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Friedrich Schleiermacher über Hermeneutik – Lexikon der Argumente

Gadamer I 171
Hermeneutik/Schleiermacher/Gadamer: Am Anfang steht für Schleiermacher wie für Hegel das Bewusstsein eines Verlusts und einer Entfremdung gegenüber der Überlieferung, das ihre hermeneutische Besinnung herausfordert. Sie bestimmen dennoch die Aufgabe der Hermeneutik auf sehr verschiedene Weise.
Schleiermacher (…) ist ganz darauf gerichtet, die ursprüngliche Bestimmung eines Werkes im Verständnis wiederherzustellen. Denn Kunst und Literatur, die uns aus der Vergangenheit überliefert sind, sind ihrer ursprünglichen Welt entrissen. So schreibt Schleiermacher, dass es schon
nicht mehr das Natürliche und Ursprüngliche sei, »wenn Kunstwerke in den Verkehr kommen. Nämlich jedes hat einen Teil seiner Verständlichkeit aus seiner ursprünglichen Bestimmung. « »Daher das Kunstwerk, aus seinem ursprünglichen Zusammenhang gerissen, wenn dieser nicht geschichtlich aufbewahrt wird, von seiner Bedeutsamkeit verliert.« Er sagt geradezu: »So
ist also eigentlich ein Kunstwerk auch eingewurzelt in seinen Grund und Boden, in seine Umgebung. Es verliert schon seine Bedeutung, wenn es aus dieser Umgebung herausgerissen wird und in den Verkehr übergeht, es ist wie etwas, das aus dem Feuer gerettet ist und nun Brandflecken trägt«(1).
Gadamer I 172
Gadamer: Das geschichtliche Wissen öffnet nach Schleiermacher den Weg, das Verlorene zu ersetzen und die Überlieferung wiederherzustellen, sofern es das Okkasionelle und Ursprüngliche zurückbringt. So sucht das hermeneutische Bemühen den „Anknüpfungspunkt“ im Geiste des Künstlers wiederzugewinnen, der die Bedeutung eines Kunstwerks erst voll verständlich machen soll, genau wie es sonst Texten gegenüber verfährt, indem es die ursprüngliche Produktion des Verfassers zu reproduzieren strebt. ((s) Vgl. hierzu die Diskussion verschiedener philosophischer Theorien über >Bedeutungswandel.)
GadamerVsSchleiermacher: (…) es fragt sich, ob das, was hier gewonnen wird, wirklich das ist, was wir als die Bedeutung des Kunstwerkes suchen, und ob das Verstehen richtig bestimmt wird, wenn wir in ihm eine Zweite Schöpfung, die Reproduktion der ursprünglichen Produktion, sehen. Am Ende Ist eine solche Bestimmung der Hermeneutik nicht minder widersinnig wie alle Restitution und Restauration vergangenen Lebens. Wiederherstellung ursprünglicher Bedingungen ist, wie alle Restauration, angesichts der Geschichtlichkeit unseres Seins ein ohnmächtiges Beginnen.
Hegel/Gadamer: Hegel geht einen anderen Weg als Schleiermacher: >Hermeneutik/Hegel.
Gadamer I 182
SchleiermacherVsDilthey/SchleiermacherVsTradition/Gadamer: Schleiermacher (…) sucht die Einheit der Hermeneutik nicht mehr in der inhaltlichen Einheit der Überlieferung, auf die das Verstehen angewendet werden soll, sondern abgelöst von aller inhaltlichen Besonderung in der Einheit eines Verfahrens, das nicht einmal durch die Art, wie die Gedanken überliefert sind, ob schriftlich oder mündlich, in fremder oder in der eigenen gleichzeitigen Sprache, differenziert wird. (Vgl. >Hermeneutik/Dilthey).
Schleiermachers Idee einer universalen Hermeneutik bestimmt sich von
Gadamer I 183
da aus. Sie ist aus der Vorstellung entstanden, dass die Erfahrung der Fremdheit und die Möglichkeit des Missverständnisses eine universelle ist.
SchleiermacherVsTradition: (…) gerade die Ausweitung der hermeneutischen Aufgabe auf das „bedeutsame Gespräch“, die für Schleiermacher besonders charakteristisch ist, zeigt, wie sich der Sinn der Fremdheit, deren Überwindung die Hermeneutik leisten soll, gegenüber der bisherigen Aufgabenstellung der Hermeneutik grundsätzlich gewandelt hat. In einem neuen, universalen
Sinn ist Fremdheit mit der Individualität des Du unauflöslich gegeben.
Gadamer: Man darf den lebhaften, ja genialen Sinn für menschliche Individualität, der Schleiermacher auszeichnet, gleichwohl nicht als eine individuelle Besonderheit nehmen, die hier die Theorie beeinflusst. Vielmehr ist es die kritische Abwehr all dessen, das im Zeitalter der Aufklärung unter dem Titel „Vernünftige Gedanken“ als das gemeinsame Wesen der Humanität galt, was zu einer grundsätzlichen Neubestimmung des Verhältnisses zur Überlieferung nötigt(2).
Gadamer I 188
Verstehen/SchleiermacherVsTradtion: (…) , anstelle eines „Aggregats von Observationen“ [gilt es] eine wirkliche Kunstlehre des Verstehens zu entwickeln Das bedeutet etwas grundsätzlich Neues. Denn nun rechnet man mit der Verständnisschwierigkeit und dem Missverständnis nicht mehr als gelegentlichen, sondern als integrierenden Momenten, um deren vorgängige Ausschaltung es geht. So definiert Schleiermacher geradezu: »Hermeneutik ist die Kunst, Missverstand zu vermeiden«. Sie erhebt sich über die pädagogische Okkasionalität der Auslegungs-
Gadamer I 189
praxis zur Selbständigkeit einer Methode, sofern »das Missverstehen sich von selbst ergibt und das Verstehen auf jedem Punkt muss gewollt und gesucht werden«(3).
Gadamer I 191
Die Hermeneutik umfasst grammatische und psychologische Auslegungskunst .Schleiermachers Eigenstes ist aber die psychologische Interpretation. Sie ist letzten Endes ein divinatorisches Verhalten, ein Sich-versetzen in die ganze Verfassung des Schriftstellers, eine Auffassung des
"inneren Herganges" der Abfassung eines Werkes(4) schöpferischen Aktes. Verstehen also ist eine auf eine ursprüngliche Produktion bezogene Reproduktion, ein Erkennen des Erkannten (Boeckh)(5), eine Nachkonstruktion, die von dem lebendigen Moment der Konzeption, dem „Keimentschluss“ als dem Organisationspunkt der Komposition ausgeht(6).
Gadamer: Eine solche isolierende Beschreibung des Verstehens bedeutet aber, dass das Gedankengebilde, das wir als Rede oder als Text verstehen wollen, nicht auf seinen sachlichen Inhalt hin, sondern als ein ästhetisches Gebilde verstanden wird, als Kunstwerk oder „künstlerisches Denken“. >Genie/Schleiermacher, >Verstehen/Schleiermacher.
Verstehen/Schleiermacher: Schleiermacher [kommt] zu dem Satz, es gelte, einen Schriftsteller besser zu verstehen, als er sich selber verstanden habe - eine Formel, die seither immer wiederholt
worden ist und in deren wechselnder Interpretation sich die gesamte Geschichte der neueren Hermeneutik abzeichnet.


1. Schleiermacher, Ästhetik, ed. R. Odebrecht, S. 84 ff.
2. Chr. Wolff und seine Schule rechneten die „allgemeine Auslegungskunst“ folgerichtig
zur Philosophie, da »endlich alles dahin abziele, dass man anderer Wahrheiten erkennen und prüfen möge, wenn man ihre Rede verstanden« (J.Walch, Philosophisches Lexikon, (1726), S. 165). Ähnlich ist es für Bentley, wenn er vom Philologen fordert: » Seine einzigen Führer seien Vernunft das Licht der Gedanken des Verfassers und ihre zwingende Gewalt« (zitiert nach Wegner, Altertumskunde, S. 94).
3. Schleiermacher, Hermeneutik § 15 und 16, Werke I, 7, S. 29f.
4. Schleiermacher Werke I, 7, S. 83.
5. Schleiermacher Werke III, 3, S. 355, 358, 364.
6. Boeckh, Enzyklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaft, ed. Bratuschek,
2.Autfl. 1886, S. 10.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.
Schleiermacher, Friedrich

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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