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Wilhelm Dilthey über Kräfte – Lexikon der Argumente

Gadamer I 230
Kraft/Geschichte/Dilthey/Gadamer: Es gibt [für Dilthey] gar keine ursprüngliche Kraft der Individualität. Sie ist erst, was sie ist, indem sie sich durchsetzt. Begrenzung durch den Wirkungsverlauf gehört zum Wesen der Individualität - wie zu allen geschichtlichen Begriffen.
Zwecke/Dilthey: Auch Begriffe wie Zweck und Bedeutung meinen für Dilthey nicht Ideen im Sinne des Platonismus oder der Scholastik. Auch sie sind geschichtliche Begriffe, sofern sie auf die Begrenzung durch den Wirkungsverlauf bezogen sind. Sie müssen Energiebegriffe sein.
Dilthey beruft sich dafür auf Fichte(1) der ja ebenso auf Ranke von bestimmendem Einfluss war. Insofern will seine Hermeneutik des Lebens auf dem Boden der historischen Weltansicht bleiben(2). Die Philosophie liefert ihm nur die begrifflichen Möglichkeiten, deren Wahrheit auszusagen. >Lebensphilosophie/Dilthey.
Indessen ist mit diesen erklärten Abgrenzungen noch nicht entschieden, ob Diltheys Grundlegung der Hermeneutik im “Leben“ sich auch den impliziten Konsequenzen der idealistischen Metaphysik wirklich zu entziehen vermocht hat(3). Die Frage stellt sich für ihn folgendermaßen: Wie verbindet
Gadamer I 231
sich die Kraft des Individuums mit dem, was über es hinaus und ihm voraus liegt, dem objektiven Geist? Wie ist das Verhältnis von Kraft und Bedeutung, von Gewalten und Ideen, von Faktizität und Idealität des Lebens zu denken?
An dieser Frage muss sich letztlich auch entscheiden, wie Erkenntnis der Geschichte möglich ist. Denn der Mensch in der Geschichte ist gleichfalls durch das Verhältnis von Individualität und objektivem Geist von Grund auf bestimmt. Nun ist dieses Verhältnis offenbar kein eindeutiges. Es ist einmal die Erfahrung von Schranke, Druck, Widerstand, durch die das Individuum seiner eigenen Kraft inne wird. Aber es sind nicht nur die harten Wände der Tatsächlichkeit, was es erfährt. Als geschichtliches Wesen erfährt es vielmehr geschichtliche Wirklichkeiten, und diese sind immer zugleich auch etwas, was das Individuum trägt, worin es sich selbst zum Ausdruck bringt und wiederfindet. Als solche sind sie nicht „harte Wände“ sondern Objektivationen des Lebens. (Droysen hatte von „sittlichen Mächten“ gesprochen.)


1. Dilthey, Ges. Schriften Vll, 157; 280; 333.
2. VII, 280.
3. F. Bollnow, Dilthey, S. 168f. hat richtig gesehen, dass der Begriff der Kraft bei Dilthey zu sehr in den Hintergrund tritt. Darin spricht sich der Sieg der romantischen Hermeneutik über Diltheys Denken aus.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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