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Wilhelm Dilthey über Geist – Lexikon der Argumente

Gadamer I 232
Geist/Dilthey/DiltheyVsHegel/Gadamer: Dilthey wendet sich gegen die ideelle Konstruktion (des] Hegelschen Begriffs [des absoluten Geistes]: »Wir müssen heute von der Realität des Lebens ausgehen«. Er schreibt: »Wir suchen diese zu verstehen und in adäquaten Begriffen darzustellen. Indem so der objektive Geist losgelöst wird von der einseitigen Begründung in der allgemeinen, das Wesen des Weltgeistes aussprechenden Vernunft, losgelöst auch von der ideellen Konstruktion, wird ein neuer Begriff desselben möglich: in ihm sind Sprache, Sitte, jede Art von Lebensform, von Stil des Lebens ebenso gut umfasst wie Familie, bürgerliche Gesellschaft, Staat und
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Recht. Und nun fällt auch das, was Hegel als den absoluten Geist vom objektiven unterschied: Kunst und Religion und Philosophie unter diesen Begriff.(1)
Geist/DiltheyVsHegel: Zweifellos ist das eine Umbildung des Hegelschen Begriffes. Was bedeutet sie? Inwiefern trägt sie der Realität des Lebens Rechnung? Am bedeutsamsten ist offenbar die Ausdehnung des Begriffs des objektiven Geistes auf Kunst, Religion und Philosophie. Denn das heißt, dass Dilthey auch in ihnen nicht unmittelbare Wahrheit, sondern Ausdrucksformen des Lebens sieht. Indem er Kunst und Religion mit der Philosophie gleichsetzt, weist er zugleich den Anspruch des spekulativen Begriffs zurück. Dabei leugnet Dilthey durchaus nicht, dass diese Gestalten gegenüber den anderen Gestalten des objektiven Geistes einen Vorrang haben, sofern »gerade in ihren mächtigen Formen« der Geist sich objektiviert und erkannt wird. Nun, dieser Vorrang einer vollendeten Selbsterkenntnis des Geistes war es gewesen, der Hegel diese Gestalten als solche des absoluten Geistes begreifen ließ. In ihnen war nichts Fremdes mehr und der Geist daher ganz bei sich selbst zu Haus. Auch für Dilthey stellten, wie wir sahen, die Objektivationen der Kunst den eigentlichen Triumph der Hermeneutik dar.
Gadamer: So reduziert sich der Gegensatz zu Hegel auf dies eine, dass sich nach Hegel im philosophischen Begriff die Heimkehr des Geistes vollendet, während für Dilthey der philosophische Begriff nicht Erkenntnis-, sondern Ausdrucksbedeutung hat.
Absoluter/Geist/Dilthey/Gadamer: gibt es auch für Dilthey einen absoluten Geist? (...) [also] eine völlige Selbstdurchsichtigkeit, völlige Tilgung aller Fremdheit (...)? Für Dilthey ist es keine Frage, dass es das gibt und dass es das geschichtliche Bewusstsein ist, das diesem Ideal entspricht, und nicht die spekulative Philosophie. Es sieht alle Erscheinungen der menschlich-geschichtlichen Welt nur als Gegenstände, an denen der Geist sich selbst tiefer erkennt. Sofern es sie als Objektivationen des Geistes versteht, übersetzt es sie zurück »in die geistige Lebendigkeit, aus der sie hervorgegangen sind«(2). Die Gestaltungen des objektiven Geistes sind für das historische Bewusstsein also Gegenstände der Selbsterkenntnis dieses Geistes. Das historische Bewusstsein breitet sich ins Universelle aus, sofern es alle Gegebenheiten der Geschichte als Äußerung des Lebens versteht, dem sie entstammen; »Leben erfasst hier Leben«(3).


1. Dilthey, Ges. Schr. Vll, 150.
2. Ges. Schr. Vll V, 265
3. Ges. Schr. Vll VII, 136


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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