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Hermeneutik: Allgemein die Theorie dessen, was es heißt, Äußerungen, insbesondere Texte zu verstehen. Probleme der Hermeneutik sind historischer Abstand zu den Quellen mit einer damit einhergehenden Bedeutungsverschiebung sowie Besonderheiten im Sprachgebrauch von Autoren sowie beabsichtigte oder unbeabsichtigte Unvollständigkeit. Im engeren Sinn ist die Hermeneutik ein Vorrat an entwickelten Methoden zum Textverstehen. Siehe auch Sinn, Interpretation, Sprache, Symbole, Verstehen, Bedeutungswandel, Zeichen.

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Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente.

 
Autor/Titel Begriff Zusammenfassung Metadaten

Hans-Georg Gadamer über Hermeneutik – Lexikon der Argumente

I 169
Hermeneutik/Gadamer: Hermeneutik müsste (…) derart umfassend verstanden werden, dass
sie die ganze Sphäre der Kunst und ihre Fragestellung mit einbezöge. Wie jeder andere zu verstehende Text muss ein jegliches Kunstwerk nicht nur
I 170
das literarische – verstanden werden. Damit erhält das hermeneutische Bewusstsein eine umfassende Weite, die diejenige des ästhetischen Bewusstseins noch übertrifft. Die Ästhetik muss
in der Hermeneutik aufgehen. Vgl. >Ästhetisches Bewusstsein.
Die heutige Aufgabe könnte sein, sich dem beherrschenden Einfluss der Diltheyschen Fragestellung und den Vorurteilen der durch ihn begründeten „Geistesgeschichte“ zu entziehen. >Hermeneutik/Dilthey.
I 171
(…) die Kunst [ist] niemals nur vergangene (…), sondern [sie weiß] den Abstand der Zeiten durch ihre eigene Sinnpräsenz zu überwinden. Insofern zeigt sich am Beispiel der Kunst nach beiden Seiten hin ein ausgezeichneter Fall von Verstehen. Sie ist kein bloßer Gegenstand des historischen Bewusstseins, dennoch aber schließt ihr Verständnis schon historische Vermittlung mit ein. Wie bestimmt sich dann ihr gegenüber die Aufgabe der Hermeneutik? Vgl. >Hermeneutik/Schleiermacher, >Hermeneutik/Hegel.
I 177
Hermeneutik/Gadamer: Auf zwei Wegen, dem theologischen wie dem philologischen, hatte sich die
Kunstlehre des Verstehens und der Auslegung aus einem analogen Antrieb entwickelt: die theologische Hermeneutik, wie Dilthey schön gezeigt hat(1), aus der Selbstverteidigung des reformatorischen Bibelverständnisses gegen den Angriff der tridentinischen Theologen und ihre Berufung auf die Unentbehrlichkeit der Tradition die philologische Hermeneutik als ein Instrumentarium für den humanistischen Anspruch auf Wiederentdeckung der
I 178
klassischen Literatur.
Biblische Hermeneutik: ihre Voraussetzung ist das Schriftprinzip der Reformation. >Interpretation/Luther.

I 280
Hermeneutik/Gadamer: Die grundsätzliche Diskreditierung aller Vorurteile, die das Erfahrungspathos der neuen Naturwissenschaft mit der Aufklärung verbindet, wird in der historischen Aufklärung universal und radikal. Eben hier liegt der Punkt, an dem der Versuch einer philosophischen Hermeneutik kritisch einzusetzen hat. Die Überwindung aller Vorurteile, diese Pauschalforderung der Aufklärung, wird sich selber als ein Vorurteil erweisen, dessen Revision erst den Weg für ein angemessenes Verständnis der Endlichkeit freimacht, die nicht nur unser Menschsein, sondern ebenso unser geschichtliches Bewusstsein beherrscht. Vgl. >Tradition/Romantik.
Heißt in Überlieferungen stehen in erster Linie wirklich: Vorurteilen unterliegen und in seiner Freiheit begrenzt sein? Ist nicht vielmehr alle menschliche Existenz, auch die freieste, begrenzt und auf mannigfaltige Weise bedingt? Wenn das zutrifft, dann ist die Idee einer absoluten Vernunft
überhaupt keine Möglichkeit des geschichtlichen Menschentums. Vernunft ist für uns nur als reale geschichtliche, d. h. schlechthin: Sie ist nicht ihrer selbst Herr, sondern bleibt stets auf die Gegebenheiten angewiesen, an denen
I 281
sie sich betätigt. Das gilt nicht nur in dem Sinne, in dem Kant die Ansprüche des Rationalismus unter dem Einfluss der skeptischen Kritik Humes auf das apriorische Moment in der Naturerkenntnis eingeschränkt hat - es gilt viel entschiedener für das geschichtliche Bewusstsein und die Möglichkeit geschichtlicher Erkenntnis.
Verstehen/Gadamer: Der Mensch ist sich selber und seinem geschichtlichen Schicksal in noch ganz anderer Weise fremd, als ihm die Natur fremd ist, die nicht von ihm weiß.
Für das historische Verstehen siehe auch >Das Klassische/Gadamer.
I 295
Hermeneutik/Gadamer: Das Verstehen selbser ist icht so sehr als eine Handlung der Subjektivität zu denken, sondern als Einrücken in ein Überlieferungsgeschehen, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart beständig vermitteln. Das ist es, was in der hermeneutischen Theorie zur Geltung kommen muss, die viel zu sehr von der Idee eines Verfahrens, einer Methode, beherrscht ist.
I 300
[Eine Spannung] spielt zwischen Fremdheit und Vertrautheit, die die Überlieferung für uns hat, zwischen der historisch gemeinten, abständigen Gegenständlichkeit und der Zugehörigkeit zu einer
Tradition. In diesem Zwischen ist der wahre Ort der Hermeneutik.
I 313
Anwendung des Verstandenen: Die innere Verschmelzung von Verstehen und Auslegen führte (...) dazu, dass das dritte Moment am hermeneutischen Problem, die Applikation, ganz aus dem Zusammenhang der Hermeneutik herausgedrängt wurde.
Bsp Die erbauliche Anwendung, die etwa der Heiligen Schrift in der christlichen Verkündigung und Predigt zuteil wird, schien etwas ganz anderes als das historische und theologische Verständnis derselben. Nun haben uns unsere Überlegungen zu der Einsicht geführt, dass im Verstehen immer so etwas wie eine Anwendung des zu verstehenden Textes auf die gegenwärtige >Situation des Interpreten stattfindet. Wir werden also gleichsam einen Schritt über die romantische Hermeneutik hinaus genötigt, indem wir nicht nur Verstehen und Auslegen, sondern dazu auch Anwenden als in einem einheitlichen Vorgang begriffen denken. >Juristische Hermeneutik/Gadamer, >Theologische Hermeneutik/Gadamer.
I 334
Hermeneutik/Gadamer: Sofern der eigentliche Gegenstand des historischen Verstehens nicht Ereignisse sind, sondern ihre „Bedeutung“ ist solches Verstehen offenbar nicht richtig beschrieben, wenn man von einem an sich seienden Gegenstand und dem Zugehen des Subjekts auf diesen spricht. In Wahrheit liegt im historischen Verstehen immer schon darin, dass die auf uns kommende Überlieferung in die Gegenwart hineinspricht und in dieser Vermittlung - mehr noch: als diese Vermittlung - verstanden werden muss.
I 391
Hermeneutik/Gadamer: So wie der Übersetzer als Dolmetsch die Verständigung im Gespräch nur dadurch ermöglicht, daß er an der verhandelten Sache teilnimmt, so ist auch gegenüber dem Text die unentbehrliche Voraussetzung für den Interpreten, dass er an seinem Sinn teilnimmt. Es ist also ganz berechtigt, von einem hermeneutischen Gespräch zu reden. Dann folgt daraus aber, dass das hermeneutische Gespräch sich wie das wirkliche Gespräch eine gemeinsame Sprache erarbeiten muss und dass diese Erarbeitung einer gemeinsamen Sprache ebenso wenig wie beim Gespräch
die Bereitung eines Werkzeuges für die Zwecke der Verständigung ist, sondern mit dem Vollzug des Verstehens und der Verständigung selbst zusammenfällt. Auch zwischen den Partnern dieses „Gesprächs“ findet wie zwischen zwei Personen eine Kommunikation statt, die mehr ist als bloße Anpassung. Der Text bringt eine Sache zur Sprache, aber dass er das tut, ist am Ende die Leistung des Interpreten. Beide sind daran beteiligt.
I 392
In diesem Sinne handelt es sich im Verstehen ganz gewiss nicht um ein „historisches Verständnis“ das die Entsprechung des Textes rekonstruierte. Vielmehr meint man den Text selbst zu verstehen.
I 446
Hermeneutik/Humboldt/Gadamer: [Humboldts] Bedeutung für das Problem der Hermeneutik liegt (...) [darin]: in der Erweisung der Sprachansicht als Weltansicht. >Sprache/Humboldt, >Kultur/Humboldt.
Er hat den lebendigen Vollzug des Sprechens, die sprachliche Energeia als das Wesen der
Sprache erkannt und dadurch den Dogmatismus der Grammatiker gebrochen. Von dem Begriff der Kraft aus, der sein ganzes Denken über die Sprache leitet, hat er insbesondere auch die Frage nach dem Ursprung der Sprache zurechtgestellt, die durch theologische Rücksichten besonders belastet war.
Ursprung der Sprache/Humboldt: [Humboldt] betont mit Recht, dass die Sprache von ihrem Anbeginn an menschlich ist.(2)
I 479
Hermeneutik/Gadamer:
Universalität der Hermeneutik: (...) sprachlich und damit verständlich ist das menschliche Weltverhältnis schlechthin und von Grund aus. Hermeneutik ist (...) insofern ein universaler Aspekt der Philosophie und nicht nur die methodische Basis der sogenannten Geisteswissenschaften.
I 480
Kunst/Geschichte: (...) die Begriffe von „Kunst“ und „Geschichte“ (...) sind Auffassungsformen, die sich aus der universalen Seinsweise des hermeneutischen Seins als Formen der hermeneutischen Erfahrung erst ausgliedern.



1.2 Dilthey, Die Entstehung der Hermeneutik, Ges. Schriften Bd. V, 317 338.
2. W. von Humboldt, „Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus ..“
(zuerst gedruckt 1836), § 9, S. 60


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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