Philosophie Lexikon der Argumente

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Autor/Titel Begriff Zusammenfassung Metadaten
Gould II 132ff
Variation/Evolution/Vavilov/Gould: Nikolai I. Vavilov war der führende mendelsche Genetiker Russlands. Er diente 1936 als Hauptangriffsziel für den sowjetischen Agrarwissenschaftler T. D. Lyssenko, der unter Stalin großen Einfluss hatte. Angegriffen wurde Vavilov wegen seiner Theorie, dem sogenannten Gesetz der Homologen Reihen in Variation.
Vavilov hatte Samen verschiedenster Rassen von Weizen Gerste, Hafer und Hirse von verschiedensten Standorten gesammelt, und bemerkte, dass innerhalb der verschiedenen Arten einer Gattung, aber auch häufig innerhalb der Arten verwandter Gruppen auffallend ähnliche Reihen von Varietäten festgestellt werden konnten.
II 135
Def homolog: Ähnlich aufgrund von Vererbung der gleichen Gene,
Def analog: ähnlich aufgrund von erzwungenen Anpassungen an die Umwelt.
Vavilov These: Die neuen Arten entstünden, indem sie genetische Unterschiede entwickelten, die eine Kreuzung mit verwandten Arten ausschlössen.
Aber die neue Art ist nicht in allem genetisch von ihren Vorfahren verschieden. Die meisten bleiben unberührt. Die parallelen Abwandlungen stellen also das "zu Ende spielen" der gleichen genetischen Fähigkeiten dar, die als Blöcke von einer Art an eine andere vererbt werden.
Gould: Eine solche These widerspricht Darwin nicht, da sie der Auslese eine wichtige Rolle einräumt. Während jede Varietät eine vorhersagbare latente Fähigkeit darstellen kann, bedarf deren Entfaltung in jedem Klima oder in jeder geographischen Region der Selektion, um die adaptive Variante zu erhalten und andere auszuschalten.
DarwinismusVsVavilov: Vavilovs These kommt aber mit dem strengen Darwinismus in Konflikt, da sie die Hauptlehre schwächt, dass die Selektion die schaffende Kraft der Evolution ist.
II 136
Die zufällige und ungelenkte Abwandlung spielt bei Darwin eine Hauptrolle, weil sie die zentrale Stellung der Selektion festlegt, indem sie garantiert, dass die evolutionäre Veränderung der Variation selbst nicht zugeschrieben werden kann.
Die Variation ist nur das Rohmaterial. Sie entsteht in alle Richtungen und ist zumindest nicht in adaptiver Weise bevorzugt geordnet. Die Richtung wird langsam durch die natürliche Selektion festgelegt, indem die besser angepassten Generationen sich stärker vermehren.
Sind die Möglichkeiten aber stark beschränkt und weist eine Art sie alle unter ihren verschiedenen Varietäten auf, dann kann diese Auswahl nicht allein durch Selektion erklärt werden. So setzt sich Vavilov von Darwin ab.
VavilovVsDarwin: Variation findet nicht in alle Richtungen statt, sondern in Klassen geordnet, die denen der Chemie und Kristallographie analog sind.
GoudlVsVavilov: Vavilov hat die kreative Rolle der Umwelt unterbetont.
II 139
Lysenko/Gould: Lysenko war ein Scharlatan und undialektisch (entgegen eigener Beteuerung) indem er Pflanzen als Knetmasse in den Händen der formenden Umwelt betrachtete.
Vavilov starb im Namen eines Schein Lamarckismus. In der Sowjetunion herrschte ein übermäßig strenger Darwinismus, der Darwin missdeutete.
II 140
Gould: Aus heutiger Sicht hat Vavilov einen flüchtigen Blick auf etwas Wichtiges geworfen. Neue Arten erben ihre erwachsene Gestalt nicht von ihren Vorfahren. Sie erhalten ein kompliziertes genetisches System und eine Reihe von Entwicklungsmöglichkeiten.
Dieser Satz von Möglichkeiten eng die Variationsbreite auf eine Linie ein, entlang derer die Selektion Punkte aussuchen kann, die sie aber nicht bewegen kann.
II 141
In neueren Versuchen mit wiederkehrenden Merkmalen bei gezüchteten Mäusen hat man nicht darwinistische homologe Reihen im Sinne Vavilovs gefunden.
Die einfachste und üblichste Schlussfolgerung würde Bsp Schnecken mit glattem Gehäuse auf allen Inseln als verwandt und solche mit geripptem Gehäuse als Mitglieder einer anderen zusammenhängenden Gruppe betrachten.
Wir wissen aber inzwischen, dass der komplexe Satz von Eigenschaften immer wieder selbständig entsteht.
VsVavilov: er hat die internen Beschränkungen zu sehr hervorgehoben und die Kraft der Auslese zu sehr herabgesetzt.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders.
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.
Wawilow, Nikolai I.

Gould I
Stephen Jay Gould
Der Daumen des Panda Frankfurt 2009

Gould II
Stephen Jay Gould
Wie das Zebra zu seinen Streifen kommt Frankfurt 1991

Gould III
Stephen Jay Gould
Illusion Fortschritt Frankfurt 2004

Gould IV
Stephen Jay Gould
Das Lächeln des Flamingos Basel 1989

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