Wirtschaft Lexikon der Argumente

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Mause I 73f
Postdemokratie/Crouch: Die Diskussion über die Postdemokratie resultiert aus der über den Neoliberalismus.
Crouch These: alle westlichen Demokratien befinden sich im Prozess der Postdemokratisierung. Merkmale der Postdemokratie sind:
1. Die grundlegenden demokratische Institutionen und Prozeduren verlieren an Einfluss. (1)
2. Parteipolitik wird zunehmend inhaltslos. An die Stelle von Inhalten treten personalisierte Wahlkampfstrategien. Die Mittlerfunktion der Parteien würde zunehmend an Meinungsforschungsinstitute übertragen.
Das Verhalten der „politischen Klasse“ ähnelt dem von Firmen gegenüber ihren Kunden.
3. Politische Inhalte werden von diesen „Firmen“ bestimmt. Sie entstehen aus dem Zusammenwirken politischer und ökonomischer Akteure. Sie sind nicht mehr primär gemeinwohlorientiert, sondern profitorientiert. (2)
4. Die Bürger werden entmachtet, wenn auch nicht de jure, so doch de facto.
Als Resultat dieser Entwicklung wird Politik hinter verschlossenen Türen gemacht. (3)

1. C. Crouch, 2008. Postdemokratie. Frankfurt a. M. 2008, S. 10ff
2. Ebenda S. 63-69
3. Ebenda S. 10.

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Brocker I 946
Postdemokratie/Crouch/Heidbrink: Crouch übernimmt den Begriff - ohne die Quellen zu nennen - unter anderem von Jacques Rancière (2002)(1), der von einem Verschwinden der Politik durch Verrechtlichung schrieb - und Sheldon S. Wolin (2001)(2) der den politischen Konsumismus und latenten Totalitarismus spätkapitalistischer Schein-Demokratien angeprangerte.
Heidbrink: Der Postdemokratie knüpft auch an den Begriff der „Subpolitik“ (U. Beck, 1993) an; verwandte Begriffe sind Neodemokratie und reflexive Demokratie, in denen neue Akteure, Allianzen und Governance-Regime die Weltpolitik mitbestimmen.
Crouch These: „paradoxe Situation“: Immer mehr Nationalstaaten beruhen auf demokratischen Institutionen und Verfahren, während gleichzeitig die Handlungsfähigkeit demokratischer Politik abnimmt und die Unzufriedenheit mit ihr wächst. (3) >Demokratie/Crouch.
Brocker I 947
Def Postdemokratie/Crouch: bezeichnet ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden, Wahlen, die sogar dazu führen, dass Regierungen ihren Abschied nehmen müssen, in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, daß sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgewählt haben. Die Mehrheit der Bürger spielt dabei eine passive, schweigende, ja sogar apathische Rolle, sie reagieren nur auf die Signale, die man ihnen gibt. Im Schatten dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen gemacht: von gewählten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft vertreten.(4)
Problem: dies für zu einem Niedergang einer egalitaristischen Politik und des wohlfahrtsstaatlichen Korporatismus.
Brocker I 949
Ursachen des Phänomens/Crouch: u.a. der Zerfall der sozialen Klassen, insbesondere der Niedergang der Arbeiterklasse und die schwindende Bedeutung der Gewerkschaften. >Politische Parteien/Crouch.
Weitere Ursache: Privatisierung staatlicher Aufgaben und Ökonomisieren politischer Prozesse. >Public Private Partnership/Crouch.
VsCrouch: siehe StreckVsCrouch: >Regierungspolitik/Crouch.
Brocker I 956
HeidbrinkVsCrouch: Crouch schießt weit über das Ziel einer adäquaten Gesellschaftstheorie hinaus. So blendet er die Herausbildung alternativer Politikstile und sozialer Bewegungen aus, in denen es nicht um einen Abbau, sondern um eine Transformation demokratischer Verfahren und Verhältnisse geht. Dies zeigt sich besonders bei der unklaren Rolle der Zivilgesellschaft, die durch mehr bürgerschaftliche Partizipation zu einer Revitalisierung der Demokratie beitragen soll, während ihr zugleich attestiert wird, eigeninteressiert und ohne politisches Ethos zu agieren. Crouch kann sich nicht vorstellen, dass Bürger als Konsumenten von Politikstilen in der Lage sind, eine reflexive Einstellung zu ihrer eigenen Lebenspraxis zu entwickeln und sich trotz materieller Interessen für eine nachhaltige Wirtschafts- und Umweltpolitik zu engagieren, so wie insgesamt der ökologische Wandel der Demokratie nicht weiter thematisiert wird.
Brocker I 957
HeidbrinkVsCrouch: seinem Begriff der »Postdemokratie« fehlt ein plausibles normatives Fundament. Crouch denkt und argumentiert in Schablonen und Gegensätzen linker Gemeinwohlpolitik und rechter Marktpolitik, durch die der Blick auf neue Formen der Wohlfahrtsproduktion jenseits der Trias von Staat, Markt und Zivilgesellschaft verstellt wird.


1. Jacques Rancière, Das Unvernehmen. Politik und Philosophie, Frankfurt/M. 2002.
2. .Sheldon S. Wolin, Tocqueville between Two Worlds. The Making of a Political and Theoretical Life, Princeton/Oxford 2001.
3. Colin Crouch, Postdemocrazia, Rom/Bari 2003 (engl.: Oxford 2004). Dt.: Colin Crouch, Postdemokratie, Frankfurt/M. 2008, S. 7
4. Ebenda S. 10


Ludger Heidbrink, „Colin Crouch, Postdemokratie“, in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders.

PolCrouch I
Colin Crouch
Henry Farrell
Breaking the path of institutional development? Alternatives to the new determinism 2004

PolCrouch II
Colin Crouch
Post-democracy London 2004

Mause I
Karsten Mause
Christian Müller
Klaus Schubert,
Politik und Wirtschaft: Ein integratives Kompendium Wiesbaden 2018

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018

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> Gegenargumente gegen Crouch

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