Psychologie Lexikon der Argumente

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Johann Gustav Droysen über Geschichte – Lexikon der Argumente

Pfotenhauer IV 60
Positivismus/Geschichte/DroysenVsBuckle/Droysen: (J. G. Droysen Erhebung der Geschichte zum Rang einer Wissenschaft, in HZG 9, (1863), S. 1-22.). Seit Droysens Kritik an Buckles History of Civilization (H. Th. Buckle, History of Civilization in England, London 185ff.) in England nahmen die Bemühungen zu, die historischen Wissenschaften und ihren Gegenstand als einen eigenen Bereich geistiger Betätigung auszuweisen. Buckles Werk konnte als repräsentativ gelten für den Versuch, ein positivistisches Programm für die verschiedenen Bereich geschichtlich-gesellschaftlichen Lebens zu erstellen. Im Anschluss an Comte sollten die konstanten Beziehungen zwischen beobachtbaren Phänomenen festgehalten werden (A. Comte, Discours sur l‘Esprit positif, Paris 1844, dt. Hamburg 1956, S. 26ff) anstatt metaphysisch über „eigentliche“ Ursachen zu spekulieren. …Zur erkenntnisleitenden Voraussetzung der historischen Forschung würde dann die Annahme, alle geschichtlichen Erscheinungen seien kausal bestimmt. Diese Voraussetzung würde gemacht um des methodischen Ideals einer exakten, allzeit wiederholbaren, situationsunabhängigen Beobachtung und Analyse willen.

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Gadamer I 216
Geschichte/Droysen/Gadamer: Droysen sieht die Doppelnatur der Geschichte begründet in dem »eigentümlichen“
Gadamer I 217
Charisma der so glücklich unvollkommenen Menschennatur, dass sie geistig und leiblich zugleich sich ethisch verhalten muss.«(1)
Gadamer: Mit diesen, Wilhelm von Humboldt entlehnten Begriffen sucht Droysen gewiss nichts anderes zu sagen, als was Ranke mit der Betonung der Kraft im Auge hatte. Auch er sieht die Wirklichkeit der Geschichte nicht als reinen Geist. Sich ethisch verhalten schließt vielmehr ein, dass die Welt der Geschichte keine reine Ausprägung des Wollens in einem widerstandslos bildsamen Stoff kennt. Ihre Wirklichkeit besteht in einer immer neu vom Geist zu leistenden Erfassung und Gestaltung der „rastlos wechselnden Endlichkeiten“ denen jeder Handelnde angehört. Droysen gelingt es nun in ganz anderem Grade, aus dieser Doppelnatur der Geschichte Folgerungen für das historische Verhalten zu ziehen.
DroysenVsRanke: Die Anlehnung an das Verhalten des Dichters, die Ranke genügte, kann
ihm nicht mehr ausreichen. (Vgl. >Verstehen/Ranke).
Die Selbstentäußerung im Schauen oder Erzählen führt nicht an die geschichtliche Wirklichkeit heran. Denn die Dichter »dichten zu den Ereignissen eine psychologische Interpretation derselben. In den Wirklichkeiten aber wirken noch andere Momente als die Persönlichkeiten« (Historik § 41)(1).
Die Dichter behandeln die geschichtliche Wirklichkeit so, als wäre sie von handelnden Personen so gewollt und geplant. Das ist aber gar nicht die Wirklichkeit der Geschichte, derart zu sein.
Daher ist das wirkliche Wollen und Planen der handelnden Menschen gar nicht der eigentliche Gegenstand des historischen Verstehens. Die psychologische Interpretation der einzelnen Individuen kann die Sinndeutung der geschichtlichen Ereignisse selbst nicht erreichen. »Weder geht der Wollende ganz in diesem einen Sachverhalt auf, noch ist das, was wurde, nur durch dessen Willensstärke, dessen Intelligenz geworden; es ist weder der reine noch der ganze Ausdruck dieser Persönlichkeit. « (§ 41).
Psychologische Interpretation ist daher nur ein untergeordnetes Moment im historischen Verstehen, und das nicht nur deshalb, weil sie ihr Ziel nicht wirklich erreicht. Es ist nicht nur so, dass hier eine Schranke erfahren wird.
Psychologie/Verstehen/Droysen: Die Innerlichkeit der Person, das Heiligtum des Gewissens ist für den Historiker nicht nur unerreichbar. Das, wohin nur Sympathie und Liebe dringen, ist vielmehr gar nicht das Ziel und der Gegenstand seiner Forschung. Er hat nicht in die Geheimnisse der individuellen Personen einzudringen. Was er erforscht, sind nicht die einzelnen als solche, sondern was sie als Momente in der Bewegung der sittlichen Mächte bedeuten.


1. J.G. Droysen, Grundriß der Historik, 1868


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Begriff/Autor], [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] bzw. "Problem:"/"Lösung", "alt:"/"neu:" und "These:" ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Droys I
J. G. Droysen
Grundriss der Historik Paderborn 2011

Pfot I
Helmut Pfotenhauer
Die Kunst als Physiologie. Nietzsches ästhetische Theorie und literarische Produktion. Stuttgart 1985

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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