Philosophie Lexikon der Argumente

 
Diskurs, Philosophie: Ein Diskurs im philosophischen Zusammenhang ist vereinfacht ausgedrückt eine Menge von Themen, die zusammen mit einem bestimmten Vorrat an verwendeten Begriffen zu einer Zeit von einer Gruppe von Menschen diskutiert werden. Dabei können neue Themen propagiert und weitere Begriffe entwickelt werden. Die Aufstellung von Zugangsregeln und Diskursregeln ist Gegenstand verschiedener Diskurstheorien. Siehe auch Intersubjektivität, Rationalität, Kommunikation, Kommunikations-Theorie.

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Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente.

 
Autor/Titel Begriff Exzerpt Metadaten

 
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II 33ff
Diskurs/Foucault: Zunächst negative Arbeit: wir müssen uns von einem ganzen Komplex von Begriffen lösen: 1.Tradition, 2. unreflektierten Kontinuitäten.
Def Tradition: dank seiner kann man die Neuigkeiten auf einem Hintergrund der Permanenz isolieren, Ähnlichkeiten und Wiederholungen bekommen einen kausalen Anstrich. Der Begriff verbindet auf Entfernung und durch die Zeit hindurch. Er gruppiert verstreute Ereignisse. FoucaultVs: es gibt nie scharfe Grenzen. In einem anderen System gibt es ganz andere Verbindungen. Der Begriff sollte nicht verwendet werden.
Diskurs/Foucault: 1.falsche Annahme, es gäbe stets einen geheimen Ursprung. 2. falsche Annahme, jeder Diskurs beruhte insgeheim auf einem bereits Gesagten.
Stattdessen neu: den Diskurs im Mechanismus seines Drängens behandeln. So erscheint das Vorhaben einer reinen Beschreibung der diskursiven Ereignisse als Horizont für die Untersuchung der sich darin bildenden Einheiten. Keine Analyse der Sprache!. Stattdessen: Frage: wie kommt es, dass eine bestimmte Aussage erschienen ist und keine andere an ihrer Stelle?
Denken/Diskurs: diese Beschreibung des Diskurses ist nicht die Geschichte des Denkens! Die Geschichte des Denkens würde die Absicht von Subjekten untersuchen wollen.
Diskurs: Beim Diskurs geht es um das Wiederfinden des stummen, murmelnden, unerschöpflichen Sprechens, das von innen die Stimme belebt, die man hört.
Denken: Analyse des Denkens ist stets allegorisch im Verhältnis zum Diskurs, den sie benutzt. Frage: was wurde wirklich gesagt?
Diskurs: wird völlig anders analysiert: man muss zeigen, warum er so und nicht anders war. Es geht um Ereignisse, die weder die Sprache noch der Sinn völlig erschöpfen können. Nicht psychologisch! Keine Gruppierungen.
II 48ff
Diskurs: könnte man von einer Identität der Themen sprechen? Bsp ob die Evolution als Thema sich von Buffon bis Darwin durchgehalten hatte?. Foucault: dieses Thema unterschob stets mehr als man davon wußte, aber zwang dazu, von einer fundamentalen Wahl auszugehen. Antwort: anstatt Ketten von logischen Schlüssen oder Tafeln von Unterschieden aufzustellen, sollte man Systeme der Steuerung beschreiben. Formationsregeln.
II 61ff
Analyse des Diskurses: entdeckt keine Form, sondern eine Gesamtheit von Regeln, die einer Praxis immanent sind.
Nicht die Gegenstände bleiben konstant, noch der Bereich, den sie bilden, nicht einmal der Punkt des Auftauchen oder ihre Charakterisierungseise, sondern das Inbeziehungsetzen der Oberflächen, wo sie erscheinen!
Bsp Wir wollen nicht wissen, ob derselbe, zur jederzeit wahnsinnig gewesen wäre. (Eine solche Geschichte des Referenten ist zweifellos möglich).
Aber hier geht es nicht darum, den Diskurs geschichtlich zu neutralisieren, sondern im Gegenteil, ihn in seiner Konsistenz zu erhalten, in seiner eigenen Komplexität.
Es geht auch nicht um die Untersuchung des Bedeutungswandels von Wörtern und Begriffen. Die Wörter sind unserer Analyse ebenso fern wie die Dinge selbst.
Es geht vielmehr darum, warum ein. Gegenstand einer Untersuchung geworden ist.
Bsp warum die Kriminalität ein Gegenstand der medizinischen Untersuchung geworden ist oder Bsp die sexuelle Abweichung Gegenstand des psychiatrischen Diskurses.
Diskurs: nicht eine reine und einfache Beschränkung der Dinge und Wörter, keine dünne Kontaktfläche zwischen Wirklichkeit und Sprache. Vielmehr macht die Analyse die Regeln sichtbar. Die Regeln und Praktiken bilden die Gegenstände.
A
II 154f
Def Diskurs: Menge von Aussagen, die dem gleichen Formationssystem (diskursive Formation) angehören. Bsp klinischer, ökonomischer Diskurs.
Def Formulierung: Ereignis, das stets raum zeitlich auffindbar ist.
Def Satz/Proposition: die Einheiten, die die Grammatik oder Logik in einer Zeichenmenge erkennen können.
Def Aussage: die dieser Zeichenmenge eigene Existenzmodalität.
Diskursive Formation: soll jetzt zum einem Gesetz der Serien ausformuliert werden.
Denkbild: die Beschreibung der Aussagen wendet sich nach einer in gewisser Weise vertikalen Dimension den Existenzbedingungen der verschiedenen Bedeutungsmengen zu.
Beschreibung der Aussage: Paradox: die Beschreibung versucht nicht, die sprachlichen Performanzen zu umgehen, dennoch ist die Aussage nicht unmittelbar sichtbar. Sie gleichzeitig nicht sichtbar und nicht verborgen.
Analyse der Aussage: historisch, aber außerhalb jeder Interpretation: sie befragt die gesagten Dinge nicht nach dem, was sie verbergen, sondern umgekehrt, auf welche Weise sie existieren, was es für sie heißt, manifestiert worden zu sein.
Bedeutung: verschiedene Bedeutungen gibt es auf einem identischen Aussagesockel. Aber fehlende Regelmäßigkeit ist keine verborgene Bedeutung!
Aussage: keine Einheit neben, über oder unter den Sätzen oder Propositionen.
Bedeutung: verweist immer auf etwas anderes.
Sprache/Foucault: scheint stets durch das Andere, das Woanders, das Distanzierte, das Ferne bevölkert. Sie wird durch die Abwesenheit ausgehöhlt.
B
II 165ff
Wie kann sich die Beschreibung der Aussagen der Analyse der diskursiven Formationen anpassen?
Denkbild: ich gehe nicht mittels einer linearen Deduktion vor, sondern im konzentrischen Kreisen.
Theorie/Foucault: ich habe kein strenges theoretisches Modell errichtet, sondern ein kohärentes Beschreibungsgebiet freigesetzt.
Def Diskursive Formation: das allgemeine Aussagesystem, in einer Gruppe sprachlicher Performanzen gehorcht. Nicht das einzige System, von dem sie beherrscht wird, sie wird außerdem von einem logischen, linguistischen, psychologischen System gelenkt.
Eine Aussage gehört zu einer diskursiven Formation, wie ein Satz zu einem Text und eine Proposition zu einer deduktiven Gesamtheit.
Def Diskurs: eine Menge von Aussagen, insoweit sie zur selben diskursiven Formation (Formationssystem) gehören.
Def »diskursive Praxis«: nicht expressives Tun, auch nicht rationale Aktivität, auch nicht Kompetenz, sondern: Gesamtheit von anonymen, historischen, stets im Raum und Zeit determinierten Regeln, die in einer gegebenen Epoche für eine soziale, ökonomische, geographische oder sprachliche Umgebung die Wirkungsbedingungen der Aussagefunktion definiert haben.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders.

Fouc I
M. Foucault
The Order of Things: An Archaeology of Human Sciences 1994

Fouc II
Michel Foucault
Archäologie des Wissens Frankfurt/M. 1981

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Hg. Martin Schulz, Abfragedatum 26.09.2017