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Wirtschaftstheorien über Verbrechen - Lexikon der Argumente

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Verbrechen/Strafrecht/Wirtschaftstheorien/Miceli: Obwohl die ökonomische Analyse von Verbrechen seit langem ein Teilgebiet der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften ist, ist eine interessante Frage in der positiven Theorie des Rechts, warum eine separate Kategorie von "Verbrechen" benötigt wird.*
Deliktsrecht: Schließlich geht es sowohl im Straf- als auch im Deliktsrecht um die Internalisierung unerwünschter Schäden, so dass man sich fragen könnte, warum das Deliktsrecht allein nicht ausreicht. Es ist keine adäquate Antwort, einfach zu sagen, dass Verbrechen vorsätzlich und Delikte zufällig sind, weil das ökonomische Modell des Deliktsrechts, wie oben skizziert, den Vorsatz leicht berücksichtigen kann (siehe z.B. Landes und Posner, 1987(3), Kap. 6). Ökonomen suchen daher nach einem tieferen Grund.
Calabresi/Melamed: Eine interessante Perspektive, die von Calabresi und Melamed (1972)(4) vorgeschlagen wird, ist, dass das Strafrecht benötigt wird, um die GTS (General Transaction Structure) durchzusetzen. ((s) Allgemeine Transaktionsstruktur, >Transaktionskosten/Coleman).
Beispiel: (...) ein Dieb, der das Eigentum eines anderen stiehlt - das heißt, einen Anspruch, der durch eine Eigentumsregel geschützt ist. Wenn der Dieb erwischt wird, warum soll er dem Opfer nicht einfach den Wert des gestohlenen Eigentums zahlen? Wenn dem Dieb das Eigentum mehr wert ist als dem Eigentümer, würde diese "Transaktion" zu einem "effizienten Diebstahl" führen, was nicht anders erscheint als die gerichtliche Auferlegung der Haftung für funkensprühende Eisenbahnen oder andere Schädiger.
Vollstreckung: Wenn wir die Gültigkeit von Zwangstausch als effizient in diesen Kontexten akzeptieren, warum sollten wir dann nicht bereit sein, sie in allen solchen Fällen von Zwangstausch zu akzeptieren? Die Frage erweist sich als schwierig und wird durch das BPS-Modell der Kriminalität (>Strafrecht/Becker) umgangen, das einfach die Existenz der kriminellen Kategorie als gegeben annimmt und dann die optimale Durchsetzungspolitik ableitet.
Lösung/Haftungsregeln: (...) der Grund, warum Haftungsregeln nicht allgemein als Grundlage für den Austausch nach dem GTS zugelassen sind[:] Die [H]aftungsregeln verlangen von den Gerichten, den Wert des Anspruchs an den Eigentümer nachträglich zu schätzen,
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was bedeutet, dass es keine Garantie dafür gibt, dass der resultierende Austausch effizient ist.
Eigentumsregeln: Im Gegensatz dazu stellen Eigentumsregeln sicher, dass nur effiziente Tauschvorgänge stattfinden, da der Eigentümer das Recht hat, die Transaktion abzulehnen. Aus diesem Grund werden Eigentumsregeln bevorzugt, wenn die Transaktionskosten niedrig sind.
Strafe: (...) was passiert, wenn ein Dieb die Eigentumsregel eines Eigentümers verletzt, indem er den geschützten Gegenstand stiehlt? Wenn das Rechtsmittel einfach darin besteht, den Dieb zur Zahlung einer Entschädigung zu verpflichten, dann hat er es geschafft, die Eigentumsregel in eine Haftungsregel zu verwandeln. Um dies zu verhindern, ist eine weitere Sanktion (oder "Kicker") erforderlich, um den Dieb davon abzuhalten, die GTS (General Transaction Structure) überhaupt zu verletzen, d.h. den Markt zu umgehen. Diese erhöhte Sanktion stellt die strafrechtliche Sanktion dar.
Sanktion/Entschädigung: Wichtig ist, dass die betreffende Sanktion als Strafe für eine illegitime Transaktion gedacht ist, im Gegensatz zu einer Kompensation für eine legitime Transaktion (Cooter, 1984)(5). Es ist dieser Aspekt des Strafrechts, der es vom Deliktsrecht unterscheidet und damit eine Auflösung des Paradoxons des "effizienten Diebstahls" bietet. >Strafrecht/Wirtschaftstheorien.

* Siehe z.B. Friedman (2000(1), Kap. 18) und Posner (1983)(2).

1. Friedman, David (2000). Law’s Order: What Economics Has to Do with the Law and Why It Matters. Princeton, NJ: Princeton University Press.
2. Posner, Richard (1983). The Economics of Justice. Cambridge, MA: Harvard University Press.
3. Landes, William and Richard Posner (1987). The Economic Structure of Tort Law. Cambridge, MA.: Harvard University Press.
4. Calabresi, Guido and A. Douglas Melamed (1972). “Property Rules, Liability Rules, and Inalienability: One View of the Cathedral.” Harvard Law Review 85: 1089–1128.
5. Cooter, Robert (1984). “Prices and Sanctions.” Columbia Law Review 84: 1523–1560.


Miceli, Thomas J. „Economic Models of Law“. In: Parisi, Francesco (Hrsg.) (2017). The Oxford Handbook of Law and Economics. Vol 1: Methodology and Concepts. NY: Oxford University Press.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.
Wirtschaftstheorien

Parisi I
Francesco Parisi (Ed)
The Oxford Handbook of Law and Economics: Volume 1: Methodology and Concepts New York 2017

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