Philosophie Lexikon der Argumente

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Erlebnis: im Bewusstsein eines Subjekts verarbeitetes Ereignis. Keine bloße Vorstellung. Siehe auch Ereignisse, Vorstellungen, Bewusstsein.

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Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente.

 
Autor Begriff Zusammenfassung/Zitate Quellen

Hans-Georg Gadamer über Erlebnisse – Lexikon der Argumente

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Erlebnis/Gadamer: Die Untersuchung des Auftretens des Wortes im deutschen Schrifttum führt zu dem überraschenden Resultat, daß es im Unterschied zu erst in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts üblich geworden ist. 1m 18. Jahrhundert fehlt es noch ganz, aber auch Schiller und Goethe kennen es nicht.
Der früheste Beleg(1) scheint ein Hegel-Brief(2) zu sein. Ebenso selten scheint das Wort in den fünfziger und sechziger Jahren und tritt erst in den siebziger Jahren [des 19. Jahrhunderts] plötzlich häufig auf(3). Seine allgemeine Einführung in den allgemeinen Sprachgebrauch hängt, wie es scheint, mit seiner Verwendung in der biographischen Literatur zusammen.
Gadamer: Erleben heißt zunächst »noch am Leben sein, wenn etwas geschieht«. Von da aus trägt das Wort den Ton der Unmittelbarkeit, mit der etwas Wirkliches erfasst ist- im Gegensatz zu solchem, von dem man auch zu wissen meint, dem aber die Beglaubigung durch das eigene
Erlebnis fehlt, sei es, daß es von anderen übernommen ist oder aus dem Hörensagen stammt (...) Das Erlebte ist immer das Selbsterlebte.
Inhalt: zugleich aber wird die Form „das erlebte“ in dem Sinne gebraucht, dass
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der bleibende Gehalt dessen, was da erlebt wird, dadurch bezeichnet wird.
Biographie/Gadamer: Es entspricht dieser doppelten Richtung der Bedeutung von „erleben“ daß
es die biographische Literatur ist, durch die sich das Wort „Erlebnis“ zuerst einbürgert. Das Wesen der Biographie, insbesondere das der Künstler- und Dichterbiographie des 19. Jahrhunderts, ist ja, aus dem Leben das Werk zu verstehen. Ihre Leistung besteht gerade darin, die beiden Bedeutungsrichtungen, die wir am unterscheiden, zu vermitteln bzw. als einen produktiven Zusammenhang zu erkennen. Etwas wird zum Erlebnis, sofern es nicht nur erlebt wurde, sondern sein Erlebtsein einen besonderen Nachdruck hatte, der ihm bleibende Bedeutung verleiht.
I 69
Historische Entwicklung der Begriffe „Leben“/“Erlebnis“/Gadamer: Schleiermachers Berufung auf das lebendige Gefühl gegen den kalten Rationalismus der Aufklärung, Schillers Aufruf zur ästhetischen Freiheit gegen den Mechanismus der Gesellschaft, Hegels Entgegensetzung des Lebens (später: des Geistes) gegen die waren der Vorklang eines Protestes gegen die moderne Industriegesellschaft, der im Anfang unseres Jahrhunderts die Worte Erlebnis und Erleben zu Losungsworten von fast religiösem Klang aufsteigen ließ. Der Aufstand der Jugendbewegung gegen die bürgerliche Bildung und ihre Lebensform stand unter diesem Zeichen.
Der Einfluss Friedrich Nietzsches und Henri Bergsons wirkte in dieser Richtung. Aber auch eine "geistige Bewegung" wie die um Stefan George und nicht zuletzt die seismographische Feinheit, mit der Georg Simmels Philosophieren auf diese Vorgänge reagierte, bezeugen das gleiche. So schließt die Lebensphilosophie unserer Tage an ihre romantischen Vorgänger an.
I 75
Kunsterlebnis/Gadamer: Das ästhetische Erlebnis ist nicht nur eine Art von Erlebnis neben anderen, sondern repräsentiert die Wesensart von Erlebnis überhaupt. Wie das Kunstwerk als solches eine Welt für sich ist, so ist auch das ästhetisch Erlebte als Erlebnis allen Wirklichkeitszusammenhängen entrückt. Es scheint geradezu die Bestimmung des Kunstwerks, zum ästhetischen Erlebnis zu werden (...)
I 76
Im Erlebnis der Kunst ist eine Bedeutungsfülle gegenwärtig, die nicht diesem besonderen Inhalt oder Gegenstand allein zugehört, sondern die vielmehr das Sinnganze des Lebens vertritt.


1. Vgl. Konrad Cramer in J. Ritters „Historischem Wörterbuch der Philosophie“ (Band 2, S. 702-711)
2. Im Bericht von einer Reise schreibt Hegel „meine ganze Erlebnis« (Briefe, ed. Hoffmeister, Ill 179). Man muss dabei beachten, daß es sich um einen Brief handelt...
3. In Diltheys Schleiermacher-Biographie (1870), bei Justi in der Winckelmann-Biographie (1872), in Hermann Grimms „Goethe“ (1877) und vermutlich öfter.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Begriff/Autor], [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] bzw. "Problem:"/"Lösung", "alt:"/"neu:" und "These:" ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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