Lexikon der Argumente


Philosophische Themen und wissenschaftliche Debatten
 
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Altruismus Rawls I 189
Altruismus/Rawls: der vollausgeprägte (perfect) Altruismus hat eine Besonderheit: der Altruist kann sein Begehren nur dann erfüllen, wenn jemand anderes unabhängige Begehren hat. Bsp Angenommen, alle entscheiden sich, dasselbe zu tun. Dann geschieht nichts. Da ein System der Gerechtigkeit dann niemals entstehen könnte ist es notwendig anzunehmen, dass mindestens zwei Personen individuelle Interessen haben, die in Konflikt geraten können. Darauf geht die Theorie der Gerechtigkeit als Fairness ein, indem sie ein gegenseitiges Desinteresse in diesem Punkt verlangt.
I 190
Rawls: Unparteilichkeit, wie sie von moralischen Urteilen verlangt wird, ist aber auf anderem Weg zu erreichen. Siehe Moral/Rawls.

Rawl I
J. Rawls
A Theory of Justice: Original Edition Oxford 2005
Demokratie Mill Höffe I 356
Demokratie/Mill/Höffe: Mill befürchtet von der nicht näher qualifizierten, bloßen Demokratie einen Gesinnungsterror, den er mit allem Nachdruck verwirft.(1) Im Gegensatz zu einem schlichten, nur auf faktische Mehrheiten verkürzten Verständnis von Volksherrschaft deutet sich darin der Gedanke einer rechts- und verfassungsstaatlichen, konstitutionellen Demokratie an. Denn in jeder bloßen Demokratie drohe eine Zwangsherrschaft der Gesellschaft über das Individuum. Dann werde nämlich nicht, was allein erstrebenswert sei, jeder von sich selbst, sondern jeder von allen anderen regiert, sodass, was den hochgebildeten Mill erschreckt, jeder von einer ungebildeten Masse beherrscht werde.
Individualismus/Mill: Mills Ablehnung jeder Zwangsherrschaft über das Individuum erlaubt dem
Staat lediglich, Rahmenbedingungen festzulegen, innerhalb derer es jedem freisteht, seine Entscheidungen wohlinformiert selbst zu treffen.
HöffeVsMill: Die Kompromisslosigkeit dieser Parteinahme für Freiheit und Unparteilichkeit widerspricht allerdings Mills Wissenschafts- und Erkenntnistheorie. Denn sie akzeptiert
contre cæur nicht nur im Utilitarismus(2), sondern auch in der Freiheitsschrift(1), was es nach dem System der Logik gar nicht gibt: ein apriorisches Element. Vgl. >A priori/Mill.
In der Schrift Über die Unterdrückung der Frauen(3) wird Mill diesen Widerspruch selbst
einräumen. >Staat/Mill.


1. J.St. Mill. On Liberty, 1859, (dt. Über die Freiheit)
2. J.St. Mill, Utilitarianism 1861
3. J.St. Mill The Subjection of Women, 1869 (dt. Die Hörigkeit der Frau)



Brocker I 508
Demokratie/Lernen/Fähigkeiten/Persönlichkeit/Mill: Der Prozess der Vervollkommnung der menschlichen Fähigkeiten (in kognitiver, moralischer und emotionaler Perspektive) erfordert individuellen Mut und wird – wie Mill sehr kritisch in On Liberty konstatiert – durch die Demokratie und Mehrheitsentscheidungen unterminiert. Demokratie besitzt eine inhärente Tendenz zu Mittelmäßigkeit, die freiheitsbeschneidend ist. SchaalVsPateman: Carole Pateman(1) verkürzt Mill unzulässig, in dem sie sich maßgeblich auf Mills On Representative Government bezieht und den Zusammenhang zwischen Freiheit und der ganzheitlichen Ausbildung menschlicher Fähigkeiten weitgehend ignoriert, den Mill in On Liberty ausführt (in Rekurs auf Wilhelm von Humboldt).


1. Carole Pateman, Participation and Democratic Theory, Cambridge 1970, S. 34f

Gary S. Schaal, “Carole Pateman, Participation and Democratic Theory” in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Mill I
John St. Mill
Von Namen, aus: A System of Logic, London 1843
In
Eigennamen, Ursula Wolf Frankfurt/M. 1993

Mill II
J. St. Mill
Utilitarianism: 1st (First) Edition Oxford 1998

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Feminismus Barry Gaus I 418
Feminismus/Barry/Weinstein: Gerechtigkeit als Unparteilichkeit (...) bewahrt die liberale Unterscheidung zwischen öffentlichen und privaten Gütern, von der Feministinnen behauptet haben, sie verstärke das Patriarchat. >Utalitarismus/Barry. Barry räumt dennoch ein, dass häusliche Gewalt und Vergewaltigung in der Ehe öffentliche Anliegen sind.
Privatsphäre: Das Persönliche ist in der Tat weitgehend politisch.
MendusVsBarry: Jedoch befürchtet Susan Mendus: "Was soll den Übergang zu der Art von Gesellschaft verhindern, die Barry fürchtet - eine Gesellschaft, in der sehr wenig dem privaten Urteil überlassen wird und fast alles der öffentlichen Kontrolle und Zensur unterliegt?" (1998(1): 183).
Feminismus: Kurz gesagt, Barrys Feminismus riskiert, dass das Private ins Öffentliche kollabiert und seinen Liberalismus gefährdet.
BarryVsVs: Barry antwortet, indem er Mendus des "Alarmismus" beschuldigt und bestreitet, dass ein Verbot von häuslicher Gewalt und Vergewaltigung in der Ehe "die Schleusen" zu tyrannisierender (utilitaristischer) Unparteilichkeit öffnen würde.
Er besteht darauf, dass rechtmäßiges öffentliches Eingreifen in einigen Fällen nicht 'unweigerlich zu öffentlichem Eingreifen in anderen Fällen führt, in denen das falsch ist' (Barry, 1998(2): 256).* Sicherlich wirft dies die Frage auf. >Unparteilichkeit/Barry.

* Siehe auch Phillips (1999a)(3) für eine liberal-feministische Darstellung der Gefahren einer radikalen Überpolitisierung des Persönlichen.


1. Mendus, Susan (1998) 'Some mistakes about impartiality'. In P. Kelly, Hrsg., Impartiality, Neutrality and Justice. Edinburgh: Edinburgh University Press, 176-85.
2. Barry, Brian (1998) 'Something in the disputation not unpleasant'. In P. Kelly, Hrsg., Impartiality, Neutrality and Justice. Edinburgh: Edinburgh University Press, 186-257.
3. Phillips, Anne (1999a) 'The politicisation of difference'. In John Horton and Susan Mendus, Hrsg., Toleration, Identity and Differance. London: Macmillan, 126-45.


Weinstein, David 2004. „English Political Theory in the Nineteenth and Twentieth Century“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

EconBarry I
Brian Barry
Sociologists,economists, and democracy Chicago 1970

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Gerechtigkeit Barry Gaus I 294
Gerechtigkeit/internationale Beziehungen/Barry/Brown: Barrys(1) (...) Darstellung von 'Gerechtigkeit als Unparteilichkeit' hat erhebliche internationale Implikationen; >Gerechtigkeit/Internationale Politische Theorie. Unparteilichkeit/Barry: Unparteilichkeit erfordert, dass die vitalen Interessen eines jeden vor die nicht-vitalen Interessen eines jeden gestellt werden, was bedeutet, dass die bestehende Verteilung des Reichtums und die für den zeitgenössischen Kapitalismus charakteristische Umweltzerstörung als unvernünftig und ungerecht angesehen werden müssen. Die unausweichliche Schlussfolgerung ist, dass die fortgeschrittene industrielle Welt ihr Wachstum verlangsamen oder umkehren und Ressourcen über ein System "progressiver" globaler Besteuerung an die Armen transferieren sollte (Barry, 1994(2); 1998(3)). >Ungleichheit/Internationale Politische Theorie; vgl. >Besteuerung, >Steuerwettbewerb.
BarryVsRawls: >Gerechtigkeit/Internationale Politische Theorie, Vgl. >Gerechtigkeit/Rawls, >Verteilungsgerechtigkeit/Rawls, >Gerechtigkeit/Beitz.


1. Barry, B. (1989) 'Humanity and justice in global perspective'. In B. Barry, Democracy, Power and Justice. Oxford: Clarendon.
2. Barry, B. (1994) Justice as Impartiality. Oxford: Oxford University Press.
3. Barry, B. (1998) 'International society from a cosmopolitan perspective'. In D. Mapel and T. Nardin, eds, International Society. Princeton, NJ: Princeton University Press, 144-63.

Brown, Chris 2004. „Political Theory and International Relations“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

EconBarry I
Brian Barry
Sociologists,economists, and democracy Chicago 1970

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Gerechtigkeit Mill Höffe I 350
Gerechtigkeit/Mill/Höffe: (...) [Mill] unterscheidet (...) verschiedene Ansichten von Gerechtigkeit, beispielsweise das Gebot, gesetzlich verbürgte Rechte einer Person zu achten, jedem das, was er verdient, zu geben, ferner die Gedanken der Unparteilichkeit und der Gleichheit. Er erkennt dann die traditionelle Unterscheidung von vollkommenen (Gerechtigkeits-) und unvollkommenen (Wohltätigkeits-)Pflichten an. Schließlich behauptet er, ein Recht zu haben bedeute, etwas zu haben, das die Gesellschaft aus keinem anderen Grund als der allgemeinen Nützlichkeit (general utility) schützen sollte.(1) >Utilitarismus/Mill.


1. J.St. Mill, Utilitarianism 1861

Mill I
John St. Mill
Von Namen, aus: A System of Logic, London 1843
In
Eigennamen, Ursula Wolf Frankfurt/M. 1993

Mill II
J. St. Mill
Utilitarianism: 1st (First) Edition Oxford 1998
Gerechtigkeit Nietzsche Höffe I 379
Gerechtigkeit/Nietzsche/Höffe: Für eine so traditionelle Tugend wie Gerechtigkeit könnte man von Nietzsche, dem Moralkritiker und Aufklärer, erwarten, dass er sie entweder direkt verwirft oder als Illusion entlarvt, etwa als nur scheinbare Unparteilichkeit, die in Wahrheit den Interessen der Reichen oder Mächtigen dient. Das Gegenteil ist der Fall.
Gerechtigkeit/Dühring: These: (...) der Philosoph, Naturforscher und Wirtschaftstheoretiker
Karl Eugen Dühring, leitet die Gerechtigkeit aus einem emotionalen Vorurteil, dem Ressentiment der Schwachen, ab.
NietzscheVsDühring: Dem widerspricht Nietzsche vehement. Denn im Gegenteil, sagt er, sind es die Mächtigen, die mit der Institutionalisierung von Recht und Gerechtigkeit den «Ausschweifungen des reaktiven Pathos» Einhalt gebieten.
Genalogie der Moral(1): «Wenn aich selbst unter dem Ansturm persönlicher Verletzung, Verhöhnung, Verdächtigung die hohe, klare, ebenso tief als mildblickende Objektivität des gerechten, des richtenden Auges nicht trübt, nun, so ist das ein Stück Vollendung und höchster Meisterschaft auf Erden.»


1. F. Nietzsche, Genealogie der Moral, 2. Abhandlung, Nr. 1



Ries II 52
Gerechtigkeit/NietzscheVsSokrates/Sokratische Tugenden/Nietzsche: Klugheit, Mäßigung, Gerechtigkeit, Tapferkeit: aller ihrer Ursprung ist tierhaft. Die Praktiken die von einer verfeinerten Gesellschaft gefordert werden: Vermeiden des Lächerlichen, des Auffälligen, des Anmaßenden, Sich-Einordnen, Sich-Verringern, alles bis in die Tierwelt hinab zu finden.

Nie I
Friedrich Nietzsche
Sämtliche Werke: Kritische Studienausgabe Berlin 2009

Nie V
F. Nietzsche
Beyond Good and Evil 2014

Ries II
Wiebrecht Ries
Nietzsche zur Einführung Hamburg 1990
Gesellschaftsvertrag Locke Höffe I 251
Gesellschaftsvertrag/Locke/Höffe: Zu den Verbindlichkeiten, die in Lockes vorvertraglichem Naturzustand herrschen, gehört das Recht, mangels einer öffentlichen Gewalt die Verletzung der einschlägigen göttlichen und natürlichen Gebote selbst zu ahnden. Den einzigen Ausweg, den Naturzustand zu verlassen, sieht Locke im Einrichten einer politischen oder bürgerlichen Gesellschaft(1). Vgl. >Naturzustand/Locke. Religiöse Begründung/Höffe: (...) Lockes Legitimation [enthält] noch vormoderne Elemente, womit sich der Philosoph trotz seiner Wertschätzung von Vernunft und Erfahrung methodisch nie hinreichend von seiner puritanischen Herkunft emanzipierte. >Gemeinschaft/Locke.
Staat: (...), für die Einrichtung eines Staatszustandes erhält der Vertragsgedanke (...) seine wichtigste Rolle. 1) Er erklärt den Ursprung staatlicher Gewalt, bestimmt 2) deren Funktion und legt 3) deren Grenzen fest. Alle drei Aufgaben bündeln sich im Daseinszweck des Staates, in der Abwehr all der äußeren und inneren
Höffe I 252
Gefahren, die den Grundgütern der Bürger, Leben, Freiheit und Eigentum, drohen. >Eigentum/Locke. Liberalismus: Mit seinem typisch liberalen Zweck, der Gefahrenabwehr und dem damit verbundenen Eigentumsschutz, beantwortet Locke die selbstgestellte Frage: Welches Motiv veranlasst zweckrationale Personen, die ihren in Begriffen von Freiheit definierten Nutzen zu maximieren suchen, freiwillig ihrer natürlichen Freiheit und Macht zu entsagen und sich den Fesseln einer Rechts- und Staatsordnung zu unterwerfen, die fortan das Tun und Lassen zwangsbewehrt regelt?
Lockes Antwort: Um die Gefahren der Parteilichkeit und der Machtlosigkeit zu überwinden, wird die Privatjustiz zugunsten eines gemeinsamen unparteiischen Schiedsrichters abgeschafft, der nach festen Regeln entscheidet. >Naturzustand/Locke.
Problem: (...) eine zweifache Rechtsunsicherheit (...): Die Menschen haben nicht immer genügend Macht, um ihr Recht durchzusetzen, und falls sie die Macht haben, droht die Gefahr, dass sie sich zu viel nehmen.


1. Locke, Second treatise of Government, 1689/90, Kap VII.

Loc III
J. Locke
An Essay Concerning Human Understanding
Moral Hume Deleuze I 27
Moral/Hume: Bei der Moral gibt es keine Schlussfolgerungen. 1. Moralische Affektion (Teil der Umstände).
2. Überschreiten (Erkenntnis).
In der Natur gibt es nichts Ganzes - im Gegensatz zur Moral.
I 154 f
Moral/Hume: Die Moral entspringt nicht der Vernunft. Prinzipien der Assoziation können nicht auswählen, daher gibt es keine Moral aus Prinzipien, sondern Moral gleicht dem Handeln. Dieses entzieht sich den Relationen. Lust zu suchen ist kein Inhalt, sondern das Werk von Prinzipien. ---
Stegmüller IV 238
Tugend/Hume: Unterscheidung: Natürliche Tugend gehört zur biologischen Ausstattung. Auf sie haben sich die Moralphilosophen vor Hume ausschließlich bezogen, Bsp Freigiebigkeit, Nachsicht, Mildtätigkeit, Nächstenliebe, Mäßigung, Unparteilichkeit (Grundlage: menschliche Sympathie). Künstliche Tugend ist hingegen nichts weiter als eine menschliche Erfindung, Bsp Respektierung von Eigentum, Regeln für Eigentumsübertragung, Versprechen, Verpflichtung, Verträge einzuhalten, Loyalität gegenüber der Staatsregierung - nicht aus Wohlwollen, denn dann würde es davon abhängen, ob es dem Wohlergehen aller dient und nicht aus Sympathie, denn die ist graduell, Respekt darf aber nicht graduell sein.
IV 290
Moral/Ethik/Hume/Stegmüller: Stegmüller können wir unterstellen, dass er eine Begründung der Moral abgelehnt hätte. Er hätte aber auf einer Untersuchung unserer Begriffe von Normen und Institutionen bestanden. Es ist dann aber nicht Aufgabe des Philosophen, zur Einhaltung aufzurufen.
D. Hume
I Gilles Delueze David Hume, Frankfurt 1997 (Frankreich 1953, 1988)
II Norbert Hoerster, "Hume: Existenz und Eigenschaften Gottes" aus J. Speck(Hg) Grundprobleme der großen Philosophen der Neuzeit I Göttingen, 1997

Deleuze I
Gilles Deleuze
Felix Guattari
Was ist Philosophie? Frankfurt/M. 2000

Hum I
G. Deleuze
David Hume , Frankfurt 1997
Moral Rawls I 190
Moral/Urteil/Gerechtigkeit/Gesellschaft/Rawls: moralische Urteile brauchen Unparteilichkeit. Diese ist aber auch auf anderem Weg zu erreichen, als dass man wechselseitiges Desinteresse an den Zielen der anderen annimmt. Lösung: Gerechtigkeit als Fairness nimmt an, dass eine unparteiische Person eine solche ist, die in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Gerechtigkeit urteilt. (Siehe Prinzipien:

I 61
Prinzipien/Gerechtigkeit/Rawls: 1. Jede Person muss das gleiche Recht auf weitest gehende grundlegende Freiheit haben, soweit sie mit gleicher Freiheit für andere kompatibel ist.
2. Soziale und ökonomische Ungleichheiten sind so zu arrangieren, dass sie
a) vernünftig erwartbar zu jedermanns Vorteil sind und
b) mit Positionen und Verwaltungsvorgängen verknüpft sind, die von jedermann inne gehabt werden können.)

I 190
Lösung: wir müssen Unparteilichkeit dann nicht aus Sicht eines idealen Beobachters definieren, sondern können dies aus Sicht der Teilnehmer tun. Sie sind es, die sich diese Prinzipien in der Anfangssituation einer zu errichtenden Gesellschaft selbst geben müssen. RawlsVsUtilitarismus: dieser verwechselt Unparteilichkeit mit Unpersönlichkeit.
I 311
Moral/Rawls: Wozu Menschen berechtigt sind, bemisst sich nicht aus einem intrinsischen Wert. Der moralische Wert hängt nicht von Angebot und Nachfrage ab. Wenn bestimmte Leistungen nicht mehr nachgefragt werden, nimmt der moralische Verdienst nicht gleichermaßen ab.
I 312
Der Begriff des moralischen Werts liefert kein erstes Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit. Der Moralische Wert kann definiert werden als ein Sinn für Gerechtigkeit, wenn die Prinzipien der Gerechtigkeit verfügbar sind.

Rawl I
J. Rawls
A Theory of Justice: Original Edition Oxford 2005
Terminologien Hume Deleuze I 7
Affektion/Hume: Es gibt 1. Affektivität (über die Sinneseindrücke) und 2. das Soziale (über den Verstand).
I 23
Affekt/Affektion/Hume: 1. Effekte der Assoziation: bringt Allgemeinheit, Regel,
2. Effekte des Affekts: verleiht Inhalt, ermöglicht praktisches und moralisches Handeln.
Affekt ist keine Repräsentation. Vernunft bestimmt nicht das Handeln, aber Affekt bestimmt das Handeln.
I 31
Sympathie/Hume: Sympathie veranlasst uns, von unseren Interessen abzusehen. Sie ist die Grundlage der Moral, aber nur in Bezug auf Nahestehende, Verwandte. > Parteilichkeit. Der Mensch ist weniger egoistisch als parteiisch. So geht die Sympathie doch nicht über das Einzelinteresse oder den Affekt hinaus. Mensch/Hume: Der Mensch ist von Natur aus egoistisch. Moral/Hume: Moral ist nicht vom Instinkt abhängig.
I 49
Lebendigkeit/Hume: Problem: Die allgemeine Regel kennt keinen Besitzer, sie ist abstrakt. Gleichförmigkeit des wahren moralischen Urteils: ist nicht lebendig.
I 56
Allgemeine Regel: Die Einheit einer Reflexion und einer Extension ist hier immer Ausweitung. Der Affekt greift über sich hinaus, weil er sich reflektiert. Die allgemeine Regel ist der in der Einbildungskraft reflektierte Affekt.
I 66
Affekt/Einbildungskraft/Hume: Problem: Wie ist ihre Beziehung, die den Affekt befähigt, eine komplexe Wirkung zu entfalten?
I 67
Lösung: Die Prinzipien des Affekts übersteigen den Geist (wie die Prinzipien der Assoziation). Bsp Die Einbildungskraft geht leicht vom Entferntesten zum Nächsten über, aber nicht umgekehrt, Bsp vom Bruder zum Ich, aber nicht umgekehrt. Affekt: Der Affekt verleiht diesen Verbindungen einen Sinn.
I 71f
Gewohnheit/Hume: Paradox: Die Gewohnheit bildet sich stufenweise aus und ist zugleich ein Prinzip der menschlichen Natur. Ein Prinzip ist die Gewohnheit, Gewohnheiten anzunehmen. So ist die Herausbildung selbst ein Prinzip (= Erfahrung).
I 89
Def Finalität/purpose/Hume/Deleuze: Die Finalität wird gedacht und nicht erkannt als die ursprüngliche Übereinstimmung der Prinzipien der menschlichen Natur mit der Natur selbst. Sie ist die Einheit des Ursprungs und der qualitativen Bestimmtheit. Es gibt vier Prinzipien: Vernunft, Instinkt, Zeugung, Wachstum.
I 118
Affekt/Hume: Der Affekt wird vom Körper produziert: a) unmittelbar aus sich selbst: Bsp Hunger oder b) mit anderen Ursachen: Freude, stolz, Demut usw. Die Natur hat auch dem Geist gewisse Triebe verliehen.
I 139f
Transzendenz/Kant/Deleuze: Das Denken geht über die Einbildungskraft hinaus, ohne sich von ihr zu lösen. Das Transzendentale macht die Transzendenz immanent. Etwas = X. HumeVsKant: Bei Kant ist dies nichts Transzendentales. Stattdessen: Finalität: ist die Übereinstimmung des Subjekts mit dem Gegebenen (nicht zufällig). (Die Übereinstimmung setzt eine Verbindung der Momente des Subjekts voraus.)
I 160
Lebhaftigkeit/lebhaft/vivacity/Hume: Lebhaftigkeit ist der Ursprung des Geistes. Sie ist das Grundmerkmal des Eindrucks und kein Produkt der Prinzipien.
D. Hume
I Gilles Delueze David Hume, Frankfurt 1997 (Frankreich 1953, 1988)
II Norbert Hoerster, "Hume: Existenz und Eigenschaften Gottes" aus J. Speck(Hg) Grundprobleme der großen Philosophen der Neuzeit I Göttingen, 1997

Deleuze I
Gilles Deleuze
Felix Guattari
Was ist Philosophie? Frankfurt/M. 2000

Hum I
G. Deleuze
David Hume , Frankfurt 1997
Universalismus Politische Theorien Gaus I 230
Universalismus/Freihandel/Internationale Beziehungen/Politische Philosophie/Lamont: Libertarier argumentieren, dass die Aufrechterhaltung von Handelsschranken zum Schutz von Niedriglohnarbeitern in Ländern der Ersten Welt viel ärmere Menschen in Ländern der Dritten Welt schlechter stellt. Die Freiheit der ärmeren Menschen, einen einvernehmlichen Handel mit Verbrauchern in Ländern der Ersten Welt zu betreiben, wird eingeschränkt, wodurch ihnen ein wichtiges Mittel zur Verbesserung ihres wirtschaftlichen Wohlergehens vorenthalten wird (Lomasky, 2001)(1). Diese Frage stellt sich als Folge des technologischen Fortschritts, der Entfernungen überwunden hat und zur wirtschaftlichen Globalisierung und damit zur Fähigkeit von Ländern und Unternehmen geführt hat, durch ihre Politik und ihr Handeln die Freiheit und das Wohlergehen von Menschen auf der ganzen Welt dramatisch zu beeinflussen.
Singer: Peter Singer (2002)(2) fragt zum Beispiel, ob politische Führer ihre Rolle darin sehen sollten, die Interessen ihrer eigenen Bürger zu fördern, oder ob sie sich um das Wohlergehen der Menschen überall auf der Welt kümmern sollten.
Unparteilichkeit: Diese Frage hängt mit dem allgemeineren Problem der Parteilichkeit/Unparteilichkeit in der Moraltheorie zusammen: Ist es uns moralisch erlaubt oder sogar manchmal geboten, den Interessen der eigenen Bürger oder sogar der eigenen Familie Vorrang einzuräumen (Barry, 1995(3); Friedman, 1989(4); 1991(5))?
Pogge: Thomas Pogge argumentiert aus einer Position des moralischen Universalismus heraus und kommt zu dem Schluss, dass die Standardhaltung, größere Verpflichtungen zur Linderung der Bedingungen der Armen oder Unterdrückten im eigenen Land als die der Armen im Ausland anzuerkennen, als willkürliche Diskriminierung gilt (Pogge, 2001 a(6); 2001 b(7); Jones, 1999(8)). In der einen oder anderen Form ist diese Frage für alle Theorien der Verteilungsgerechtigkeit von entscheidender Bedeutung. Die zunehmende Globalisierung wird in jeder der Theorien eine größere Aufmerksamkeit für dieses Forschungsgebiet erfordern (...).


1. Lomasky, Loren (2001) 'Toward a liberal theory of national boundaries'. In David Miller and Sohail Hashmi, eds, Boundaries and Justice. Princeton, NJ: Princeton Umversity Press, 55-78.
2. Singer, Peter (2002) One World: The Ethics of Globalisation. Melbourne: Text.
3. Barry, Brian (1995) Justice as Impartiality. Oxford: Clarendon.
4. Friedman, Marilyn (1989) 'The impracticality of impartiality'. Journal of Philosophy, 86 (ll): 645-56.
5. Friedman, Marilyn (1991) 'The practice of partiality'. Ethics, 101 (4): 818-35. 6. Pogge 2001a
7. Pogge, Thomas (2001b) 'Global justice'. Metaphilosophy, 32 (1 and 2): 1-5.
8. Jones, Charles (1999) Global Justice: Defending Cosmopolitanism. Oxford: Oxford University Press.

Lamont, Julian 2004. „Distributive Justice“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Unparteilichkeit Barry Gaus I 418
Unparteilichkeit/Barry/Weinstein: Wie Rawls und Scanlon sind Barrys Schulden bei Sidgwick spürbar, die zweifellos aus seiner komplexen Auseinandersetzung mit dem Utilitarismus herrühren. Für Barry, wie auch für Scanlon, ist Gerechtigkeit als Unparteilichkeit lediglich ein "Hilfsmittel zur Fokussierung unserer Gedanken" über Gerechtigkeit. Es hilft uns einfach dabei, "für uns selbst auf eine strukturiertere Weise zu denken" (1998(1): 194-5). Kurz gesagt, Sidgwick folgend, systematisiert sie unsere überlegten Ansichten über Gerechtigkeit, wenn auch nicht durch die Linse des utilitaristischen Guten, denn bei Barry ist das Gute pluralistisch. >Utilitarismus/Barry.

1. Barry, Brian (1998) 'Something in the disputation not unpleasant'. In P. Kelly, Hrsg., Impartiality, Neutrality and Justice. Edinburgh: Edinburgh University Press, 186-257.

Weinstein, David 2004. „English Political Theory in the Nineteenth and Twentieth Century“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

EconBarry I
Brian Barry
Sociologists,economists, and democracy Chicago 1970

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Unparteilichkeit Bennett
Bennett I
Jonathan Bennett
"The Meaning-Nominalist Strategy" in: Foundations of Language, 10, 1973, pp. 141-168
In
Handlung, Kommunikation, Bedeutung, Georg Meggle Frankfurt/M. 1979
Unparteilichkeit Toulmin Habermas III 60
Unparteilichkeit/Toulmin/Habermas: Toulmin möchte für die Vermeidung apriorischer Vernunftmaßstäbe nicht den Preis des Relativismus zahlen. Es darf nicht allein das zählen, was die Beteiligten jeweils für „rational“ halten. Allerdings will Toulmin – wie der Hegel der „Phänomenologie“ – nicht willkürlich voraussetzen, sondern aus der begreifenden Aneignung des kollektiven Vernunftunternehmens der Menschengattung gewinnen. HabermasVsToulmin: solange er aber nicht die allgemeinen kommunikativen Voraussetzungen und Verfahren kooperativer Wahrheitssuche
Habermas III 61
Klärt, kann er auch nicht formal-pragmatisch angeben, was es heißt, als Argumentationsteilnehmer einen unparteiischen Standpunkt einzunehmen. Diese „Unparteilichkeit“ lässt sich am Aufbau der verwendeten Argumente nicht ablesen, sondern nur anhand der Bedingungen der diskursiven Einlösung von Geltungsansprüchen klären. Toulmin legt nicht die richtigen Schnitte zwischen die zufälligen institutionellen Ausprägungen der Argumentation einerseits und die durch innere Strukturen bestimmten Argumentationsformen andererseits. Zwar trennt Toulmin Konflikt- und Konsensmodelle, diese stehen aber anders als er annimmt, nicht gleichberechtigt nebeneinander. Das Einlösen von Kompromissen dient überhaupt nicht einer streng diskursiven Einlösung von Geltungsansprüchen, sondern der Abstimmung nicht verallgemeinerungsfähiger Interessen auf der Grundlage gleichgewichtiger Machtpositionen.

Toulmin I
St. Toulmin
The Uses of Argument Cambridge 2003

Ha I
J. Habermas
Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988

Ha III
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981

Ha IV
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981
Utilitarismus Barry Gaus I 418
Utilitarismus/Barry/Weinstein: Bei Barry (...) haben wir es eindeutig mit einem unverfälschten Liberalismus zu tun, der dennoch tief vom englischen Utilitarismus geprägt ist. Wie Kelly kürzlich feststellte, "gibt es einen sehr realen Sinn, in dem der Großteil von Barrys Arbeit eine Auseinandersetzung mit dem Utilitarismus beinhaltet" (1998(1):44). Vertragstheorie: Abgesehen von diesen Schulden hat sich Barry als einer der führenden Verfechter der angloamerikanischen Vertragstheorie erwiesen.* Wie Thomas Nagel, Rawls und Thomas Scanlon vertritt Barry die Auffassung, dass die Existenz unvereinbarer Konzeptionen des Guten notwendigerweise das Recht über das Gute stellt. Gerechtigkeit als Unparteilichkeit entscheidet "zwischen den widersprüchlichen Forderungen, die sich aus der Verfolgung dieser Vorstellungen vom Guten ergeben", indem sie den Bürgern ein "Veto gegen Vorschläge [von Gerechtigkeitsprinzipien] einräumt, von denen man vernünftigerweise nicht erwarten kann, dass sie akzeptiert werden" (Barry, 1998(2): 229, 223).** Das Sieb der Missbilligung macht überlebende Prinzipien unparteiisch: Niemand wird durch das, was überlebt, bei der Verfolgung seiner jeweiligen Vorstellungen vom Guten unvernünftig privilegiert. >Vertragstheorie.
Unparteilichkeit/Problem: Utilitaristische Gerechtigkeit ist ausgeschlossen, weil vernünftige Bürger angeblich ihr Veto einlegen würden. Nur wenige wären bereit, die selbstaufopfernden Lasten der Neutralität der Handelnden zu tragen. Gerechtigkeit als Unparteilichkeit ist daher selbstbegrenzend und schließt utilitaristische Unparteilichkeit als zu extrem aus. Im Namen der Unparteilichkeit schränkt sie die Unparteilichkeit ein. Unparteiisch gegenüber konkurrierenden Vorstellungen des Guten zu sein, bedeutet nicht, ihnen gegenüber so gleichgültig zu sein, dass man immer bereit ist, seine eigenen Interessen für das allgemeine Interesse zu opfern.***
Privatsphäre/öffentliche Güter: Gerechtigkeit als Unparteilichkeit bewahrt also die liberale Unterscheidung zwischen öffentlichen und privaten Gütern, von der Feministinnen behauptet haben, sie verstärke das Patriarchat. Dennoch räumt Barry ein, dass häusliche Gewalt und Vergewaltigung in der Ehe öffentliche Anliegen sind. >Feminismus/Barry.

* Dunn argumentiert scharfsinnig, dass die Vertragstheorie in letzter Zeit "ein beträchtliches Maß an Aufmerksamkeit zurückgewonnen hat, besonders in Nordamerika". Aber im Gegensatz zu den Versionen des siebzehnten Jahrhunderts, die sich auf politische Verpflichtungen konzentrierten, konzentrieren sich die zeitgenössischen Versionen auf Verteilungsgerechtigkeit (1996(3): 60).

** Für Scanlon müssen Gerechtigkeitsprinzipien den Test der vernünftigen Ablehnbarkeit bestehen. Und wie Barry befürwortet die vernünftige Ablehnbarkeit Prinzipien, die die am schlechtesten Gestellten begünstigen.

*** Siehe insbesondere Barry (1991(4): Kap. 2). Für Barrys vollständige Behandlung von Gerechtigkeit als Unparteilichkeit siehe Barry (1995)(5).


1. Kelly, P. (1998) 'Taking utilitarianism seriously'. In P. Kelly, Hrsg., Impartiality, Neutrality and Justice. Edinburgh University Press, 44-59.
2. Barry, Brian (1998) 'Something in the disputation not unpleasant'. In P. Kelly, Hrsg., Impartiality, Neutrality and Justice. Edinburgh: Edinburgh University Press, 186-257.
3.Dunn 1996
4. Barry, Brian (1991) Liberty and Justice. Oxford: Oxford University Press. 5. Barry, Brian (1995) Justice as Impartiality. Oxford: Oxford University Press.

Weinstein, David 2004. „English Political Theory in the Nineteenth and Twentieth Century“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

EconBarry I
Brian Barry
Sociologists,economists, and democracy Chicago 1970

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Utilitarismus Mill Höffe I 348
Utilitarismus/Mill/Höffe: Def Utilitarismus/Mill(1): (...) die Ansicht, die Grundlage der Moral bilde das größte Glück, wobei das Glück im Begriff von Lust bzw. Freude (pleasure) und dem Freisein von Unlust bzw. Leid zu verstehen ist.
Weil «Lust» im Griechischen hédoné heißt, handelt es sich um einen Hedonismus.
MillVsBentham: Im Vergleich zu Mills Vorbild, Bentham, fällt auf, dass der zweite Teil dessen utilitaristischen Prinzips «die größte Zahl», für die das «größte Glück» zu suchen ist, hier fehlt.
Freiheit/MillVsBentham: Für Mill als leidenschaftlichen Anwalt individueller Freiheit ist dieses Defizit kaum ein Zufall.
Im Text taucht zwar später die Formel «Glück aller Betroffenen» doch auf, allerdings ohne Benthams zweifache Maximierung: «größtes» Glück der «größten» Zahl. Wegen dieses Defizits setzt sich Mill nicht mit Benthams Vorschlag und dessen erheblichen Schwierigkeiten auseinander, das gesuchte Kollektivwohl mit einem einfachen Verfahren, einem «hedonischen Kalkül» (hedonic calculus), zu berechnen.
MillVsBentham:
1) Die erste und bedeutsamste Veränderung, der qualitative Hedonismus, tritt dem gegen Bentham erhobenen Vorwurf entgegen, der Utilitarismus sei eine Ethik für Genussmenschen. Der britische Schriftsteller und Historiker Thomas Carlyle hatte ihn zum Einwand zugespitzt, der Utilitarismus sei eine Philosophie für Schweine (pig philosophy).
Bentham: Nach Benthams provokativem Aphorismus, bei gleicher Qualität der Lust sei ein anspruchsloses Kinderspiel so gut wie Poesie, zählen die qualitativen Unterschiede zwischen den verschiedenen Anlässen und Arten von Freude ausdrücklich nicht.
Höffe I 349
Mill: Gegen diesen vulgarisierten Hedonismus vertritt Mill die pointierte Gegenthese, es sei besser, ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedenes Schwein zu sein. Er betont den unterschiedlichen Rang der Freuden, die man genießen kann, und zugleich den Vorrang wissenschaftlicher, künstlerischer und humanitärer Tätigkeiten. 2) (...) beim Versuch, das utilitaristische Prinzip zu beweisen, lehnt Mill zu Recht die Möglichkeit eines direkten Beweises ab. Denn wahrhafte Prinzipien sind schlechthin erste Sätze, die sich
genau deshalb nicht beweisen lassen. >Theorie/Mill).
Lösung/Mill: a) Den Kern bildet der Ausdruck «wünschens- und begehrenswert» (desirable), der zwei Bedeutungen hat. In einem empirisch-psychologischen Sinn bezeichnet er das, was die Menschen tatsächlich für wünschens- und begehrenswert halten, in einem normativ-ethischen Sinn, was sie so einschätzen sollen.
Naturalistischer Fehlschluss/HöffeVsMIll: Interpretiert man Mills sogenannten Beweis als
logische Ableitung der ethischen Bedeutung von desirable aus der empirischen Bedeutung, so liegt offensichtlich ein Sein-Sollen-Fehlschluss vor.
VsVs: Da aber Mill in seinem
Höffe I 350
System der Logik, dessen letztem Kapitel, deutlich zwischen Sein und Sollen unterscheidet, kann man den sogenannten Beweis wohlwollend auch so interpretieren: Eine erfahrungsoffene Ethik versteht das Wünschenswerte im Sinne von jenen aufgeklärten Menschen, die die unterschiedlichen Freuden kennen und die in humaner Sicht höherrangigen vorziehen. ((s)Vgl. >Präferenzutilitarismus). 3) Ist Gerechtigkeit mit dem Utilitarismus vereinbar? Mill erkennt hier die Existenz eines natürlichen Gerechtigkeitsgefühls an, hält dieses aber nicht für ein ursprüngliches, sondern abgeleitetes Gefühl. Um diese These zu verteidigen, unterscheidet er verschiedene Ansichten von Gerechtigkeit, beispielsweise das Gebot, gesetzlich verbürgte Rechte einer Person zu achten, jedem das, was er verdient, zu geben, ferner die Gedanken der Unparteilichkeit und der Gleichheit.
Er erkennt dann die traditionelle Unterscheidung von vollkommenen (Gerechtigkeits-) und unvollkommenen (Wohltätigkeits-)Pflichten an. Schließlich behauptet er, ein Recht zu haben bedeute, etwas zu haben, das die Gesellschaft aus keinem anderen Grund als der allgemeinen Nützlichkeit (general utility) schützen sollte.
Gemeinwohl/Mill/Höffe: In diesem Argument steckt entweder die These, zwischen dem Kollektivwohl, der allgemeinen Nützlichkeit, und den Rechten einer Person könne es keine Konflikte geben, Oder die Behauptung, im Konfliktfall habe das Kollektivwohl Vorrang vor subjektiven Rechten wie den Grund- und Menschenrechten.
HöffeVsMill: Auch wenn es dem Kollektivwohl dient, darf man das Recht eines Unschuldigen,
nicht bestraft zu werden, Oder das Recht eines Verdächtigen, nicht gefoltert zu werden, auf keinen Fall verletzen.


1. J.St. Mill, Utilitarianism 1861

Mill I
John St. Mill
Von Namen, aus: A System of Logic, London 1843
In
Eigennamen, Ursula Wolf Frankfurt/M. 1993

Mill II
J. St. Mill
Utilitarianism: 1st (First) Edition Oxford 1998
Utilitarismus Politische Theorien Gaus I 414
Utilitarismus/Politische Philosophie/Weinstein: Zeitgenössische englische Utilitaristen haben sich mit zunehmender Subtilität und Raffinesse für einen liberalen Utilitarismus eingesetzt. Herrschaftlicher Utilitarismus: Regel-Utilitaristen betonen die Kompatibilität des Utilitarismus mit anerkannten moralischen Regeln und Intuitionen (Hare, 1981(1); Harsanyi, 1985(2); Hooker, 2000(3)), während ...
Liberaler Utilitarismus: ... liberale Utilitaristen Utilitarismus mit starken liberalen Rechten verbinden (Gray, 1983(4); Riley, 1988(5)).
All diese Darstellungen stellen jedoch unterschiedliche Versionen dessen dar, was heute allgemein als indirekter Utilitarismus bekannt ist.
Indirekter Utilitarismus: Für indirekte Utilitaristen, so James Griffin, dient das Prinzip der Nützlichkeit als "Kriterium" zur Beurteilung von Handlungsklassen. Im Gegensatz dazu fungieren etablierte moralische Regeln und/oder grundlegende liberale Rechte als Quellen direkter Verpflichtungen (oder "Entscheidungsverfahren"), um individuelle Handlungen zu lenken (Griffin, 1994(6): 179). Handlungen sind moralisch falsch, wenn sie gegen diese Entscheidungsverfahren verstoßen. Indirekte Utilitaristen sind der Meinung, dass die Einhaltung solcher Entscheidungsverfahren den allgemeinen Nutzen insgesamt am besten maximiert, wenn auch nicht unbedingt in kurzfristigen Einzelfällen. Mit anderen Worten, manchmal ist richtiges Handeln gleichbedeutend mit falschem Handeln. Aber warum sollte ich richtig handeln, wenn richtiges Handeln in einer bestimmten Situation zufällig nicht das Beste für den Utilitaristen ist? Warum sollte ich ein geistloser, regelverliebter Trottel sein?*
Grundrechte/Gleichberechtigung/Liberaler Utilitarismus: (...) für den liberalen Utilitarismus fungieren die Grundrechte als kritische Entscheidungsverfahren und machen ihn juristischer als den herrschenden Utilitarismus. Rechte lenken unser Handeln indirekt entlang unantastbarer Kanäle akzeptablen Verhaltens, die angeblich einen allgemeinen Gesamtnutzen erzeugen. Aber der liberale Utilitarismus ist nicht einfach eine juristischere Version des indirekten Utilitarismus.
VsLiberaler Utilitarismus: Der zeitgenössische liberale Utilitarismus wird oft in der gleichen Weise kritisiert, wie Mill's zeitgenössische Gegner ihn wegen seines Versuchs, die Unversöhnlichen zu versöhnen, angriffen. So hat beispielsweise John Gray (1989(7): 218-24) seine frühere Begeisterung für den liberalen Utilitarismus widerrufen und stimmt mit den Kritikern des liberalen Utilitarismus darin überein, dass er vergeblich versucht, mehrere ultimative normative Kriterien miteinander zu verbinden, nämlich Nützlichkeit und unanfechtbare moralische Rechte.
Gray: Bei Gray übertrumpft entweder die Maximierung des Nutzens logischerweise die Rechte, oder Rechte (sofern sie ein authentisches moralisches Gewicht besitzen) übertrumpfen die Maximierung des Nutzens. Der liberale Utilitarismus scheitert logisch, weil er in entgegengesetzte normative Richtungen zieht und uns anweist, den Nutzen zu maximieren, wenn er Rechte verletzt, und Rechte zu respektieren, wenn er den Nutzen nicht maximiert. Manchmal müssen wir zwischen unserem Liberalismus und unserem Utilitarismus wählen.
Egalitärer Utilitarismus: Egalitäre Liberale haben im Gegensatz zu Utilitaristen die Gleichheit über den Nutzen als ihr vorrangiges normatives Anliegen. Dennoch sind Utilitaristen der Gleichheit und Verteilungsgerechtigkeit gegenüber nicht gleichgültig. Wie wir gerade gesehen haben, nehmen die indirekten Utilitaristen diese Werte ernst, wenn auch nicht so ernst, dass sie die Nutzenmaximierung als obersten normativen Standard übertrumpfen. Utilitaristen schätzen Gleichheit auch in dem Sinne, dass Unparteilichkeit konstitutiv für das Prinzip der Nützlichkeit ist. Das "Glück eines jeden Menschen genau so sehr wie das eines anderen" (Mill, 1969(8): 257).** Für egalitäre Liberale spielt die Gleichheit jedoch eine gewichtigere Rolle, weil viele von ihnen internalistische Argumente für die Gleichheit bevorzugen.*** Und weil ihnen die Gleichheit von vornherein wichtig ist, neigen sie auch dazu, sich mehr mit Fragen der Gleichheit des "Was" als des "Warum" zu beschäftigen. Vgl. >Individuum/Bradley, >Freiheit/Bosanquet, >Selbstverwirklichung/Hobhouse.
Gaus I 415
Neuer Liberalismus: (...) die neuen Liberalen befürworteten eine robustere Schwelle der Gleichberechtigung der Chancen. Obwohl sie mit >Bosanquet darin übereinstimmten, dass der Besitz von Eigentum ein mächtiges Mittel der 'Selbstdarstellung' und daher entscheidend für eine erfolgreiche Externalisierung und Verwirklichung unserer selbst sei, legten sie auch fest, dass Privateigentum nur insoweit legitim sei, als es
Gaus I 416
die Chancengleichheit nicht untergräbt. Hobson: In Hobsons Worten: "Ein Mensch, der nicht ausreichend versorgt ist, ist nicht wirklich frei für Zwecke der Selbstentfaltung", mit gleichberechtigtem und einfachem Zugang zu Land, einem Heim, Kapital und Krediten. Hobson kommt zu dem Schluss, dass, obwohl der Liberalismus kein Staatssozialismus ist, er dennoch in erheblichem Maße "mehr öffentliches Eigentum und Kontrolle über die Industrie" impliziert (1974(9): xii). Neue Liberale haben also den englischen Liberalismus verändert, indem sie die soziale Wohlfahrt und die Rolle des Staates bei ihrer Förderung in den Mittelpunkt rückten. Sie machten aus dem Wohlfahrtsliberalismus eine ausgeklügelte theoretische Alternative.****

* Für Kritiker des zeitgenössischen indirekten Utilitarismus sind regierungsverehrende Trottel irrational, weil der Regel-Utilitarismus nicht nur paradox, sondern unlogisch ist. Richtig zu handeln, kann niemals bedeuten, dass man manchmal etwas falsch macht, als ob Handeln und Tun verschiedene Dinge bedeuten. Regel-Utilitaristen haben darauf reagiert, indem sie zwischen idealistischem Regel-Utilitarismus, tatsächlichem staatlichem Regel-Utilitarismus und bedingtem Regel-Utilitarismus unterschieden haben. Der idealistische Regel-Utilitarismus besagt, dass Handlungen dann richtig sind, wenn sie mit Regeln übereinstimmen, deren allgemeine Akzeptanz den Nutzen fördern würde. Der tatsächliche staatliche Utilitarismus fügt die Bedingung hinzu, dass diese Regeln tatsächlich allgemein akzeptiert werden müssen. Der Utilitarismus der bedingten Herrschaft ist noch schwächer, da er weiter festlegt, dass Handlungen dann richtig sind, wenn sie mit Regeln übereinstimmen, die stets den Nutzen maximieren.

** Mill fährt fort: "Der gleiche Anspruch eines jeden auf Glück beinhaltet einen gleichen Anspruch auf alle Mittel zum Glück" (1969(8): 257). In einer aufschlussreichen Fußnote über Spencer fügt Mill hinzu, dass "vollkommene Unparteilichkeit zwischen Personen" voraussetzt, dass "gleiche Mengen an Glück gleich wünschenswert sind, unabhängig davon, ob sie von derselben oder von verschiedenen Personen empfunden werden". Diese egalitären Implikationen der Unparteilichkeit sind nicht identisch und führen zu sehr unterschiedlichen Umverteilungsstrategien.

*** Für Gerald Gaus (2000(10): 136-45) sind utilitaristische Argumente für Gleichheit äußerlich, weil sie die Gleichbehandlung um der Förderung eines äußeren Wertes willen befürworten, nämlich des Glücks willen. Argumente von grundlegender menschlicher Gleichheit rechtfertigen Gleichbehandlung auf der Grundlage irgendeines (internen) Attributs, wonach Menschen angeblich in Wirklichkeit gleich sind.

**** Idealisten wie Jones und Collingwood befürworteten in ähnlicher Weise eine energische Ausweitung der Chancengleichheit durch die Regierung.


1. Hare, R. M. (1981) Moral Thinking. Oxford: Oxford mversity Press.
2. Harsanyi, John (1985) 'Rule utilitarianism, equality and justice'. Social Philosophy and Policy, 2: 115-27.
3. Hooker, Brad (2000) Ideal code, Real World. Oxford: Oxford University Press.
4. Gray, John (1983) Mill on Liberty: A Defence. London: Routledge.
5. Riley, Jonathan (1988) Liberal Utilitarianism. Cambridge: Cambridge University Press.
6. Griffin, James (1994) 'The distinction between a criterion and a decision procedure', Utilitas, 6: 177-82.
7. Gray, John (1983) Mill on Liberty: A Defence. London: Routledge.
8. Mill, J. S. (1969) Utilitarianism. In J. M. Robson, Hrsg., The Collected Works of J. S. Mill, vol. 10. Toronto: University of Toronto Press.
9. Hobson, J. A. (1974 119091) The Crisis of Liberalism. Brighton: Barnes and Noble.
10. Gaus, Gerald (2000) Political Concepts and Political Theories. Boulder, CO: Westview.

Weinstein, David 2004. „English Political Theory in the Nineteenth and Twentieth Century“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004