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Vil��m Flusser über Kino – Lexikon der Argumente

I 189
Film/Kino/Flusser: Filme sind Manipulation von Geschichten. Diese Manipulation findet bei der Herstellung statt.
I 190
Kinos erinnern an Theater, obwohl sie eine ganz andere Struktur haben: im Theater gibt es einen Sender, im Kino fällt einer unter zahlreichen rundgefunkten Strahlen auf die Leinwand.
Die Aspekte, die den Film so stark von der Fotografie unterscheiden, sind Aspekte, die nicht so sehr beim Senden wie vielmehr bei Empfang eine Rolle spielen. Sie sind vom Sender beim Empfänger provozierte Täuschungen. Die Geste des Filmens ist eine andere als die des Fotografen.
Der Fotograf wechselt ständig seinen Standort, während der historische Ideologe seinen Standpunkt verteidigt.
Der Kern der Kodifikation des Films ist das Bearbeiten mit Schere und Klebstoff.
Der Filmapparat ist im Unterschied zum Fotoapparat bestrebt, Entscheidungen auszuschalten. Er beschreibt Kreise, zoomt, ist der zu Material geronnene unentschlossene Zweifel.
Der Operator leidet nicht an seinen Zweifeln, sein Zweifel ist ein Methode, das Band manipulierbar zu machen.
Das Band besteht aus einer Serie zweifelhafter Standpunkte und der Operator behandelt es, um einen Film, eine Geschichte daraus zu machen. Der Standpunkt des Kinobetriebs ist streng genommen ein "transhistorischer" Standpunkt.
Was der Operator vor sich hat, wenn er schneidet und klebt, ist die "historische Zeit". Das Filmband ist der "Prätext" der im System Apparat Operator umkodiert wird.
I 193
Der Operator kann auf eine Weise in das Geschehen eingreifen, die dem transzendenten Gott der Juden und Christen nicht zusteht: er kann die Ereignisse umorganisieren. Bei Aristoteles ist der Gott noch der unbewegte Beweger, Der Apparat, in dem der Operator über der Geschichte steht, ist ein unbewegter Erzähler (der Gott Kafkas).
I 194
Es gibt im Film zwei Arten von Handeln. das der Akteure, das das Rohmaterial liefert, und das des Operators, welches dieses Handeln behandelt. Dabei sind für ihn die "Akteure" nicht nur Schauspieler sondern auch Beleuchter, Drehbuchschreiber usw.
Das Wesentliche an Filmcodes besteht darin, dass sie das lineare Prinzip auf die Spitze treiben, um es aus den Fugen geraten zu lassen, und zu zeigen, dass die lineare Zeit ein trompe l'oeuil ist.
Vom Standpunkt der neuen Bewusstseinsebene erscheint die Verwandlung der handelnden Menschheit in Marionetten eine Aufdeckung der Tatsache, dass handelnde Menschen ("Engagierte") nichts anderes als Marionetten sein können, weil "Freiheit" nicht im Handeln innerhalb der Zeit besteht, sondern in der Sinngebung dieses Handelns.
I 205
Film/Flusser: Das Kino hat auffallende Ähnlichkeit mit Platons Höhle. Einer der ganz wenigen Orte, an denen uns noch gestattet ist, uns zu sammeln. Das und nicht der Inhalt ist es, der das Kino heute die vorherrschende "Kunst" ausmacht: man kann sich auf den Film konzentrieren.
I 206
Das Kino geht architektonisch auf die römische Basilika und nicht auf das Theater zurück. Sie hat in der Gegenwart zwei Erben (Avatare) den Supermarkt (profan) und das Kino (sakral).
I 207
Im Kino sitzt man auf geometrisch geordneten und arithmetisch nummerierten (also cartesianischen) Stühlen.
Man geht nicht ins Kino um zu träumen, sondern man kauft die Illusion, Technobilder zu sehen, als ob sie traditionelle Bilder oder Texte wären.
Das Mitspielen des Empfängers ist halbbewusst, nur mala fide glaubt man an sie.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Fl I
V. Flusser
Kommunikologie Mannheim 1996

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