Philosophie Lexikon der Argumente

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Erfahrung: reflektierte Wahrnehmung, die z.B. mit früheren Wahrnehmungen verglichen und sprachlich verarbeitet werden kann. Siehe auch Erlebnisse, Ereignisse, Wahrnehmung, Empfindung, Empirie.

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Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente.

 
Autor/Titel Begriff Zusammenfassung Metadaten

G. W. F. Hegel über Erfahrung – Lexikon der Argumente

Gadamer I 359
Erfahrung/Dialektische Erfahrung/Hegel/Aristoteles: [In Hegel] gewinnt das Moment der Geschichtlichkeit sein Recht. Er denkt die Erfahrung als den sich vollbringenden Skeptizismus. Wir sahen ja (>Erfahrung/Gadamer), dass die Erfahrung, die einer macht, sein ganzes Wissen verändert. Strenggenommen kann man dieselbe Erfahrung nicht zweimal machen.
Gadamer I 360
[Hegel] hat in seiner „Phänomenologie des Geistes“ gezeigt, wie das Bewusstsein, das seiner selbst gewiss werden will, seine Erfahrungen macht. Dem Bewusstsein ist sein Gegenstand das An-sich, aber was An-sich ist, kann immer nur so gewusst werden, wie es sich für das erfahrende Bewusstsein darstellt. So macht das erfahrende Bewusstsein eben diese Erfahrung: Das Ansich des Gegenstandes ist „für uns“ an-sich.(1)
Hegel: »Die dialektische Bewegung, welche das Bewusstsein an ihm selbst, sowohl an seinem
Wissen als an seinem Gegenstand, ausübt, insofern ihm der neue wahre Gegenstand daraus entspringt, ist eigentlich dasjenige, was Erfahrung genannt wird.«
Gadamer: Wir erinnern uns an das oben Festgestellte und fragen uns, was Hegel, der
hier offenbar über das allgemeine Wesen der Erfahrung etwas aussagen will, meint.
HeideggerVsHegel: Heidegger hat mit Recht, wie mir scheint, darauf hingewiesen, dass
Hegel hier nicht die Erfahrung dialektisch interpretiert, sondern umgekehrt, was dialektisch ist, aus dem Wesen der Erfahrung denkt.(2)
Hegel/Gadamer: Die Erfahrung hat nach Hegel die Struktur einer Umkehrung des Bewusstseins und deshalb ist sie eine dialektische Bewegung. Hegel tut zwar so, als wäre das, was sonst unter der Erfahrung verstanden zu werden pflegt, etwas anderes, sofern wir im allgemeinen »die Erfahrung von der Unwahrheit dieses ersten Begriffes an einem anderen Gegenstande machen« (und nicht so, dass sich der Gegenstand selber ändert).
Aber es ist nur scheinbar ein anderes. In Wahrheit durchschaut das philosophische Bewusstsein, was das erfahrende Bewusstsein eigentlich tut, wenn es vom einen zum anderen fortgeht: es kehrt sich um. Hegel behauptet also, das wahre Wesen der Erfahrung selber sei, sich so umzukehren.
Hegel/Gadamer: (...) Erfahrung [ist] zunächst immer Erfahrung der Nichtigkeit. Angesichts der Erfahrung, die man an einem anderen Gegenstand macht, ändert sich beides, unser Wissen und sein Gegenstand. Man weiß es nun anders und besser, und d. h. der Gegenstand selbst »hält nicht aus«. Der neue Gegenstand enthält die Wahrheit über den alten.
Bewusstsein/Hegel: Was Hegel in dieser Weise als Erfahrung beschreibt, ist die Erfahrung, die
das Bewusstsein mit sich selber macht. »Das Prinzip der Erfahrung enthält die unendlich wichtige Bestimmung, dass für das Annehmen und Für-Wahrhalten eines Inhalts der Mensch selbst dabei sein müsse, bestimmter, dass er solchen Inhalt mit der Gewissheit seiner selbst in Einigkeit und vereint
Gadamer I 361
finde.(3)
Umkehrung/Hegel/Gadamer: Der Begriff der Erfahrung meint eben dies, dass sich solche Einigkeit mit sich selbst erst herstellt. Das ist die Umkehrung, die dem Bewusstsein geschieht, im Fremden, Anderen sich selbst zu erkennen.
Absolutes Wissen/Hegel: Nach Hegel ist es freilich notwendig, dass der Weg der Erfahrung des
Bewusstseins zu einem Sichwissen führt, das überhaupt kein Anderes, Fremdes mehr außer sich hat. Für ihn ist die Vollendung der Erfahrung die „Wissenschaft“, die Gewissheit seiner selbst im Wissen. Der Maßstab, unter dem er Erfahrung denkt, ist also der des Sichwissens. Daher muss die
Dialektik der Erfahrung mit der Überwindung aller Erfahrung enden, die im absoluten Wissen, d. h. in der vollständigen Identität von Bewusstsein und Gegenstand erreicht ist.


1. Hegel, Phänomenologie, Einleitung (ed. Hoffmeister S. 73)
2. Heidegger, Hegels Begriff der Erfahrung (Holzwege S. 169).
3. Hegel, Enzyklopädie, § 7.

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Brandom I 156
Repräsentation/Kant: beteiligt an inferentiellen Beziehungen zwischen Sätzen - Hegel dreht die Ordnung um: Repräsentation resultierend aus Erfahrung als inferentieller Aktivität.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

Bra I
R. Brandom
Expressive Vernunft Frankfurt 2000

Bra II
R. Brandom
Begründen und Begreifen Frankfurt 2001

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> Gegenargumente gegen Hegel

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