Philosophie Lexikon der Argumente

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Schönheit: Dass etwas schön sei, drückt die positive Wertung einer Sinneserfahrung aus. Als schön empfunden werden z.B. Natur, Düfte, Klänge und menschliche Hervorbringungen. Dass im Bereich der Kunst Urteile darüber, was als schön anzusehen sei, stärkeren Schwankungen bzw. geschichtlichen Entwicklungen unterworfen sind als im Bereich der Naturwahrnehmung, muss nicht als Beweis für subjektive Beliebigkeit gewertet werden. Vielmehr wandeln sich Urteile mit zunehmendem Wissensbestand. Siehe auch Ästhetik, Kunst, Kunstwerke, Wahrnehmung, Urteile.

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Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente.

 
Autor/Titel Begriff Zusammenfassung Metadaten

Platon über Schönheit - Lexikon der Argumente

Gadamer I 482
Schönheit/Platon/Gadamer: [Wir] (...) finden (...) in der platonischen Philosophie eine enge Verknüpfung und nicht selten eine Vertauschung der Idee des Guten mit der Idee des Schönen. Vgl. >Schönheit/Antike Philosophie.
Beide sind über alles Bedingte und Viele hinaus: das Schöne an sich begegnet der liebenden Seele am Ende eines durch das vielfältige Schöne führenden Weges als das Eine, Eingestaltige, Überschwengliche („Symposion“), genau wie die Idee des Guten, die über alles Bedingte und Viele, was nur in gewisser Hinsicht gut ist, hinausliegt („Politeia“).
Das Schöne an sich zeigt sich ebenso über alles Seiende hinaus zu sein, wie das Gute an sich (epekeina).
Ordnung/Sein: Die Ordnung des Seienden, die in der Hinordnung auf das eine Gute besteht, stimmt also mit der Ordnung des Schönen überein. Der Liebesweg, den Diotima lehrt, führt über die schönen Leiber zu den schönen Seelen und von da zu den schönen Einrichtungen, Sitten und Gesetzen, schließlich zu den Wissenschaften (z. B. zu den schönen Zahlenverhältnissen, von denen die Zahlenlehre weiß), zu diesem »weiten Meer der schönen Reden«(1) - und führt über all das hinaus.
Gadamer: Man kann sich fragen, ob die Überschreitung der Sphäre des sinnlich Sichtbaren ins wirklich eine Differenzierung und Steigerung der Schönheit des Schönen bedeutet und nicht lediglich eine solche des Seienden, das schön ist, Aber Plato meint offenbar, dass die teleologische Seinsordnung auch eine Schönheitsordnung ist, dass die Schönheit im intelligiblen Bereich reiner und klarer zur Erscheinung kommt als im Sichtbaren, das durch das Maßwidrige und Unvollkommene getrübt sei.
Mittelalter: In gleicher Weise hat die mittelalterliche Philosophie den Begriff des Schönen an den des Guten, des bonum, aufs engste angeschlossen, so eng, dass eine klassische Aristoteles-Stelle über das kalon dem Mittelalter verschlossen war, weil die Übersetzung das Wort kalon hier einfach mit bonum wiedergab. (2)
Maß/Proportion: Die Basis der engen Verknüpfung der Idee des Schönen mit der der teleologischen Seinsordnung ist der pythagoreisch-platonische Maßbegriff. Plato bestimmt das Schöne durch Maß, Angemessenheit und Proportioniertheit, Aristoteles nennt als die Momente (eide) des Schönen Ordnung. >Schönheit/Aristoteles.
Gadamer I 484
Das Gute/Schönheit/Platon: So eng Plato (...) die Idee des Schönen mit der des Guten verknüpft
hat, so hat er doch auch einen Unterschied zwischen beiden im Auge, und dieser Unterschied enthält einen eigentümlichen Vorzug des Schönen. (...) die Ungreifbarkeit des Guten [findet] im Schönen, d. h. in der Maßhaftigkeit des Seienden und der ihr zugehörigen Offenbarkeit (aletheia),
insofern eine Entsprechung (...), als auch ihm eine letzte Überschwenglichkeit zukommt. Aber Plato kann daneben sagen, dass sich im Versuch, das Gute selbst zu ergreifen, dasselbe in das Schöne flüchtet.(1)
Das Schöne unterscheidet sich also dadurch von dem schlechthin ungreifbaren Guten, dass es eher zu ergreifen ist. Es hat in seinem eigenen Wesen, Erscheinendes zu sein. In der Suche nach dem Guten zeigt sich das Schöne. Das ist zunächst
Gadamer I 485
eine Auszeichnung desselben für die menschliche Seele.
Tugend/Erscheinung: Was sich in vollkommener Gestalt zeigt, das zieht das Liebesverlangen auf sich. Das Schöne nimmt unmittelbar für sich ein, während die Leitbilder menschlicher Tugend sonst im trüben Medium der Erscheinungen nur dunkel kenntlich sind, weil sie gleichsam kein eigenes Licht besitzen, so dass wir oft den unreinen Nachahmungen und Scheingestalten der Tugend verfallen. Das ist beim Schönen anders.
Schönes/Platon: Es hat seine eigene Helligkeit, so dass wir hier nicht von entstellten Abbildern verführt werden. Denn »der Schönheit allein ist dies zuteil geworden, dass sie das am meisten Hervorleuchtende (ekphanestaton) und Liebenswerte ist«.(3)
Ontologie/Rang/Ordnung: Offenbar ist es die Auszeichnung des Schönen gegenüber dem Guten, dass es sich von sich selbst her darstellt, sich in seinem Sein unmittelbar einleuchtend macht.
Damit hat es die wichtigste ontologische Funktion, die es geben kann, nämlich die der Vermittlung zwischen Idee und Erscheinung.
Erscheinung/Idee/Vermittlung: Dort ist ja die metaphysische Crux des Platonismus. Sie verdichtet sich im Begriff der Teilhabe (methexis) und betrifft sowohl das Verhältnis der Erscheinung zu
der Idee als auch das Verhältnis der Ideen zueinander. Wie der „Phaidros“ lehrt, ist es kein Zufall, wenn Plato dieses umstrittene Verhältnis der „Teilhabe“ besonders gern an dem Beispiel des Schönen verdeutlicht. >Teilhabe/Platon.
Das Schöne erscheint nicht nur an dem, was sinnlich sichtbar da ist, sondern so, dass dieses eben dadurch erst eigentlich da ist, d. h. sich als Eines aus allem heraushebt. Das Schöne ist wirklich von sich aus „am meisten hervorleuchtend“ (to ekphanestaton). ((s) s.o. Ontologischer Rang).
„Hervorscheinen“ ist also nicht nur eine der Eigenschaften dessen, was schön ist, sondern macht sein eigentliches Wesen aus. Die Auszeichnung des Schönen, dass es das Verlangen der menschlichen Seele unmittelbar auf sich zieht, ist in seiner Seinsweise begründet. Es ist die Maßhaftigkeit des Seienden, die es nicht allein sein lässt, was es ist, sondern es auch als ein in sich
bemessenes, harmonisches Ganzes hervortreten lässt.
Alethia: Das ist die Offenbarkeit (alétheia), von der Plato im spricht, die zum Wesen des Schönen gehört.(4)
Schein/Erscheinung/Vorschein: Schönheit ist nicht einfach Symmetrie, sondern der Vorschein selbst, der auf ihr beruht. Sie ist von der Art des Scheinens. Scheinen aber heißt: auf etwas scheinen und so an dem, worauf der Schein fällt, selber zum Erscheinen kommen.
Gadamer I 491
Aletheia/Platon: [Platon] zuerst hat im Schönen als sein Wesensmoment die alétheia aufgewiesen, und es ist deutlich, was er damit meint: das Schöne, die Weise, in der das Gute erscheint, macht sich selbst in seinem Sein offenbar, stellt sich dar. Vgl. >Schönheit/Thomas.
Darstellung/Präsentation: Was sich so darstellt, ist nicht von sich selbst unterschieden, indem es sich darstellt. Es ist nicht etwas für sich und etwas anderes für andere. Es ist auch nicht an etwas anderem. Es ist nicht der über eine Gestalt ausgegossene Glanz, der von außen auf sie fällt. Vielmehr ist es die Seinsverfassung der Gestalt selbst, so zu glänzen, sich so darzustellen. Daraus folgt nun, dass in Hinsicht auf das Schönsein das Schöne immer ontologisch als „Bild“ verstanden werden muss.
Idee und Erscheinung: Es macht keinen Unterschied, ob „es selbst“ oder sein Abbild erscheint, Das war ja, wie wir gesehen hatten, die metaphysische Auszeichnung des Schönen, dass es den Hiat zwischen Idee und Erscheinung schloss. Es ist „Idee“ ganz gewiss, d, h. es gehört einer Ordnung des Seins an.


1. Symp. 210 d: Reden Verhältnisse. I Vol. „Unterwegs zur Schrift“, Ges. Werke 7.1
2. Arist. Met. M 4, 1078 a 3—6. Vgl. Grabmanns Einleitung zu Ulrich von Straßburg De pulchro, S. 31 (Jbø bayer. Akad. d. Wiss. 1926), sowie die wertvolle Einleitung G. Santinellos zu Nicolai de Cusa, Tota pulchra es, Atti e Mem. della Academia Patavina LXXI. Nicolaus geht auf Ps. Dionysios und Albert zurück, die das mittelalterliche Denken über das Schöne bestimmen.
3. Phaidr. 250 d 7.
4. Phil. 51 d.

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Bubner I 35
Gut/Schönheit/Platon/Bubner: beim Schönen begnügen wir uns, den Schein davon zu haben, beim Guten können wir uns nicht damit begnügen.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

Bu I
R. Bubner
Antike Themen und ihre moderne Verwandlung Frankfurt 1992

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> Gegenargumente gegen Platon

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