 
Autor/Titel Begriff Zusammenfassung Metadaten
I 229
Kontext-unabhängige Konstituentenstrukturgrammatik/Linguistik/Lyons: bisher hatten alle Konstituentenstrukturregeln die Form
A > B
(„ersetze A durch B“)
Ohne Rücksicht auf den Kontext.
Chomsky: untersuchte, wie sich das Ordnen von Regeln innerhalb des Systems auswirkt, welche Folgen die Einführung von fakultativen, alternativen Subregeln und rekursiven Regeln hat.
Bedingungen bisher:
1. A und B dürfen nicht identisch sein, (d.h. A darf nicht durch sich selbst ersetzt werden),
2. A muss ein einfaches Symbol sein, B darf komplex sein und ist es meist auch.
I 239
Kontextabhängig/Grammatik/Lyons: Terminologie: Kontext-abhängig: context-sensitive, (c-dependent, c-restricted).

Alt: bisher waren alle von uns betrachteten Grammatiken kontextunabhängig. D.h. dass das links vom Pfeil stehende Symbol im Output der Regel durch die Symbolkette ersetzt wurde, die rechts stand.
Bsp

N > N + und + N

einzige Bedingung: dass N im Input der Regel vorkam.
Bsp alternative Ketten:

(I) X + N + Y

(II) W + N + Z

dann erhalten wir einmal

X + N + und + N + Y

W + N + und + N + Z

Und zwar kontextunabhängig. (Das war vorausgesetzt!).

I 239
Kontext-abhängige Grammatik/Chomsky: neu: Statt bisher: „Ersetze A durch B“ : jetzt: Bsp N > N + und + N/in dem Kontext X + ...+ Y
I 241
Kontext-unabhängige sind Spezialfälle der abhängigen.

Neu: Kontextabhängigkeit: Angenommen, wir hätten neue Regeln:

N > N + und + N/in dem Kontext X + ...+ Y

Alltagssprachlich: „N ist nur dann (fakultativ oder obligatorisch) zu ersetzen, wenn es in der Eingabekette
I 240
so erscheint, dass X unmittelbar links und Y unmittelbar rechts anschließt.
Dann wäre diese Regel auf (I) aber nicht auf (II) anwendbar.
Kontextabhängige Regeln: verschiedene Arten: (wir beschränken uns auf die bisher eingeführten Möglichkeiten fakultativ/obligatorisch, rekursiv/nicht-rekursiv, koordiniert/subordiniert):
Varianten: X und Y können ein oder mehrere Symbole vertreten.
Angenommen, die Klasse von kontextabhängigen Grammatiken, die uns hier beschäftigen, sei dadurch definiert, dass in einer Regel der Art

A > B/in dem Kontext X + ... + Y

X und Y sich (jedes einzeln) auf jede endliche Zahl von verketteten Symbolen beziehen kann, dass aber A ein singuläres Symbol sein muss. B darf weder identisch mit A sein noch null sein.
Dann wären folgende Regeln wohlgeformt:

a) P > Q/in dem Kontext E + F + ... + G

b) P > Q + R/in dem Kontext E + ... + G + H + K + L

c) P > R + S + T/in dem Kontext G +... + H
usw.
I 241
Kontextunabhängige Grammatik/Lyons: können als Teilklasse der (neu eingeführten) kontextabhängigen Grammatiken aufgefasst werden ((s) als Spezialfälle).
Def Kontextunabhängig/Lyons: wenn für eine Regel gilt, dass die kontextuellen Variablen X und Y mit uneingeschränktem Wert gelten (d.h. sie können positiv oder null sein) dann ist die Regel kontextunabhängig. Sonst kontextabhängig.
I 242
kontextabhängig: Bsp

f) P > Q/in dem Kontext 0 (Null) + ... + 0

P darf durch Q nur dann ersetzt werden, wenn in der Eingabekette links und rechts von P kein anderes Zeichen steht. Das gilt normalerweise nur für das Zeichen .

g) P > Q/in dem Kontext 0 (Null) + ... + R + S

P darf nur dann durch Q ersetzt werden, wenn die Eingabekette P + R + S ist.

h) P > Q/in dem Kontext T + ... + 0

P darf nur dann durch Q ersetzt werden, wenn es in der Eingabekette an letzter Stelle steht: T + P.
Allgemeine Form mit Variablen:

X + A + Y > X + B + Y

Dann ist eine kontextfreie Regel der Form

A > B

ein Spezialfall einer kontextabhängigen Regel, in der es keine Beschränkungen für die Werte von X und Y gibt.
Kontextabhängige und kontextunabhängige Regeln können in denselben formalen Rahmen eingeordnet werden.
I 245
Kongruenz/Subjekt-Verb-Kongruenz/kontextunabhängig/Lyons: Bsp

(1a) The dog bites the man
(1b) The dog bites the men
I 246
(1c) The dogs bite the man
(1d) The dogs bite the men
(2a) The chimpanzee eats the banana
usw.

Kontextunabhängige Grammatik/Lyons: Bsp
(1) ∑ > NP sing + VP sing
oder
NP plur + VP plur.
(2) VP sing > V sing + NP

(3) VP plur > V plur + NP
(4) NP > NP sing
oder
NP plur
(5) NP sing > T + N sing
(6) NP plur > T + N plur
(7) N sing > N + 0 (Null)
(8) N plur > N + s
(9) V sing > V + s
(10) V plur > V + 0

Hier wird mehr als ein Symbol auf einmal ersetzt.
lexikalische Substitution/Lyons: wir nehmen hier an, dass ihre Regeln außerhalb der Grammatik liegen.
I 247
Numerus/kontextunabhängige Grammatik/Lyons: wird hier also durch Regel (1) als Kategorie des Satzes für die Subjekt-Verb- Kongruenz definiert. Er wird aber auch in dem Objekt-Nominalausdruck durch Regel (4) eingeführt.
Singular/Plural: die Alternative ist also etwas, das von derselben Alternative in der Objektstellung völlig unabhängig und verschieden ist.
Die Grammatik macht hier also nicht alles sichtbar, auch nicht, dass die Wahl in Subjekt- und Objektstellung unabhängig erfolgt und dass das Verb, ist das Subjekt einmal als Singular oder Plural bestimmt, nach der Kongruenz bestimmt wird.
I 249
Kontextabhängigkeit/Regeln/Ökonomie/Lyons: der Regelzuwachs, um alle anderen Kongruenzverhältnisse abzudecken, wäre gering. Dagegen wäre er in einer kontextunabhängigen Grammatik erheblich. Hier sind als kontextabhängige Grammatiken ökonomischer.
Korrektheit/Lyons: beide Arten von Grammatiken formalisieren die Kongruenzverhältnisse allerdings korrekt.
I 249
Kontextabhängigkeit/Regeln/Ökonomie/Lyons: der Regelzuwachs, um alle anderen Kongruenzverhältnisse abzudecken, wäre gering. Dagegen wäre er in einer kontextunabhängigen Grammatik erheblich. Hier sind als kontextabhängige Grammatiken ökonomischer.
Korrektheit/Lyons: beide Arten von Grammatiken formalisieren die Kongruenzverhältnisse allerdings korrekt.
I 250
Def Schwache Adäquatheit/Grammatik/Lyons: eine Grammatik ist schwach adäquat, wenn sie die gewünschte Klasse von Sätzen erzeugt.
Def stark adäquat/Lyons: ist sie, wenn sie außerdem jedem Satz die korrekte strukturelle Beschreibung zuordnet.
Korrektheit/Theorie/Lyons: unsere Definition von starker/schwacher Adäquatheit impliziert in keiner Weise eine Interpretation von „korrekt“. Sie trifft nicht einmal eine Annahme darüber, ob es irgendwelche Normen der „Korrektheit“ gibt. Wir legen jedoch fest, dass es zumindest in bestimmten Fällen möglich ist zu sagen, dass eine bestimmte Beschreibung korrekter ist als eine andere.
Wir behaupten nur nicht, dass wir entscheiden können, was „absolut korrekt“ ist.
Kontextabhängig/kontextunabhängig/Grammatik/Adäquatheit/Äquivalenz/Lyons: die beiden Grammatiken sind wohl schwach, aber nicht stark äquivalent. Das Kontextabhängige ist stärker adäquat.
Vergleichbarkeit/Äquivalenz/Lyons: da die beiden Systeme schwach äquivalent sind, sind sie zumindest vergleichbar.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders.
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Ly II
John Lyons
Semantics Cambridge, MA 1977

Lyons I
John Lyons
Einführung in die moderne Linguistik München 1995

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