Philosophie Lexikon der Argumente

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Befreiungstheologie/Gutiérrez: Gutiérrez erfand die Befreiungstheologie nicht, er war aber der erste, der darüber eine grundlegende Monographie verfasste. Hintergrund: in den späten 60er Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden in Europa, den USA Mexiko und Japan Studentenbewegungen, die zentrale Theorieelemente des Marxismus über nahmen (Eurokommunismus, Trotzkismus, Maoismus). Gleichzeitig gab es in den 1960er und 1970er Jahren in Lateinamerika fast überall Militärdiktaturen oder mindestens autoritäre Regime.
Def Theologie/Gutiérrez: eine weisheitliche Reflexion, die zugleich auf den intensiven Dialog mit den Sozialwissenschaften angewiesen ist. Dabei wird Theologie als eine »kritische Reflexion« engagierter christlicher Praxis verstanden, ist also immer der zweite, nicht der erste Schritt. Diese induktive Herangehensweise entspricht dem Ansatz des ((s) Zweiten Vatikanischen) Konzils, das die Aufgabe der Kirche darin sah, »nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten« (Gaudium et spes 4) (1).
Am Ende findet sich die vielzitierte Aussage, »daß die Theologie der Befreiung uns vielleicht nicht so sehr
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ein neues Thema aufgibt als vielmehr eine neue Art, Theologie zu betreiben« (2). Gutiérrez entwickelt diese Position im intensiven Dialog mit modernen philosophischen und theologischen Denkern wie Maurice Blondel, Michel de Certeau, Roger Garaudy, Antonio Gramsci, Marie-Dominique Chenu, Jean-Pierre Jossua, Karl Rahner, Johann Baptist Metz und Harvey Cox, bezieht sich aber auch auf den jungen Joseph Ratzinger.
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Kompetent diskutiert wurde die Befreiungstheologie in Rahner 1977(3); Internationale Theologenkommission 1977(4).
VsGutiérrez: äußerst polemische und ideologische Ablehnung gab es durch Kardinal Franz Hengsbach und den Politikwissenschaftler Lothar Bossle. (Hengsbach 1975(5)): Die Gegner der Befreiungstheologie warfen ihr eine naive Übernahme der marxistischen Ideologie, die Verherrlichung revolutionärer Gewalt, die Ablehnung kirchlicher Autorität, einen Vorrang der Praxis vor der Glaubensoffenbarung und theologischen Horizontalismus vor.
RatzingerVsGutiérrez: (Ratzinger 1984(6)). Im März 1983 machte er Gutiérrez schwere Vorwürfe, die aber dank der Intervention von Rahner und anderen nicht zu einer Verurteilung führten.
VsBefreiungstheologie: der Höhepunkt der innerkirchlichen Konflikte war die Auferlegung eines einjährigen Rede- und Lehrverbots für Leonardo Boff (auf Grund seines kirchenkritischen Buches Kirche: Charisma und Macht; Boff 1985 (7)) ihren traurigen Höhepunkt (vgl. Greinacher 1985 (8)).


1.http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651207_gaudium-et-spes_ge.html
2. Gustavo Gutiérrez, Teología de la Liberación. Perspectivas, Lima 1971 (zehnte, neu bearbeitete und erweiterte Auflage: Lima/Salamanca 1988). Dt.: Gustavo Gutiérrez, Theologie der Befreiung, München/Mainz 1973 (zehnte, neu bearbeitete und erweiterte Auflage: Mainz 1992), S. 83.
3. Rahner, Karl (Hg.), Befreiende Theologie. Der Beitrag Lateinamerikas zur Theologie der Gegenwart, Stuttgart u. a. 1977.
4. Internationale Theologenkommission, Theologie der Befreiung, Einsiedeln 1977.
5. Hengsbach, Franz/López Trujillo, Alfonso (Hg.), Kirche und Befreiung, Aschaffenburg 1975.
6. Ratzinger, Joseph, »Die Theologie der Befreiung. Voraussetzung, Probleme und Herausforderungen«, in: Die neue Ordnung 38/4, 1984, 285-295.
7. Boff, Leonardo, Kirche: Charisma und Macht. Studien zu einer streitbaren Ekklesiologie, Düsseldorf 1985.
8. Greinacher, Norbert (Hg.), Konflikt um die Theologie der Befreiung. Diskussion und Dokumentation, Zürich/Einsiedeln/Köln 1985.

Gerhard Kruip, „Gustavo Gutiérrez, Theologie der Befreiung“ in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2ß18


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders.
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.
Gutiérrez, Gustavo

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018

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