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Johann Martin Chladenius über Verstehen – Lexikon der Argumente

Gadamer I 301
Verstehen/Chladenius/Gadamer: Der wirkliche Sinn eines Textes, wie er den Interpreten anspricht, hängt (...) nicht von dem Okkasionellen ab, das der Verfasser und sein ursprüngliches Publikum darstellen. Er geht zum mindesten nicht darin auf. Denn er ist Immer auch durch die geschichtliche
Situation des Interpreten mitbestimmt und damit durch das Ganze des objektiven Geschichtsganges.
Chladenius: Dem trägt ein Autor wie Chladenius, der das Verstehen noch nicht in das Historische abdrängt, ganz unbefangen und naiv Rechnung, wenn er meint, dass ein Autor den wahren Sinn seines Textes nicht selber zu erkennen brauche und daher der Interpret mehr verstehen könne und müsse als er. Aber das hat grundsätzliche Bedeutung.(1)
Gadamer: Nicht nur gelegentlich, sondern Immer übertrifft der Sinn eines Textes seinen Autor.
Daher ist Verstehen kein nur reproduktives, sondern stets auch ein produktives Verhalten.
Gadamer I 186
Verstehen und Auslegen sind (...) für Chladenius nicht dasselbe (§ 648). Es ist ganz deutlich, dass für ihn die Auslegungsbedürftigkeit einer Stelle grundsätzlich ein Sonderfall ist, und dass man im allgemeinen eine Stelle unmittelbar versteht, sofern man die Sache kennt, die in der Stelle abgehandelt wird, sei es, dass man von der Stelle an die Sache erinnert wird, sei es, daß man erst
durch die Stelle Zur Erkenntnis der Sache gelangt (§ 682). Unzweifelhaft ist somit für das Verstehen hier noch das Sachverständnis, die sachliche Einsicht,
Gadamer I 187
das Entscheidende - es ist kein historisches noch gar ein psychologisch- genetisches Verfahren.
Auslegung/Interpretation/Chladenius: Gleichwohl ist sich der Autor völlig darüber im klaren, dass die Auslegungskunst eine neue und besondere Dringlichkeit erhalten hat, sofern die Auslegungskunst zugleich die Rechtfertigung der Auslegung leistet. Einer solchen bedarf es offenbar so lange nicht, als »der Schüler einerlei Erkenntnis mit dem Ausleger habe« (so dass ihm der „Verstand“ ohne „Erweis“ einleuchtete) oder »wegen des guten Vertrauens gegen den Ausleger«. Beide Bedingungen erscheinen ihm in seiner Zeit nicht mehr erfüllt, die zweite insofern,
als (im Zeichen der Aufklärung) »die Schüler mit eigenen Augen sehen wollen«, die erste, sofern bei wachsender Erkenntnis der Sachen - gemeint ist: mit dem Fortschreiten der Wissenschaft - die Dunkelheit der zu verstehenden Stellen immer größer werde (§ 668 f.).
Gadamer: Das Bedürfnis einer Hermeneutik ist also gerade mit dem Schwinden des Vonselbst-Verstehens gegeben. >Bedeutungswandel/Chladenius.


1. J.M.Chladenius, Einleitung zur richtigen Auslegung vernünftiger Reden und Schriften, 1742.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.
Chladenius, Johann Martin

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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