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J.-J. Rousseau über Religion – Lexikon der Argumente

Höffe I 378
Religion/Rousseau/Höffe: {Rousseau vertritte eine] funktionale Staatsreligion, «Bürgerreligion» (religion civile) genannt. Wie bei Spinoza konzentriert sie sich auf den moralischen Kern der natürlichen Religion, erkennt aber im Unterschied zu Spinoza die Offenbarung nicht als einen auch-legitimen Zugang an. RousseauVsSpinoza, RousseauVsOffenbarungsglauben.
Glauben: Den Kern der Bürgerreligion bildet ein (staats-)bürgerliches Glaubensbekenntnis, mit dem Rousseau die beiden Extreme ablehnt, einen Atheismus und einen christlich-kirchlichen Dogmatismus.
Staatsreligion/Rousseau pro Hobbes: Das Bekenntnis wird wie bei Hobbes, den Rousseau dafür lobt, dass er weltliche und geistliche Macht vereint, vom Souverän festgesetzt und besteht in einer «Gesinnung des Miteinander, ohne die es unmöglich ist, ein guter Bürger und ein
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treuer Untertan zu sein»(1). Der Souverän kann zwar niemanden auf diesen Glauben verpflichten.
Verbannung: Wer ihn ablehnt, darf aber verbannt werden, denn in Übereinstimmung mit seinem Verständnis des Gemeinwillens erklärt Rousseau, wer das Staatsgebiet bewohne, unterwerfe sich der dort herrschenden Souveränität. Verbannt wird man nicht etwa, weil man gottlos ist, sondern weil man «sich dem Miteinander widersetzt»(2). >Todesstrafe/Rousseau.
Dogmen: Für die Dogmen der bürgerlichen Religion verlangt Rousseau Einfachheit, geringe Zahl und klare Formulierungen.
HöffeVsRousseau: Obwohl er diese Bedingungen ohne Zweifel erfüllt, ist sein Glaubensbekenntnis doch sehr anspruchsvoll, für rein säkulare Bürger schwerlich zu akzeptieren.
Glauben/Gemeinschaft/Dogmen/Rousseau: Man muss nämlich die Existenz einer Gottheit anerkennen, ihr zudem Allmacht, Allwissenheit und Wohltätigkeit zusprechen. Man muss an das zukünftige Leben glauben, in dem die Gerechten glücklich sind, die Bösen hingegen bestraft werden. Man muss den Gesellschaftsvertrag und die aus ihm fließenden Gesetze für heilig halten. Negatives Dogma: Verbot der Intoleranz.
HöffevsRousseau: Weil von diesem aber die positiven Dogmen ausgenommen sein dürften,
hält die Toleranz sich in Grenzen.
Bürgerreligion/Rousseau/Höffe: [sie soll] a) (...) jeden theologischen Alleinvertretungsanspruch ausschließen, da dieser ein zu hohes Konfliktpotenzial birgt. Nun ergibt sich der Exklusivanspruch aus einer - angeblich - göttlichen Offenbarung und deren autoritativer Interpretation seitens einer Religionsgemeinschaft. Folglich muss die Bürgerreligion auf jede Offenbarung verzichten. (RousseauVsOffenbarungsreligion).
b)Ihre positive Aufgabe besteht in der Stiftung politischer Einheit. Die Bürgerreligion soll den inneren Zusammenhang eines Gemeinwesens schaffen, ihn zumindest stärken und auf diese Weise erhalten.
VsRousseau: Die mit der Bürgerreligion verbundene Kritik
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der christlichen Kirche hat zu Verurteilungen Rousseaus und seiner Vertreibung geführt.
HöffeVsRousseau: Auch in systematischer Hinsicht drängen sich Bedenken auf. Denn die Bürgerreligion toleriert weder Atheisten, denen schon Locke die Fähigkeit absprach, gute Staatsbürger zu sein, noch den in der Aufklärungszeit verbreiteten, etwa von Voltaire vertretenen Deismus, demzufolge es zwar eine Gottheit gibt, die aber keine Person ist und in den Lauf der Natur nicht eingreift.
Neutralität/RousseauVsSpinoza: Spinozas Standpunkt eines religionsneutralen Staates zieht Rousseau vielleicht deshalb nicht in Erwägung, weil er dessen Fähigkeit zu einer stabilen inneren Einheit bezweifelt.

1. Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts (Du contrat social ou Principes du droit politique, 1762, IV, 8
2. Ebenda.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Begriff/Autor], [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] bzw. "Problem:"/"Lösung", "alt:"/"neu:" und "These:" ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Rousseau I
J. J. Rousseau
The Confessions 1953

Höffe I
Otfried Höffe
Geschichte des politischen Denkens München 2016

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