Philosophie Lexikon der Argumente

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Haslam I 182
Gruppendenken/Psychologische Theorien: Beispiel: Nach dem Scheitern der Invasion in der Bay of Pigs von 1961, die von einer Gruppe hochintelligenter Menschen geplant worden war, stellte sich die Frage, wie dieses Scheitern möglich gewesen sei. >Gruppendenken/Janis.
Psychologische Tradition: Anfang der 70er Jahre waren Theorie und Forschung zur Gruppen- und Organisationsentscheidung von der individualistischen subjektiven Nutzenlehre dominiert (Kramer, 1998)(1), wonach die subjektiven Bewertungen von Risiko und Ertrag einer einzelnen Person ihre Entscheidungsprozesse beeinflussen.
JanisVsTradition: betonte die Gruppendynamik, die diesen Entscheidungen zugrunde liegt. Insbesondere theoretisierte er
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dass die Gruppenkohäsion ihre Mitglieder motivieren könnte, Gruppenharmonie und Einstimmigkeit über sorgfältige Überlegungen bei der Entscheidungsfindung zu stellen.
Haslam I 187
Kritikpunkte VsJanis:
Philip Tetlock (1979)(2): Im Einklang mit dem Gruppendenken-Modell waren öffentliche Äußerungen in Gruppendenken-Fällen einfacher und bildeten tendenziell mehr gruppeninterne Referenzen als öffentliche Äußerungen in Nicht-Gruppendenken-Fällen. Allerdings waren öffentliche Äußerungen in Gruppendenken-Fällen, die nicht mit dem Modell übereinstimmen, nicht mehr geeignet, negative Bezüge zu Outgroups herzustellen.
Clark McCauley (1989)(3): Drei von [Janis'] Fällen (d.h. Nordkorea, Pearl Harbor, Watergate) schienen tatsächlich Gruppenmitglieder zu involvieren, die kollektive Überzeugungen internalisierten (d.h. sie waren privat einverstanden mit Gruppenentscheidungen). Er kam jedoch zu dem Schluss, dass die Invasion in der Bay of Pigs und die Eskalation des Vietnamkriegs besser als Übereinstimmung charakterisiert sind - das heißt, die Mitglieder äußerten öffentlich ihre Zustimmung zu Gruppenpositionen, ohne sie privat zu akzeptieren, vermutlich aufgrund des sozialen Drucks, sich anzupassen.
TetlockVsJanis: (Tetlock et al 1992)(4): Die Autoren fanden einige Hinweise, die mit dem Gruppendenken-Modell übereinstimmen: strukturelle und prozedurale Fehler (z.B. Richtlinienführung, Entscheidungsverfahren) prognostizierten Gruppendenken-Symptome. Im Gegensatz zu Janis' ursprünglicher Formulierung erwiesen sich jedoch Gruppenkohäsion und hohe Stressbedingungen nicht als wichtige Vorläufer für das Gruppendenken von Symptomen.
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PetersonVsJanis: (Peterson et al. 1998)(5) fanden Unterstützung für die Idee, dass Entscheidungsstile und -verfahren wichtige Auswirkungen auf den Erfolg und Misserfolg realer Unternehmen haben. Es gab jedoch einige Vorbehalte: (...) "erfolglose Gruppen", die von Peterson und Kollegen identifiziert wurden, ähnelten nicht der Art von Gruppen, die wahrscheinlich von Gruppendenken geplagt wurden, wie es von Janis charakterisiert wurde; vielmehr hatten sie eher schwächere Gruppenführer und weniger Kohäsion.
Im Gegensatz dazu waren "erfolgreiche Gruppen" durch stärkere Führungskräfte, größere Risikobereitschaft und mehr Optimismus gekennzeichnet.
Laborstudien: haben sich im Allgemeinen auf die Manipulation von Vorläufern des Gruppendenkens (z.B. Gruppenkohäsion, Entscheidungsverfahren) konzentriert, um deren Auswirkungen auf die Symptome des Gruppendenkens und die Entscheidungsqualität zu untersuchen. Die Kohäsion wurde auf verschiedene Weise manipuliert: das Geben von falsche Rückmeldungen über die Kompatibilität der Einstellungen der Gruppenmitglieder, Anbieten von Belohnungen für
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erfolgreiche Gruppen, Gruppenbildung von Freunden vs. Fremden oder Hervorhebung der gemeinsamen Gruppenzugehörigkeit unter Einzelpersonen (siehe Esser, 1998(6): 127-133).
Ergebnisse: Diese Laborstudien haben keinen konsistenten kausalen Zusammenhang zwischen Gruppenkohäsion und Symptomen des Gruppendenkens gefunden. Die Inkonsistenz dieser Ergebnisse kann jedoch (...) viel mit der Inkonsistenz in der Art und Weise zu tun haben, wie die Kohäsion definiert und operationalisiert wurde.
VsJanis: Obwohl es empirische Beobachtungen gibt, dass einige von Janis' (1972(7), 1982(8)) vorangehende bestimmte Symptome von Gruppendenken hervorrufen können, scheint es fair zu sein, zu sagen, dass es wenig oder gar keine Beweise aus Fall- oder Laborstudien für ein strenges Modell gibt, bei dem alle von Janis' (1972(7), 1982(8)) Vorläufer vorhanden sein müssen, um die Symptome des Gruppendenkens hervorzurufen, oder bei dem alle Symptome von Gruppendenken notwendigerweise zusammen auftreten. Es gibt auch wenig Hinweise auf ein additives Modell, bei dem die Ansammlung von Vorläufern mehr oder stärkere Symptome hervorruft (siehe Turner und Pratkanis, 1998b).
Haslam I 193
Gruppendynamik: Robert S. Baron: Baron (2005)(9) argumentierte, dass Dynamiken von Gruppendenken, einschließlich Konformität, Unterdrückung von Meinungsverschiedenheiten, Polarisierung, Selbstzensur, Illusionen von Konsens und intergruppenspezifische Verzerrungen, eigentlich allgegenwärtig sind - was bedeutet, dass sie für so ziemlich jede sinnvolle Gruppe allgegenwärtig sind. Baron (2005)(9) argumentierte weiter, dass das Versäumnis, starke oder konsistente Beweise für die vorherrschenden Bedingungen des Gruppendenkens zu finden, tatsächlich die Tatsache widerspiegeln kann, dass es so häufig ist. Mit anderen Worten, es gibt wenig Unterschiede zu erkennen, da die meisten Gruppen Symptome von Gruppendenken und fehlerhafte Entscheidungsprozesse aufweisen. >Gruppendenken/Packer.



1. Kramer, R.M. (1998) ‘Revisiting the Bay of Pigs and Vietnam decisions 25 years later: How well has the groupthink hypothesis stood the test of time?’, Organizational Behavior and Human Decision Processes, 73: 236–71.
2. Tetlock, P.E. (1979) ‘Identifying victims of groupthink’, Journal of Personality and Social Psychology, 37: 1314–24.
3. McCauley, C. (1989) ‘The nature of social influence in groupthink: Compliance and internalization’, Journal of Personality and Social Psychology, 57: 250–60.
4. Tetlock, P.E., Peterson, R.S., McGuire, C., Chang, S. and Feld, P. (1992) ‘Assessing political group dynamics: A test of the groupthink model’, Journal of Personality and Social Psychology, 63: 403–25.
5. Peterson, R.S., Owens, P.D., Tetlock, P.E., Fan, E.T. and Martorana, P. (1998) ‘Group dynamics in top management teams: Groupthink, vigilance, and alternative models of organizational failure and success’, Organizational Behavior and Human Decision Processes, 73: 272–305.
6. Esser, J.K. (1998) ‘Alive and well after 25 years: A review of groupthink research’, Organizational Behavior and Human Decision Processes, 73: 116–41.
7. Janis, I.L. (1972) Victims of Groupthink. Boston: Houghton Mifflin.
8. Janis, I.L. (1982) Groupthink: Psychological Studies of Policy Decisions and Fiascoes. Boston: Houghton Mifflin.
9. Baron, R.S. (2005) ‘So right it’s wrong: Groupthink and the ubiquitous nature of polarized group decision-making’, Advances in Experimental Social Psychology, 37: 219–253.



Dominic J. Packer and Nick D. Ungson, „Group Decision-Making. Revisiting Janis’ groupthink studies“, in: Joanne R. Smith and S. Alexander Haslam (eds.) 2017. Social Psychology. Revisiting the Classic studies. London: Sage Publications


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders.
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.
Psychologische Theorien

Haslam I
S. Alexander Haslam
Joanne R. Smith
Social Psychology. Revisiting the Classic Studies London 2017

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