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Wirtschaftstheorien über Strafrecht - Lexikon der Argumente

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Strafrecht/Wirtschaftstheorien/Miceli: [es gibt eine] normative Analyse [einen ökonomischen Ansatz zur Verbrechensbekämpfung], die auf der ökonomischen Theorie der Strafverfolgung basiert, wie sie erstmals von Becker (1968)(1) formalisiert und u.a. von Polinsky und Shavell (2000(2), 2007(3)) weiter ausgearbeitet wurde. [Becker-Polinsky-Shavell, BPS-Modell].
Der ökonomische Ansatz zur Verbrechensbekämpfung basiert auf der Annahme, dass rationale Straftäter entscheiden, ob sie eine illegale Handlung begehen oder nicht, indem sie den Dollarwert der Gewinne aus der Handlung mit den erwarteten Kosten vergleichen, die gleich der Höhe der Sanktion multipliziert mit der Wahrscheinlichkeit der Ergreifung und Verurteilung sind. Vgl. Hand-Test: >Haftungsrecht/Learned Hand.
BPS-Modell: Angesichts des Ziels der Abschreckung beinhaltet die optimale Strafverfolgungspolitik, die das BPS-Modell vorgibt, die Wahl der Festnahmewahrscheinlichkeit, die
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Art der strafrechtlichen Sanktion (Geldstrafe und/oder Gefängnis) und ihre Höhe so zu wählen, dass die Gesamtkosten der Kriminalität minimiert werden. Das Standard-BPS-Modell behauptet, dass Effizienz die (primäre) Norm für die Ableitung der optimalen Durchsetzungspolitik ist.
1) (...) das BPS-Modell besagt, dass die optimale Sanktion, sei es eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe, maximal sein sollte. Der Grund, warum dies für eine Geldstrafe zutrifft, ist klar: Straftäter interessieren sich nur für die erwartete Sanktion, pf, und da es kostspielig ist, die Wahrscheinlichkeit der Festnahme, p, zu erhöhen, aber nicht die Geldstrafe, f, ist es kostenminimierend, die Geldstrafe so weit wie möglich zu erhöhen (bis zum Vermögen des Straftäters), bevor die Wahrscheinlichkeit erhöht wird. Weniger offensichtlich ist, dass, wenn die Sanktion nur Gefängnis ist, die optimale Gefängnisdauer auch maximal sein sollte. Intuitiv können die erwarteten Kosten gesenkt werden, indem die Gefängnisstrafe erhöht und die Aufgriffswahrscheinlichkeit proportional gesenkt wird (wodurch die Abschreckung konstant gehalten wird), weil die Strafe zwar kostspielig ist, aber weniger oft verhängt wird. In Bezug auf die tatsächliche Bestrafungspolitik ist es jedoch klar, dass Geldstrafen und Gefängnisstrafen für die meisten Verbrechen nicht auf ihr maximales Niveau gesetzt werden. In diesem Sinne ist das Modell nicht beschreibend für die tatsächliche Rechtspraxis.
2) (...) das BPS-Modell sagt voraus, dass Freiheitsstrafen erst eingesetzt werden sollten, nachdem Geldstrafen bis zum maximal möglichen Ausmaß ausgeschöpft wurden (z.B. bis zum Vermögen des Täters), und nur dann, wenn zusätzliche Abschreckung kostenmäßig gerechtfertigt ist. Auch hier ist die Logik klar: Geldstrafen sind ohne Kosten zu erhöhen, während Gefängnisstrafen kostspielig sind, also ist es optimal, zuerst die kostenfreie Form der Bestrafung auszuschöpfen.
Normen/Effizienz: Der Grund für diese beiden Abweichungen der Praxis von der Theorie liegt mit ziemlicher Sicherheit in der Bedeutung von Normen neben der Effizienz, wie z. B. Fairness oder Gleichbehandlung, die die Gesellschaft als relevant für die Bestimmung der optimalen strafrechtlichen Bestrafung erachtet.*
Gleichheit/Praxis/Gesellschaft: (...) die Idee, arme Angeklagte für dasselbe Verbrechen zu längeren Haftstrafen zu verurteilen als wohlhabende Angeklagte, würden viele als inakzeptabel (wenn nicht sogar verfassungswidrig) empfinden, weil es den Anschein hätte, dass es den Wohlhabenden erlaubt wäre, sich aus dem Gefängnis freizukaufen (Lott, 1987)(5). Die Gesellschaft toleriert also offenbar eine kostspieligere Strafpolitik um der Gleichbehandlung von Straftätern willen. >Kriminalität/Wirtschaftstheorien.


* Siehe z. B. Miceli (1991)(4) und Polinsky und Shavell (2000)(2).


1. Becker, Gary (1968). “Crime and Punishment: An Economic Approach.” Journal of Political Economy 76: 169–217.
2. Polinsky, A. Mitchell and Steven Shavell (2000). “The Economic Theory of Public Enforcement of Law.” Journal of Economic Literature 38: 45–76.
3. Polinsky, A. Mitchell and Steven Shavell (2007). “The Theory of Public Law Enforcement,” in A. M. Polinsky and S. Shavell, Hrsg., Handbook of Law and Economics, 403–454. Amsterdam: North-Holland.
4.Miceli 1991
5. Lott, John (1987). “Should the Wealthy Be Able to ‘Buy Justice’”? Journal of Political Economy 95: 1307–1316.


Miceli, Thomas J. „Economic Models of Law“. In: Parisi, Francesco (ed) (2017). The Oxford Handbook of Law and Economics. Vol 1: Methodology and Concepts. NY: Oxford University Press.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.
Wirtschaftstheorien

Parisi I
Francesco Parisi (Ed)
The Oxford Handbook of Law and Economics: Volume 1: Methodology and Concepts New York 2017

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