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Erlebnis: im Bewusstsein eines Subjekts verarbeitetes Ereignis. Keine bloße Vorstellung. Siehe auch Ereignisse, Vorstellungen, Bewusstsein.

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Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente.

 
Autor Begriff Zusammenfassung/Zitate Quellen

Wilhelm Dilthey über Erlebnisse – Lexikon der Argumente

Gadamer I 67
Erlebnis/Dilthey/Gadamer: Etwas wlrd zum Erlebnls, sofern es nicht nur erlebt wurde, sondern sein Erlebtsein einen besonderen Nachdruck hatte, der ihm bleibende Bedeutung verleiht. Was in dieser Weise ein ist, gewinnt vollends einen neuen Seinsstand im Ausdruck der Kunst. Diltheys berühmt gewordener Buchtitel „Das Erlebnis und die Dichtung“ bringt diesen Zusammenhang aufeine einprägsame Formel. In der Tat ist es Dilthey gewesen, der zuerst dem Worte eine begriffliche Funktion zuwies, das bald zu einem beliebten Modewort und zur Bezeichnung eines so einleuchtenden Wertbegriffs aufsteigen sollte, daß viele europäische Sprachen es als Fremdwort übernommen haben.
Gadamer I 68
Diltheys Goethe-Aufsatz lässt uns (...) in die unbewusste Vorgeschichte des Wortes zurückblicken, weil dieser Aufsatz in der Fassung von 1877(1) und in der späteren Bearbeitung von „Das Erlebnis und die Dichtung“ (1905) vorliegt. Dilthey vergleicht in diesem Aufsatz Goethe mit Rousseau, und um Rousseaus neuartiges Dichten aus der Welt seiner inneren Erfahrungen zu beschreiben, wendet er den Ausdruck „das Erleben“ an. In der Paraphrase eines Rousseau-Textes findet sich dann die Wendung »die Erlebnisse früherer Tage«(2).
DiltheyVsRationalismus: Die Wortprägung evoziert offenkundig die Kritik am Rationalismus der Aufklärung, die im Ausgang von Rousseau den Begriff des Lebens zur Geltung brachte. Es dürfte der Einfluss Rousseaus auf die deutsche Klassik sein, der den Maßstab des "Erlebtseins" in Kraft setzte und damit die Wortbildung "Erlebnis" ermöglichte.
Leben/Idealismus/Gadamer: Der Begriff des Lebens bildet
Gadamer I 69
aber auch den metaphysischen Hintergrund, der das spekulative Denken des deutschen Idealismus trägt, und spielt bei Fichte wie bei Hegel, aber auch bei Schleiermacher eine fundamentale Rolle. Gegenüber der Abstraktion des Verstandes ebenso wie gegenüber der Partikularität der Empfindung oder Vorstellung impliziert dieser Begriff die Verbindung zur Totalität, zur Unendlichkeit.
Gadamer: Das ist in dem Ton, den das Wort Erlebnis bis zum heutigen Tage hat, deutlich vernehmbar. >Erlebnis/Historische Entwicklung/Gadamer, >Gegebenes/Dilthey.
Gadamer I 71
Dilthey/Gadamer: Die Sinngebilde, denen wir in den Geisteswissenschaften begegnen, mögen
uns noch so fremd und unverständlich gegenüberstehen - sie lassen sich auf letzte Einheiten des im Bewußtsein Gegebenen zurückführen, die selber nichts Fremdes, Gegenständliches, Deutungsbedürftiges mehr enthalten. Es sind die Erlebniseinheiten, die selber Sinneinheiten sind.
Empfindung/DiltheyVsMach/DiltheyVsCarnap/Gadamer: [Es war für Diltheys] Denken von entscheidender Bedeutung (...), dass als letzte Bewusstseinseinheit nicht sensation oder Empfindung genannt wird, wie das im Kantianismus und noch in der positivistischen Erkenntnistheorie des 19. Jahrhunderts bis zu Ernst Mach selbstverständlich war, sondern daß Dilthey dafür sagt. Er begrenzt damit das konstruktive Ideal eines Aufbaus der Erkenntnis aus Empfindungsatomen und stellt ihm eine schärfere Fassung des Begriffs des Gegebenen entgegen. >Leben/Dilthey.


1. Zeitschrift für Völkerpsychologie, Bd. X; cf. die Anmerkung Diltheys zu »Goethe
und die dichterische Phantasie« (Das Erlebnis und die Dichtung, S. 468 ff.).
2. Das Erlebnis und die Dichtung, 6. Aufl., S. 219; cf. Rousseau, Les Confessions,
Partie Il, Livre 9. Die genaue Entsprechung lässt sich nicht nachweisen. Offenbar handelt
es sich nicht um eine Übersetzung, sondern ist eine Paraphrase der bei Rousseau zu
lesenden Schilderung.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Begriff/Autor], [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] bzw. "Problem:"/"Lösung", "alt:"/"neu:" und "These:" ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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