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Historismus über Geschichte - Lexikon der Argumente

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Geschichte/Historismus/Gadamer: Die gemeinsame Grundannahme aller Vertreter dieser historischen Weltansicht, Rankes wie Droysens wie Diltheys, besteht darin, daß die Idee, das Wesen, die Freiheit in der geschichtlichen Wirklichkeit keinen vollständigen und adäquaten Ausdruck findet. Das ist nun nicht im Sinne eines bloßen Mangels oder Zurückbleibens zu verstehen. Vielmehr entdecken sie darin das konstitutive Prinzip der Geschichte selbst, dass die Idee in der Geschichte immer nur eine unvollkommene Repräsentation hat. Nur weil dem so ist, bedarf es statt der Philosophie der historischen Forschung, den Menschen über sich selbst und seine Stellung in der Welt zu belehren. Die Idee einer Geschichte, die reine Repräsentation der Idee wäre, bedeutete in einem den Verzicht auf sie als einen eigenen Wahrheitsweg.
Gadamer: Indessen ist auch die Leugnung eines solchen apriorischen, ungeschichtlichen Maßstabs, die am Anfang der historischen Forschung des 19. Jahrhunderts steht, nicht so frei von metaphysischen Voraussetzungen, wie sie sich glaubt und wie sie behauptet, wenn sie sich als wissenschaftliche Forschung versteht. Das lässt sich an der Analyse der leitenden Begriffe dieser historischen Weltansicht zeigen. Zwar sind diese Begriffe ihrer eigenen Intention nach gerade darauf gerichtet, die Vorgreiflichkeit einer aprioristischen Geschichtskonstruktion zu korrigieren. Aber indem sie sich gegen den idealistischen Begriff des Geistes polemisch richten, bleiben sie doch auf ihn bezogen. >Geschichte/Dilthey.
Historismus/Gadamer: Geschichtliche Wirklichkeit ist aber (...) nicht ein bloßes trübes Medium, geistwidriger Stoff, starre Notwendigkeit, an der sich der Geist bricht und in deren Fesseln er erstickt. Solche gnostisch-neuplatonische Einschätzung des Geschehens als des Hervorgangs in die äußere Erscheinungswelt wird dem metaphysischen Seinswert der Geschichte und damit dem Erkenntnisrang der historischen Wissenschaft ebenfalls nicht gerecht. Gerade die Entfaltung des menschlichen Wesens in der Zeit hat ihre eigene
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Produktivität. Es ist die Fülle und Mannigfaltigkeit des Menschlichen, die sich in dem unendlichen Wechsel der menschlichen Geschicke zu steigender Wirklichkeit bringt. So etwa ließe sich die Grundannahme der historischen Schule formulieren. Ihr Zusammenhang mit dem Klassizismus der Goethezeit ist nicht zu übersehen.
Was hier leitend ist, ist im Grunde ein humanistisches Ideal. Wilhelm von Humboldt hatte die spezifische Vollendung des Griechentums in dem Reichtum großer individueller Formen gesehen, den es aufweist. Nun sind die großen Historiker auf ein solches klassizistisches Ideal gewiss nicht einzuengen. Sie folgten vielmehr >Herder.
Gadamer: Aber was tut die an Herder anknüpfende historische Weltansicht, die keinen Vorzug eines klassischen Zeitalters mehr kennt, anderes, als dass sie nun das Ganze der Weltgeschichte unter dem gleichen Maßstab sieht, den Wilhelm von Humboldt gebraucht hatte, um den Vorzug des klassischen Altertums zu begründen? Reichtum an individuellen Erscheinungen ist nicht nur die Auszeichnung des griechischen Lebens, es ist die Auszeichnung des geschichtlichen Lebens überhaupt, und das ist es, was den Wert und Sinn der Geschichte ausmacht.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Begriff/Autor], [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] bzw. "Problem:"/"Lösung", "alt:"/"neu:" und "These:" ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.
Historismus

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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