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Gerald F. Gaus über Autonomie – Lexikon der Argumente

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Autonomie/Gaus: Der Großteil der Gesellschaft, so Mill(1), ist eine "kollektive Mittelmäßigkeit": Sie neigt zur Anpassung und ist nicht an neuen Ideen interessiert. >Individuen/Mill, >Perfektionismus/Gaus.
Paternalismus: (...) Daraus folgt, dass solche perfektionistischen Theorien das Schreckgespenst eines weit verbreiteten Paternalismus aufkommen lassen. Obwohl Mill für eine stark anti-paternalistische Moral plädierte, scheint das Ideal so spezifisch und anspruchsvoll zu sein, dass es die Tore für Eingriffe in die Freiheit öffnet und versucht, die mittelmäßige Masse zu einer reicheren Persönlichkeit zu treiben. Es wird auch weniger offensichtlich, warum ihnen eine Freiheit gewährt werden sollte, die der sich vervollkommnenden Elite gleichkommt.
VsVs: Viele haben argumentiert, dass eine auf persönlicher Autonomie beruhende Verteidigung der Freiheit nicht Gegenstand dieser Einwände ist (...).
Joseph Raz: Joseph Raz zufolge ist nach Mill's Ideal der "Selbstverwirklichung in der vollen Entfaltung aller oder aller wertvollen Fähigkeiten, die eine Person besitzt, ... [d]ie autonome Person, eine Person, die ihr Leben selbst gestaltet. Sie kann den Weg der Selbstverwirklichung wählen oder ihn ablehnen" (1986(2): 325). Der Grundgedanke ist, dass es nach dem Ideal der Autonomie nicht ausschlaggebend ist, dass eine Person entscheidet, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, sondern dass sie entscheidet, ob sie ihre Fähigkeiten entwickelt und, allgemeiner, wie sie ihr Leben leben will.
Varianten der Autonomie: Das Ideal der persönlichen Autonomie zerfällt in eine Vielzahl von spezifischeren Doktrinen (Lindley, 1986(3)). Persönliche Autonomie wurde im Sinne von Projektverfolgung, Selbstbestimmung, Selbstschöpfung und kritischer Reflexion über die eigenen Projekte und Werte oder der Konsistenz zwischen Willensäußerungen erster und zweiter Ordnung verstanden (zu letzterer siehe Gill, 2001(4): 20ff ).
Steven Wall: Laut Steven Wall, zum Beispiel, "brauchen autonome Menschen
(a) die Fähigkeit, Projekte auszuwählen und Verpflichtungen einzuhalten,
(b) die Unabhängigkeit, die notwendig ist, um ihren eigenen Lebensweg zu bestimmen und ein eigenes Verständnis dessen zu entwickeln, was wertvoll und tunswert ist,
(c) das Selbstbewußtsein und die Kraft, ihre Angelegenheiten in die Hand zu nehmen" (1998(5): 132; siehe auch Raz, 1986(2)). >Autonomie/Gerald Dworkin, >Autonomie/Robert Young.
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Young, Robert: Eine autonome Person setzt ihre kritischen Fähigkeiten ein, um ihre Ziele und Projekte so zu bewerten und auszuwählen, dass sie wirklich ihre eigenen sind und nicht einfach von anderen aufgezwungen oder unreflektiert von ihnen übernommen werden(6).
Gaus: Diese Konzeption der Autonomie ist also ein viel offeneres und damit weniger umstrittenes Ideal als die Ideale der Selbstverwirklichung oder der Projektverfolgung. Die Autonomie sagt uns nicht, was wir wählen sollen; sie besteht nur auf dem Wert eines gewählten Lebens. Die Sorge ist allerdings, dass sich niemand wirklich selbst schafft. Unsere Persönlichkeiten und Entscheidungen werden zutiefst von unseren natürlichen Begabungen und Neigungen, unserer Kultur und unserer Erziehung beeinflusst. Welche Optionen wir für attraktiv halten, wird stark von unserer Erziehung und Kultur beeinflusst. >Autonomie/Mill, >Autonomie/Benn, >Autonomie/Robert Young.


1. Mill, John Stuart (1963a) On Liberty. In J. M. Robson (Hrsg.), The Collected Works of John Stuart Mill. Toronto: University of Toronto Press, vol. XVIII, 213–301.
2. Raz, Joseph (1986) The Morality of Freedom. Oxford: Clarendon.
3. Lindley, Richard (1986) Autonomy. London: Macmillan.
4. Gill, Emily R. (2001) Becoming Free: Autonomy and Diversity in the Liberal State. Lawrence, KS: University of Kansas Press.
5. Wall, Steven (1998) Liberalism, Perfectionism and Restraint. Cambridge: Cambridge University Press.
6. Young, Robert (1986) Personal Autonomy: Beyond Negative and Positive Freedom. London: Croom-Helm.


Gaus, Gerald F. 2004. „The Diversity of Comprehensive Liberalisms.“ In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004

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