Wirtschaft Lexikon der Argumente

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Autor/Titel Begriff Zusammenfassung Metadaten
Brocker I 835
Kultur/Huntington: These: Die westliche Kultur ist im Niedergang begriffen, während der wirtschaftlich gestärkte chinesische und der demografisch rapide wachsende islamische Kulturkreis zu neuen Herausforderern werden.
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These: »Kultur und die Identität von Kulturen, auf höchster Ebene also die Identität von Kulturkreisen«, sind ausschlaggebend für heutige und zukünftige globale Ordnungsmuster. (1)
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Huntington: Kulturkreise sind keine geschlossenen, abgrenzbaren Entitäten; allerdings vermögen wir dennoch Aufstieg und Niedergang bestimmter kultureller Ordnungen nachzuvollziehen. Huntington unterscheiden sieben oder acht Kulturkreise: Er unterscheidet zwischen sinischer, japanischer, hinduistischer, islamischer, westlicher, slawisch-orthodoxer
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und lateinamerikanischer Ausprägung, während das Bestehen eines genuin afrikanischen Kulturkreises nicht abschließend festgestellt wird. (2)
Die Beziehungen zwischen diesen Kulturkreisen sind bisher in zwei Phasen verlaufen:
1.Als „Begegnungen“: in der Zweit bis ca. 1500 nach Chr., allerdings eingeschränkt durch räumliche und zeitliche Distanz.
2. Durch die offensive Ausweitung europäischer Herrschaft auf andere Kontingenten kam es zu bedeutenden unterkulturellen Beziehungen unter westlicher Dominanz, begründet durch die technologische Stärke des Westens.
3. Gegenwärtig sind wir Zeugen echter Interaktionen zwischen kulturellen Zentren. An dieser Stelle bemüht Huntington die Systemdefinition Hedley Bulls (1977 (3)), nach der sich Staaten als Teil des internationalen Systems begreifen. Siehe Staat/Huntington.
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Universale Kultur/Kulturuniversalismus: Die Herausbildung einer »universalen Kultur« erscheint Huntington als naives Wunschdenken. Tatsächlich gebe es weder eine universale Sprache, die über die bloße Verständigung hinausgehe, noch eine universale Religion, die zu einem Aufbrechen kultureller Grenzen imstande wäre. Diese Idee sei ein „typisches Produkt des westlichen Kulturkreises“. (4) Die Idee einer solchen Kultur fuße auf einem Trugschluss, dem der Westen nach dem Sieg über den Sowjetkommunismus aufsitze. Die liberale Demokratie sei bei weitem nicht die einzige Alternative zu sozialistischen Ordnungsideen; und ebenso wenig vermögen globaler Handel und Kommunikation das westliche Universalitätsgebaren Wirklichkeit werden zu lassen. Westliche Kultur sei nicht die einzige moderne Kultur. (5) Eine Verschiebung des Machtgleichgewichts zugunsten anderer Kulturkreise sei »allmählich, unaufhaltsam und fundamental«. (6)
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Kultur/EspositoVsHuntington: das Herzstück von Huntingtons Argumentation zugunsten einer neuen Weltordnung gründet sich auf einem monolithischen Verständnis von Kultur. (7)
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Robert JervisVsHuntington: dieser betrachte Kulturkreise als gegebene, unveränderliche Einheiten
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und bräche dadurch mit der konstruktivistischen Perspektive der Endigenität der Identität. (8)
Edward SaidVsHuntington: Said These: Kulturen seien eben nicht ahistorisch und einheitlich, sondern voller interner Oppositionen, Adaptionen, Gegenkonzepte und Spielarten, die in Huntingtons groben Abstraktionen keine Rolle spielten. (9)
Amartya SenVsHuntington: Menschen sind nicht lediglich als Angehörige einer einzigen Kultur zu betrachten. Mögliche alternative Attribuierungen dürfen nicht ausgeblendet werden. (10)
Dieter SenghaasVsHuntington: Es bleibe ungeklärt, warum bestimmte Kulturen kriegslustig seien – was sicherlich an der fehlenden theoretischen Untermauerung des Kultur-Verhaltens-Nexus liege. (11)
Bruce LawrenceVsHuntington: Kulturinterne Heterogenitäten würden willentlich übersehen und somit entstehe der Eindruck, man könne großen Kulturkreisen eine einheitliche Stimme zusprechen. Der Vorwurf des Kulturrassismus liegt hier auf der Hand.(12)



1. Samuel P. Huntington, The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, New York 1996. Dt.: Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München/Wien 1998 (zuerst 1996).S. 19
2. Ebenda S. 57-62
3. Hedley Bull, The Anarchical Society. A Study of Order in World Politics, New York 1977.
4. Huntington ebenda, S. 92
5. Ebenda S. 98
6. Ebenda S. 119.
7. John L. Esposito The Islamic Threat. Myth or Reality?, New York/Oxford 1999, S. 229
8. Robert Jervis »Review: The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order by Samuel P. Huntington«, in: Political Science Quarterly 112/2, 1997, 307-308.
9. Edward Said, »The Clash of Definitions. On Samuel Huntington«, in: ders., Reflections on Exile and Other Literary and Cultural Essays, London. 2001, p. 569-590, S. 578f.
10. Amartya Sen Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt, München 2007, S. 54f.
11. Dieter Senghaas, Zivilisierung wider Willen. Der Konflikt der Kulturen mit sich selbst, Frankfurt/M. 1998, S. 140
12. Bruce Lawrence, 2002, »Conjuring with Islam, II«, in: The Journal of American History 89/2, 2002, 485-497, S. 489


Philipp Klüfers/Carlo Masala, „Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen“, in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders.

PolHunt I
Samuel P. Huntington
The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order New York 1996

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018

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