Philosophie Lexikon der Argumente

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Brocker I 239
Staat/Barth: Barth deutet die Figuren Jesus und Pilatus als Akteure bzw. personalisierte Verdichtungen (…) ((s) eines) rekonstruierten zweifachen und zugleich jeweils doppelsträngigen, nämlich theo-anthropologischen Handlungszusammenhangs. Während Jesus von Nazareth sein Christus-Sein (seine wesenhafte Zugehörigkeit zu Gott) darin erweist, dass in ihm der Heilswille Gottes direkt zur Durchsetzung gelangt, kommt dieser in »Pilatus« in starker Vermittlung, nämlich im Medium des Gegenteils, als Verurteilung Jesu zu Kreuzigung und Tod, zum Zuge. Barth deutet die Verurteilung Jesu durch Pilatus als Akt, zu dem dieser zwar faktisch die ihm von Gott gegebene »Macht« (›exousia‹, (1) hat, der aber im materiellen Widerspruch zum römischen Recht steht; ein rechter Gebrauch des staatlichen Rechtes hätte zum »Freispruch« führen müssen, Pilatus hätte »der Kirche Rechtsschutz gewähren [müssen]« (2). Siehe auch Säkularisierung/Barth, Herrschaft/Barth.
In diesem Missbrauch bzw. Selbstwiderspruch erweise sich der Pilatus-Staat als »dämonisierte[r] Staat«, als derjenige nämlich, der »nicht etwa der Staat [ist], der zu viel, sondern der zu wenig Staat ist, der im entscheidenden Augenblick sich selber treu zu sein unterläßt« (3). Gleichwohl werde auf diese indirekte Weise erkennbar, dass »ein wirkliches Zeigen
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des wahren Gesichts des Staates unfehlbar die Legitimierung der freien und bewußten Verkündigung der […] göttlichen Rechtfertigung, des Reiches Christi, das nicht von dieser Welt ist, hätte bedeuten müssen« (4). So werde Pilatus ohne sein Wollen oder Wissen zum »menschlich geschöpfliche[n] Werkzeug« des sich in Kreuz und Auferstehung vollziehenden göttlichen Heilshandelns der Rechtfertigung der Gottlosen und darin zugleich, »menschlich gesehen, geradezu zum Begründer der Kirche« (5).
Brocker I 243
»Der Staat als Staat weiß nichts von Geist, nichts von Liebe, nichts von Vergebung. Der Staat trägt das Schwert« (6).
Als die »intimste und als die alle anderen zugleich umfassende und radikalisierende« Funktion der Kirche für den Staat bezeichnet Barth die »Fürbitte« für die »Träger des Staates vor Gott« (7). Diese auf die neutestamentlichen Pastoralbriefe zurückgehende, in der christlichen Tradition breit verankerte Praxis ist in Barths theologischer Konzeption des Politischen als praktisch-religiöse Form bzw. Anwendung des exklusiv der Kirche zugeschriebenen »grundsätzliche[n] Wissen[s] um die Berechtigung und Notwendigkeit des Staates« (8) zu verstehen.


1.Karl Barth, Rechtfertigung und Recht, in: Theologische Studien 1, Zollikon 1938. Karl Barth, Rechtfertigung und Recht, in: ders., Rechtfertigung und Recht, Christengemeinde und Bürgergemeinde, Evangelium und Gesetz, Zürich 1998, S.12
2. Ebenda S. 14
3. Ebenda S. 15
4. Ebenda
5. Ebenda S. 13.
6. Ebenda S. 31
7. Ebenda S. 34
8. Ebenda S. 38


Georg Pfleiderer, „Karl Barth, Rechtfertigung und Recht 1938)“ in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders.
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.
Barth, Karl

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018

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