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Anthony Giddens über Wohlfahrtsstaat – Lexikon der Argumente

Gaus I 219
Arbeit/Wohlfahrtsstaat/Giddens/Moon: [die] Verpflichtung zur Arbeit ist keine oder nicht nur eine Forderung an das Individuum, der es sich vernünftigerweise widersetzen möchte, denn letztlich wurzelt sie in einem Ideal der sozialen Eingliederung und aktiven Bürgerschaft, durch das die eigenen Interessen und Bedürfnisse des Individuums verwirklicht werden können. Anthony Giddens spricht dieses Thema in seiner Forderung nach "der positiven Wohlfahrtsgesellschaft" an, in der "sich der Vertrag zwischen Individuum und Regierung verschiebt, da Autonomie und die Entwicklung des Selbst - das Medium der wachsenden individuellen Verantwortung - in den Mittelpunkt rücken" (1998(1): 128). >Wohlfahrtsstaat/Wohlfahrtsökonomik, >Arbeit/Wohlfahrtsökonomik, >Wohlfahrtsstaat/Politische Theorien.
Giddens: Wenn der traditionelle "Wohlfahrtsstaat" durch den "Sozialinvestitionsstaat" ersetzt wird, würde die Aufgabe der Regierung darin bestehen, in "Humankapital" zu investieren und nicht in "die direkte Bereitstellung von wirtschaftlicher Erhaltung" (1998(1): 117). Obwohl er einräumt, dass Vollbeschäftigung möglicherweise nicht verwirklicht werden kann, fordert er eine Umverteilung der Arbeit, um möglichst viele Menschen einzubeziehen, und verschiedene Formen der Bezahlung für die Teilnahme an der "Sozialwirtschaft", der Sphäre der Zivilgesellschaft, die traditionell durch freiwillige Arbeit aufrechterhalten wird. >Arbeit/Wohlfahrtsökonomik.


1. Giddens, Anthony (1998) The Third way: The Renewal of Social Democracy. Cambridge: Polity.


Moon, J. Donald 2004. „The Political Theory of the Welfare State“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications
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Brocker I 871
Wohlfahrtsstaat/Giddens: Giddens übernimmt in dem für Theorie und Praxis der sozialen Demokratie entscheidenden Themenfeld des Sozialstaats wichtige »Kritikpunkte der Rechten«: »Der Wohlfahrtsstaat ist prinzipiell undemokratisch, denn er beruht auf einer Umverteilung der Mittel von oben nach unten. Sein Anliegen ist Schutz und Fürsorge, aber er lässt der persönlichen Freiheit nicht genug Raum. Einige Institutionen des Wohlfahrtsstaats sind bürokratisch, entfremdend und ineffizient; außerdem können Sozialleistungen teilweise das Gegenteil dessen bewirken, was sie eigentlich erreichen sollen. Die Politik des dritten Weges begreift diese Schwierigkeiten trotzdem nicht als Auslöser, um den Wohlfahrtsstaat zu demontieren, sondern als Anlass, ihn umzugestalten«.(1)
Lösung/Giddens: Überwindung des nachträglich reparierenden und soziale Leistungen verteilenden Wohlfahrtsstaats durch eine Strategie der gezielten »Sozialinvestitionen« in menschliche Fähigkeiten. Dabei geht es vor allem um Bildung, Ausbildung, lebenslanges Lernen, Umschulungen bei strukturbedingtem Arbeitsplatzverlust und Hilfen beim Aufbau kleinerer Betriebe.
Damit wird zum einen das in der alten Sozialdemokratie stets hoch belastete Spannungsverhältnis zwischen wirtschaftlicher Produktivität und Sozialstaat abgebaut, sowohl was die Finanzierung als auch die passivierenden Folgen einer bloßen Umverteilungspolitik betrifft. Zum anderen werden Bürger für ein Engagement in der Zivilgesellschaft »trainiert«, die ja das eigenverantwortliche Engagement der Bürgerinnen und Bürger sowohl voraussetzt wie auch wiederum »schult«.



1.Anthony Giddens, Der dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie, Frankfurt/M. 1999, S. 132.


Thomas Meyer, „Anthony Giddens, Der dritte Weg“ in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Giddens, Anthony

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018

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