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Hans-Georg Gadamer über Wahrheit der Kunst – Lexikon der Argumente

I 47
Wahrheit der Kunst/GadamerVsKant/Gadamer: Die transzendentale Funktion, die Kant der ästhetischen Urteilskraft zuweist, vermag der Abgrenzung gegen die begriffliche Erkenntnis
und insofern der Bestimmung der Phänomene des Schönen und der Kunst zu genügen. (>Urteilskraft/Kant, >Urteilskraft/Gadamer, >Geschmack/Gadamer, >Ästhetik/Kant).
Aber geht es an, den Begriff der Wahrheit der begrifflichen Erkenntnis vorzubehalten? Muss man nicht auch anerkennen, daß das Kunstwerk Wahrheit habe?
I 87
Ist das ästhetische Verhalten überhaupt eine dem Kunstwerk gegenüber angemessene Haltung? Oder ist das, was wir „ästhetisches Bewusstsein« nennen, eine Abstraktion?
Man kann jedenfalls nicht bezweifeln, dass die großen Zeiten der Geschichte der Kunst solche waren, in denen man sich ohne alles ästhetische Bewusstsein und ohne unseren Begriff von mit Gestaltungen umgab, deren religiöse oder profane Lebensfunktion für alle verständlich und für niemanden nur ästhetisch genussreich war. Lässt sich auf sie der Begriff des ästhetischen Erlebnisses überhaupt anwenden, ohne ihr wahres Sein zu verkürzen?
Der Wendepunkt scheint bei Schiller zu liegen, der den transzendentalen Gedanken des Geschmacks in eine moralische Forderung umwandelte und als Imperativ formulierte: Verhalte dich ästhetisch!(1) Schiller hat in seinen ästhetischen Schriften die radikale Subjektivierung, durch die Kant das Geschmacksurteil und seinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit transzendental gerechtfertigt hatte, aus einer methodischen in eine inhaltliche Voraussetzung gewandelt. >Wahrheit der Kunst/Schiller.
I 88
Wenn (...) der Gegensatz von Wirklichkeit und Schein den Begriff der Kunst prägt, ist der umfassende Rahmen, den die Natur bildet, gesprengt. Die Kunst wird ein eigener Standpunkt und begründet einen eigenen autonomen Herrschaftsanspruch.

I 103
Wahrheit der Kunst/Gadamer: Die Berufung auf die Unmittelbarkeit, auf das Geniale des Augenblicks, auf die Bedeutung des kann vor dem Anspruch der menschlichen Existenz auf Kontinuität und Einheit des Selbstverständnisses nicht bestehen. Die Erfahrung der Kunst darf nicht in die Unverbindlichkeit des ästhetischen Bewußtseins abgedrängt werden. Vgl. >Erlebniskunst/Gadamer.
Diese negative Einsicht bedeutet positiv: Kunst ist Erkenntnis und die Erfahrung des Kunstwerks macht dieser Erkenntnis teilhaftig.
Problem: es [war] eine methodische Abstraktion zum Zwecke einer ganz bestimmten, transzendentalen Begründungsleistung (...), die Kant bewog, die ästhetische Urteilskraft ganz auf den Zustand des Subjektes zu beziehen. Wenn diese ästhetische Abstraktion in der Folge jedoch inhaltlich verstanden und in die Forderung verwandelt wurde, die Kunst „rein ästhetisch“ zu verstehen, so sehen wir jetzt, wie diese Abstraktionsforderung zu der wirklichen Erfahrung der Kunst in einen unauflösbaren Widerspruch gerät.



1. So kann man zusammenfassen, was in den Briefen »Über die ästhetische Erziehung
des Menschen«, etwa im 15. Brief, begründet wird: »es soll eine Gemeinschaft zwischen
Formtrieb und Stofftrieb, d. h. ein Spieltrieb sein«.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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