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John S. Dryzek über Minimalistischer Liberalismus – Lexikon der Argumente

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Minimalistischer Liberalismus/liberaler Minimalismus/Demokratie/Dryzek: Das Demokratiemodell, das bei vergleichenden Politikwissenschaftlern am beliebtesten ist, insbesondere im aufstrebenden Bereich des demokratischen Übergangs und der Konsolidierung, erwartet weit weniger von der Demokratie als die deliberativen Demokraten. Dieses Modell ist im Wesentlichen das, das vor langer Zeit von Schumpeter (1942)(1) vorgeschlagen wurde: Demokratie ist nichts anderes als ein Wettbewerb der Eliten um die Zustimmung des Volkes, der das Recht auf Herrschaft verleiht. In den 1950er Jahren wurde diese Idee zur Grundlage für "empirische" Demokratietheorien, die mit der allgemein apathischen Rolle der ignoranten und potenziell autoritären Massen zufrieden waren (Berelson, 1952(2); Sartori, 1962(3)).
Wettbewerbsmodelle der Demokratie: Solche konkurrierenden elitären Modelle
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waren lange Zeit unter demokratischen Theoretikern diskreditiert - nicht zuletzt unter solchen wie Dahl (1989)(4), die früher daran geglaubt hatten, dass sie sowohl genaue Beschreibungen der Politik der Vereinigten Staaten als auch wünschenswerte Zustände darstellten. Dennoch leben sie unter Transitologen und Konsolidierern weiter, die das Markenzeichen einer konsolidierten Demokratie in einer Reihe wohlerzogener Parteien sehen, die materielle Interessen vertreten und sich im verfassungsrechtlich geregelten Wahlkampf engagieren (siehe z.B. Di Palma, 1990(5); Huntington, 1991(6); Mueller, 1996(7); Schedler, 1998(8)).
Die Sorge des deliberativen Demokraten um Authentizität ist nirgends zu erkennen. Aktive Bürger spielen bei solchen Modellen keine Rolle.
Popularität/Prozedur: Die Akzeptanz des minimalistischen Modells macht das Leben viel einfacher. Es lässt sich z.B. in Huntingtons (1991(6): 267) berühmtem Zwei-Wahl-Test für konsolidierte Demokratie anwenden, bei dem eine frei gewählte Regierung bei einer späteren Wahlniederlage die Macht abtreten muss. Oder sie kann eine zeitliche Skala zur Beurteilung des Konsolidierungsgrades der Demokratie festlegen; Lijphart (1984(9): 38) schlägt 30 bis 35 Jahre vor. Ein vielleicht wichtigerer Grund für die Popularität des liberalen Minimalismus ist seine Übereinstimmung mit Entwicklungen, bei denen kapitalistische Vermarktung und Demokratisierung zusammen marschieren.
Lindblom: Wie Lindblom (1982)(10) unter anderem feststellt, bestraft der kapitalistische Marktkontext automatisch Regierungen, die eine Politik verfolgen, die das Vertrauen tatsächlicher oder potenzieller Investoren untergräbt, indem sie Desinvestitionen und Kapitalflucht verursachen. Wenn es also um die öffentliche Politik geht, kann die Demokratie nur in einer, wie Lindblom es nennt, "nicht-gefangenen" (engl. "unimprisoned") Zone funktionieren.
Dryzek: Die logische Folge davon ist, dass zu viel Staatsdemokratie gefährliche Unbestimmtheit in der öffentlichen Politik bedeutet (Dryzek, 1996)(11).
Fukuyama: Diese Kombination von Kapitalismus und liberaler minimalistischer Demokratie erhielt ihren vielleicht positivsten Glanz (und einen Hauch von Hegel) im Triumphalismus des "Endes der Geschichte" von Francis Fukuyama (1989(12); 1992(13)). Fukuyamas These verlor im folgenden Jahrzehnt an Plausibilität, aber nur im Hinblick auf das Fortbestehen (oder die Erneuerung) von Herausforderungen wie religiösen Fundamentalismen, ethnischem Nationalismus und konfuzianischem Kapitalismus. Aber die Grundidee, dass die Demokratie weltweit vorherrschend ist und dass das liberal-kapitalistische Demokratiemodell nur wenige, wenn überhaupt plausible Herausforderer hat, die den Titel "Demokratie" verdienen, ist immer noch die vorherrschende Ansicht unter Transitologen.
Dryzek: Die kritischeren Haltungen, zu denen Demokratietheoretiker geneigt sind, würden die Grenzen der Demokratie aufzeigen, die diese globale Dominanz der minimalistischen liberalen Demokratie plus Kapitalismus mit sich bringt. Einer solchen kritischen Reaktion kann man jedoch leicht entgegentreten, wenn ihr Ideen fehlen, wie eine solche Dominanz realistisch angefochten werden könnte (ohne sich in unbegründeten Idealismus zurückzuziehen). Ein Teil der Antwort könnte die Stärkung und Demokratisierung internationaler Institutionen als Reaktion auf die Migration politischer Macht vom Staat in die transnationale politische Ökonomie beinhalten. >Demokratie/Held, >Minimalistischer Liberalismus/Przeworski, >Minimalistischer Liberalismus/Riker.
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DryzekVsMinimalismus/Liberalismus/demokratische Praxis/Demokratie: (...) Der Minimalismus wird der Vielfalt der Vorstellungen nicht gerecht, die politische Eliten und gewöhnliche Menschen in [postkommunistischen] Gesellschaften mitbringen, wenn es um ihre Erwartungen an und Hoffnungen auf Demokratie geht (für Belege für 13 postkommunistische Länder siehe Dryzek und Holmes, 2002)(14).


1. Schumpeter, Joseph A. (1942) Capitalism, Socialism, and Democracy. New York: Harper.
2. Berelson, Bernard (1952) 'Democratic theory and public opinion'. Public Opinion Quarterly, 16: 313—30.
3. Sartori, Giovanni (1962) Democratic Theory. Detroit: Wayne State Umversity Press.
4. Dahl, Robert A. (1989) Democracy and its Critics. New Haven, CT: Yale University Press.
5. Di Palma, Giuseppe (1990) To Craft Democracies. Berkeley, CA: University of California Press.
6. Huntington, Samuel (1991) The Third Wave. Norman, OK: University of Oklahoma Press.
7. Mueller, John (1996) 'Democracy, capitalism and the end of transition'. In Michael Mandelbaum, ed. Postcommunism: Four Perspectives. New York: Council on Foreign Relations.
8. Schedler, A. (1998) 'What is democratic consolidation?' Journal ofDemocracy, 9: 91-107.
9. Lijphart, Arend (1984) Democracies: Patterns of Majoritarian and Consensus Government in Twenty- One Countries. New Haven, CT: Yale University Press.
10. Lindblom, Charles E. (1982) 'The market as prison' Journal of Politics, 44: 324-36.
11. Dryzek, John S. (1996) Democracy in Capitalist Times: Ideals, Limits, and Struggles. New York: Oxford University Press.
12. Fukuyama, Francis (1989) 'The end of history?' National Interest, Summer: 3—18.
13. Fukuyama, Francis (1992) The End of History and the Last Man. New York: Free Press.
14. Dryzek, John S. and Leslie Holmes (2002) Postcommunist Democratization: Political Discourses across Thirteen Countries. Cambridge: Cambridge University Press.


Dryzek, John S. 2004. „Democratic Political Theory“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Dryzek, John S.

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004

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