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Edmund Husserl über Lebenswelt – Lexikon der Argumente

Gadamer I 251
Lebenswelt/Husserl/Gadamer: Es ist eine grundsätzlich anonyme, d. h. von keinem mehr namentlich geleistete Intentionalität, durch die der alles umfassende Welthorizont konstituiert wird. Husserl nennt in bewusster Gegenbildung gegen einen Weltbegriff, der das Universum des von den Wissenschaften Objektivierbaren umfasst, diesen phänomenologischen Weltbegriff „die Lebenswelt“, d. h. die Welt, in die wir in der natürlichen Einstellung hineinleben, die uns nicht als solche je gegenständlich wird, sondern die den vorgegebenen Boden aller Erfahrung darstellt.
Dieser Welthorizont bleibt auch in aller Wissenschaft vorausgesetzt und ist daher ursprünglicher als sie. Als ein Horizontphänomen ist diese „Welt“ wesensmäßig bezogen auf Subjektivität, und diese Bezogenheit bedeutet zugleich, dass sie »in strömender Jeweiligkeit seiend« ist(1). Die Lebenswelt ist in einer Bewegung der ständigen Geltungsrelativität. Wie man sieht, ist der Begriff der Lebenswelt(2) allem >Objektivismus entgegengesetzt. Er ist ein wesenhaft geschichtlicher Begriff, der nicht ein Seinsuniversum, eine „seiende Welt“ meint. Ja, nicht einmal die unendliche Idee einer wahren Welt lässt sich sinnvollerweise aus dem unendlichen Fortgang menschlich-geschichtlicher Welten in der geschichtlichen Erfahrung bilden.
Erfahrungsstruktur: Gewiss kann man nach der Struktur dessen fragen, was alle von Menschen je erfahrenen Umwelten umfasst und damit die weltmögliche Erfahrung schlechthin ist, und in diesem Sinne kann von einer Ontologie der Welt durchaus gesprochen werden. Eine solche Ontologie der Welt bliebe noch immer etwas ganz anderes, als was die in der Vollendung gedachten Naturwissenschaften leisten würden. Sie stellte eine philosophische Aufgabe dar, die das Wesensgefüge der Welt zum Gegenstand machte.
Lebenswelt/Husserl/Gadamer: Aber mit Lebenswelt ist etwas anderes gemeint, das Ganze, in das wir als geschichtlich Lebende hineinleben. Und hier ist die Folgerung nicht zu vermeiden, dass
Gadamer I 252
angesichts der Geschichtlichkeit der Erfahrung, die in ihr impliziert ist, die Idee eines Universums möglicher geschichtlicher Lebenswelten grundsätzlich nicht durchführbar ist. Die Unendlichkeit der Vergangenheit, aber vor allem die Offenheit der geschichtlichen Zukunft ist mit einer solchen Idee
eines geschichtlichen Universums unvereinbar. Husserl hat diese Folgerung ausdrücklich gezogen, ohne das des Relativismus zu scheuen(3).
Es ist klar, dass die Lebenswelt immer zugleich eine gemeinschaftliche Welt ist und das Mitdasein anderer enthält. Sie ist personale Welt, und solche personale Welt ist in natürlicher Einstellung immer als geltend vorausgesetzt. >Ich/Husserl, >Leben/Husserl.

1. Husserl VI, 148.
2. Zum Problem der Lebenswelt ist außer meinen eigenen Arbeiten in Bd. 3 der Ges. Werke („Die phänomenologische Bewegung« und „Die Wissenschaft von der Lebenswelt“) und L. Landgrebes ähnlich gerichteten viel Neues erschienen: A. Schütz, G. Brand, U. Claesgens, K. Düsing, P. Janssen u. a. )
3. Husserliana VI. S. 501.

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Husserl I 110
Lebenswelt/Husserl: geltender gemeinsamer Horizont >Universalität, Integration, Sinnrahmen, Sphäre der Bewährung (wissenschaftlicher Geltungsanspruch).
Husserl I 113
Welt/Husserl: aus der phänomenologischen Perspektive zeigt sich die Welt nicht als Aneinanderreihung von Gegenständen, sondern als Universalhorizont.
Husserl I 106
Menschheitshorizont/Husserl: Differenz zwischen passivem Verstehen des Ausdrucks und Reaktivierung des Sinns. Diese Differenz prägt den Menschheitshorizont.



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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.
E. Husserl
I Peter Prechtl Husserl zur Einführung, Hamburg 1991 (Junius)
II "Husserl" in: Eva Picardi et al., Interpretationen - Hauptwerke der Philosophie: 20. Jahrhundert, Stuttgart 1992

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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> Gegenargumente gegen Husserl

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