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Experiment: künstliches Herbeiführen eines Ereignisses oder künstliches Erzeugen eines Zustands zur Überprüfung einer Hypothese. Die Durchführung von Experimenten kann zur Neuformulierung der Ausgangshypothesen und zur Neuformulierung von Theorien führen. Siehe auch Theorien, Messungen, Wissenschaft, Hypothesen, Bayesianismus, Bestätigung, Ereignisse, Paradigmen, Paragimenwechsel, Rahmenbedingungen, Bezugssysteme.

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Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente.

 
Autor/Titel Begriff Zusammenfassung Metadaten

Experimentelle Ökonomik über Experimente - Lexikon der Argumente

Parisi I 82
Experimente/Experimentelle Ökonomik/Sullivan/Holt: Die Möglichkeit, ökonomische Experimente auf verschiedenen Beobachtungsskalen zu untersuchen, gibt dem Forscher ein mächtiges analytisches Werkzeug in die Hand.
Skalierte Beobachtung: Eine Möglichkeit, die verschiedenen Skalen der Beobachtung zu interpretieren, ist die unterschiedliche Verwendung von Experimenten für das Denken innerhalb und außerhalb der Box. Ein Forscher verwendet ökonomische Experimente, um innerhalb der Box zu schauen, wenn Wertinduktion, Kontrolle über die institutionelle Struktur und Low-Level-Messung von Verhalten verwendet werden, um Konzepte zu untersuchen, die in der Außenwelt nicht ohne weiteres beobachtbar sind. Eine andere Art und Weise, wie Experimente verwendet werden, um in die Box zu schauen, ist bei der Untersuchung von Aktivitäten, die außerhalb des Labors schwer zu beobachten sind. Beispiele hierfür sind Preisabsprachen (weil sie illegal sind) oder strategische Diskussionen über Bieterstrategien (weil sie oft auf geschützten Ideen und Informationen beruhen).
Parisi I 83
Neuroökonomische Experimente: Tiefer gehende neuroökonomische Experimente messen die Gehirnaktivität in präzisen räumlichen und zeitlichen Dimensionen, um Low-Level-Eigenschaften des Entscheidungsprozesses zu erforschen. So zeigen Kooperateure in experimentellen Vertrauensspielen tendenziell eine höhere Aktivität in Hirnarealen, die mit sozialen Situationen und Visualisierung assoziiert sind, als dies bei Personen der Fall ist, die eigennützige Optionen wählen (McCabe et al., 2001)(1).
Verhandlungen: In Verhandlungsexperimenten werden mit Emotionen assoziierte Hirnareale stark aktiviert, wenn ungerechte Angebote erhalten werden, und diese Areale werden wiederum aktiviert, wenn solche Angebote abgelehnt werden (Sanfey et al., 2003)(2).*
Makroebene: Auf einer eher makroskopischen Betrachtungsebene können ökonomische Experimente dazu genutzt werden, um über den Tellerrand zu schauen, indem Regeln und Maßnahmen betrachtet werden, die noch nicht umgesetzt wurden. Dieser Ansatz des Experimentierens hat sich als besonders fruchtbar erwiesen, wenn es darum ging, neue Arten von Auktionen für Fischereirechte, Emissionsrechte oder Kombinationen von Frequenzbändern in Frequenzauktionen zu entwerfen. >Auktionen/Holt.
Politiken: Auf der Seite der Politik ist ein relevantes Beispiel die Verwendung von experimenteller Kontrolle, um vorgeschlagene (aber noch nicht umgesetzte) Änderungen in Prozessverfahren zu evaluieren, die die frühzeitige Beilegung von Schadensersatzansprüchen fördern sollen (Sullivan, 2011)(4). Vgl. >Information/Arrow, >Informationsökonomik/Akerlof.
Kausalität/Kausalschluss: (...) statt Experimente mit Hunderten von Versuchspersonen durchzuführen, die in einer großen Gruppe miteinander interagieren, unterteilen die meisten Forscher die Experimente in einzelne Gruppen oder Sitzungen, die mit kleineren Teilmengen der Versuchspersonen durchgeführt werden. Innerhalb einer Sitzung werden die Entscheidungsfindung und die Interaktionsmöglichkeiten oft über viele Runden hinweg wiederholt.
Juristische Szenarien: (...) viele rechtliche Szenarien können besser als einmalige Erfahrungen ohne Gelegenheiten zur wiederholten Interaktion zwischen Individuen betrachtet werden.
Parisi I 84
Probleme: (...) das Verhalten in späteren Phasen eines Entscheidungsprozesses kann durch die Ergebnisse früher beobachteter Zufallsereignisse beeinflusst werden. In geringerem Maße betrifft diese Sorge auch Beobachtungen, die auf der Ebene von Durchläufen gemittelt werden, da Experimente mit mehreren Durchläufen die Möglichkeit offen lassen, dass das beobachtete Verhalten durch Erfahrungen in früheren Durchläufen beeinflusst wird.
Beispiel: Eine Person, die in einer Reihe von >Gefangenendilemma-Spielen auf kooperative Partner trifft, wird vermutlich in späteren Durchläufen desselben Experiments eher kooperieren; "Überlaufen" ist in einer Reihe von Gefangenendilemma-Paarungen ebenfalls hochgradig ansteckend.**
Für Experimente zu rechtlichen Institutionen: >Außergerichtliche Einigung/Experimentelle Ökonomik;für Verhandlungen im Gericht siehe >Rechtsprechung/Experimentelle Ökonomik.


* Siehe Chorvat, McCabe und Smith (2005)(3) für eine durchdachte Diskussion der Implikationen der Neuroökonomie für traditionelle Bereiche der Rechts- und Wirtschaftswissenschaft.

** Für einen Überblick über Experimente zum Gefangenendilemma, bei denen Menschen wählen können, mit wem sie gepaart werden und wen sie meiden, siehe Holt, Johnson und Schmidtz (2015)(5).


1. McCabe, K., D. Houser, L. Ryan, V. Smith, and T. Trouard (2001). “A functional imaging study of cooperation in two-person reciprocal exchange.” Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 98(20): 11832–11835.
2. Sanfey, A. G., J. K. Rilling, J. A. Aronson, L. E. Nystrom, and J. D. Cohen (2003). “The Neural Basis of Economic Decision-Making in the Ultimatum Game.” Science 300(5626): 1755–1758.
3. Chorvat, T. K. McCabe, and V. Smith (2005). “Law and neuroeconomics.” Supreme Court Economic Review 13: 35–62.
4. Sullivan, S. P. (2011). An Experimental Study of Settlement Delay in Pretrial Bargaining with Asymmetric Information. Dissertation: University of Virginia, UMI Pub. No. 3501713.
5.Holt, C. A., C. Johnson, and D. Schmidtz (2015). “Prisoner’s Dilemma Experiments,” in M. Peterson, ed., The Prisoner’s Dilemma, 243–246. Cambridge: Cambridge University Press.


Sullivan, Sean P. and Charles A. Holt. „Experimental Economics and the Law“ In: Parisi, Francesco (Hrsg.) (2017). The Oxford Handbook of Law and Economics. Bd. 1: Methodology and Concepts. NY: Oxford University Press.

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Parisi I 93
Experimente/Experimentelle Ökonomik/Sullivan/Holt: Eine Beobachtung in wirtschaftswissenschaftlichen Experimenten ist die generelle Unfähigkeit von informierten Probanden, die Urteile von relativ uninformierten Probanden introspektiv zu reproduzieren, selbst wenn ein Anreiz dazu besteht - ein Phänomen, das als Fluch des Wissens bezeichnet wird (Camerer, Loewenstein und Weber, 1989(1)).
Rückblickende Verzerrung/Experimente: Leider deuten zahlreiche experimentelle Belege darauf hin, dass Menschen bei dieser Art der Ex-post-Bewertung von Ex-ante-Wahrscheinlichkeiten nicht sehr gut sind. Ein besonders unangenehmes Problem ist die rückblickende Verzerrung - die Tendenz von Menschen, die das Ergebnis eines zufälligen Ereignisses beobachten, die Ex-ante-Wahrscheinlichkeit des Eintretens dieses Ergebnisses zu überbewerten (Fischhoff, 1975(2); Slovic und Fischhoff, 1977(3)).
Asymmetrie/Introspektion: Eine eng verwandte Beobachtung in ökonomischen Experimenten ist die generelle Unfähigkeit von informierten Subjekten, die Urteile von relativ uninformierten Subjekten introspektiv zu reproduzieren, selbst wenn ein Anreiz besteht, dies zu tun - ein Phänomen, das als Fluch des Wissens bezeichnet wird (Camerer, Loewenstein und Weber, 1989(1)).
a) Eine Möglichkeit, diese Ergebnisse zu interpretieren, ist ein grundlegender Schlag gegen die Gültigkeit von Schuldfeststellungen nach dem Fahrlässigkeitsstandard: Selbst die wohlmeinendsten Geschworenen werden strukturell dazu neigen, die Gefährlichkeit des Verhaltens des Angeklagten überzubewerten, wenn alles andere gleich ist.
b) Alternativ, und konstruktiver, könnten ökonomische Experimente als ein Werkzeug zum Verständnis und zur Beseitigung von Urteilsverzerrungen, die den Standard untergraben, angesehen werden. Camerer, Loewenstein und Weber (1989)(1) finden zum Beispiel, dass die Teilnahme an einer Marktstruktur hilft, den Fluch des Wissens teilweise zu reduzieren. Ob Jury-Beratungen eine ähnliche Funktion haben, ist eine offene empirische Frage. In ähnlicher Weise legt ein aktuelles ökonomisches Experiment von Wu et al. (2012)(4) nahe, dass informierte
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Subjekte, die Wissen über spezifische Details des Bewertungsprozesses haben, die von einem uninformierten Subjekts genutzt werden, dazu beitragen kann, die Verzerrung im Nachhinein deutlich zu reduzieren, wenn das informierte Subjekt versucht, das Urteil des uninformierten Subjekts zu bewerten.
Rückblickende Verzerrung: (...) der Einfluss von rückblickender Verzerrung auf die Tatsachenfeststellung ist nicht auf Klagen bei Fahrlässigkeit beschränkt. Mandel (2006)(5) befasst sich z. B. mit der rückblickenden Verzerrung bei Patentanmeldungen, aber das Problem sollte allgemein immer dann auftreten, wenn der Sachbearbeiter die Ex-ante-Wahrscheinlichkeit eines ex-post bekannten Ergebnisses berücksichtigen muss.
Baysianisches Updating: (...) Die rückblickende Verzerrung ist nicht die einzige Urteilsverzerrung, die Wahrscheinlichkeitsermittlungen unter dem Fahrlässigkeitsstandard impliziert (siehe z.B. Kahneman, Slovic und Tversky, 1982)(6). Experimentelle Beweise für die Schwierigkeit der Bayes'schen Aktualisierung (Grether 1992(7); siehe auch Koehler und Kaye, 1991(8)) und mögliche Umgehungen (z. B. Gigerenzer und Hoffrage, 1995(9)) sind besonders treffend.


1. Camerer, C., G. Loewenstein, and M. Weber (1989). “The curse of knowledge in economic settings: An experimental analysis.” Journal of Political Economy 97(5): 1232–1254.
2. Fischhoff, B. F. (1975). “Hindsight ≠ Foresight: the Effect of Outcome Knowledge on Judgment under Uncertainty.” Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance 1(3): 288–299.
3. Slovic, P. and B. Fischhoff (1977). “On the Psychology of Experimental Surprises.” Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance 3(4): 544–551.
4. Wu, D. A., S. Shimojo, S. W. Wang, and C. F. Camerer (2012). “Shared visual attention reduces hindsight bias.” Psychological Science 23(12): 1524–1533.
5. Mandel, G. N. (2006). “Patently Non-Obvious: Empirical Demonstration That the Hindsight Bias Renders Patent Decisions Irrational.” Ohio State Law Journal 67: 1391–1463.
6. Kahneman, D., P. Slovic, and A. Tversky (1982). Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases. Cambridge: Cambridge University Press.
7. Grether, D. M. (1992). “Testing Bayes Rule and the Representativeness Heuristic: Some Experimental Evidence.” Journal of Economic Behavior & Organization 17(1): 31–57.
8. Koehler, J. J. and D. H. Kaye (1991). “Can Jurors Understand Probabilistic Evidence?” Journal of the Royal Statistical Society: Series A 154(1): 75–81.
9. Gigerenzer, G. and U. Hoffrage (1995). “How to Improve Bayesian Reasoning Without Instruction: Frequency Formats.” Psychological Review 102(4): 684–704.

Sullivan, Sean P. and Charles A. Holt. „Experimental Economics and the Law“ In: Parisi, Francesco (Hrsg.) (2017). The Oxford Handbook of Law and Economics. Bd. 1: Methodology and Concepts. NY: Oxford University Press.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Experimentelle Ökonomik

Parisi I
Francesco Parisi (Ed)
The Oxford Handbook of Law and Economics: Volume 1: Methodology and Concepts New York 2017

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