Philosophie Lexikon der Argumente

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Sprache, Philosophie: eine Menge von zu einem Zeitpunkt fixierten lautlichen oder schriftlich kodierten Formen zum Austausch von Informationen bzw. von Unterscheidungen innerhalb einer Gemeinschaft, deren Mitglieder in der Lage sind, diese Formen als Zeichen oder Symbole zu erkennen und zu interpretieren. Im weiteren Sinn auch Zeichensysteme, die von Maschinen verarbeitet werden können. Siehe auch Kommunikation, Sprachregeln, Bedeutung, Bedeutungswandel, Information, Zeichen, Symbole, Wörter, Sätze, Syntax, Semantik, Grammatik, Pragmatik, Übersetzung, Interpretation, Radikale Interpretation, Unbestimmtheit.

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Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente.

 
Autor/Titel Begriff Zusammenfassung Metadaten

Wilhelm von Humboldt über Sprache – Lexikon der Argumente

Gadamer I 442
Sprache/Humboldt/Gadamer: Das moderne Denken über die Sprache seit Herder und
Humboldt (...) möchte studieren, wie sich die Natürlichkeit der menschlichen Sprache - eine mühsam dem Rationalismus und der Orthodoxie abgetrotzte Einsicht — in der Erfahrungsbreite der Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus entfaltet. Indem es in jeder Sprache einen Organismus erkennt, sucht es in vergleichender Betrachtung die Fülle der Mittel zu studieren, deren sich der menschliche Geist bedient hat, um seine Sprachfähigkeit auszuüben.
Gadamer I 443
Das normative Interesse, unter dem [Humboldt] den Sprachbau der menschlichen
Sprachen vergleicht, hebt (...) die Anerkennung der Individualität, und das heißt der relativen Vollkommenheit einer jeden, nicht auf. Bekanntlich hat
Gadamer I 444
Humboldt jede Sprache als eine eigene Weltansicht verstehen gelernt, indem er die innere Form, in der Sich das menschliche Urgeschehen der Sprachbildung jeweils differenziert, untersuchte. Hinter dieser These steht nicht nur die idealistische Philosophie, die den Anteil des Subjekts an der Erfassung der Welt hervorhebt, sondern die von Leibniz zuerst entwickelte Metaphysik
der Individualität.
Gadamer I 445
Fremdsprachen/Humboldt: (...) Humboldt sagte einmal, das die Erlernung einer fremden Sprache die Gewinnung eines neuen Standpunktes in der bisherigen Weltansicht sein muss, und fährt fort: »Nur weil man in eine fremde Sprache immer, mehr oder weniger, seine eigene Welt-, ja, seine
eigene Sprachansicht hinüberträgt, so wird dieser Erfolg nicht rein und vollständig empfunden«.(1)
Gadamer: Was hier als eine Einschränkung und ein Mangel
geltend gemacht wird, (und vom Standpunkt des Sprachforschers aus, der seinen eigenen Erkenntnisweg im Auge hat, mit Recht), stellt in Wahrheit die Vollzugsweise der hermeneutischen Erfahrung dar.
Form/Hermeneutik/Gadamer: Sprachliche Form und überlieferter Inhalt lassen sich in der hermeneutischen Erfahrung nicht trennen.
Kultur/Weltsicht/Fremdsprachen/Humboldt: Auch wenn man sich noch so sehr in eine fremde Geistesart versetzt, vergisst man nicht darüber seine eigene Welt-, ja seine eigene Sprachansicht. Vielmehr ist die andere Welt, die uns da entgegentritt, nicht nur eine fremde, sofern eine beziehungsvoll andere. Sie hat nicht nur ihre eigene Wahrheit in sich, sondern auch eine eigene Wahrheit für uns.
Gadamer I 446
[Humboldt] hat den lebendigen Vollzug des Sprechens, die sprachliche Energeia als das Wesen der
Sprache erkannt und dadurch den Dogmatismus der Grammatiker gebrochen. Von dem Begriff der Kraft aus, der sein ganzes Denken über die Sprache leitet, hat er insbesondere auch die Frage nach dem Ursprung der Sprache zurechtgestellt, die durch theologische Rücksichten besonders belastet war.
Ursprung der Sprache/Humboldt: [Humboldt] betont mit Recht, dass die Sprache von ihrem Anbeginn an menschlich ist.(2)
Welt/Gadamer: Für den Menschen ist die Welt als
I 447
Welt da, wie sie für kein Lebendiges sonst Dasein hat, das auf der Welt ist. Dies Dasein der Welt aber ist sprachlich verfasst. Das ist der eigentliche Kern des Satzes, den Humboldt in ganz anderer Absicht äußert, dass die Sprachen Weltansichten sind.(1)
Humboldt will damit sagen, dass die Sprache gegenüber dem Einzelnen, der einer Sprachgemeinschaft angehört, eine Art selbständiges Dasein behauptet und ihn, wenn er in sie hineinwächst, zugleich in ein bestimmtes Weltverhältnis und Weltverhalten einführt.
Wichtiger aber ist, was dieser Aussage zugrunde liegt: daß die Sprache ihrerseits gegenüber der Welt, die in ihr zur Sprache kommt, kein selbständiges Dasein behauptet. Nicht nur ist die Welt nur Welt, sofern sie zur Sprache kommt - die Sprache hat ihr eigentliches Dasein nur darin, daß sich in ihr die Welt darstellt. Die ursprüngliche Menschlichkeit der Sprache bedeutet also zugleich die ursprüngliche Sprachlichkeit des menschlichen In-der-Welt-Seins.


1. W. von Humboldt, „Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus ..“
(zuerst gedruckt 1836),§9.
2. Ebenda, S. 60


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.
Humboldt, W. von

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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