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Zeit: A. Zeit ist eine Dimension, in der Ereignisse angeordnet werden. Zunächst ist damit noch keine Richtung (vorher/nachher) festgelegt. Eine Zeitrichtung kann im Zusammenhang mit dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik gewonnen werden. Dabei muss jedoch ein globaler Rahmen angenommen werden, innerhalb dessen es eine Zunahme von Entropie gibt. Die Annahme einer zunehmenden Entropie gilt nicht für den Vergleich lokaler Ereignisse. B. Im Fall der subjektiven Zeit ist die Frage der Richtung weniger problematisch. Die empfundene Zeitrichtung wird durch den gelernten Gebrauch der Ausdrücke „vorher“ und „nachher“ ausgedrückt. Siehe auch Zeitpfeil, Zeitreisen, Zeitumkehr, Symmetrien, Dauer, Raumzeit, Relativitätstheorie, Vierdimensionalismus, Weltlinien.

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Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente.

 
Autor/Titel Begriff Zusammenfassung Metadaten

Vil��m Flusser über Zeit – Lexikon der Argumente

I 119
Zeit im Bild/Flusser: Zeit im Bild lässt sich zu Kreisen umbiegen: Die Zeit im Bild ist ein Strom, der auf der Oberfläche fließt, um deren Elemente zusammenzuhalten.
Bsp H O H (in einem Rahmen) bedeutet eine Szene, innerhalb derer die kreisende Zeit die Elemente räumlich anordnet.
I 120
Man kann sie auf zwei Seiten räumlich auseinander rollen: "H2O" : dann sind Wasserstoff und Sauerstoff Ursachen, 2. 2H + O , dann sind sie Folgen des Wassers.
Bei der ersten Erklärung steht die vom Bild gemeinte Szene als Endpunkt eines synthetisch, bei zweiten eines analytischen Prozesses. Beide Erklärungen ordnen die Elemente zeitlich.
I 121
Dabei geht aber die im Bild ursprünglich enthaltene Information verloren, welche das räumliche und gerade nicht prozessuale Verhältnis betrifft. Die beiden Erklärungen sind gewissermaßen Profanierungen des ursprünglich Heiligen.
Die Ordnung des Bildes ist nämlich keine erklärende Ordnung wie die des Textes, sondern eine totale Ordnung.
I 132
Zeit/Flusser: Was immer die erlebte Zeit sein mag, sie kann nicht linear sein: sie kommt von allen Seiten. Sie kann nicht von der Vergangenheit der Zukunft zufließen, denn es ist die Zukunft und nicht die Vergangenheit, die ankommt.
Die Gegenwart kann nicht ein Punkt auf einem Strahl sein, denn sie ist ja der Ort, an dem alle Zeit sich sammelt, eben gegenwärtig wird.
Andererseits kann die historische Zeit auch nicht abstrakter sein als die magische, denn sie kann ebenso gut wie die magische unser konkretes Erleben vorprogrammieren.
Man kann an sie ebenso gut wie an die magische glauben. Empfänger einer textlichen Botschaft (linear) leben in einer ganz anderen Welt als die der magischen Stimmung.
Sie erleben die Welt nicht mehr als "Szenen" sondern als "Ereignisse" und das heißt: sie erleben die Zeit als unwiderruflich.
I 214 ff
Zeit/Flusser: Zeiterlebnis im linearen Bewusstsein wird die Zeit als Strom erlebt, der aus der Vergangenheit in Richtung Zukunft fließt, historische Vergangenheit unwiderruflich vorbei.
Für technoimaginäres Bewusstsein ist das der pure Wahnsinn.
a) sobald man sich ein Bild vom Begriff der historischen Zeit macht, wird erkennbar, dass sie in umgekehrter Richtung strömt: von der Zukunft in Richtung Vergangenheit: was ankommt ist nicht gestern, sondern morgen.
b) Gegenwart wird als Zentrum der Zeit ersichtlich. Zeit wird als Tendenz zur Vergegenwärtigung erkennbar.
Für das historische Bewusstsein ist die Gegenwart ein Punkt auf einer Linie, daher ist die Gegenwart unwirklich, sobald sie ist, ist sie nicht mehr.
I 215
Wirklich ist für das historische Bewusstsein nur das Werden.
Für die Technoimagination (TI) ist eine solche Ontologie ein typisches Beispiel für Wahnsinn.
1. Konsequenz: Für sie ist nur die Gegenwart wirklich, weil diese der Ort ist, an dem das nur mögliche (die Zukunft) ankommt, um verwirklicht, (eben gegenwärtig) zu werden.
2. Konsequenz: Die Vergangenheit ist ein Loch in der Gegenwart. Allerdings tritt die Vergangenheit nicht als "dritte Zeitform" (neben Gegenwart und Zukunft) sondern als Aspekt der Gegenwart auf. als "Gedächtnis".
I 216
3. Konsequenz: "Politisierung" der Zeit: ich bin konstant, die Welt ist variabel. Der Versuch, die Gegenwart so zu erweitern dass andere mit mir zusammen in ihr sein können.
4. Konsequenz: historische Kausalketten werden sinnlos: Die Zukunft kommt an, sie "folgt" nicht aus etwas. Bsp Vögel bauen keine Nester "weil" sie von genetischer Information dafür programmiert sind, sondern beim Nestbau stellt sich heraus, dass Vögel eine genetische Information haben.
Bsp Die Französische Revolution führt nicht zur Russischen Revolution, sondern in der Russischen Revolution wird ersichtlich, dass die Französische eine inneren Widerspruch besaß.
Obgleich wir dieses neue Zeiterlebnis "haben" haben wird nicht das Bewusstsein dieses Habens.
I 217
Es kündigt sich eine neue, unfortschrittliche Zukunft an.
Der Fortschritt ist in der Vergangenheit "aufgehoben".


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Fl I
V. Flusser
Kommunikologie Mannheim 1996

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