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| Piketty-Formel: Die Piketty-Formel lautet r > g, wobei die Kapitalrendite (r) das Wirtschaftswachstum (g) übersteigt. Diese Ungleichheit treibt die Vermögensakkumulation der Kapitaleigner an, wodurch die Ungleichheit mit der Zeit zunimmt. Pikettys Formel untermauert sein Argument, dass der Kapitalismus ohne Eingriffe auf natürliche Weise zu einer zunehmenden Vermögenskonzentration führt, die eine progressive Besteuerung und Umverteilungspolitik erforderlich macht. Siehe auch Thomas Piketty, Piketty-Hypothese, Pikettys Gesetze, Kapitalsteuer, Besteuerung._____________Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente. | |||
| Autor | Begriff | Zusammenfassung/Zitate | Quellen |
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Hans-Werner Sinn über Piketty-Formel – Lexikon der Argumente
Piketty-Formel/SinnVsPiketty/Sinn(1): Die Piketty-Formel besagt, dass die Zinsen in Form der durchschnittlichen Kapitalrendite r dauerhaft höher sind als die Wachstumsrate g der Wirtschaft. Dies hat nach Piketty zur Folge, dass das Vermögen einer Volkswirtschaft schneller wächst als die Wirtschaftsleistung. Neoklassiker: In der Tat ist die Formel schon seit langem bekannt; sie bezeichnet eine grundlegende Implikation der neoklassischen Theorie des Wirtschaftswachstums. In der Tat liegt die Kapitalrendite langfristig in der Regel über der Wachstumsrate der Wirtschaft, wie Piketty behauptet. Wäre dies nicht der Fall, wären die Bodenpreise unendlich, es gäbe einen übermäßigen Konsum, und das Wachstum würde schließlich enden. >Neoklassiker. Zinssätze/Piketty-Formel/Sinn: Die Formel besagt aber nicht, dass das Vermögen schneller wächst als die Wirtschaftsleistung. Eine solche Schlussfolgerung wäre nur dann gerechtfertigt, wenn die Ersparnisse einer Volkswirtschaft gleich dem Kapitaleinkommen der Volkswirtschaft gesetzt werden könnten, so dass die Wirtschaftswachstumsrate gleich dem Zinssatz ist. Das ist aber nicht der Fall. >Zinsen. Ersparnisse: Vielmehr sind die Ersparnisse stets kleiner als die Summe aller Kapitaleinkommen. Die Vermögenden konsumieren erhebliche Teile ihres Einkommens, und die Ersparnis aus Arbeitseinkommen ist in der Regel gering. Die Wachstumsrate des Vermögens liegt also deutlich unter dem Zinssatz; die Tatsache, dass der Zinssatz die Wachstumsrate der Wirtschaft übersteigt, bedeutet keineswegs, dass das Vermögen schneller wächst als die Wirtschaft. Wirtschaftswachstum/Wachstumstheorien: Eine zentrale Erkenntnis der Wirtschaftstheorie besagt nämlich, dass sich der Zinssatz einer Volkswirtschaft in Abhängigkeit von der Sparquote langfristig auf einem Niveau einpendelt, bei dem das Kapitalwachstum der Wachstumsrate der Wirtschaftsleistung entspricht. Die Folge ist die langfristige Persistenz des Verhältnisses von Vermögen und Wirtschaftsleistung. Die langfristige Konstanz des Verhältnisses ist ein Grundbestandteil aller Wachstumstheorien. Hinter der langfristigen Beständigkeit dieses Verhältnisses steht ein einfaches mathematisches Gesetz. >Wachstumstheorie, >Wachstum. Ersparnis/Nationaleinkommen: Wenn eine Volkswirtschaft einen bestimmten Teil ihres Einkommens spart, wird der aus der Akkumulation dieser Ersparnisse resultierende Wohlstand langfristig mit der gleichen Rate zunehmen, mit der das Volkseinkommen wächst. Verhältnis von Vermögen und Einkommen: Das Verhältnis von Vermögen und Einkommen kann also nicht dauerhaft steigen. Das Gesetz beruht auf der Tatsache, dass jede wachsende Menge langfristig nur mit der Rate wachsen kann, mit der ihre Akkumulation wächst. >Akkumulation. Beispiel: Ein Beispiel ist die Aufschüttung von Erde zu einem Hügel. Nehmen wir an, dass in jeder Periode ein weiterer Spaten Erde aufgeschüttet wird und dass die Größe des Spatens selbst von einer Periode zur nächsten mit einer bestimmten Rate wächst. Die Wachstumsrate der Erdmenge im Erdhügel konvergiert gegen die Wachstumsrate der Spatengröße. Ersetzt man die Menge der Erde im Spaten durch die aktuellen Ersparnisse einer Volkswirtschaft und die Größe des Hügels durch den Wohlstand, so erhält man die langfristige Konstanz des Verhältnisses von Wohlstand und Einkommen, wenn ein fester Anteil des Einkommens gespart wird. Hans-Werner Sinn pro Piketty: Es muss betont werden, dass dieses Gesetz langfristig, über mehrere Jahrzehnte, gilt. Der Reichtum kann zu bestimmten Zeiten durchaus schneller wachsen als die Wirtschaft. Dann könnte Piketty Recht haben. Verteilung/SinnVsPiketty: Aber selbst wenn dies der Fall ist, besteht kaum Grund zur Besorgnis. Bei Verteilungsfragen kommt es weniger auf das Verhältnis von Vermögen zum Volkseinkommen an als auf das Verhältnis von Kapitaleinkommen zu Lohneinkommen, also auf den Anteil von Kapital und Lohn am Volkseinkommen. Die Verteilungsanteile des Volkseinkommens, wie sie erstmals von der linken Ökonomin Joan Robinson in ihrem 1942 erschienenen Buch(2), An Essay on Marxian Economics, beobachtet wurden, sind im Laufe der Zeit recht stabil geblieben und folgen keinem erkennbaren Trend. >Verteilungstheorie, >Joan Robinson. Löhne/Kapitaleinkommen: Viel wichtiger als Pikettys Theorie von allem ist die Frage, wie viele Menschen an den Lohn- und Kapitaleinkommen beteiligt sind. Wenn die Zahl der Lohnempfänger schneller steigt als die Zahl der Vermögensbesitzer, könnte sich trotz der Konstanz des Verhältnisses von Kapital- zu Lohneinkommen ein weniger wünschenswertes Verteilungsmuster ergeben. Das könnte in den Vereinigten Staaten mit ihrer großen Zahl von Einwanderern der Fall sein und der Grund für die derzeitige Unzufriedenheit in der Bevölkerung sein. Es gibt jedoch keine Belege dafür, dass dies ein allgemeines Gesetz ist. >Pikettys Gesetze. Lösung/Sinn: Sollte tatsächlich die Gefahr bestehen, dass die Zahl der Menschen, die sich das Kapitaleinkommen teilen, im Vergleich zur Zahl der Menschen, die sich das Arbeitseinkommen teilen, zu langsam wächst, ist die beste Medizin die Verbesserung der Aufstiegschancen. Je mehr Menschen sich das Vermögen und die Kapitaleinkommen teilen, desto geringer ist das Verteilungsproblem. Aus diesem Grund ist es hilfreich, wenn die Reichen mehr Kinder haben als die Armen, da sich ihr Vermögen schließlich auf ihre Erben verteilt und das Verteilungsproblem auf einen Schlag gelöst wird. Politische Maßnahmen: Ein Familieneinkommenssplitting wie in Frankreich ist eine der politischen Maßnahmen, die eine Gesellschaft in Erwägung ziehen könnte, wenn sie eine unerwünschte Konzentration des Reichtums befürchtet. Unabhängig davon ist ein progressives Steuersystem erforderlich, um das Wachstum der Nettoeinkommen in den oberen Einkommensschichten einzudämmen. Ungleichheit: Selbst wenn es aufgrund der von Piketty formulierten Theorie keinen grundsätzlichen Trend zu mehr Ungleichheit gibt, kann die Ungleichheit innerhalb der Gruppe der Vermögenden zunehmen, weil einige Dynastien immer mehr Reichtum auf Kosten anderer Dynastien anhäufen. Besteuerung: Ob in dieser Hinsicht in Europa Handlungsbedarf besteht, ist umstritten, da es bereits eine progressive Besteuerung gibt, wird es schwer sein, noch mehr davon zu fordern. Meine Schlussfolgerung ist, dass Piketty, wie Marx, eine Sehnsucht bedient, die im Volk schwelt, dass er aber versucht, seine politischen Vorschläge mit einer Theorie zu untermauern, die seine Behauptungen nicht stützt.(1) >Besteuerung. Grundlegend für Piketty: >Cambridge Capital Controversy (Kapitalkontroverse), >Geoffrey C. Harcourt, >Capital reversing, >Joan Robinson, >Kapital/Joan Robinson, >Ausbeutung/Robinson, >Reswitching/Robinson, >Reswitching/Wirtschaftstheorien, >Reswitching/Harcourt, >Neo-Keynesianismus, >Neo-Neoklassische Theorien. 1. Hans-Werner Sinn. 2017. Piketty’s World Formula. https://www.hanswernersinn.de/en/AP_22062017 (30.01.2025) 2. Joan Robinson. 1942. An Essay on Marxian Economics. London. Macmillan._____________ Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der ArgumenteDer Hinweis [Begriff/Autor], [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] bzw. "Problem:"/"Lösung", "alt:"/"neu:" und "These:" ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente. |
Sinn I Hans-Werner Sinn The Green Paradox: A Supply-Side Approach to Global Warming (Mit Press) Cambridge, MA 2012 |
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