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Edmund Husserl über Horizont – Lexikon der Argumente

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Horizont/Zeitbewusstsein/Husserl/Gadamer: [Mit dem Begriff des Horizonts] sucht Husserl
offenbar den Übergang aller ausgegrenzten Intentionalität des Meinens in die tragende Kontinuität des Ganzen einzufangen. Ein Horizont ist ja keine starre Grenze, sondern etwas, das mitwandert und zum weiteren Vordringen einlädt. So entspricht der Horizont-lntentionalität, die die Einheit des >Erlebnisstromes konstituiert, eine ebenso umfassende Horizont-lntentionalität auf der gegenständlichen Seite. Denn alles als seiend Gegebene ist weltlich gegeben und führt damit den Welthorizont mit sich. >Gegebenheitsweise.
Selbstkritik/HusserlVsHusserl: Husserl hat in seinen Retraktationen zu Ideen I in ausdrücklicher Selbstkritik hervorgehoben, dass ihm damals (1923) noch nicht genügend die Bedeutung des Weltphänomens aufgegangen sei(1). Die Theorie der transzendentalen Reduktion, die er in den Ideen mitgeteilt hatte, musste sich damit mehr und mehr komplizieren. Die bloße Aufhebung der Geltung der objektiven Wissenschaften konnte nicht mehr genügen, denn auch im Vollzug der „Epoche“, der Aufhebung der Seinssetzung der wissenschaftlichen Erkenntnis, bleibt die Welt als eine vorgegebene in Geltung. Insofern ist die erkenntnistheoretische Selbstbesinnung, die nach dem Apriori, den eidetischen Wahrheiten der Wissenschaften, fragt, nicht radikal genug.
HussersVsNeukantianismus/DiltheyVsNeukantianismus: Das ist der Punkt, an dem sich Husserl mit den Intentionen Diltheys in einem gewissen Einklang wissen konnte. In ähnlicher Weise hatte Dilthey den Kritizismus der Neukantianer bekämpft, sofern ihm der Rückgang auf das erkenntnistheoretische Subjekt nicht genügte. >Subjekt/Dilthey.
Dilthey: »ln den Adern des erkennenden Subjekts, das Locke, Hume und Kant konstruieren, rinnt nicht wirkliches Blut«.(2) Dilthey selbst ging auf die Lebenseinheit zurück, auf den „Standpunkt des Lebens“ und ganz ähnlich ist Husserls „Bewusstseinsleben“ ein Wort, das er anscheinend von Natorp übernommen hat, bereits ein
Anzeiger für die sich später breit durchsetzende Tendenz, nicht nur einzelne Bewusstseinserlebnisse, sondern die verhüllten, anonymen impliziten Inten-
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tionalitäten des Bewusstseins zu studieren und auf diesem Wege das Ganze aller objektiven Seinsgeltung verständlich zu machen. Später heißt das: die Leistungen des „leistenden Lebens“ aufklären. >Subjektivität/Husserl.


1. Husserl Ill, 390: »Der große Fehler, dass von der natürlichen Welt (ohne sie als Welt zu charakterisieren) ausgegangen wird« (1922), und die ausführlichere Selbstkritik Ill, 399 (1929). Der Begriff des "Horizonts" und des Horizontbewusstseins ist nach Husserliana VI, 267 durch W. James' Begriff der “fringes« mit angeregt. Auf die Bedeutung, die R. Avenarius (Der menschliche Weltbegriff. Leipzig 1912) für Husserls kritische Wendung gegen die „wissenschaftliche Welt“ gespielt hat, hat zuletzt H. Lübbe in der Festschrift für W. Szilasi (München 1960) aufmerksam gemacht (Vgl. H. Lübbe, Positivismus und Phänomenologie (Mach und Husserl), FS W. Szilasi, S. 161—184, bes. S. 171 f.).
2. Dilthey, Ges. Schriften, Bd. 1. S. XVIII.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Begriff/Autor], [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] bzw. "Problem:"/"Lösung", "alt:"/"neu:" und "These:" ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.
E. Husserl
I Peter Prechtl Husserl zur Einführung, Hamburg 1991 (Junius)
II "Husserl" in: Eva Picardi et al., Interpretationen - Hauptwerke der Philosophie: 20. Jahrhundert, Stuttgart 1992

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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