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Politische Theorien über Wohlfahrtsstaat - Lexikon der Argumente

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Wohlfahrtsstaat/Politische Philosophie/Moon: Einige der Programme des Wohlfahrtsstaates, wie z.B. öffentliche Schulen und Altersrenten, wurden erstmals im 19. Jahrhundert entwickelt, aber das, was man den "institutionellen" Wohlfahrtsstaat nennen könnte, entstand erst nach dem Ersten Weltkrieg, als die meisten demokratischen Länder eine mehr oder weniger integrierte Palette von Programmen der Wohlfahrtsversorgung und der Politik der Wirtschaftsverwaltung einführten. Der institutionelle Wohlfahrtsstaat zeichnet sich durch eine Reihe von Programmen aus, die darauf ausgerichtet sind, unterschiedliche Bedürfnisse zu befriedigen und Sicherheit gegen verschiedene Eventualitäten zu bieten.
Brian Barry: Zumindest als Ideal, wie Brian Barry (1990)(1) hervorhebt, würde der institutionelle Wohlfahrtsstaat nicht einmal ein allgemeines Sicherheitsnetz erfordern, da spezialisierte Programme all die verschiedenen Bedingungen abdecken würden, die Menschen daran hindern, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. In Wirklichkeit wird es natürlich immer einige geben, die zwischen die Risse fallen, und deshalb muss der Wohlfahrtsstaat über ein Programm der "Sozialhilfe" verfügen, um die verbleibenden Fälle abzudecken. Die Entstehung des institutionellen Wohlfahrtsstaates spiegelt sich in dem enormen Wachstum der Staatsausgaben zur Finanzierung seiner Programme wider, sowohl in absoluten Zahlen als auch im Verhältnis zum Volkseinkommen. Im Vereinigten Königreich zum Beispiel stiegen die Sozialausgaben von weniger als 6 Prozent des BSP im Jahr 1920 auf 25 Prozent im Zeitraum 1996-7 (Barr, 1998(2): 171).
Politische Theorien zum Wohlfahrtsstaat: Studierende des Wohlfahrtsstaates haben eine Vielzahl von Klassifikationen von Wohlfahrtsregimen angeboten und sind sich nicht einmal darüber einig, ob bestimmte Länder (insbesondere die USA) überhaupt als Wohlfahrtsstaaten gelten. Einige Studierende der Wohlfahrtspolitik betonen den Unterschied zwischen selektiven und universellen Wohlfahrtsstaaten (z.B. Rothstein, 1998)(3); andere unterscheiden liberale, korporatistische und sozialdemokratische Regime (z.B. Esping- Andersen, 1990)(4); wieder andere unterscheiden zwischen sozialdemokratisch und christdemokratisch, liberale und Lohnempfänger-Wohlfahrtsstaaten (Huber und Stephens, 2001)(5).
Eher philosophisch orientierte Theoretiker stellen den Wohlfahrtsstaat in den Kontext unterschiedlicher politischer Denktraditionen und unterschiedlicher Ideale und/oder Rechtfertigungsmuster. So diskutieren einige den Minimalstaat und die Argumente für und gegen ihn (z.B. Nozick, 1974(6); Schmidtz und Goodin, 1998(7)); andere betrachten den "Rest"- gegenüber dem "institutionellen" Wohlfahrtsstaat (z.B. Barry, 1999)(8); wieder andere finden vier verschiedene Stränge, Laissez-faire, Feminismus, Sozialismus und Fabianismus (Clarke, Cochrane und Smart, 1987(9)). Während die meisten anerkennen, dass Klasse ein Hauptanliegen des Wohlfahrtsstaates ist, sehen immer mehr Theoretiker, dass das Geschlecht mindestens ebenso wichtig ist (Gordon, 1990(10); Fraser, 1997(11)).
Moon: Als politische Formation neigt der Wohlfahrtsstaat dazu, Theoretiker zu spalten, die in anderer Hinsicht die gleiche Ansicht
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der Politik vertreten. So gehören zu den Verteidigern und Kritikern des Wohlfahrtsstaates auch Menschen, die sich (unter anderem) als Konservative, Liberale, Kommunitaristen, Sozialisten und Postmodernisten identifizieren, und so finden sich sowohl seine Kritiker als auch seine Verteidiger mit seltsamen Verbündeten und Gegnern.
Gemeinsame Merkmale: Trotz der oben erwähnten großen Variabilität weisen Wohlfahrtsstaaten wichtige gemeinsame Merkmale auf; vier der wichtigsten sind ein demokratisches politisches System, eine weitgehend private Marktwirtschaft, eine breite Palette öffentlicher Programme, die von Rechts wegen monetäre Unterstützung oder Dienstleistungen bereitstellen, und eine aktive Rolle des Staates bei der Steuerung der Wirtschaft, um den Konjunkturzyklus zu dämpfen und wirtschaftliche Aktivitäten zu regulieren.
Effizienz: (...) viele Wohlfahrtsleistungen werden durch Markttransaktionen erbracht, wie z.B. der Kauf von Lebens- oder Krankenversicherungen. Warum also sollte der Staat an der Bereitstellung von Wohlfahrt beteiligt sein, entweder direkt in Form spezifischer Dienstleistungen (wie Gesundheitsversorgung oder Bildung) oder in Form von Ressourcen oder Einkommen, um die Menschen in die Lage zu versetzen, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen? Schließlich beinhalten Regierungsprogramme sowohl ein Element des Zwangs als auch der Uniformität.
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Markt: Als Alternative zur staatlichen Bereitstellung wird häufig der Markt angesehen, auf dem gewinnorientierte Unternehmen den Verbrauchern Waren und Dienstleistungen anbieten. Dies ist jedoch eine zu starke Vereinfachung, da auch Familien und freiwillige Vereinigungen eine Schlüsselrolle spielen.
Private Vorsorge: Der Aufstieg des Wohlfahrtsstaates mit seinen Pflichtprogrammen hat zum Niedergang vieler dieser freiwilligen Vereinigungen und privaten Unternehmen geführt, die die Autonomie der Bürger einschränken und ihnen Uniformität auferlegen. Je umfangreicher der Wohlfahrtsstaat ist, desto mehr hat er andere Wohlfahrtsinstitutionen verdrängt.*
Effizienz: Ein Grund für die Substitution der privaten durch die staatliche Bereitstellung ist, dass die staatliche Bereitstellung (entweder von Dienstleistungen oder von Ressourcen) manchmal effektiver sein kann als die private, entweder weil sie Dienstleistungen oder Ressourcen billiger bereitstellen kann oder weil die private Bereitstellung nicht in der Lage ist, ein optimales (oder auch nur adäquates) Niveau an Dienstleistungen zu bieten. Für Probleme: siehe >Marktversagen, >Öffentliche Güter. Für einen minimalen Wohlfahrtsstaat: >Wohlfahrtsstaat/Friedmann.
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Verteilungsgerechtigkeit: Eine zweite Argumentationslinie, die den Wohlfahrtsstaat unterstützt, appelliert eher an die Idee der Gerechtigkeit als an die der Effizienz. Die Politik des Wohlfahrtsstaates ermöglicht es dem Einzelnen nicht nur, seine eigenen Interessen effektiver zu verwirklichen, sondern generell eine Umverteilung der Einkommen.
Effizienzargumente gehen in der Regel von den Ergebnissen des Marktaustauschs vor der staatlichen Besteuerung und den Transfers aus und zeigen, dass eine bestimmte Politik zumindest im Prinzip alle Menschen besser stellen kann, als ihnen diese Ausgangslage geboten würde. Aber in dem Maße, in dem Wohlfahrtspolitiken Einkommen bewusst umverteilen, wären diejenigen, deren Einkommen sinkt, normalerweise (wenn auch nicht notwendigerweise) schlechter dran; eine solche Politik ließe sich dann nur unter Berufung auf andere Werte als Effizienz rechtfertigen. >Verteilungsgerechtigkeit/Wohlfahrtsökonomik.
VsEffizienz-basierte Ansätze: (...) Die Berufung auf Effizienz ist insofern problematisch, als die als selbstverständlich angenommene Vorsteuer-/Vorüberweisung-Basislinie gerechtfertigt werden muss. Wenn wir unser Leben als Ganzes betrachten, gibt es einige Risiken, denen wir uns gegenübersehen und die durch keine Form der privaten Vorsorge abgedeckt werden können, weil sie die Bedingungen widerspiegeln, in die wir hineingeboren werden, wie z.B. angeborene Behinderungen, genetische Veranlagungen für bestimmte Krankheiten und die kulturellen und wirtschaftlichen Nachteile, die die Eltern erleiden können. >Verteilungsgerechtigkeit/Wohlfahrtsökonomik.


* Siehe Paul (1997)(12), insbesondere die Artikel von Beito, Davies und die darin zitierten Referenzen für eine Darstellung nichtstaatlicher Formen der Wohlfahrt.


1. Barry, Brian (1990) 'The welfare state versus the relief of poverty'. Ethics, 100 (June): 503-29.
2. Barr, Nicholas (1998) The Economics of the Welfare State, 3rd Ed. Stanford, CA: Stanford University Press.
3. Rothstein, Bo (1998) Just Institutions Matter. Cambridge: Cambridge University Press.
4. Esping-Andersen, Gosta (1990) Three Worlds of Welfare Capitalism. Princeton, NJ: Princeton Umversity Press.
5. Huber, Evelyne and John D. Stephens (2001) Development and Crisis of the Welfare State. Chicago: University of Chicago Press.
6. Nozick, Robert (1974) Anarchy, State, and Utopia. Oxford: Blackwell.
7. Schmidtz, David and Robert Goodin (1998) Social Welfare and Individual Responsibility. Cambridge: Cambridge Umversity Press.
8. Barry, Norman (1999) Welfare, 2nd Ed. Minneapolis: University of Minnesota Press.
9. Clarke, John, Allan Cochrane and Carol Smart (1987) Ideologies of Welfare. London: Hutchinson.
10. Gordon, Linda, ed. (1990), Women, State, and Welfare. Madison, WI: University of Wisconsin Press.
11. Fraser, Nancy (1997) Justice Interruptus. New York: Routledge.
12. Paul, Ellen, ed. (1997) The Welfare State. Cambridge: Cambridge Umversity Press.


Moon, J. Donald 2004. „The Political Theory of the Welfare State“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

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Mause I 579ff
Wohlfahrtsstaat/Politische Theorien: angesichts der empirischen Vielfalt der Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaates in den verschiedenen Ländern muss man davon ausgehen, dass man es im konkreten Fall eines untersuchten Landes mit einem Mischsystem zu tun hat. Der Begriff Wohlfahrtsstaat wird als konservativ kritisiert. (Schmidt 2005)(1). Zur Aufteilung in Systemtypen siehe Esping-Andersen 1990(2) und 1999(3).
Mause I 581
Geschichte des Wohlfahrtsstaats: der älteste Strang der vergleichenden Wohlfahrtsforschung gebrauchte sozialökonomische Schlüsselgrößen wie Stand der wirtschaftlichen Entwicklung, die Verbreitung der Beschäftigten im nichtagrarischen Sektor („Arbeitnehmerquote“) und weitere Begriffe der makrosoziologischen Modernisierung. (Zöllner 1963 (4); Wilensky 1975 (5).
Funktionalistische Erklärungen: hier geht es u.a. um Diffusion sozialpolitischer Effekte über territoriale Grenzen, z.B. soziales Lernen (Hall 1993) (6).
Garbage-Can-Theorie: hier geht es um das kontingente Zusammenspiel politischer Prozesse, ein Beispiel ist der Multiple Streams-Ansatz. (Kingdon 1984)(7).
Neuere Ansätze stellten dagegen Begriffe wie Macht, Konflikt und Instiitutionen in den Mittelpunkt und untersuchten Entscheidungsprozesse.
Parteiendifferenzthese/Hibbs: (Hibbs 1977) (8): die parteipolitische Zusammensetzung von Regierungen schlägt sich signifikant in international und historisch variablen Niveaus von Sozialausgaben nieder. (Castles 1982 (9); Schmidt 2005)


1. Manfred G. Schmidt, Sozialpolitik in Deutschland. Historische Entwicklung und internationaler Vergleich, Wiesbaden 2005
2. Esping-Andersen, Gøsta. 1990. The three worlds of welfare capitalism. Princeton 1990.
3. Esping-Andersen, Gøsta. Social foundations of postindustrial economies. Oxford 1999.
4. Zöllner, Detlev. Öffentliche Sozialleistungen und wirtschaftliche Entwicklung. Ein zeitlicher und internationaler Vergleich. Berlin 1963.
5. Wilensky, Harold L. 1975. The welfare state and equality. Structural and ideological roots of public expenditures. Berkeley 1975.
6. Peter A. Hall, 1993. Policy paradigms, social learning, and the state. The case of economic policymaking in Britain. Comparative Politics 25( 3): 275– 296.
7. Kingdon, John W., Agendas, alternatives, and public policies. Boston/ Toronto 1984.
8. Hibbs, Douglas A. 1977. Political parties and macroeconomic policy. American Political Science Review 71: 1467– 1487.
9. Castles, Francis G. The impact of parties on public expenditure. In The impact of parties: Politics and policies in democratic capitalist states, Hrsg. Francis G. Castles, 21– 96. London 1982.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Politische Theorien

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004

Mause I
Karsten Mause
Christian Müller
Klaus Schubert,
Politik und Wirtschaft: Ein integratives Kompendium Wiesbaden 2018

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