Lexikon der Argumente


Philosophische Themen und wissenschaftliche Debatten
 
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Generationengerechtigkeit Rawls I 128
Generationengerechtigkeit/Rawls: es ist die Frage, ob die Personen in einem angenommenen Anfangszustand einer zu errichtenden Gesellschaft Pflichten und Verpflichtungen gegenüber Dritten, insbesondere ihrer direkten Nachkommen haben. Das Prinzip der Gerechtigkeit als Fairness möchte seine Prinzipien aber nicht aus solchen Erwägungen ableiten. Dennoch nehme ich an, dass die Personen zwar nicht ihre eigene Lebensspanne in Kontinuität berücksichtigen, aber dennoch wird sich ihr Goodwill über wenigstens zwei Generationen erstrecken.
I 208
Generationengerechtigkeit/Rawls: da die Mitglieder der Gesellschaft ein Interesse haben, ihren Abkömmlingen gleiche Freiheitsrechte zu sichern, gibt es keinen Konflikt über die Wahl des Prinzips gleicher Freiheiten. Ein Sohn könnte z.B. nicht argumentieren, dass der Vater seine Interessen vernachlässigte, würde er das Prinzip gleicher Freiheiten akzeptieren. Der Vater müsste bei einer Abweichung davon zuungunsten anderer argumentieren, dass diese anderen Vorteile entstünden, wenn sie erwachsen werden.
I 284
Generationengerechtigkeit/Rawls: diese Frage fordert jede ethische Theorie heraus. Sie hängt davon ab, wie die sozialen Mindeststandards definiert werden.
I 286
Soziale Mindeststandards/Rawls: hier gibt es zwei Probleme: a) es kann nicht genug angespart werden oder b) die Besteuerung greift bei einer Anhebung des Minimums zu stark. Dann beginnt die Situation der am schlechtesten Gestellten, sich zu verschlechtern. Die Frage der Sparrate ist oft diskutiert worden(1)(2)(3)(4)(5).
I 287
Generationengerechtigkeit/Rawls: Die Schlussfolgerung ist, dass die größeren Vorteile künftiger Generationen hinreichend groß sein werden, um die gegenwärtigen Opfer zu kompensieren. Das kann allein deshalb schon wahr sein, weil spätere Generationen bessere Technologie zur Verfügung haben. RawlsVsUtilitarismus: dieser zwingt uns dazu, den Ärmeren größere Opfer aufzuerlegen für die Späteren, denen es vielleicht schon aufgrund anderer Umstände besser gehen wird.
Das gegenseitige Aufrechnen macht aber zwischen Generationen nicht so viel Sinn wie zwischen Zeitgenossen.
Vertragstheorie/Vertragsdoktrin/Rawls: diese betrachtet das Problem aus Sicht der Anfangssituation einer zu errichtenden Gesellschaft. Hier wissen die Beteiligten nicht, zu welcher Generation sie gehören, wenn sie sich für die Gesellschaftsform und ihre Ausgestaltung entscheiden sollen. Nun sollen sie sich fragen, wieviel sie bereit sind, anzusparen, wenn alle anderen dasselbe tun. Dadurch sollen sie ein Prinzip des gerechten Sparens aufstellen, dass für alle gilt.
I 288
Einzig die Angehörigen der allerersten Generation profitieren nicht davon, aber niemand weiß, zu welcher Generation er gehört.
I 289
Das Prinzip des gerechten Sparens zwingt aber nicht dazu, auf ewig weiter zu sparen. Details sind zu späteren Zeitpunkten zu klären. Jede Generation hat ihre eigenen, angemessenen Ziele. Generationen sind einander ebenso wenig unterworfen wie Individuen es sind. Keine Generation hat besondere Ansprüche.
I 290
Sparen/Sparrate/Wohlstand/Rawls: das letzte Stadium muss keines des Überflusses sein. Das Prinzip der Gerechtigkeit fordert nicht frühere Generationen zu sparen, damit spätere mehr haben. Vielmehr geht es beim Sparen um die Ermöglichung einer besseren Ausprägung einer gerechten Gesellschaft und gleicher Freiheiten. Wenn mehr angespart wird, ist es für andere Zwecke. Es wäre ein Missverständnis zu denken, die Verwirklichung einer guten und gerechten Gesellschaft müsse warten bis ein hoher Lebensstandard erreicht ist.
I 291
Generationengerechtigkeit/Alexander Herzen/Rawls: Herzen These: die menschliche Entwicklung ist eine Art chronologischer Unfairness, denn die Späteren profitieren von der Arbeit der Früheren, ohne denselben Preis zu zahlen(6). Generationengerechtigkeit/Kant: dieser sah es als befremdlich an, dass frühere Generationen ihre Last lediglich zugunsten der späteren tragen und das diese als einzige das Glück haben werden, in einem vollendeten Gebäude wohnen zu dürfen(7).


(1) Siehe A. K. Sen „On Optimizing the Rate of Saving“, Economic Journal, Bd. 71, 1961.
(2) J. Tobin, National Economic Policiy, New Haven, 1966, Kap. IX.
(3) R.M. Solow, Growth Theory, New York, 1970, Kap. V.
(4) Frank P. Ramsey, „A Mathematical Theory of Saving“, Economic Journal, Bd. 38, 1928, Nachdruck in Arrow and Scitovsky, Readings in Welfare Economics.
(5) T.C. Koomans, „On the Concept of Optimal Economic Growth“ (1965), In: Scientific Papers of T. C. Kopmans, Berlin, 1970.
(6) Zitat aus Isaiah Berlin’s Einführung zu Franco Venturi, Roots of Revolution, New York, 1960 S. xx.
(7) Kant: „Idea for a Universal History with a Cosmopolitan Purpose“, Zitiert aus Hans Reiss (Hrsg.) Kant, Political Writings, Cambridge, 1970, S. 44.

Rawl I
J. Rawls
A Theory of Justice: Original Edition Oxford 2005
Öffentliches Gut Rawls I 92
Öffentliches Gut/ Soziales Gut/social goods/Rawls: primäre soziale Güter sind Rechte und Freiheiten, Chancen und Befugnisse, Einkommen und Wohlstand. Diese Güter sind sozial wegen ihrer Verbindung mit der Grundstruktur der Gesellschaft; Freiheiten und Befugnisse werden durch die Regeln der größeren Institutionen definiert, Einkommensverteilung und Wohlstand werden von diesen reguliert. Rawls: die Theorie der Gemeingüter geht auf Aristoteles zurück und wird von so unterschiedlichen Autoren wie Kant und Sidgwick geteilt. Sie ist auch nicht strittig zwischen Utilitarismus und Vertragstheorie.
I 93
Güter/Rawls: ein Gut ist die Erfüllung eines rationalen Interesses. Wir können davon ausgehen, dass ein rationales Individuum einen Plan hat, der verschiedene Verlangen ohne gegenseitige Störung erfüllt werden können. Def rationaler Plan/Rawls: sei ein Plan, der nicht verbessert werden kann. D.h. es gibt keinen anderen Plan, der ihm vorgezogen wird.
Def primäre Güter/Rawls: sind solche, die alle benötigen, auch wenn ihre Pläne differieren. Bsp Intelligenz, Wohlstand, Chancen sind Mittel, um Ziele zu erreichen, die eine Person nicht auf anderem Wege erreichen könnte. Im Anfangszustand (einer zu errichtenden Gesellschaft), wo die Menschen noch nicht wissen, welche Rolle sie einnehmen werden, sind diese Güter das, wovon sie wissen, dass sie sie anstreben.
Problem: ein Verzeichnis der verfügbaren primären sozialen und natürlichen Güter anzufertigen. Unsere Prinzipien, wenn sie in lexikalischer Reihenfolge abgearbeitet werden (Siehe Prinzipien/Rawls), helfen dabei.
I 266
Öffentliche Güter/Rawls: sind vor allem unteilbar und öffentlich zugänglich(1). Wenn Bürger davon profitieren wollen, muss es so eingerichtet sein, dass alle im gleichen Maß davon profitieren. Bsp Landesverteidigung.
I 267
Das bringt es mit sich, dass öffentliche Güter durch den politischen Prozess und nicht durch den Markt gesteuert werden müssen. Probleme: für öffentliche Güter erwachsen besondere Probleme:
1. Das Trittbrettfahrer-Problem(2): Es gibt die Versuchung, selbst nicht seinen Anteil an Pflichten beizutragen, dieser Betrag beeinflusst das Gesamtergebnis nämlich nicht merklich. Für das Individuum erscheint der Beitrag der anderen in jedem Fall schon geleistet. Daher muss der Staat die Regelung der entsprechenden öffentlichen Güter übernehmen(3).
I 268
2. Merkmal öffentlicher Güter: Externalität. Die Produktion dieser Güter geht auch auf Kosten derer, die niemals von ihnen profitieren. Es werden auch nicht alle Wünsche berücksichtigt. Bsp Jemand, der sich impfen lässt, hilft anderen ebenso wie sich selbst, auch wenn er niemals dieser Infektion ausgesetzt sein wird. Bsp Auch Umweltschäden werden normalerweise nicht vom Markt reguliert. So werden unter Umständen Rohstoffe zu weit geringeren Kosten produziert, als ihre sozialen Grenzkosten ausmachen. Hier gibt es eine Differenz zwischen privater und sozialer Bilanzierung, die der Markt nicht registriert. Die Unteilbarkeit öffentlicher Güter (z.B. Infrastruktur, Freiheiten usw.) erfordert es in diesem Fall, dass der Staat die Regelung übernimmt. Problem: sogar in einer Gesellschaft gerechter Personen führt die Isoliertheit individueller Entscheidungen nicht zu der Erfüllung des Allgemeininteresses.
I 270
Wirtschaftsform: wie groß der Anteil der öffentlichen Güter an der Gesamtwirtschaft ist, ist von der Wirtschaftsform - sei sie sozialistisch oder privatwirtschaftlich – unabhängig, da der Anteil der sozialen Ressourcen, der für ihre Produktion aufgewendet wird, unabhängig von der Frage des Besitzes der Produktionsmittel.

(1) Siehe J. M. Buchanan, The Demand and Supply of Public Goods, Chicago, 1968, Kap. IX.
(2) Buchanan, Kap. V; Mancur Olson, The Logic of Collective Action, Cambridge, MA, 1965, Kap. I, II.
(3) Siehe W.J. Baumol, Welfare Economics and the Theory of the State, London, 1952, Kap. I, VII-IX, XII.

Rawl I
J. Rawls
A Theory of Justice: Original Edition Oxford 2005
Rassismus Rawls I 149
Rassismus/Theorie der Gerechtigkeit als Fairness/Rawls: in der Theorie der Gerechtigkeit als Fairness wird ein hypothetischer Anfangszustand einer zu errichtenden Gesellschaft angenommen, in dem sich die Personen hinter einem Schleier des Nichtwissens befinden, der ihnen nicht erlaubt zu wissen, welche Positionen sie in dem Gefüge später einnehmen werden. In dieser Situation wird deutlich, dass Rassismus und sexuelle Diskriminierungen nicht nur ungerecht, sondern irrational sind. Sie sind nicht nur keine moralischen Konzeptionen, sondern einfach Unterdrückungsmittel.
I 150
Das ist aber keine Frage der Definition, sondern eine Konsequenz aus den Bedingungen der Anfangssituation einer zu errichtenden Gesellschaft, insbesondere aus den Bedingungen der Rationalität. Dass Rechtskonzeptionen einen bestimmten Inhalt haben und Willkür ausschließen, ist eine Konsequenz der Theorie.

Rawl I
J. Rawls
A Theory of Justice: Original Edition Oxford 2005
Rationalität Rawls I 143
Rationalität/Rawls: unsere Auffassung hier entspricht im Großen und Ganzen dem Standardmodell in der Sozialtheorie(1)(2). Der rationale Person/Rawls: sei eine Person sein mit einer kohärenten Menge von Präferenzen zwischen Optionen, die ihr offenstehen. Sie bewertet die Optionen im Hinblick darauf, was ihren Zwecken dient. Sie verfolgt den Plan, der die meisten ihrer Wünsche erfüllt und die größeren Chancen hat, erfolgreich zu sein. Rawls: zusätzlich schließe ich Missgunst aus.
I 145
Anfangszustand einer zu errichtenden Gesellschaft/Rawls: hier müssen wir annehmen, dass die beteiligten Personen einen Sinn für Gerechtigkeit und die Befolgung ihrer Prinzipien haben und dies auch von anderen erwarten können. Sie wissen dann, dass Einigungen nicht vergebens sind.
I 418
Rationalität/Rawls: die Dauer einer rationalen Überlegung ist in Betracht zu ziehen, so dass es irgendwann irrational wird, nach dem besten Plan zu suchen. Es ist rational, einem nur zufriedenstellenden Plan zu folgen, wenn die zu erwartenden Ergebnisse weiterer Abwägung die Nachteile des Zeitverlusts nicht ausgleichen. Damit wird eine gewisse Entscheidungskompetenz einer Person im Hinblick auf ihre eigene Situation bei der Rationalen Entscheidung vorausgesetzt.
I 422
Das Leitprinzip für ein rationales Individuum in der Verfolgung seiner Pläne sollte sein, dass es sich niemals zum Vorwurf wird machen müssen, wie diese Pläne sich am Ende verwirklichen. Als identisches Individuum in der Zeit muss es sagen können, dass es in jedem Moment das getan hat, was eine Abwägung der Gründe erfordert oder zumindest zugelassen hat(3)(4).

(1) Vgl. Amartya Sen, Cellective Choice and Social Welfare, San Francisco, 1970.
(2) K. J. Arrow, Social Choice and Individual Values, 2. Ed. New York, 1963.
(3) Siehe Charles Fried, An Anatomy of Values, (Cambridge, 1970), S. 158-169.
(4) Th. Nagel, The Possibility of Altruism (Oxford, 1970), insb. Kap. VIII.

Rawl I
J. Rawls
A Theory of Justice: Original Edition Oxford 2005
Rawls Sandel Brocker I 673
Rawls/Subjekt/Individuum/Metaphysik/Subjektivität/Individualität/SandelVsRawls/Sandel: Sandel kritisiert an Rawls Konzeption eines angenommenen Ausgangszustands für eine zu errichtenden Gesellschaft (Siehe Schleier des Nichtwissens/Rawls, Reflexives Gleichgewicht/Rawls, Schleier des Nichtwissens/Sandel): 1. Rawls verfehlt sein eigenes Ziel, Kants praktische Philosophie frei von Metaphysik zu rekonstruieren und ohne spezifische Theorie des Subjekts zu reformulieren. Im Gegenteil, Rawls setzt eine spezifische Theorie des Subjekts voraus („gegenseitiges Desinteresse“, Subjektivität und Identität unabhängig von Zielen und Zwecken des Subjekts). (1) (Siehe Subjektivität/Sandel).
2. Dies führt zu einer Verarmung der Möglichkeiten menschlichen Selbstverständnisses in der politischen Gemeinschaft. (2)
3. Damit sei der Ansatz von Rawls schlicht falsch, da Menschen sich in dieser Weise überhaupt nicht verstehen können. (3)
4. Die Konzeption des Anfangszustands bei Rawls stehe im Widerspruch zu anderen Elementen seiner Theorie, insbesondere zum Differenzprinzip (siehe Differenzprinzip/Rawls) und zu seiner Vertragstheorie. (Siehe Vertragstheorie/Rawls). Siehe auch Differenzprinzp/Sandel, Rawls/Nozick.


1. Michael Sandel, Liberalism and the Limits of Justice, Cambridge/New York 1998 (zuerst 1982), S. 65
2. Ebenda S. 177
3. Ebenda S. 65.

Markus Rothhaar, “Michael Sandel, Liberalism and the Limits of Justice” in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Sand I
Michael Sandel
The Procedural Republic and the Unencumbered Self 1984

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Rollen Rawls I 96
Rollen/soziale Positionen/Gesellschaft/Rawls: die Rollen in einer zu errichtenden Gemeinschaft werden notwendigerweise ungleiche Gestaltungsmöglichkeiten mit sich bringen. Wir benutzen unsere zwei Prinzipien, um Ungerechtigkeiten vorzubeugen:
I 61
1. Jeder muss Recht auf grundlegende Freiheit haben 2. Ungleichheiten sind so zu handhaben, dass sie zu jedermanns Vorteil sind, unterschiedliche Positionen müssen prinzipiell von jedermann inne gehabt werden können.
I 96
Positionen: in den meisten Fällen: 1. Gleiche Bürgerrechte, 2. Die Position, die durch Einkommen und Wohlstand definiert ist. Repräsentative Mitglieder sind dann solche, die für verschiedene Stufen des Wohlstands stehen.
I 97
Rollen: das > href="https://www.philosophie-wissenschaft-kontroversen.de/details.php?id=1155024&a=$a&autor=Rawls&vorname=John&thema=Differenzprinzip">Differenzprinzip hilft uns, repräsentative Rollen für Einkommensklassen aufzustellen. Problem: die am wenigsten privilegierten Gruppen. Hier müssen wir willkürlich vorgehen, z.B. ungelernte Arbeiter annehmen. Oder Personen, die weniger als die Hälfte des Medianeinkommens zur Verfügung haben(1).
I 99
In Konfliktfällen gilt, dass die Interessen eines allgemeineren Standpunkts die Interessen einer individuelleren Position überwiegen. Das gilt z.B. auch, wenn Vor-und Nachteile des Freihandels gegenüber Protektionismus abgewogen werden.
I 100
Die relevanten sozialen Positionen spezifizieren dann den allgemeinen Standpunkt, von dem aus die zwei Prinzipien der Gerechtigkeit auf die Grundstruktur ((s) den Anfangszustand einer zu errichtenden Gesellschaft, in dem nach Rawls die Rollen noch nicht verteilt sind) beurteilt wird. Durch die Prinzipien wird sichergestellt, dass niemand von natürlichen Zufälligkeiten profitiert, es sei denn zum Vorteil von anderen.

(1) Siehe M.J. Bowman über das Fuchs Criterion in „Poverty in an Affluent Socienty“, in: Contemporary Economic Issues, Hrsg. N. W. Chamberlain, Homewood, Illinois, 1969.

Rawl I
J. Rawls
A Theory of Justice: Original Edition Oxford 2005
Schleier des Nichtwissens Rawls I 136
Schleier des Nichtwissens/Gesellschaft/Rawls: hier geht es darum, kontingente Besonderheiten bei der Errichtung einer neuen Gesellschaftsform auszuschließen. Dazu sollen die Parteien im >Anfangszustand einer zu errichtenden Gesellschaft hinter einem Schleier des Nichtwissens verharren in Bezug auf Alternativen, die ihren eigenen individuellen Fall betreffen.
I 137
Das soll bewirken, dass die fraglichen Prinzipien aus allgemeinen Erwägungen heraus gewählt werden. Bestimmte Tatsachen sollen unbekannt sein: Niemand kennt seinen Platz in der Gesellschaft, seine Klassenzugehörigkeit oder seinen sozialen Status oder seine Ausstattung mit Güter, Intelligenz, Stärke usw. Selbst seine individuelle Psychologie wie die Neigung zu Optimismus oder Pessimismus, Risikofreude oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation.
Bekannt sein sollen dagegen allgemeine Tatsachen über die menschliche Gesellschaft: die Menschen verstehen politische Probleme und wirtschaftliche Theorie, soziale Organisation und Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Psyche.
I 138
Es soll keine Beschränkungen allgemeiner Information geben, d.h. über allgemeine Gesetze und Theorien. ((s) Rawls nimmt hier an, das es psychologische Gesetze, insbesondere Gesetze der Moralpsychologie gibt. – (DavidsonVsRawls: VsPsychologische Gesetze: siehe Anomaler Monismus/Davidson). Anfangszustand/Probleme/Rawls: es muss geklärt sein, dass Vorschläge zum Bereich zulässiger Alternativen gehören und allgemeine Konsequenzen vorgeschlagener Prinzipien müssen bekannt sein.
I 139
Der Anfangszustand ist keine Generalversammlung, das würde die Fantasie zu sehr strapazieren. Dagegen ist wichtig, dass es keine Rolle spielen darf, wer die Perspektive des Anfangszustands annimmt oder wann er es tut. Das ist es, was der Schleier des Nichtwissens gewährleisten soll: die verfügbare Information soll relevant aber zu allen Zeiten dieselbe sein. VsRawls: man kann einwenden, dass der Schleier irrational sei. RawlsVsVs: es geht darum, dass sichergestellt wird, dass jedermann durch dieselben Argumente überzeugt werden kann. Dann können Standpunkte von Personen zufällig herausgegriffen werden, die anderen Personen werden sich ebenso verhalten. Man kann zusätzlich einen Schiedsrichter annehmen, der ein Koalitionsverbot ausspricht, das ist aber letztlich überflüssig wenn man annimmt, dass die Beratungen der Parteien gleich verlaufen. Da niemand weitergehende Informationen hat, kann er die Situation nicht auf seinen persönlichen Vorteil hin ausrichten.
I 140
Einzige Ausnahme: ein Egoist könnte grundsätzlich verweigern, seine Ersparnisse der Nachwelt zur Verfügung zu stellen. Das könnte er beschließen, ohne weitere Informationen zu haben. Die Frage der Generationengerechtigkeit muss daher anderweitig in Angriff genommen werden.
I 141
Einhelligkeit/Übereinstimmung/Einstimmigkeit: im Anfangszustand geht es nicht um Übereinstimmung über konkrete zufällige Tatsachen (die sowieso nicht bekannt sind). Ansonsten könnten nur ganz triviale Probleme gelöst werden.
I 142
Durch den Schleier des Nichtwissens werden die beiden Prinzipien der Gerechtigkeit (Siehe Prinzipien/Rawls) dem Kriterium der Nützlichkeit vorgezogen.
I 143
Rationalität/Anfangszustand: auch im Anfangszustand, wo die Individuen nur ganz allgemeine Informationen haben, nehmen wir an, dass sie in Bezug auf primäre öffentliche Güter (Bsp Freiheiten, Infrastruktur usw.) bestrebt sind, eher mehr davon zu haben als weniger.
I 166
Schleier des Nichtwissens/Rawls: es gibt kein Problem mit der Annahme, dass Neuankömmlinge zu der Anfangssituation hinzustoßend, die natürlich weniger Information haben. Der Schleier des Nichtwissens tilgt jede Basis für die Unterscheidung verschiedener Informationsstände.

Rawl I
J. Rawls
A Theory of Justice: Original Edition Oxford 2005
Schleier des Nichtwissens Sandel Brocker I 672
Schleier des Nichtwissens/SandelVsRawls/Sandel: Rawls „Schleier des Nichtwissens“ in einem angenommenen >Ausgangszustand einer zu errichtenden Gesellschaft, bei dem die Menschen nicht wissen, welche Rolle sie später spielen werden, ist der Versuch, Kants transzendentales Subjekt ohne metaphysische Annahmen zu rekonstruieren. Siehe Schleier des Nichtwissens/Rawls. SandelVsRawls: Problem: auf welchem Weg kommen die Bedingungen des Urzustands zustande, wenn sie nicht wie bei Kant das Ergebnis einer transzendentalphilosophischen Reflexion auf die nichtempirischen Bedingungen der Möglichkeit von Freiheit sein sollen?
Rawls: geht von einem „gegenseitigen Desinteresse“ der Menschen im Urzustand aus.
Sandel: Frage: was ist das Kriterium für „Plausibilität“ bzw. „Vernünftigkeit“, das dieser Konstruktion eines Ausgangszustands zugrunde liegt? (1) Siehe Anfang/Sandel, Intersubjektivität/Sandel.
Brocker I 675
SandelVsRawls: hinter dem Schleier des Nichtwissens wird gar nicht verhandelt, da die von Rawls angenommenen Subjekte gar keine unterschiedlichen Interessen haben. Der „Vertragsschluss“ beruhe daher nicht auf einer freien Übereinkunft sondern – eigentlich ganz im kantischen Sinn – auf der Erkenntnis, was eine derart konzipierte praktische Subjektivität von vorneherein an Gerechtigkeitsprinzipien impliziert. (2) Siehe Vertragstheorie/Sandel.

1. Michael Sandel, Liberalism and the Limits of Justice, Cambridge/New York 1998 (zuerst 1982), S. 48.
2. Ebenda S. 130, 132.

Markus Rothhaar, “Michael Sandel, Liberalism and the Limits of Justice” in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Sand I
Michael Sandel
The Procedural Republic and the Unencumbered Self 1984

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Terminologien Rawls I 11
Def Schleier des Nichtwissens/Rawls: Es gehört zu den wesentlichen Merkmalen der Ausgangssituation, dass man seinen Platz in der Gesellschaft, seinen sozialen Status, seine Vermögensverhältnisse oder Talente, Intelligenz, Stärke usw. nicht kenn. Wir nehmen an, dass die Parteien ihre Begriffe von Gut oder ihre speziellen psychologischen Neigungen nicht kennen. Hinter diesem Schleier werden die Prinzipien der Gerechtigkeit festgelegt. Das stellt sicher, dass niemand durch naturgegebene oder gesellschaftliche Zufälle bevorzugt oder benachteiligt wird bei der Wahl der Prinzipien. Damit soll die Symmetrie in den Relationen aller gegenüber allen anderen sichergestellt sein und auch, dass der Anfangszustand von allen als fair anerkannt wird.
I 18
Def Reflexives Gleichgewicht/Prinzipien/Rawls: wir beginnen mit möglichst schwachen Prämissen, die jedoch so stark sein sollten, dass sie eine geeignete (significant) Menge von Prinzipien liefern(1). Dann gehen wir vor und zurück, bis Prämissen und Prinzipien beschnitten und angepasst sind. Dieses Gleichgewicht ist nicht notwendigerweise stabil.
I 19
Prinzipien: ich behaupte nicht, die vorgeschlagenen Prinzipien seien notwendige Wahrheiten, die Prämissen sind nicht selbst-evident. Ihre Rechtfertigung beziehen sie aus der gegenseitigen Unterstützung durch vielfältige Überlegungen.

(1) Das ist nicht auf Moralphilosophie beschränkt: siehe N. Goodman, Fact, Fiction, and Forecast, Cambridge Mass. 1955.

Rawl I
J. Rawls
A Theory of Justice: Original Edition Oxford 2005
Unbestimmtheit Rawls I 201
Unbestimmtheit/Gesellschaftsform/Politischer Prozess/Rawls: im Anfangszustand einer zu errichtenden Gesellschaft ist nicht unbedingt klar, welche Verfassungsform zu bevorzugen ist. Dann ist Gerechtigkeit selbst gewissermaßen unbestimmt. Institutionen innerhalb einer gewissen Spanne von Möglichkeiten sind in gleichem Maß gerecht, das gilt auch für Gesetze und Politiken. Diese Unbestimmtheit ist kein Mangel. Wir sollten sie erwarten. Lösung: die Theorie der Gerechtigkeit als Fairness/Rawls.

Rawl I
J. Rawls
A Theory of Justice: Original Edition Oxford 2005