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Hans-Georg Gadamer über Welt – Lexikon der Argumente

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Welt/Sprache/Gadamer: Die Sprache ist nicht nur eine der Ausstattungen, die dem Menschen, der
in der Welt ist, zukommt, sondern auf ihr beruht, und in ihr stellt sich dar, dass die Menschen überhaupt Welt haben. Für den Menschen ist die Welt als
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Welt da, wie sie für kein Lebendiges sonst Dasein hat, das auf der Welt ist. Dies Dasein der Welt aber ist sprachlich verfasst. Das ist der eigentliche Kern des Satzes, den Humboldt in ganz anderer Absicht äußert, dass die Sprachen Weltansichten sind.(1)
Humboldt will damit sagen, dass die Sprache gegenüber dem Einzelnen, der einer Sprachgemeinschaft angehört, eine Art selbständiges Dasein behauptet und ihn, wenn er in sie hineinwächst, zugleich in ein bestimmtes Weltverhältnis und Weltverhalten einführt.
Wichtiger aber ist, was dieser Aussage zugrunde liegt: dass die Sprache ihrerseits gegenüber der Welt, die in ihr zur Sprache kommt, kein selbständiges Dasein behauptet. Nicht nur ist die Welt nur Welt, sofern sie zur Sprache kommt - die Sprache hat ihr eigentliches Dasein nur darin, dass sich in ihr die Welt darstellt. Die ursprüngliche Menschlichkeit der Sprache bedeutet also zugleich die ursprüngliche Sprachlichkeit des menschlichen In-der-Welt-Seins. Welt haben heißt: sich zur Welt verhalten. Sich zur Welt verhalten erfordert aber, sich von dem von der Welt her Begegnenden so weit freihalten, dass man es vor sich stellen kann, wie es ist, Dieses Können ist ineins Welt-haben und Sprache-haben.
Umwelt/Gadamer: Der Begriff der Welt tritt damit in Gegensatz zu dem Begriff der Umwelt, wie sie allem auf der Welt seienden Lebendigen zukommt. >Umwelt/Gadamer.
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(...) in der Sprache stellt sich die Welt selber dar. Die sprachliche Welterfahrung ist „absolut“. Sie übersteigt alle Relativitäten von Seinssetzung, weil sie alles Ansichsein
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umfasst, in welchen Beziehungen (Relativitäten) immer es sich zeigt. Die Sprachlichkeit unserer Welterfahrung ist vorgängig gegenüber allem, das als seiend erkannt und angesprochen wird. Der Grundbezug von Sprache und Welt bedeutet daher nicht, dass die Welt Gegenstand der Sprache werde.
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Welt/Welt „an sich“/Weltsichten/Gadamer: Als sprachlich verfasste ist eine jede (...) Welt von sich aus für jede mögliche Einsicht und damit für jede Erweiterung ihres eigenen Weltbildes
offen und entsprechend für andere zugänglich.
„Ansichsein“: (...) damit wird der Gebrauch des Begriffs „Welt an sich“ problematisch. Der Maßstab für die fortschreitende Erweiterung des eigenen Weltbildes wird nicht durch die außer
aller Sprachlichkeit gelegene „Welt an sich“ gebildet. Vielmehr bedeutet die unendliche Perfektibilität der menschlichen Welterfahrung, dass man, in welcher Sprache immer man sich bewegt, nie zu etwas anderem gelangt als zu einem Immer mehr erweiterten Aspekt, einer „Ansicht“ der Welt. >Hermeneutik/Gadamer.
GadamerVsRelativismus: Die Mannigfaltigkeit solcher Weltansichten bedeutet keine Relativierung der „Welt“. Vielmehr ist, was die Welt selbst ist, nichts von den Ansichten, in denen sie sich darbietet, Verschiedenes.


1. W. von Humboldt, „Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus ..“(zuerst gedruckt 1836), § 9, S. 59


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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