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Hans-Georg Gadamer über Sprache und Denken – Lexikon der Argumente

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Sprache und Denken/Gadamer:
Linguistik: Die innige Einheit von Sprache und Denken ist die Voraussetzung, von der auch die Sprachwissenschaft ausgeht. Nur dadurch ist sie zur Wissenschaft geworden. Nur weil diese Einheit besteht, ist für den Forscher die Abstraktion lohnend, durch die er die Sprache als solche jeweils zum Gegenstand macht.
Humboldt/Herder: Erst dadurch, dass sie mit den konventionalistischen Vorurteilen der Theologie und des Rationalismus brachen, haben Herder und Humboldt die Sprachen als Weltansichten sehen gelernt, Indem sie die Einheit von Denken und Sprechen anerkannten, gelangten sie zu der Aufgabe, die verschiedenen Gestaltungsformen dieser Einheit als solche zu vergleichen.
Gadamer: Wir nun gehen von der gleichen Einsicht aus, aber wir gehen gleichsam den
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umgekehrten Weg. Wir suchen aller Verschiedenheit der Sagweisen zum Trotz die unauflösliche Einheit von Denken und Sprache festzuhalten, wie sie uns als die Einheit von Verstehen und Auslegen im hermeneutischen Phänomen begegnet. Die Frage, die uns leitet, ist also die nach der Begrifflichkeit alles Verstehens. >Verstehen/Gadamer.
Problem: Der Ausleger weiß nicht darum, dass er sich selbst und seine eigenen Begriffe in die Auslegung mit einbringt. Die sprachliche Formulierung wohnt dem Meinen des Interpreten so völlig ein, dass sie ihm in keiner Weise gegenständlich wird.
Begriffsbildung: Wenn wir uns an das halten, was in Wort und Rede und vor allem auch in jedem Gespräch mit der Überlieferung, das die Geisteswissenschaften führen, geschieht, müssen wir anerkennen, dass darin beständige Begriffsbildung vor sich geht. Das soll nicht etwa heißen, dass der Interpret neue oder ungewöhnliche Worte gebraucht. Aber der Gebrauch der gewohnten Worte entspringt nicht dem Akte der logischen Subsumtion, durch den ein Einzelnes unter das Allgemeine des Begriffs gebracht würde. Wir erinnern uns vielmehr, dass >Verstehen stets ein Moment der Applikation einschließt und insofern eine beständige Fortentwicklung der Begriffsbildung vollbringt.
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Sprache und Denken/Gadamer: Die Sprachlichkeit liegt dem Denken der Sachen so völlig ein, dass es eine Abstraktion ist, wenn man das System der Wahrheiten als ein vorgegebenes System von Seinsmöglichkeiten denkt, dem Zeichen zuzuordnen wären, die ein nach diesen Zeichen greifendes Subjekt verwendet.
Das sprachliche Wort ist kein Zeichen, zu dem man greift, es ist aber auch kein Zeichen, das man macht oder einem anderen gibt, kein seiendes Ding, das man aufnimmt und mit der Idealität des Bedeutens belädt, um dadurch anderes Seiendes sichtbar zu machen. Das ist nach beiden Seiten falsch.
Bedeutung: Vielmehr liegt die Idealität der Bedeutung im Worte selbst. Es ist immer schon Bedeutung. Aber das bedeutet auf der anderen Seite nicht, dass das Wort aller Erfahrung des Seienden voraus liegt und zu einer schon gemachten Erfahrung äußerlich hinzutritt, indem es sie sich unterwirft.
Erfahrung: Die Erfahrung ist nicht zunächst wortlos und wird dann durch die Benennung zum Reflexionsgegenstand gemacht, etwa in der Weise der Subsumtion unter die Allgemeinheit des Wortes. Vielmehr gehört es zur Erfahrung selbst, dass sie die Worte sucht und findet, die sie ausdrücken.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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