Lexikon der Argumente


Philosophische Themen und wissenschaftliche Debatten
 
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Besteuerung Minimalstaat Gaus I 121
Besteuerung/Minimalstaat/Gaus/Mack: Der Marktanarchist und der Minimalstaatler teilen eine entscheidende Prämisse, nämlich die, dass der Wert des Erhalts von Schutzleistungen für den Einzelnen fast jeden motivieren wird, für diese Leistungen zu bezahlen. >Marktanarchismus/Liberalismus, >Minimalstaat/Gaus, >Gesellschaft/Minimalstaat, >Soziale Güter/Minimalstaat, >Märkte/Minimalstaat.
Gaus I 122
Regierung/Liberalismus: Liberale Traditionsthese: die Regierung wird weitgehend mit Marktversagen gerechtfertigt: Obwohl der Markt im Allgemeinen sowohl eine freie als auch eine wohlhabende Gesellschaft ermöglicht, ist er nicht perfekt (Buchanan, 1975(1): Kap. 3). So beharrten die klassischen liberalen politischen Ökonomen des 19. Jahrhunderts (...) darauf, dass der Markt von einem politischen Rahmen abhängig sei, den er nicht selbst bereitstellen könne; der Markt könne nicht selbst einen öffentlichen Zwangsapparat für die Durchsetzung von Eigentumsrechten und Verträgen bereitstellen (Robbins, 1961(2); Gaus, 1983(3)). MinimalstaatVsLiberalismus/MarktanarchismusVsLiberalismus: Marktanarchisten und Minimalstaatler können diese weit verbreiteten Ansichten in Frage stellen. Sie können wie folgt argumentieren:
1) Erstens neigt diese zwangsweise staatliche Bereitstellung öffentlicher Güter zu einer Überversorgung mit diesen, so dass sie ihre eigenen ausgleichenden Ineffizienzen hat (Buchanan und Tullock, 1965(4)). Und,
2) sie können darauf bestehen, dass man sich Markt- und Vertragsvereinbarungen vorstellen kann, die eine nicht wesentlich suboptimale Finanzierung für öffentliche Güter - insbesondere rechtsschützende öffentliche Güter - ermöglichen (Buchanan, 1975(1); Narveson, 1988(5): 238). >Soziale Güter/Minimalstaat.
MinimalstaatVsMarktanarchismus/Gaus: Befürworter des Minimalstaates, die ihn als natürliches Monopol darstellen, scheinen besser in der Lage zu sein, dieses Argument vorzubringen als Marktanarchisten. Ein solcher Minimalstaat wird in erheblichem Maße in der Lage sein, den Kauf nicht-öffentlicher Aspekte des Rechtsschutzes durch seine Klienten daran zu binden, dass diese auch für öffentliche Aspekte des Rechtsschutzes bezahlen. >Gesellschaft/Minimalstaat, >Individuen/Minimalstaat, >Minimalstaat/Gaus.
MinimalstaatstheorieVsLiberalismus: Wenn entscheidende öffentliche Güter erheblich unterproduziert würden, ohne dass von Individuen Beiträge zu ihrer Finanzierung verlangt würden (und das Verlangen solcher Beiträge ein zufriedenstellendes Niveau der Produktion dieser öffentlichen Güter ergeben würde), stehen die Mitglieder der Freiheitstradition vor einer schweren Wahl. Einerseits können sie sich auf Kosten des Ausschlusses der mit diesen öffentlichen Gütern verbundenen gegenseitigen Vorteile an nicht rekonstruierten Versionen der Grundnormen dieser Tradition festhalten (während sie zweifellos darauf bestehen, dass die Gemeinwohleigenschaften der Strafverfolgung in der Regel überschätzt werden und dass das meiste, was der Staat tun sollte, darin besteht, im Wesentlichen privat verbrauchte Schutzdienste bereitzustellen). Andererseits können sie aber auch die Zwangseinnahmen legitimieren, die, so die Hypothese, zur Finanzierung dieser wertvollen Güter auf Kosten einer Schwächung zumindest einiger dieser zentralen Normen erforderlich sind.
Soziale Güter: Wie hoch werden die doktrinären Kosten [einer] Schwächung der Normen der Freiheitstraditionen sein? (>Soziale Güter/Minimalstaat). Wir können drei Ansätze zur Rechtfertigung identifizieren: (1) dass die zwangsweise Bereitstellung öffentlicher Güter voll und ganz mit den grundlegenden Verpflichtungen der Freiheitstradition vereinbar ist; (2) dass die auf dem Spiel stehenden Güter vorrangige Freiheit rechtfertigen; und (3) dass es sich bei einer solchen Bereitstellung um gutartige Bevormundung handelt.
Gaus I 123
Kleinstaat: Wenn die Argumente, die für den Besteuerungsminimalstaat sprechen, erweitert werden, um Zwangseinnahmen für die Produktion anderer Arten von öffentlichen Gütern zu legitimieren (zum Beispiel das öffentliche Gut der Mückenbekämpfung) oder um andere Arten von Marktversagen zu korrigieren (zum Beispiel die Regulierung natürlicher Monopole), dann sind wir über den Minimalstaat hinaus zum Kleinstaat übergegangen. Je mehr Arten von Gütern und Dienstleistungen als signifikant öffentlich und damit als gerechtfertigt durch Steuern finanziert akzeptiert werden, desto größer wird der Kleinstaat.

1. Buchanan, James M. (1975) The Limits of Liberty: Between Anarchy and Leviathan. Chicago: University of Chicago Press.
2. Robbins, Lord (1961) The Theory of Economic Policy in Classical English Political Economy. London: Macmillan.
3. Gaus, Gerald F. (1983) ‘Public and private interests in liberal political economy, old and new’. In S. I. Benn and G. F. Gaus, eds, Public and Private in Social Life. New York: St Martins, 183–222.
4. Buchanan, James M. and Gordon Tullock (1965) The Calculus of Consent: Logical Foundations of Constitutional Democracy. Ann Arbor, MI: University of Michigan Press.
5. Narveson, Jan (1988) The Libertarian Idea. Philadelphia: Temple University Press.


Mack, Eric and Gaus, Gerald F. 2004. „Classical Liberalism and Libertarianism: The Liberty Tradition.“ In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications.

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Chancengleichheit Pettit Brocker I 854
Chancengleichheit/Pettit: Pettit hebt die urwüchsige Gleichheit aller Individuen hervor, zu deren Schutz die politische Sphäre und die Interventionen des Staates beizutragen haben. (1) Daraus folgt für Pettit nicht, dass alle Individuen gleich behandelt werden sollten. im Gegenteil: ungünstige Ausgangspositionen
Brocker I 855
und fehlende Chancengleichheit sind so weit wie möglich auszugleichen. Das kann auch tiefe Eingriffe in die ungehinderte materielle Selbstentfaltung besonders begünstigter Staatsbürger umfassen, also gruppenspezifische Beschränkungen von Freiheit erforderlich machen. Gleichheit bedeutet nicht individuelle Wahlfreiheit in jeder Hinsicht. (PettitVsLiberalismus.)


1. Philip Pettit, Republicanism. A Theory of Freedom and Government, Oxford 1997, S. 110f


Emanuel Richter, „Philip Pettit, Republicanism“, in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Pett I
Ph. Pettit
Just Freedom: A Moral Compass for a Complex World New York 2014

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Demokratietheorie Barber Brocker I 681
Demokratietheorie/Demokratie/Barber: Barber versteht Demokratie nicht nur als Entscheidungsverfahren, sondern als übergreifende Lebensweise, die eine sich selbst regierende politische Gemeinschaft zu tragen imstande ist. Damit ist sein Werk Strong Democracy (1) der Versuch einer Neubegründung einer partizipatorischen Demokratietheorie. 1. BarberVsLiberalismus: Barber kritisiert liberale Demokratiekonzeptionen
2. Barber pro Pluralismus, Barber pro Individualismus
3. These: eine „starke Demokratie“ ((s) partizipative Demokratie) lasse sich in der Gegenwartsgesellschaft gezielt verwirklichen. Siehe Demokratie/Barber.
Brocker I 682/683
Def Anarchistische Disposition der traditionellen Demokratietheorie: hier spiegelt sich die herrschaftskritische Seite des Liberalismus, Bsp bei Locke und Robert Nozick. Def Realistische Disposition: findet man insbesondere bei Machiavelli und Hobbes: diese ist herrschaftsaffin, weil sie davon ausgeht, dass Politik Menschen nicht durch innere Überzeugungen binden kann, es vielmehr äußerer Sanktionen und Anreize bedarf.
BarberVsLiberalismus: der Widerstreit von herrschaftskritisch-anarchistischer und herrschaftsaffin-realistischer Disposition führe zu schizophrenen Zügen.(2)
Def Minimalistische Disposition: (Bsp Rawls und Mill): will eine Auflösung dieser Zerrissenheit erreichen, indem sie für eine „Politik der Toleranz“ eintritt. (3)
Lösung/Rawls/Mill: Schutz vor intoleranten Mehrheiten und Güterverteilung auf der Grundlage von Wechselseitigkeit.
Barber pro Minimalismus: dieser Weise über den Liberalismus hinaus, aber ohne den Blick auf „kreativere Formen von Politik“ (4) freizugeben. Siehe auch Terminologie/Barber.


1. Benjamin Barber, Strong Democary, Participatory Politics for a New Age, Berkeley CA, 1984, Dt. Benjamin Barber, Starke Demokratie. Über die Teilhabe am Politischen, Hamburg 1994.
2. Ebenda S. 47
3. Ebenda S. 49
4. Ebenda S. 55.

Michael Haus, „Benjamin Barber, Starke Demokratie“ in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

PolBarb I
Benjamin Barber
The Truth of Power. Intellectual Affairs in the Clinton White House New York 2001

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Einkommen Okin Gaus I 234
Einkommen/Familie/Politik/Feminismus/Okin/Lamont: Das feministische Feld ist in seiner Vielfalt beispiellos, doch hat sich bemerkenswerterweise ein gemeinsames Thema herausgebildet, das gewöhnlich unter dem Motto "das Persönliche ist politisch" zum Ausdruck kommt. Diese Feministinnen argumentieren, dass liberale Theorien der Verteilungsgerechtigkeit nicht in der Lage sind, gegen Unterdrückung anzugehen, die in der so genannten privaten Sphäre der staatlichen Nichteinmischung auftaucht. Es gibt viele Versionen dieser Kritik, aber die vielleicht am besten entwickelte ist die von Susan Moller Okin (1989: 128-30), die die Auswirkungen der Institution der Kernfamilie dokumentiert. Sie argumentiert, dass die Folge dieser Institution eine Position systematischer materieller und politischer Ungleichheit für Frauen ist. Okin zeigt zum Beispiel auf, dass Frauen im Wettbewerb auf dem Markt erheblich benachteiligt sind, weil die Verantwortung für die Kindererziehung nicht zu gleichen Teilen mit den Männern geteilt wird. Infolgedessen wird jede
Gaus I 235
Theorie, die sich auf Marktmechanismen stützt, einschließlich der meisten liberalen Theorien, Systeme hervorbringen, die dazu führen, dass Frauen systematisch weniger Einkommen und Vermögen haben als Männer. FeminismusVsLiberalismus: Das theoretische Problem für den Liberalismus besteht darin, dass er in seiner Achtung der individuellen Freiheit und in seinem Beharren auf der Neutralität der Regierung nicht einmal die Ungleichheiten in den wirtschaftlichen oder politischen Positionen von Frauen als ungerecht anerkennen kann, da diese Ungleichheiten aus der kombinierten Wirkung vieler individueller Entscheidungen resultieren (Hampton, 1997(2): 200-8; MacKinnon, 1987(3): 36).


1. Okin, Susan Moller (1989) Justice, Gender, and the Family. New York: Harper Collins.
2. Hampton, Jean (1997) Political Philosophy. Oxford: Westview.
3. MacKinnon, Catherine A. (1987) Feminism Unmodified: Discourses of Life and Law. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Lamont, Julian 2004. „Distributive Justice“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Freiheit Pettit Brocker I 851
Freiheit/PettitVsLiberalismus/Pettit: Pettit kritisiert die liberale Fixierung auf eine »negative Freiheit«: Diese ziele allzu einseitig auf die Wahrung des Abstandes zwischen Individuum und Staat. Hier gibt es zwei Versäumnisse: a) Die erforderlichen Schutzfunktionen des Staates für die freie Selbstentfaltung des Individuums und
b) den Ertrag aus der Mitwirkung der Individuen an den politischen Entscheidungen zu erkennen und zu würdigen. Siehe aber auch Liberalismus/Pettit.
Mit dem Liberalismus teilt Pettit die Sorge vor einem dominanten Staat, der individuelle Wahlmöglichkeiten einschränkt und letztendlich politische Teilhabe verwehrt. Sein daraus abgeleitetes modelltheoretisches und programmatisches Leitziel lautet daher: Freiheit ohne Dominanz, aber durchaus eine staatliche Unterstützung zur Erlangung von individueller Freiheit.
Formen von Freiheit/Pettit: neben dem traditionellen Verständnis von Freiheit „zu“ bzw. „von“ etwas, führt Pettit eine dritte Form ein: eine Form der „non-domination“: bringen: die Freiheit von Beherrschung, Zwang und Willkür, von »domination« und »mastery«, die aber einer Freiheit zur politischen Teilhabe nicht im Wege steht. (1)
Problem: Eine willkürliche Herrschaftsposition von Personen oder Institutionen schränke die Wahlfreiheit eines Individuums durch offen ausgeübte oder verdeckte Verfügungsgewalt, durch die Beeinträchtigung der Willensfreiheit oder durch die Manipulation des individuellen Verhaltens ein.
Non-domination/Pettit: Lösung: von jeglicher Willkürherrschaft erklärtermaßen Abstand genommen wird. (2) Der Staat wird vornehmlich als eine politische Agentur mit der Aufgabe begriffen, die Freiheit des Individuums zu befördern und sie vor Fremdbeherrschung zu schützen. Siehe Staat/Pettit, Republikanismus/Pettit.
Brocker I 853
Pettit polemisiert gegen jene republikanischen Varianten, die »bürgerhumanistisch« die Freiheit zur politischen Teilhabe als das wichtigste Merkmal der politischen Sphäre betrachten. Sie unterschätzen nach seiner Auffassung den notorischen Hang des Staates zur Beherrschung (»domination«), dem sich die Individuen als Teilhabende am öffentlichen Leben unversehens auslieferten. Pettit tituliert diesen Republikanismus, eher ungewöhnlich und im Ausdruck der Geringschätzung, als »populist« oder »communitarian«. (3) PettitVsKommunitarismus. Siehe Herrschaft/Pettit, Staat/Pettit.

1. Philip Pettit, Republicanism. A Theory of Freedom and Government, Oxford 1997, S. 22
2. Ebenda S. 66
3. Ebenda S. 8


Emanuel Richter, „Philip Pettit, Republicanism“, in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Pett I
Ph. Pettit
Just Freedom: A Moral Compass for a Complex World New York 2014

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Gesellschaft Neorepublikanismus Gaus I 175
Gesellschaft/Neorepublikanismus/Dagger: (...) bürgerliche Tugend ist notwendig, wenn die Selbstverwaltung beibehalten werden soll. NeorepublikanismusVsLiberalismus: Aber auch die Neorepublikaner neigen dazu zu glauben, dass die bürgerlichen Tugenden entweder im Niedergang oder in Gefahr sind, und sie geben häufig dem Liberalismus die Schuld. Wie Sandel sagt: "Der staatsbürgerliche oder prägende Aspekt unserer amerikanischen Politik ist weitgehend dem Liberalismus gewichen, der den Menschen als freies und unabhängiges Selbst begreift, unbelastet von moralischen oder staatsbürgerlichen Bindungen, die er nicht gewählt hat" (1996(1): 6).
SandelVsRawls: Dieser "voluntaristische" oder "prozedurale" Liberalismus, wie er in den Werken liberaler Philosophen wie Rawls und in den Entscheidungen liberaler Juristen zu finden ist, hat eine Gesellschaft gefördert, in der der Einzelne nicht versteht, wie viel er der Gemeinschaft schuldet.


1. Sandel, Michael ( 1996) Democracy 's Discontent: America in Search of a Public Philosophy. Cambridge, MA: Harvard University Press.


Dagger, Richard 2004. „Communitarianism and Republicanism“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Gleichheit Pettit Brocker I 854
Gleichheit/Pettit: Pettit hebt die urwüchsige Gleichheit aller Individuen hervor, zu deren Schutz die politische Sphäre und die Interventionen des Staates beizutragen haben. (1) »Damit man ein freier Bürger ist, muss man Nichtbeherrschung in einem solchen Spektrum der Wahl und auf der Basis einer solchen staatlichen Ressourcenausstattung und Schutzgewährung genießen, dass man sich mit anderen auf Augenhöhe befindet« (Pettit 2015 (2) und Pettit 2012, (3)).
Daraus folgt für Pettit nicht, dass alle Individuen gleich behandelt werden sollten. im Gegenteil: ungünstige Ausgangspositionen
Brocker I 855
und fehlende Chancengleichheit sind so weit wie möglich auszugleichen. Das kann auch tiefe Eingriffe in die ungehinderte materielle Selbstentfaltung besonders begünstigter Staatsbürger umfassen, also gruppenspezifische Beschränkungen von Freiheit erforderlich machen. Gleichheit bedeutet nicht individuelle Wahlfreiheit in jeder Hinsicht. (PettitVsLiberalismus.) Pettit selbst bezeichnet dieses Begründungsmuster als »konsequentialistisch«. Die Konzeptualisierung des zugestandenen staatlichen Regulierungspotentials bemisst sich an der Überlegung, welche Konsequenzen sie für die Herstellung größtmöglicher Gleichheit für jeden Einzelnen haben wird. (4)


1.Philip Pettit, Republicanism. A Theory of Freedom and Government, Oxford 1997, S. 110f
2. Philip Pettit Gerechte Freiheit. Ein moralischer Kompass für eine komplexe Welt, Berlin 2015, S. 98, vgl. S. 112
3. Philip Pettit, On the People’s Terms. A Republican Theory and Model of Democracy, Cambridge 2012. S. 90
4.Pettit 1997, S. 113
Emanuel Richter, „Philip Pettit, Republicanism“, in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Pett I
Ph. Pettit
Just Freedom: A Moral Compass for a Complex World New York 2014

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Gut/Das Gute Sandel Brocker I 677
Gut/Das Gute/Politik/Staat/Begründung/SandelVsRawls/SandelVsLiberalismus/Sandel: Sandel will die Errungenschaften der modernen Demokratie auf eine andere Grundlage stellen, als der rein formalen, die Rawls in seiner Theorie der Gerechtigkeit (1) entwirft. Statt in einer formalen Theorie des Rechten sollen sie durch ein inhaltlich reiches Verständnis des Guten ihre Rechtfertigung finden. Siehe Liberalismus/Sandel, Rawls/Sandel, Vertragstheorie/Sandel, SandelVsRawls, Politik/Sandel. Der Raum des Politischen wäre dann der Raum der lebendigen Auseinandersetzung um das Gute und nicht ein Raum der apriorischen Formulierung von Gerechtigkeitsprinzipien.


1 .Vgl. John Rawls, Theory of Justice 1971(dt. 1975)
2. Michael Sandel, Liberalism and the Limits of Justice, Cambridge/New York 1998 (zuerst 1982),


Markus Rothhaar, “Michael Sandel, Liberalism and the Limits of Justice” in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Sand I
Michael Sandel
The Procedural Republic and the Unencumbered Self 1984

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Individualismus Kelsen Brocker I 139
Individualismus/KelsenVsIndividualismus/Kelsen: Kelsens Kritik am Individualismus ist erstaunlich. In Wesen und Wert (1) geht Kelsen von der Annahme einer Transformation der individuellen zur kollektiven Freiheit des Individuums aus. >Freiheit/Kelsen. KelsenVsLiberalismus: in Äußerungen vor dem Ersten Weltkrieg bescheinigt er dem zeitgenössischen Liberalismus eine apolitische Grundhaltungen erklärt dies mit dessen Individualismus.(2) Für Kelsen gehört der Wirtschaftliche Liberalismus nicht notwendig zur Demokratie.


1. Hans Kelsen, »Vom Wesen und Wert der Demokratie«, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 47, 1920/1921, 50-85 (Separatdruck: Tübingen 1920). Erweiterte Fassung: Hans Kelsen, Vom Wesen und Wert der Demokratie, Tübingen 1929 (seitenidentischer Nachdruck:Aalen 1981).
2. Hans Kelsen »Politische Weltanschauung und Erziehung«, in: Annalen für soziale Politik und Gesetzgebung 2, 1913, S. 7


Marcus Llanque, „Hans Kelsen, Vom Wesen und Wert der Demokratie“, in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Individuen Liberalismus Gaus I 116
Individuen/traditioneller Liberalismus/Gaus/Mack: Die Freiheitstradition ist normativ individualistisch, indem sie den getrennten Wert jedes Individuums bejaht. Dieser normative Individualismus liegt einem Beharren auf der Illegitimität von Handlungen und Politiken zugrunde, die einigen Individuen Verluste auferlegen für die Bereitstellung umfassenderer Vorteile für andere (Nozick, 1974(1): 28-35). UtilitarismusVsLiberalismus: Es mag den Anschein haben, dass utilitaristische Mitglieder der Tradition dem entgegenstehen: Utilitaristen bestehen darauf, dass nur das größte Gesamtglück wertvoll ist, und so scheint es, dass Individuen normativ nur als Mittel zur Aggregatszufriedenheit wichtig sind.
LiberalismusVsVs: Dies mag zwar in der Moraltheorie die Crux des Utilitarismus sein, aber nicht in der Tradition der Freiheit.
Ontologischer Individualismus: Darüber hinaus ist die Freiheitstradition insofern ontologisch individualistisch, als sie Individuen, nicht Klassen, Rassen oder Nationen, braucht, um letztlich die einzigen Orte des Wertes, die einzigen wirklichen Akteure, die einzig wahren Träger von Rechten und Pflichten zu sein (vgl. Bentham, 1987(2): Kap. 1, S. 4; Buchanan und Tullock, 1965(3): 11-12). Nur Individuen treffen Entscheidungen; es gibt buchstäblich keine "soziale Wahl" (de Jasay, 1991(4): 57-9).
Man geht davon aus, dass normativer Individualismus - die getrennte Bedeutung des Lebens, des Wohlbefindens oder der Präferenzzufriedenheit eines jeden Individuums - durchsetzbare moralische Ansprüche aller Individuen gegen Eingriffe unterstützt, die ihr Leben, ihr Wohlbefinden oder ihre Präferenzzufriedenheit beeinträchtigen. Ein moralischer Anspruch gegen Einmischungen durch andere ist grundlegend für die Freiheitstradition (Nozick, 1974(1): 30ff; Machan, 1989(5): 7ff).
Rechtlicher Individualismus: Die Freiheitstradition betrachtet die individuelle Freiheit als die zentrale politische oder rechtliche Norm (Robbins, 1961(6): 104). Individuelle Freiheit ist das, was jedes Individuum legitimerweise von jedem anderen Individuum verlangen kann. >Eigentum/Liberalismus.


1. Nozick, Robert (1974) Anarchy, State and Utopia. New York: Basic.
2. Bentham, Jeremy (1987) Introduction to the Principles of Morals and Legislation. In Utilitarianism and Other Essays, ed. Alan Ryan. Harmondsworth: Penguin.
3. Buchanan, James M. and Gordon Tullock (1965) The Calculus of Consent: Logical Foundations of Constitutional Democracy. Ann Arbor, MI: University of Michigan Press.
4. De Jasay, Anthony (1991) Choice, Contract and Consent: A Restatement of Liberalism. London: Institute of Economic Affairs.
5. Machan, Tibor (1989) Individuals and Their Rights. La Salle, IL: Open Court.
6. Robbins, Lord (1961) The Theory of Economic Policy in Classical English Political Economy. London: Macmillan.

Mack, Eric and Gaus, Gerald F. 2004. „Classical Liberalism and Libertarianism: The Liberty Tradition.“ In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications.


Brocker I 683
Individuen/Liberalismus/Barber: Barber These: Kern des Liberalismus sei ein instrumentelles Demokratieverständnis. Politik sei danach dazu da, die Individuen gegen äußere Eingriffe zu schützen und diesen Schutz so zu bewerkstelligen, dass dies mit den vermeintlich unveränderlichen Eigenschaften der Individuen verträglich ist. Hierbei fasse der Liberalismus die Eigenschaften der Individuen tendenziell in pessimistischen Beschreibungen. Demokratie werde dann zum Mittel zu liberalen Zwecken, das heißt zu Zwecken von homines oeconomici, und je nach Zweckdienlichkeit akzeptiert. (1) Siehe Liberalismus/Barber.

1. Benjamin Barber, Strong Democary, Participatory Politics for a New Age, Berkeley CA, 1984, Dt. Benjamin Barber, Starke Demokratie. Über die Teilhabe am Politischen, Hamburg 1994, S. 56.


Michael Haus, „Benjamin Barber, Starke Demokratie“ in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Internationale Beziehungen Carr Gaus I 290
Internationale Beziehungen/Carr/Brown: (...) für E. H. Carr (2001 [1939])(1), den einflussreichsten britischen Realisten, werden die Dilemmata der internationalen Beziehungen durch die conditio humana und nicht durch die menschliche Natur geschaffen. CarrVsNiebuhr: Knappheit, nicht Sünde, ist die Wurzel des Realismus; es gibt nicht genug von den guten Dingen, um sie zu umgehen, und daher ist die Annahme des liberalen Internationalisten, dass eine natürliche Harmonie der Interessen besteht, falsch. >Internationale Beziehungen/Niebur, >Politischer Realismus/Brown.
Vielmehr werden die Privilegierten, ob Staaten oder Einzelpersonen, versuchen, den Status quo zu verteidigen, indem sie diese Verteidigung in legalistische und
Gaus I 291
moralistische Begriffe kleiden (...). Internationale Politik/Carr: In der internationalen Politik geht es um diesen Konflikt, und der Fehler von 1919 war der Versuch, dem Ausgang des Ersten Weltkriegs einen moralischen Status zuzuweisen, den er nicht verdient hatte. In der ersten Ausgabe seines Buches macht Carr deutlich, dass der richtige Weg, mit der Herausforderung durch Persönlichkeiten wie Hitler und Mussolini in den 1930er Jahren umzugehen, darin bestand, sie im Interesse der Allgemeinheit aufzukaufen, notfalls mit fremdem Eigentum; diese Position tauchte in der zweiten, 1945 erschienenen Ausgabe irgendwie nicht auf (Fox, 1985(2); Cox, Einführung zu Carr, 2001(1)).
CarrVsLiberalismus/Brown: Carrs Politik war quasimarxistisch und seine Gegner waren liberale Internationalisten, und doch gibt es vieles an seiner Darstellung der Welt, das mit mindestens einer Spielart des Liberalismus übereinstimmt.
Rationalismus/Realismus: Carr präsentiert eine im Wesentlichen Hobbes'sche Darstellung der conditio humana. Für Carr haben Staaten und Individuen Interessen, die sie rational und mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln verfolgen, und dies führt unweigerlich zu Konflikten, die das internationale System nicht lösen kann, weil es keinen internationalen Leviathan gibt. Stattdessen, und hier können sich der Realismus von Carr und der amerikanische Realismus einigen, ist die einzige Kontrolle der Machtausübung eines Staates (oder einer Koalition) die Macht eines anderen. >Politischer Realismus/Brown, >Balance of Power/Waltz, >Staat/Waltz.


1. Carr, E. H. (2001 [1939]) The Twenty Years Crisis, ed. and introduction Michael Cox. London: Palgrave.
2. Fox, W. R. T. (1985) 'E. H. Carr and political realism: vision and revision'. Review of International Studies, 11: 1-16.

Brown, Chris 2004. „Political Theory and International Relations“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Internationale Beziehungen Niebuhr Gaus I 290
Internationale Beziehungen/Niebuhr/Brown: 1919 war der Versuch unternommen worden, die internationalen Beziehungen unter rechtsstaatliche Verhältnisse zu bringen, und der Völkerbund wurde weitgehend auf Betreiben von US-Präsident Woodrow Wilson gegründet, obwohl der US-Senat sich weigerte, den Vertrag von Versailles, der den Pakt des Völkerbundes enthielt, zu ratifizieren. Anfang der 1930er Jahre war klar, dass die auf dem Völkerbund ruhenden Hoffnungen enttäuscht werden sollten, und auf der Grundlage dieser Enttäuschung entwickelte sich realistisches Denken, das erklärte, was schief gelaufen war, und eine alternative Darstellung der internationalen Beziehungen vorschlug. Niebuhr war einer der ersten, der sich dieser Aufgabe stellte; seine Botschaft wird in Kurzform durch den Titel seines einflussreichsten Werkes, "Moral Man and Immoral Society" (1932)(1), vermittelt; sein Standpunkt war, dass die Liberalen, die den Bund schufen, die Fähigkeit der menschlichen Kollektive, sich wirklich moralisch zu verhalten, maßlos übertrieben.
Ethik/Niebuhr-These: Niebuhr vertrat die Ansicht, dass "Männer" die Fähigkeit besäßen, gut zu sein, dass diese Fähigkeit aber immer im Widerspruch zu den sündigen Erwerbs- und Aggressionstrieben stehe, die auch in der menschlichen Natur vorhanden sind. Diese Triebe haben in der Gesellschaft volle Tragweite, und es ist unrealistisch zu glauben, dass sie dem Ziel des internationalen Friedens und der Unterordnung in Gremien wie dem Völkerbund dienen können.
Staat/Augustin: Niebuhrs Ansatz ist im Wesentlichen augustinisch und stützt sich auf Augustinus' Darstellung der Koexistenz der beiden Städte: die Gemeinschaft der Gläubigen, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und alles Gute in der Menschheit umfasst, und die Welt, wie sie ist, gefallen und unvollkommen. >Staat/Augustinus.
NiebuhrVsLiberalismus: Die liberalen Internationalisten von 1919 begingen den Fehler, anzunehmen, dass eine Welt der Vernunft und der Gerechtigkeit errichtet werden könnte, während diese Städte nebeneinander existieren; stattdessen erfordert diese Koexistenz eine Politik, die auf einem klaren Machtverständnis beruht. >Internationale Beziehungen/Morgenthau.


1. Niebuhr, R. (1932) Moral Man and Immoral Society. New York: Scribner.

Brown, Chris 2004. „Political Theory and International Relations“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Interpretation Strauss Gaus I 24
Interpretation/Leo Strauss/Ball: Die Anhänger des verstorbenen Leo Strauss (1899-1973) - behaupten, dass ein Kanon von Werken Platons und einer Handvoll anderer Autoren die ganze Wahrheit über die Politik enthält, eine Wahrheit, die ewig, unveränderlich und nur wenigen Glücklichen zugänglich ist (...). Der Zugang zu dieser Wahrheit erfordert eine besondere Art zu lesen und zu interpretieren, was man liest. StraussVsLiberalismus: (...) Strauss sah die Geschichte des modernen westlichen liberalen politischen Denkens als eine Geschichte der Degeneration und Entkräftung. Er und seine Anhänger stellten die Vitalität des klassischen griechischen und römischen politischen Denkens dem resignierten Ennui der schlaffen modernen liberalen Denker gegenüber. Der moderne Liberalismus ist eine Philosophie ohne Fundament. Der moderne Liberalismus, von Hobbes bis zur Gegenwart, hat sich jeglicher Grundlage in der Natur oder im Naturrecht entzogen und ist auf einen rückgratlosen Relativismus reduziert und verfügt daher nicht über die normativen Grundlagen und philosophischen Ressourcen, um den Winden des Fanatismus des zwanzigsten Jahrhunderts zu widerstehen, die sowohl von rechts als auch von links wehen.
StraussVsHistorizismus: Da die Gegenwart bankrott ist, müssen sich Studenten der politischen Philosophie von der Vergangenheit leiten lassen; sie müssen Historiker sein, aber keine "Historizisten".
Wissen und Leitung der Art, wie wir sie benötigen, sind jedoch nicht leicht zu bekommen. Sie erfordern, dass wir diese "alten Bücher" richtig lesen - dass wir
Gaus I 25
die wahre Bedeutung der Botschaften entziffern, die von Autoren verschlüsselt wurden, die sich vor Verfolgung fürchten und im Laufe der Zeit mit den Kognoszenen kommunizieren wollten (Strauss, 1952)(1). StraussVsLocke/StraussVsHobbes: Sich mit den großen Denkern der Antike zu verständigen, bedeutet zu würdigen, wie tief wir gefallen sind. Die Fäulnis kam im 17. Jahrhundert, mit dem Aufkommen des modernen Liberalismus, insbesondere des Liberalismus von Hobbes und Locke (Strauss, 1953)(2). Sie leugneten die alte Weisheit und die ältere Idee des Naturrechts und zogen stattdessen eine auf Sicherheit und Eigeninteresse beruhende Sichtweise der Politik vor. Das alte "philosophische" Streben nach dem guten Leben wurde in die moderne "wissenschaftliche" Suche nach Sicherheit, Geborgenheit und der Anpassung an konkurrierende Interessen umgewandelt.
1) VsStrauss: Straussische Interpretationen sind aus verschiedenen Gründen kritisiert worden. Einer ist, dass sie sich auf die Art von vermeintlichem "Insiderwissen" stützen, das nur denjenigen zur Verfügung steht, die in die Geheimnisse der Straußischen Interpretation eingeweiht wurden (und die ihrerseits Kritik von nicht-russischen Außenstehenden bequemerweise als hoffnungslos ignorant und uninformiert abtun).
2) VsStrauss: Eine andere ist, dass sie ohne Argumente oder Beweise davon ausgehen, dass der "echte" Text nicht Punkt für Punkt mit dem geschriebenen und öffentlich zugänglichen "exoterischen" Text übereinstimmt; der echte oder "esoterische" Text bleibt der Öffentlichkeit verborgen, seine Bedeutung ist für Uneingeweihte unzugänglich und unwürdig.


1. Strauss, Leo, 1952. Persecution and the Art of Writing. Glencoe, IL: Free.
2. Strauss, Leo, 1953. Natural Right and History. Chicago: University of Chicago Press.

Ball, Terence. 2004. „History and the Interpretation of Texts“. In: Gaus, Gerald F. 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications.

StraussDFr I
David Friedrich Strauss
Der alte und der neue Glaube Hamburg 2012

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Kant Sandel Gaus I 111
Kant/Sandel/Gaus: Benn und Gewirth suchen beide einen direkten Weg von der Handlungsfähigkeit zu liberalen Rechten: Wenn wir verstehen, was für Handelnde wir sind, sehen wir, dass wir bestimmte liberale Rechte einfordern und anderen gewähren müssen. >Person/Benn, >Rechte/Gewirth. KantVsGewirth/KantVs/Benn: Im Gegensatz dazu versucht das, was oft als "kantischer Liberalismus" bezeichnet wird, liberale Rechte durch einen hypothetischen Vertrag zu etablieren, der dann Grundrechte erzeugt.
SandelVsKant: Nach den Worten Sandels, seines berühmtesten Kritikers, ist nach dem "deontologischen" oder "kantischen Liberalismus" "eine Gesellschaft, die sich aus einer Vielzahl von Personen zusammensetzt, von denen jede ihre eigenen Ziele, Interessen und Vorstellungen vom Guten hat, am besten geordnet, wenn sie von Prinzipien geleitet wird, die selbst keine bestimmte Vorstellung vom Guten voraussetzen" (1982(1): 1-7).
Respekt/Anerkennung: Da nach dieser Sichtweise jede Person ihre eigenen Ziele im Leben wählt, verlangt der Respekt vor der Person des anderen, dass wir es unterlassen, ihr unsere Sicht des guten Lebens aufzuzwingen. Nur Prinzipien, die für alle gerechtfertigt werden können, respektieren die Persönlichkeit eines jeden. Respekt erfordert also eine bestimmte Art der Rechtfertigung, nach der moralische Prinzipien für alle freien moralischen Personen in einer Situation der fairen Wahl akzeptabel sind. Über diesen Rechtfertigungsmodus werden dann liberale Prinzipien erzeugt. Vgl. >Vernunft/Scanlon.


1. Sandel, Michael (1982) Liberalism and the Limits of Justice. Cambridge: Cambridge University Press.

Gaus, Gerald F. 2004. „The Diversity of Comprehensive Liberalisms.“ In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications.


Brocker I 670
Kant/SandelVsRawls/SandelVsKant/SandelVsLiberalismus/Sandel: Kant hat Ethik und Recht vielleicht am konsequentesten vom Fluchtpunkt des guten Lebens abgekoppelt und sich stattdessen vollständig auf eine Theorie des Rechten, verstanden im Sinn der vernünftigen Verallgemeinerbarkeit von Handlungsmaximen, gestützt. Darauf baut Rawls mit seiner Theorie der Gerechtigkeit (1975) auf. Siehe Prinzipien/Rawls. SandelVsRawls, SandelVsKant: propagiert die Priorität einer Vorstellung des guten und gelingenden Lebens (Aristoteles‘ eudaimonia) als Ausgangspunkt. Siehe Liberalismus/Sandel, Recht/Kant, SandelVsRawls.


Markus Rothhaar, “Michael Sandel, Liberalism and the Limits of Justice” in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Sand I
Michael Sandel
The Procedural Republic and the Unencumbered Self 1984

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Kommunitarismus Dagger Gaus I 167
Kommunitarismus/Republikanismus/Dagger: Kommunitarismus und Republikanismus sind eng verwandte Denkschulen - so eng miteinander verwandt, dass Freund und Feind sie manchmal miteinander vermischen. KommunitarismusVsLiberalismus/RepublikanismusVsLiberalismus: Sowohl die Entstehung des Kommunitarismus als auch das Wiederaufleben des Republikanismus in den letzten Jahren sind auf ein Unbehagen gegenüber dem Liberalismus zurückzuführen. In beiden Fällen lautet die grundlegende Klage, dass sich der Liberalismus einer übermäßigen oder fehlgeleiteten Betonung der Rechte und Freiheiten des Individuums schuldig macht, die "eine sozial zersetzende Form des Individualismus nährt" (Newman, 1989(1): 254). Einige Kommunitaristen und Republikaner vertreten ihre Theorien als Alternativen zum Liberalismus, während andere sich selbst als die Wiederherstellung oder Wiederbelebung der Sorge um das Gemeinschafts- oder Bürgerleben verstehen, die einst die liberale Theorie und Praxis prägte.
Kommunitarismus/Dagger: Kommunitaristen (...) scheinen mehr durch einen gemeinsamen Impuls oder eine gemeinsame Sehnsucht verbunden zu sein als durch die Einigung auf gemeinsame Prinzipien. Infolgedessen (...) waren die Kommunitaristen (...) anfällig für drei Anklagepunkte:
1) dass ihre Einwände gegen die liberale Theorie weitgehend falsch aufgefasst werden;
2) dass sie keine klare Alternative zu bieten haben, vor allem weil sie es versäumt haben, "Gemeinschaft" präzise und nützlich zu definieren; und
3) dass die vage Alternative, die sie bieten, das Risiko einer erdrückenden Konformität birgt oder schlimmer noch diese der Gesellschaft aufzuzwingen.
Hinzu kommt die Peinlichkeit, dass einige der prominentesten Gelehrten, die das Etikett "kommunitaristisch" tragen, entweder den Kommunitarismus aufgegeben oder geleugnet haben, dass das Etikett jemals wirklich zu ihnen gepasst hat. >Republikanismus/Dagger, >Kommunitarismus/Politische Theorien.
Gaus I 173
Reaktionen auf Kritiken: Sandel (...) hat entschieden, dass 'republikanisch' seine Position besser definiert als 'kommunitär', und MacIntyre hat ziemlich energisch geleugnet, dass er ein Kommunitarist ist oder jemals ein Kommunitarist war. Andere haben sich das Etikett des Kommunitarismus zu eigen gemacht, aber in ihren Erwiderungen auf "liberale" Kritik betonen sie ihren Wunsch, ein Gleichgewicht zwischen individuellen Rechten und staatsbürgerlichen Pflichten herzustellen (Etzioni, 1996)(2), um "dem Ideal des Gemeinschaftslebens näher zu kommen" - einem Leben, in dem "wir den Wert der Integration dessen, was wir individuell suchen, mit den Bedürfnissen und Bestrebungen anderer Menschen lernen" (Tam, 1998(3): 220).
Politischer Kommunitarismus: Im Gegensatz zu MacIntyre, Sandel, Walzer und Taylor geht es diesen "politischen Kommunitaristen" (Frazer, 1999)(4) weniger um philosophische Kritik am Liberalismus oder Individualismus als vielmehr darum, sich dem Ideal des Gemeinschaftslebens durch die Wiederbelebung der Zivilgesellschaft anzunähern. Sie hoffen, dies insbesondere dadurch zu erreichen, dass sie die Aufmerksamkeit auf gemeinsame Werte und Überzeugungen lenken, eine aktive und weit verbreitete Teilnahme am bürgerlichen Leben fördern und die Politik auf die lokale, wirklich "menschliche" Ebene herunterbringen (Frazer, 1999(4): 41-2). Die Schlüsselfrage für diese "politischen" Kommunitaristen ist, ob das "Ideal des Gemeinschaftslebens" präzise und kraftvoll genug ist, um die von ihnen gewünschte Arbeit zu leisten.
VsKommunitarismus: Ob "philosophisch" oder "politisch", der Kommunitarismus ist zu vage, um hilfreich zu sein, und zu entgegenkommend, um akzeptabel zu sein. Gemeinschaften nehmen sehr viele Formen an, darunter einige - wie faschistische oder Nazi-Kommunen -, die die Kommunitaristen selbst als ungenießbar oder unerträglich empfinden müssen. >Kommunitarismus/Sandel, >Kommunitarismus/Politische Theorien.


1. Newman, Stephen (1989) 'Challenging the liberal individualist tradition in America: "community" as a critical ideal in recent political theory'. In A. C. Hutchinson and L. J. M. Green, (Hrsg.), Law and the Community: The End of Individualism? Toronto: Carswell.
2. Etzioni, Amitai (1996) The New Golden Rule: Community and Morality in Democratic Society. New York: Basic.
3. Tam, Henry (1998) Communitarianism: A New Agenda for Politics and Citizenship. Basingstoke: Macmillan.
4. Frazer, Elizabeth (1999) The Problems of Communitarian Politics: Unity and Conflict. Oxford: Oxford University Press.

Dagger, Richard 2004. „Communitarianism and Republicanism“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Kommunitarismus Lamont Gaus I 233
Kommunitarismus/Lamont: Kommunitaristen und Feministinnen (...) haben (...) das Wesen der Personen und der Autonomie, die den gefeierten Kern des Liberalismus ausmachen, in Frage gestellt. Kommunitaristen sehen Individuen weitgehend als Produkte der Kultur und nicht als autonome Individuen, die frei wählen können, indem sie eine objektive Fähigkeit zur Vernunft ausüben (Mulhall und Swift, 1996(1); Taylor, 1985a(2); 1985b(3)). Der Dialog, der sich aus der kommunitaristischen Kritik heraus entwickelte, fiel zusammen mit der Reaktion von Rawls und anderen Liberalen mit den politischen Bewegungen in den westlichen Demokratien zusammen, um auf die unzähligen Fragen zu reagieren, die die Realität des Multikulturalismus und des Feminismus aufwirft (siehe Kapitel 191). In dieser Literatur wird Gerechtigkeit sowohl im Hinblick auf die kulturelle Anerkennung als auch auf die Verteilung von Ressourcen diskutiert (Taylor, 1994(4); Willet, 1998(5)).
Methode/Inhalt/Grundsätze: Die Kommunitaristen sind gegen die Methodologie, aber nicht unbedingt gegen den Inhalt des Liberalismus. Sie vertreten eine Reihe von Positionen, die eine Methodologie, einen Begründungsstil und eine Theorie der Natur von Personen spezifizieren.
Relativismus: Kommunitaristen betonen zusammen mit Marxisten die Bedeutung der jeweiligen Geschichte, Kultur, Klassenkämpfe und Gemeinschaftsinteressen für den Inhalt und die Rechtfertigung von Verteilungsprinzipien. Daher neigen sie dazu, moralische Relativisten zu sein.
Walzer: Ein kommunitaristischer Liberaler, wie Michael Walzer (1983)(6), ist also jemand, der für eine bestimmte Gesellschaft aus kommunitaristischen Gründen für liberale Institutionen plädiert.
KommunitarismusVsLiberalismus: Ein klarer Strang in der Kommunitarismuskritik ist die Behauptung, dass alle Prinzipien, die von einer Methodologie liberalen Stils vorgeschlagen werden, zu vage und abstrakt sind, um von praktischem Nutzen zu sein, und dass sie gleichzeitig insofern eher repressiv sind, als dass sie die Ideale ignorieren, die sich tatsächlich aus der realen politischen und kulturgeschichtlichen Entwicklung ergeben (Fisk, 1989(7); Walzer, 1983(6); Willet, 1998(5); Young, 2000(8)). Theoretische Überlegungen zur Verteilungsgerechtigkeit müssen für diese Denker weitgehend empirisch und relativistisch sein.


1. Mulhall, Stephen and Adam Swift, Hrsg. (1996) Liberals and Communitarians. Cambridge: Blackwell.
2. Taylor, Charles (1985a) Human Agency and Language. New York: Cambridge University Press.
3. Taylor, Charles (1985b) Philosophy and the Human Sciences. New York: Cambridge University Press.
4. Taylor, Charles (1994) Multiculturalism and the Politics of Recognition. Princeton, NJ: Princeton Universtiy Press.
5. Willet, Cynthia, Hrsg. (1998) Theorizing Multiculturalism. Oxford: Blackwell.
6. Walzer, Michael (1983) Spheres of Justice. Oxford: Martin Robertson.
7. Fisk, Milton (1989) The State and Justice: An Essay in Political Theory. Cambridge: Cambridge University Press.
8. Young, Iris Marion (2000) Inclusion and Democracy. Oxford: Oxford University Press.

Lamont, Julian 2004. „Distributive Justice“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
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Handbook of Political Theory London 2004
Kommunitarismus Politische Theorien Gaus I 170
Kommunitarismus/Politische Philosophie/Dagger: [Sehnsucht nach Gemeinschaft] fand erst in den 1840er Jahren Ausdruck im Wort "kommunitaristisch", als es und "communautaire" fast gleichzeitig in den Schriften englischer und französischer Sozialisten auftauchten. Französische Wörterbücher weisen Etienne Cabet und Pierre-Joseph Proudhon als die ersten aus, die das Wort "communautaire" verwendeten, aber das Oxford English Dictionary schreibt das Wort "communitarian" einem Goodwyn Barmby zu, der 1841 die Universal Communitarian Association gründete und eine Zeitschrift herausgab, die er "The Promethean" oder "Communitarian Apostle" nannte. Laut Ralph Waldo Emersons Essay über die "englischen Reformer", warb Barmby
Gaus I 171
für seine Publikation als "die billigste aller Zeitschriften und die Zeitung, die sich am meisten der Sache des Volkes widmet; geweiht dem Pantheismus in der Religion und dem Kommunismus in der Politik" (1842(1): 239). Am Anfang scheint "kommunitär" also ein grobes Synonym für "sozialistisch" und "kommunistisch" gewesen zu sein. Ein Kommunitarist zu sein bedeutete einfach zu glauben, dass Gemeinschaft irgendwie lebenswichtig für ein lohnendes Leben ist und deshalb vor verschiedenen Bedrohungen geschützt werden muss. Sozialisten und Kommunisten waren zwar linksgerichtet, aber ein Kommunitarist konnte politisch genauso gut rechts wie links von der Mitte stehen (Miller, 2000c)(2). (...) Menschen, die aus dem sesshaften, familienorientierten Leben in Dörfern und Kleinstädten in das unruhige, individualistische Leben von Handel und Städten zogen, konnten Wohlstand und persönliche Freiheit erlangen, aber sie zahlten den Preis der Entfremdung, Isolation und Entwurzelung. Ferdinand Tönnies (2001)(3) hat mit seiner Unterscheidung zwischen Gemeinschaft (community) und Gesellschaft (association oder civil society) in dieser Hinsicht einen besonderen Einfluss ausgeübt. Wie Tönnies die Begriffe definiert, ist Gemeinschaft eine intime, organische und traditionelle Form des menschlichen Zusammenlebens; Gesellschaft ist unpersönlich, mechanisch und rational. Ersteres gegen Letzteres zu tauschen bedeutet also, Wärme und Unterstützung gegen Kälte und Kalkül einzutauschen.
Die Sorge um die Gemeinschaft nahm im zwanzigsten Jahrhundert eine andere Richtung, als einige Schriftsteller begannen, die zentripetale Kraft des modernen Staates als die Hauptbedrohung für die Gemeinschaft zu sehen. Diese Wende zeigt sich zum Beispiel in José Ortega y Gassets Warnungen in "Der Aufstand der Massen" vor "der größten Gefahr, die heute die Zivilisation bedroht": die staatliche Intervention; die Absorption aller spontanen sozialen Anstrengungen durch den Staat" (1932(4): 120).
Nisbet: Robert Nisbets "The Quest for Community" (1953)(5) gibt eine besonders klare Stellungnahme zu dieser Position ab, die sich mehr auf Tocquevilles Beharren auf die Bedeutung freiwilliger Zusammenschlüsse von Bürgern als auf die Sehnsucht nach Gemeinschaft stützt. >Gemeinschaft/Tönnies.
Im 19. und 20. Jahrhundert, nahm die Sehnsucht nach Gemeinschaft die Form einer Reaktion sowohl gegen die atomisierenden, anomischen Tendenzen der modernen, städtischen Gesellschaft als auch gegen die Anwendung der zentripetalen Kraft des modernen Staates zur Eindämmung dieser Tendenzen an. Darüber hinaus wurde die Moderne oft mit dem Liberalismus in Verbindung gebracht, einer Theorie, auf der viele sich ausruhten und einen atomistischen und sogar "besitzergreifenden" Individualismus förderten (Macpherson, 1962)(6). Vor diesem Hintergrund entwickelte sich der Kommunitarismus im späten zwanzigsten Jahrhundert im Zuge einer Debatte mit - oder vielleicht auch innerhalb - des Liberalismus. >Liberalismus/Gaus.
Philosophischer Kommunitarismus: Vier Bücher, die in den 1980er Jahren in rascher Folge veröffentlicht wurden - Alasdair MacIntyres "After Virtue" (1981)(7), Michael Sandel's "Liberalism and the Limits of Justice" (1982)(8), Michael Walzers "Spheres of Justice" (1983)(9) und Charles Taylors "Philosophical Papers" (1985)(10) - markierten die Entstehung dieser philosophischen Form des Kommunitarismus. So unterschiedlich sie auch voneinander sind, drücken alle diese Bücher die Unzufriedenheit über dem Liberalismus aus, insbesondere in Form von Theorien über Gerechtigkeit und Rechte. Das Hauptziel war hier John Rawls' "A Theory of Justice" (1971)(11), aber auch Robert Nozicks "Anarchy, State, and Utopia" (1974)(12), Ronald Dworkins "Taking Rights Seriously" (1977)(13) und Bruce Ackermans "Social Justice in the Liberal State" (1980)(14) standen in der Kritik. (KommunitarismusVsRawls, KommunitarismusVsNozick, KommunitarismusVsAckerman, Bruce, KommunitarismusVsDworkin).
KommunitarismusVsLiberalismus: Eine typische Klage war und ist, dass diese Theorien zu abstrakt und universalistisch sind.
Walzer: Im Gegensatz zu ihnen schlägt Walzer einen "radikal partikularistischen" Ansatz vor, der sich um "Geschichte, Kultur und Mitgliedschaft" kümmert, indem er nicht fragt, was "rationale Individuen unter universalisierenden Bedingungen dieser oder jener Art" wählen würden, sondern was "Individuen wie wir wählen würden, die so situiert sind wie wir, die eine Kultur teilen und entschlossen sind, sie weiterhin zu teilen" (1983(9): xiv, 5). Walzer macht damit auf die Bedeutung der Gemeinschaft aufmerksam, die er und andere, die in den frühen 1980er Jahren schrieben, sowohl philosophisch als auch politisch vernachlässigt sahen.
Für einen wertvollen, ausführlichen Überblick über diese Debatte siehe Mulhall und Swift, 1996(15).
Gaus I 172
Kommunitäre AntwortenVsKritiken: Antworten. 1) Die erste ist, dass die Kritik der Kommunitaristen unangebracht ist, weil sie den Liberalismus falsch verstanden haben (Caney, 1992)(16). Insbesondere haben die Kommunitaristen die Abstraktheit der von ihnen kritisierten Theorien missverstanden. So behauptet Rawls (1993)(17): Vortrag I), dass sein "politisches" Selbstverständnis vom Selbst vor seinen Zielen keine metaphysische Behauptung über die Natur des Selbst ist, wie Sandel glaubt, sondern einfach eine Art der Darstellung der Parteien, die hinter dem "Schleier der Unwissenheit" Gerechtigkeitsprinzipien wählen. Diese Vorstellung vom Individuum als einem Selbst, das in der Lage ist, seine Ziele zu wählen, verlangt von den Liberalen auch nicht, dass sie leugnen, dass die individuelle Identität in vielerlei Hinsicht das Produkt ungewählter Bindungen und sozialer Umstände ist.
2) "Was für die liberale Sichtweise zentral ist", so Will Kymlicka, "ist nicht, dass wir ein Selbst vor seinen Zielen wahrnehmen können, sondern dass wir uns als vor unseren Zielen stehend verstehen, in dem Sinne, dass kein Ende oder Ziel von einer möglichen Überprüfung ausgenommen ist" (1989(18) : 52). Wenn man dies versteht, besteht eine zweite Antwort darin, wie Kymlicka, Dworkin (1986(19); 1992(20)), Gewirth (1996)(21) und Mason (2000)(22) zugestehen, dass die Liberalen der Zugehörigkeit, der Identität und der Gemeinschaft mehr Aufmerksamkeit schenken sollten. Man sollte aber darauf bestehen, dass sie dies innerhalb ihrer bestehenden Theorien durchaus tun können.
3) Die dritte Antwort schließlich besteht darin, auf die Gefahren des Appells der Kritiker an die Gemeinschaftsnormen hinzuweisen. Gemeinschaften haben ihre Tugenden, aber sie haben auch ihre Laster - Selbstgefälligkeit, Intoleranz und verschiedene Formen der Unterdrückung und Ausbeutung unter ihnen. Die Tatsache, dass sich die Kommunitaristen diese Laster nicht zu eigen machen, offenbart einfach die Perversität ihrer Kritik: Sie "wollen, dass wir in Salem leben, aber nicht an Hexen glauben" (Gutmann 1992(23): 133; Friedman, 1992(24)).


1. Emerson, R. W. (1842) 'English reformers'. The Dial, 3(2).
2. Miller, David (2000c) 'Communitarianism: left, right and centre'. In his Citizenship and National Identity. Cambridge: Polity.
3. Tönnies, Ferdinand (2001 118871) Community and Civil Society, trans. J. Harris and M. Hollis. Cambridge: Cambridge University Press.
4. Ortega y Gasset, José (1932) The Revolt of the Masses. New York: Norton.
5. Nisbet, Robert (1953) The Quest for Community. Oxford: Oxford University Press.
6. Macpherson, C. B. (1962) The Political Theory of Possessive Individualism: Hobbes to Locke. Oxford: Clarendon.
7. MacIntyre, Alasdair (1981 ) After Virtue: A Study in Moral Theory. Notre Dame, IN: University of Notre Dame Press.
8. Sandel, Michael (1982) Liberalism and the Limits of Justice. Cambridge: Cambridge University Press.
9. Walzer, Michael (1983) Spheres of Justice: A Defense of Pluralism and Equality. New York: Basic.
10. Taylor, Charles (1985) Philosophical Papers, 2 Bd. Cambridge: Cambridge University Press.
11. Rawls, John (1971) A Theory of Justice. Cambridge, MA: Harvard University Press.
12. Nozick, Robert (1974) Anarchy, State, and Utopia. New York: Basic.
13. Dworkin, Ronald (1977) Taking Rights Seriously. Cambridge, MA: Harvard University Press.
14. Ackerman, Bruce (1980) Social Justice in the Liberal State. New Haven, CT: Yale Umversity Press.
15. Mulhall, Stephen and Adam Swift (1996) Liberals and Communitarians, 2. Ed. Oxford: Blackwell.
16. Caney, Simon (1992) 'Liberalism and communitarianism: a misconceived debate'. Political Studies, 40 (June): 273-89.
17. Rawls, John (1993) Political Liberalism. New York: Columbia University Press.
18. Kymlicka, Will (1989) Liberalism, Community, and Culture. Oxford: Clarendon.
19. Dworkin, Ronald (1986) Law's Empire. Cambridge, MA: Harvard University Press.
20. Dworkin, Ronald (1992) 'Liberal community'. In S. Avinerl and A. de-Shalit, eds, ommunitarianism and Individualism. Oxford: Oxford University Press.
21. Gewirth, Alan (1996) The Community of Rights. Chicago: University of Chicago Press.
22. Mason, Andrew (2000) Community, Solidarity, and Belonging: Levels of Community and Their Normative Significance. Cambridge: Cambridge University Press.
23. Gutmann, Amy (1992) 'Communitarian critics of liberalism'. In S. Avineri and A. de-Shalit, eds, Communitarianism and Individualism. Oxford: Oxford University Press.
24. Friedman, Marilyn (1992) 'Feminism and modern friendship: dislocating the community'. In S. Avineri and A. de-Shalit, eds, Communitarianism and Individualism. Oxford: Oxford University Press.


Dagger, Richard 2004. „Communitarianism and Republicanism“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Liberalismus Barber Brocker I 681
Liberalismus/BarberVsLiberalismus/Barber: These: in der amerikanischen Demokratie herrsche ein „Lobbyistenpolitik“ eine „Politik der Bilder“, eine „Politik der Massengesellschaft“ statt einer echten Bürgerbeteiligung. (geschrieben 1984). (1) Verantwortlich dafür sei der Liberalismus bzw. das mit dem Liberalismus verbundene Konzept der Repräsentation, das Partizipation zerstöre. (2)
Brocker I 682
Liberale Demokratie/Barber: stellt individuelle Rechte und eine durch Wahlen verantwortliche Regierung in den Mittelpunkt. Problem: der Liberalismus missverstehe „Politik als Raubtierhaltung“.
Brocker I 683
Kern des Liberalismus sei ein instrumentelles Demokratieverständnis. Politik sei danach dazu da, die Individuen gegen äußere Eingriffe zu schützen und diesen Schutz so zu bewerkstelligen, dass dies mit den vermeintlich unveränderlichen Eigenschaften der Individuen verträglich ist. Hierbei fasse der Liberalismus die Eigenschaften der Individuen tendenziell in pessimistischen Beschreibungen.
Brocker I 684
Liberalismus/Barber: der vorbegriffliche Rahmen sei gekennzeichnet durch Vorstellungen wie „Eigentum“, „Territorium“, „Grenzen“ „Sanktionen“, „Freiheit“ und „Macht“. Vernachlässigt werden dabei Aspekte wie menschliche gegenseitige Abhängigkeit, gegenseitige Hilfe, Kooperation, Mitgliedschaft, Brüderlichkeit, Gemeinschaft und Bürgerschaft. (3) Methode/Liberalismus/Barber: die Methodik des Liberalismus sei eine „cartesianische“, d.h. Wissen werden durch die Anwendung einer verlässlichen Methode gewonnen.
BarberVsLiberalismus: Politik sei nicht die Anwendung von Wahrheit auf das Problem menschlicher Beziehungen, sondern die Anwendung menschlicher Beziehungen auf das Problem der Wahrheit. (4)
Brocker I 685
BarberVsLiberale Demokratie: These: der Liberalismus erzeuge einen Menschentypus, dessen Psyche anfällig sei für die totalitäre Versuchung, indem der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen werden. (Haus: hier zeigen sich Parallelen zum Denken Hannah Arendts.) Dennoch: BarberVsArendt/BarberVsStrauss, Leo: dies seien nostalgische Theorien. (5)


1. Benjamin Barber, Strong Democary, Participatory Politics for a New Age, Berkeley CA, 1984, Dt. Benjamin Barber, Starke Demokratie. Über die Teilhabe am Politischen, Hamburg 1994, S. 12.
2. Ebenda S. 13.
3. Benjamin Barber Strong Democray. Participatory Politics for a New Age. Twentieth-anniversary edition, Berkeley/Los Angeles/London 2003 S. 34f. 4. Ebenda S. 64f.
5. Ebenda S. 100.
Michael Haus, „Benjamin Barber, Starke Demokratie“ in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

PolBarb I
Benjamin Barber
The Truth of Power. Intellectual Affairs in the Clinton White House New York 2001

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Liberalismus Dietz Gaus I 283
Liberalismus/Dietz/Mottier: Wie Pateman, Young und Benhabib gründet auch Dietz (1992)(1) ihre Kritik an der geschlechtsspezifischen Natur der Staatsbürgerschaft auf einer kritischen Lesart liberaler Theorien, die sich insbesondere auf den amerikanischen politischen Kontext stützt. >Deliberative Demokratie/Benhabib, >Öffentlichkeit/Pateman, >Demokratie/Young. Dietz: Sie ist jedoch liberalen Perspektiven gegenüber eher ablehnend eingestellt. Während Pateman den liberalen Theorien ihre relative Gleichgültigkeit gegenüber sozialen Ungleichheiten, einschließlich der zwischen Männern und Frauen, vorwirft, ist Dietz' Kritik radikaler:
DietzVsLiberalismus: [Dietz] argumentiert, dass Liberalismus und geschlechtsspezifische Konzepte von Staatsbürgerschaft grundsätzlich unvereinbar sind. Sie schließt sich damit anderen feministischen Kritikerinnen an, für die die zentralen Themen des Liberalismus (der Bürger/die Bürgerin, der/die Rechte hat und seine/ihre eigenen Interessen in einer kapitalistischen und wettbewerbsorientierten Gesellschaft verfolgt) keine adäquate Konzeptualisierung von Wechselbeziehungen oder Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Individuen erlauben, weder im politischen noch im familiären Bereich.
Öffentlichkeit/Privatsphäre/Dietz: Dietz teilt die Ansichten von Pateman und Walby über die Notwendigkeit, die Verbindungen zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten neu zu konzipieren und die Unterscheidung zwischen den Sphären zu überdenken.
Staatsbürgerschaft: Sie betont auch die Bedeutung der Staatsbürgerschaft als "eine kontinuierliche Aktivität und ein Gut an sich, nicht als ein momentanes Engagement (oder eine sozialistische Revolution) mit Blick auf ein endgültiges Ziel oder ein gesellschaftliches Arrangement" und fordert eine "feministische Revitalisierung" der Staatsbürgerschaft (1992(1):392).


1. Dietz, Mary (1992) 'Context is all: feminism and theories of citizenship'. In Chantal Mouffe, Hrsg., Dimensions of Radical Democracy. London: Verso, 63—85.


Véronique Mottier 2004. „Feminism and Gender Theory: The Return of the State“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
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Handbook of Political Theory London 2004
Liberalismus Feminismus Gaus I 234
Liberalismus/Feminismus/Lamont: Das feministische Feld ist in seiner Vielfalt beispiellos, doch hat sich bemerkenswerterweise ein gemeinsames Thema herauskristallisiert, das gewöhnlich unter dem Motto "das Persönliche ist politisch" zum Ausdruck kommt. Diese Feministinnen argumentieren, dass liberale Theorien der Verteilungsgerechtigkeit nicht in der Lage sind, Unterdrückung anzugehen, die in der so genannten privaten Sphäre der staatlichen Nichteinmischung auftaucht. >Familie/Feminismus.
Gaus I 235
FeminismusVsLiberalismus: Das theoretische Problem für den Liberalismus besteht darin, dass er in seiner Achtung der individuellen Freiheit und in seinem Beharren auf der Neutralität der Regierung nicht einmal die Ungleichheiten in den wirtschaftlichen oder politischen Positionen von Frauen als ungerecht anerkennen kann, da diese Ungleichheiten aus der kombinierten Wirkung vieler individueller Entscheidungen resultieren (Hampton, 1997(1): 200-8; MacKinnon, 1987(2): 36).

1. Hampton, Jean (1997) Political Philosophy. Oxford: Westview.
2. MacKinnon, Catherine A. (1987) Feminism Unmodified: Discourses of Life and Law. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Lamont, Julian 2004. „Distributive Justice“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
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Liberalismus Holmes Krastev I 17
Liberalismus/postkommunistische Ära/Krastev/Holmes: Was der atemberaubende Aufstieg Chinas nahe legt, ist, dass die Niederlage der kommunistischen Idee im Jahr 1989 schließlich kein einseitiger Sieg der liberalen Idee war. Stattdessen wurde die unipolare Ordnung zu einer Welt, die dem Liberalismus weit weniger gastfreundlich gegenüberstand, als man damals vorausgesagt hatte. Einige Kommentatoren haben behauptet, dass 1989, indem es den Kalten-Krieg-Konkurrenzkampf zwischen rivalisierenden universellen Ideologien beseitigte, dem Aufklärungsprojekt selbst, sowohl in seiner liberalen als auch in seiner kommunistischen Inkarnation, fatal geschadet habe. Der ungarische Philosoph G. M. Tamás ist sogar noch weiter gegangen,
Krastev I 18
mit dem Argument, dass "sowohl die liberalen als auch die sozialistischen Utopien" 1989 "besiegt" worden seien, was "das Ende" des "Aufklärungsprojekts" selbst signalisierte (1). KrastevVsTamás: Wir sind nicht so fatalistisch. (...) die antiliberalen Regime und Bewegungen (...) können sich vielleicht - weil ihnen eine allgemein ansprechende ideologische Vision fehlt - als vergänglich und historisch unbedeutend erweisen.
Krastev I 37
Liberalismus: Die massive Auswanderung, vor allem der jungen Leute, hat den Liberalismus in der Region wohl mehr diskreditiert als die praktisch nicht vorhandene Einwanderung. Wie es in der Region verstanden wurde, (...) erhob der Liberalismus die Freiheit, Grenzen zu überschreiten, zu etwas von einem heiligen Wert. Dies gab westlich orientierten und reformwilligen Führungskräften keine fertige Sprache, mit der sie demographische Ängste, die durch die Abwanderung aus Gesellschaften mit niedriger Geburtenrate geschürt wurden, ausdrücken und berücksichtigen konnten. Infolgedessen waren populistische Demagogen in der Lage, unausgesprochene Ängste vor dem nationalen Aussterben auszunutzen, um den grenzüberschreitenden Liberalismus unter dem Beifall der Öffentlichkeit zu verunglimpfen,
Krastev I 38
und zu behaupten, dass die liberale Idee ihre Nützlichkeit in der heutigen Welt überlebt hat.
Krastev I 67
Liberalismus/Krastev: Die liberale Demokratie bietet nur vorläufige Siege. Sie verweigert den Wahlsiegern die Chance auf einen vollständigen und endgültigen Sieg. Polen: Der Verzicht der liberalen Demokratie auf endgültige und entscheidende Siege im Gegensatz zu zeitweiligen und unentschlossenen Siegen ist es, der den angeblich vollständigen und endgültigen Sieg der liberalen Demokratie selbst im Jahr 1989 so anomal und problematisch erscheinen lässt.
PopulismusVsLiberalismus: Wie kann eine von Populisten gefragte politische Ideologie, die den anhaltenden Wettbewerb, ideologische Alternativen und lediglich vorläufige Siege verherrlicht, behaupten, alle drei abgeschafft zu haben?


1. Gáspár Miklós Tamás, ‘A Clarity Interfered With’, in Timothy Burns (ed.), After History? (Littlefield Adams, 1994), S. 82–3.

LawHolm I
Oliver Wendell Holmes Jr.
The Common Law Mineola, NY 1991

Krastev I
Ivan Krastev
Stephen Holmes
The Light that Failed: A Reckoning London 2019
Liberalismus Krastev Krastev I 17
Liberalismus/postkommunistische Ära/Krastev: Was der atemberaubende Aufstieg Chinas nahe legt, ist, dass die Niederlage der kommunistischen Idee im Jahr 1989 schließlich kein einseitiger Sieg der liberalen Idee war. Stattdessen wurde die unipolare Ordnung zu einer Welt, die dem Liberalismus weit weniger gastfreundlich gegenüberstand, als man damals vorausgesagt hatte. Einige Kommentatoren haben behauptet, dass 1989, indem es den Kalten-Krieg-Konkurrenzkampf zwischen rivalisierenden universellen Ideologien beseitigte, dem Aufklärungsprojekt selbst, sowohl in seiner liberalen als auch in seiner kommunistischen Inkarnation, fatal geschadet habe. Der ungarische Philosoph G. M. Tamás ist sogar noch weiter gegangen,
Krastev I 18
mit dem Argument, dass "sowohl die liberalen als auch die sozialistischen Utopien" 1989 "besiegt" worden seien, was "das Ende" des "Aufklärungsprojekts" selbst signalisierte (1). KrastevVsTamás: Wir sind nicht so fatalistisch. (...) die antiliberalen Regime und Bewegungen (...) können sich vielleicht - weil ihnen eine allgemein ansprechende ideologische Vision fehlt - als vergänglich und historisch unbedeutend erweisen.
Krastev I 37
Liberalismus: Die massive Auswanderung, vor allem der jungen Leute, hat den Liberalismus in der Region wohl mehr diskreditiert als die praktisch nicht vorhandene Einwanderung. Wie es in der Region verstanden wurde, (...) erhob der Liberalismus die Freiheit, Grenzen zu überschreiten, zu etwas von einem heiligen Wert. Dies gab westlich orientierten und reformwilligen Führungskräften keine fertige Sprache, mit der sie demographische Ängste, die durch die Abwanderung aus Gesellschaften mit niedriger Geburtenrate geschürt wurden, ausdrücken und berücksichtigen konnten. Infolgedessen waren populistische Demagogen in der Lage, unausgesprochene Ängste vor dem nationalen Aussterben auszunutzen, um den grenzüberschreitenden Liberalismus unter dem Beifall der Öffentlichkeit zu verunglimpfen,
Krastev I 38
und zu behaupten, dass die liberale Idee ihre Nützlichkeit in der heutigen Welt überlebt hat.
Krastev I 67
Liberalismus/Krastev: Die liberale Demokratie bietet nur vorläufige Siege. Sie verweigert den Wahlsiegern die Chance auf einen vollständigen und endgültigen Sieg. Polen: Der Verzicht der liberalen Demokratie auf endgültige und entscheidende Siege im Gegensatz zu zeitweiligen und unentschlossenen Siegen ist es, der den angeblich vollständigen und endgültigen Sieg der liberalen Demokratie selbst im Jahr 1989 so anomal und problematisch erscheinen lässt.
PopulismusVsLiberalismus: Wie kann eine von Populisten gefragte politische Ideologie, die den anhaltenden Wettbewerb, ideologische Alternativen und lediglich vorläufige Siege verherrlicht, behaupten, alle drei abgeschafft zu haben?


1. Gáspár Miklós Tamás, ‘A Clarity Interfered With’, in Timothy Burns (ed.), After History? (Littlefield Adams, 1994), S. 82–3.

Krastev I
Ivan Krastev
Stephen Holmes
The Light that Failed: A Reckoning London 2019
Liberalismus MacIntyre Brocker I 661
Liberalismus/MacIntyreVsLiberalismus/Moderne/MacIntyre: Der Liberalismus moderner Gesellschaften stellt für MacIntyre kaum etwas anderes dar, als „eine Ansammlung Fremder, von denen jeder unter minimalen Einschränkungen den eigenen Interessen nachjagt“. (1) Moderne Nation: sei nur eine traditionsvergessene Ansammlung von Bürgern von nirgendwo“. (2)
Rationalität/MacIntyre: In einer „Welt profaner Rationalität“ fehle „jede öffentliche, gemeinsame logische Grundlage oder Rechtfertigung“ (3) für unsere moralischen Orientierungen. Wir seien Opfer eines Pluralismus, der droht uns zu überrollen. (4) Siehe Moderne/MacIntyre.
Brocker I 664
Universität/MacIntyreVsLiberalismus: MacIntyre plädiert für eine Idee der Universität, die diese als seine Bühne auffasst, auf der divergierende Standpunkte vorgetragen werden, um der zentralen Konflikte ansichtig werden zu können. Stattdessen diagnostiziert er eine an der realen Universität Konfliktvermeidungsstrategie, die als Liberalität verkleidet ist. (5)

1. Alasdair MacIntyre, After Virtue. A Study in Moral Theory, Notre Dame, Ind. 1981. Dt: Alasdair MacIntyre, Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegenwart. Erweiterte Neuausgabe, Frankfurt/M. 2006 (zuerst 1987), S. 334
2. Ebenda S. 210
3. Ebenda S. 74
4. Ebenda S. 301.
5. Alasdair MacIntyre , Three Rival Versions of Moral Enquiry. Encyclopedia, Genealogy and Tradition (Gifford Lectures 1988) Notre Dame, Ind. 1990 S. 231.

Jürgen Goldstein, „Alasdair MacIntyre, Der Verlust der Tugend“ in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Liberalismus Morgenthau Brocker I 280
Liberalismus/MorgenthauVsLiberalismus/Morgenthau: These (1948): Der europäische Liberalismus, historisch hervorgegangen aus dem innenpolitischen Kampf gegen absolute Gewalt, wurde von akademischen ebenso wie von außenpolitischen Eliten in Washington auf das völlig anders geartete Feld der zwischenstaatlichen Beziehungen transferiert. Ein denaturierter Liberalismus dieser Art vermochte zwar nicht die – nach Morgenthaus Ansicht im Menschen selbst verankerte – Urkraft des Politischen zu eliminieren, wohl aber die Sachlichkeit im Umgang mit dem Politischen. Amerika war befangen in einem Knäuel von Wünschbarkeiten, trügerischen Hoffnungen und abstrakten Idealen, in vereinfachenden Schemata und Rezepten, die von der Konfrontation mit der machtpolitischen Realität vermeintlich dispensierten.
Brocker I 286
MorgenthauVsLiberalismus: dieser versuche, auf dekadente Weise das überall vorhandene Machtstreben, das das Politische bestimmt, zu negieren. Dieses Machtstreben sei in der Natur des Menschen angelegt und beherrsche sowohl das Privatleben als auch das Gesellschaftliche. Siehe Politik/Morgenthau, Macht/Morgenthau. VsMorgenthau: diese realistische Sichtweise wurde von seinen amerikanischen Zeitgenossen ((s) Ende der 1940er Jahre) angefeindet, womit Morgenthau nicht gerechnet hatte. Für Morgenthau was diese Beschreibung allerdings moralisch indifferent. Morgenthau erkannte nicht, dass seine Diagnose als moralische Bejahung von Macht und Machtpolitik verstanden werden konnte und auch wurde.


Christoph Frei, „Hans J. Morgenthau, Macht und Frieden (1948)“ in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Pol Morg I
Hans Morgenthau
Macht und Frieden. Grundlegung einer Theorie der internationalen Politik Gütersloh 1963

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Liberalismus Sandel Brocker I 668
Liberalismus/Kommunitarismus/Sandel: Sandels Liberalism and the Limits of Justice gilt zusammen mit Alasdair MacIntyres After Virtue und Michael Walzers Sphären der Gerechtigkeit als Hauptwerk des Kommunitarismus. Sandel geht es allerdings eher um eine Abgrenzung vom Liberalismus Jahn Rawls, (und dessen Hauptwerk Theorie der Gerechtigkeit, (Theory of Justice, 1975)). SandelVsLiberalismus, SandelVsRawls.
Def Liberalismus/Rawls/Rothhaar: Rawls‘ Liberalismus wird meist dahingehend charakterisiert, dass er eine Priorität des “Rechten” vor dem “Guten” postuliert, wobei diese Begriffe für zwei verschiedene Möglichkeiten stehen, ethische und rechtliche Normen überhaupt zu begründen.
A. Teleologie: ethische Theorien, die auf das Gute bzw. ein gelingendes Leben (eudaimonia) abzielen,
Brocker I 669
werden meist teleologisch genannt. Normen/Werte: werden hier dadurch gerechtfertigt, dass durch sie ein gutes oder gelingendes Leben verwirklicht wird.
B. Recht/Richtigkeit/Ethik/Liberalismus: ethische Theorien, die auf das Rechte abheben, sind dagegen dadurch gekennzeichnet, dass Normen hier unabhängig von jeder Vorstellung eines guten Lebens begründet werden sollen. Der Begriff des „Rechten“ ergibt insofern nur Sinn als Gegenbegriff zu einer teleologischen Theorie der Normativität und kann überhaupt nur da auftreten, wo teleologische Theorien bereits fragwürdig geworden sind. Bsp
HobbesVsTeleologie: von Hobbes wird der Gedanke eines „höchsten Guts“ selbst zurückgewiesen.
Andere (liberale) Ansätze gehen von einer Pluralität von Konzeptionen eines guten Lebens aus.
Normen: werden in solchen Theorien des Rechten meist in Bezug auf die Verallgemeinerbarkeit von Handlungsregeln oder auf den Begriff der Freiheit ab.
Staat/Liberalismus: solche Theorien sprechen dem Staat normalerweise die Rolle zu, durch eine Rechtsordnung diejenigen Freiheitsspielräume zu garantieren, die sie benötigen, um ihre jeweilige Vorstellung vom Guten zu verfolgen.
Liberalismus/Rawls: hier geht es um die Priorität des Rechten vor dem Guten in einem zweifachen Sinn: a) auf der Begründungsebene, b) auf der Ebene des Staates und der Gesellschaft selbst.
SandelVsLiberalismus/SandelVsRawls: kritisiert vor allem die Priorität des Rechten auf der Begründungsebene: er kritisiert den „Anspruch, das die Prinzipien der Gerechtigkeit (…) zu ihrer Rechtfertigung nicht von einer besonderen Konzeption des guten Lebens (…) abhängen. (1)
Brocker I 676
SandelVsLiberalismus: der Liberalismus fordert, Staat und Politik so auszugestalten, also ob die Subjekte jene Momente der Gemeinschaftlichkeit hinter sich lassen, die ihre Identität ausmachen ((s) und sie quasi neu erfinden). Sandel: das muss fast unvermeidlich zu einem Unvergnügen an der Demokratie führen. (2)

1. Michael Sandel, Liberalism and the Limits of Justice, Cambridge/New York 1998 (zuerst 1982), S. x.
2. Vgl. M. Sandel Democracy’s Discontent. America in Search of a Public Philosophy, London/Cambridge 1996.


Markus Rothhaar, “Michael Sandel, Liberalism and the Limits of Justice” in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Sand I
Michael Sandel
The Procedural Republic and the Unencumbered Self 1984

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Märkte Minimalstaat Gaus I 122
Märkte/Minimalstaat/Gaus/Mack: Liberale Traditionsthese: die Regierung wird weitgehend mit Marktversagen gerechtfertigt: Zwar sorgt der Markt im Allgemeinen sowohl für eine freie als auch für eine wohlhabende Gesellschaft, aber er ist nicht perfekt (Buchanan, 1975(1): Kap. 3). So beharrten die klassischen liberalen politischen Ökonomen des 19. Jahrhunderts (...) darauf, dass der Markt von einem politischen Rahmen abhängig sei, den er nicht selbst bereitstellen könne; der Markt könne nicht selbst einen öffentlichen Zwangsapparat für die Durchsetzung von Eigentumsrechten und Verträgen bereitstellen (Robbins, 1961(2); Gaus, 1983(3)). MinimalstaatVsLiberalismus/MarktanarchismusVsLiberalismus: Marktanarchisten und Minimalstaatler können diese weit verbreiteten Ansichten in Frage stellen. Sie können wie folgt argumentieren:
1) Erstens neigt diese zwangsweise staatliche Bereitstellung öffentlicher Güter zu einer Überversorgung mit diesen, so dass sie ihre eigenen ausgleichenden Ineffizienzen hat (Buchanan und Tullock, 1965(4)). Und,
2) sie können darauf bestehen, dass man sich Markt- und Vertragsvereinbarungen vorstellen kann, die eine nicht wesentlich suboptimale Finanzierung für öffentliche Güter - insbesondere rechtsschützende öffentliche Güter - ermöglichen (Buchanan, 1975(1); Narveson, 1988(5): 238). >Soziale Güter/Minimalstaat.
MinimalstaatVsMarktanarchismus/Gaus: Befürworter des Minimalstaates, die ihn als natürliches Monopol darstellen, scheinen besser in der Lage zu sein, dieses Argument vorzubringen als Marktanarchisten. Ein solcher Minimalstaat wird in erheblichem Maße in der Lage sein, den Kauf nicht-öffentlicher Aspekte des Rechtsschutzes durch seine Klienten daran zu binden, dass diese auch für öffentliche Aspekte des Rechtsschutzes bezahlen. >Gesellschaft/Minimalstaat, >Individuen/Minimalstaat, >Minimalstaat/Gaus.


1. Buchanan, James M. (1975) The Limits of Liberty: Between Anarchy and Leviathan. Chicago: University of Chicago Press.
2. Robbins, Lord (1961) The Theory of Economic Policy in Classical English Political Economy. London: Macmillan.
3. Gaus, Gerald F. (1983b) ‘Public and private interests in liberal political economy, old and new’. In S. I. Benn and G. F. Gaus, eds, Public and Private in Social Life. New York: St Martins, 183–222.
4. Buchanan, James M. and Gordon Tullock (1965) The Calculus of Consent: Logical Foundations of Constitutional Democracy. Ann Arbor, MI: University of Michigan Press.
5. Narveson, Jan (1988) The Libertarian Idea. Philadelphia: Temple University Press.


Mack, Eric and Gaus, Gerald F. 2004. „Classical Liberalism and Libertarianism: The Liberty Tradition.“ In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications.

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Politik Barber Brocker I 684
Politik/BarberVsLiberalismus/Barber: Politik sei nicht die Anwendung von Wahrheit auf das Problem menschlicher Beziehungen, sondern die Anwendung menschlicher Beziehungen auf das Problem der Wahrheit. (1)
Brocker I 685
Im Anschluss an Aristoteles und Dewey bestimmt Barber Politik als „Lebensform“. Siehe Demokratie/Barber, Liberalismus/Barber, Partizipation/Barber.

1. Benjamin Barber, Strong Democray. Participatory Politics for a New Age. Twentieth-anniversary edition, Berkeley/Los Angeles/London 2003 S. 64f.

Michael Haus, „Benjamin Barber, Starke Demokratie“ in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

PolBarb I
Benjamin Barber
The Truth of Power. Intellectual Affairs in the Clinton White House New York 2001

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Politik Sandel Brocker I 676
Politik/Prinzipien/SandelVsRawls/SandelVsKant/Sandel: Bezieht man die Dimension der Intersubjektivität mit ein, kann Politik nicht darin bestehen, einmal eine Reihe von Gerechtigkeitsprinzipien festzulegen, die dann für alle Zeiten gleichsam nur noch von Politik und Rechtsprechung verwaltet würden. Politik muss vielmehr in der ständigen, demokratischen Auseinandersetzung um das Gute des Gemeinwesens bestehen.
Brocker I 677
Damit steht Sandel in der Tradition des Aristotelismus bzw. des Republikanismus. (1) (RepublikanismusVsKant, RepublikanismusVsLiberalismus, AristotelesVsKant). HegelVsKant/Rothhaar: das ist auch ein Echo der Kritik Hegels an Kant: dieser vernachlässige die Intersubjektivität der Subjekte; für Kant sei das Subjekt letztlich am transzendentalen Subjekt ausgerichtet. (2) (Siehe Intersubjektivität/Sandel, Prinzipien/Rawls.)
Politik/Sittlichkeit/Sandel: Sandels Entwurf einer Politikphilosophie erinnert stark an das Konzept der “Sittlichkeit”, das Hegel in den Grundlinien der Philosophie des Rechts entwickelt. (3)
Der Raum des Politischen wäre dann der Raum der lebendigen Auseinandersetzung um das Gute und nicht ein Raum der apriorischen Formulierung von Gerechtigkeitsprinzipien.


1. Michael Sandel, Democracy’s Discontent. America in Search of a Public Philosophy, London/Cambridge Mass. 1996, S. 4-8.
2. Steven B. Smith, Hegel Critique of Liberalism. Rights in Context, London/Chicago 1991, S. 4.
3. Allen W. Wood, Hegel’s Ethical Thought, Cambridge/New York 1991, S. 202.


Markus Rothhaar, “Michael Sandel, Liberalism and the Limits of Justice” in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Sand I
Michael Sandel
The Procedural Republic and the Unencumbered Self 1984

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Politik Schmitt Höffe I 386
Politik/Carl Schmitt/Höffe: (...) Schmitt(1) [relativiert] den Rang des Staates, indem er «das Politische» zur Voraussetzung erklärt und dem Staat das Monopol für diesen Bereich abstreitet. Freund/Feind-Dichotomie: Die damals aufsehenerregende und noch heute provokative Formel soll in Analogie zu Grundunterscheidungen anderer Lebensbereiche, etwa von Gut und Böse in der Moral, von Schön und Hässlich in der Ästhetik und von Rentabel und Unrentabel in der Ökonomie, die für die politische Welt entscheidende Alternative darstellen. Schmitt legt beim Ausdruck «Feind» Wert auf die Unterscheidung des politischen Begriffs, des öffentlichen Feindes (hostis), vom privaten Gegner (inimicus). Deshalb liege im christlichen Gebot, seine Feinde zu lieben, kein Einwand. Nach Schmitts «anthropologischem Glaubensbekenntnis» ist der Mensch «böse», weil sündhaft und gefährlich. Höffe: Schmitts politisches Denken (...) verwirft den Gedanken eines Weltstaates, der den ewigen Frieden garantiere. Und es kritisiert den Liberalismus, in dem, je nach der Spielart, das Politische zu Geist, Bildung, Geschäft oder Besitz, der Staat zu Gesellschaft oder Menschheit und die Herr-
schaft zu Kontrolle und Propaganda degeneriere. (SchmittVsKosmopolitismus, SchmittVsLiberalismus).


1. C. Schmitt, der Begriff des Politischen. 1927/1932.



Gaus I 397
Politik/Staat/Schmitt/Bellamy/Jennings/Lassman: (...) In seinem 1927 erstmals veröffentlichten "Der Begriff des Politischen"(1) geht Schmitt von einer Zurückweisung der unbefriedigenden Zirkularität der konventionellen Darstellung des begrifflichen Verhältnisses von Staat und Politik aus (Schmitt, 1985(2); 1996(3)). Bevor wir über Politik sprechen können, benötigen wir für Schmitt ein Verständnis des definierenden Merkmals des "Politischen". Dieses ist in der Antithese zwischen Freund und Feind zu finden. Jede echte Politik setzt ein Verständnis des "Politischen" in diesem Sinne voraus. "Das Politische" bezieht sich auf den extremsten und intensivsten Antagonismus in menschlichen Beziehungen. Wer zu einem bestimmten Zeitpunkt als "der Feind" gilt, beruht auf einer Entscheidung, die von einem politischen Staat getroffen wurde.
Gaus I 398
Für Schmitt und andere gleichgesinnte Denker der Konservativen Revolution muss diese Vision des "Politischen" dem Liberalismus in all seinen Formen zutiefst feindlich gesinnt sein. Der Liberalismus wird als ein klares Beispiel für die "neutralisierenden" und "entpolitisierenden" Tendenzen der Moderne angesehen. Darüber hinaus argumentiert Schmitt (1996)(3), dass der politische Staat als "Freund" die politische Einheit eines Volkes zum Ausdruck bringen muss.

1. Schmitt, C. (1963) Der Begriff des Politischen: Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien. Berlin: Duncker und Humblot.
2. Schmitt, C. (1985) The Crisis of Parliamentary Democracy (1923). Cambridge, MA: MIT Press.
3. Schmitt, C. (1996) The Concept of the Political. Chicago: University of Chicago Press.

Bellamy, Richard, Jennings, Jeremy and Lassman, Peter 2004. „Political Thought in Continental Europe during the Twentieth Century“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Schmitt I
Carl Schmitt
Der Hüter der Verfassung Tübingen 1931

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Politische Theorie Honneth Brocker I 789
Politische Theorie/Honneth/Sigwart: in politiktheoretischer Hinsicht weist Honneths Gesellschaftstheorie eine Nähe zu republikanischen Positionen bzw. zu den Anliegen eines „perfektionistischen Liberalismus“ auf. ((s) Siehe Perfektionismus). HonnethVsLiberalismus: der ausgeprägte Liberalismus („die offizielle Strömung des modernen Liberalismus“(Honneth (1)) versteht die Grundprinzipien von Freiheit und Selbstverwirklichung dezidiert als intersubjektiv vermittelte und in konkreten politischen Institutionen zu verwirklichende Prinzipien. Dagegen Honneth: …. Siehe auch Liberalismus. Siehe Anerkennung/Honneth.


1. Axel Honneth, Das Ich im Wir. Studien zur Anerkennungstheorie, Berlin 2010, S. 40

Hans-Jörg Sigwart, „Axel Honneth, Kampf um Anerkennung“, in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Honn I
A. Honneth
Das Ich im Wir: Studien zur Anerkennungstheorie Frankfurt/M. 2010

Honn II
Axel Honneth
Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte Frankfurt 2014

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Republikanismus Pettit Brocker I 850
Republikanismus/PettitVsLiberalismus/Pettit: als herausragender Repräsentant des Republikanismus steht Pettit dezidiert gegen den Liberalismus: sein komplexes Modell lässt jedoch durchaus Ähnlichkeiten mit einem „liberalen“ Politikverständnis erkennen. LarmoreVsPettit: Pettit sei eigentlich ein verkappter Liberaler mit seinem Leitziel der individuellen Unabhängigkeit innerhalb der Logik des kollektiven Zusammenlebens. (1)
Siehe Staat/Pettit, Liberalismus/Pettit, Interventionen/Pettit, Individuum/Pettit.
Brocker I 852
Def „Neo-römische“ Variante des Republikanismus: rekurriert historisch auf den Republikanismus der römischen Antike und stilisiert ihn zur Propagierung einer Gesetzesherrschaft, die als Mittel gegen personalisierte Willkürherrschaft betrachtet wird und die der freiheitsverbürgenden Rolle politischer Institutionen einen zentralen Stellenwert zuweist. Pettit rechnet sich dieser Strömung zu. Das Anliegen der Ermunterung zu politischer Teilhabe tritt in dieser Variante hinter die Pflege der institutionellen Bestandsgarantie für die Republik als staatlicher Einheit zurück. Dies ist auch die Position von Quentin Skinner 1998.(2)


1. Larmore, Charles, »A Critique of Philip Pettit’s Republicanism«, in: Philosophical Issues 11, 2001, 229-243.
2. Quentin Skinner, Liberty Before Liberalism, Cambridge 1998.


Emanuel Richter, „Philip Pettit, Republicanism“, in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Pett I
Ph. Pettit
Just Freedom: A Moral Compass for a Complex World New York 2014

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Selbst Sandel Brocker I 676
Selbst/Sandel: Sandel These: für die Identität und Individualität von Subjekten ist deren jeweiliges Selbstverständnis als Mitglieder einer Gemeinschaft und Träger einer Geschichte, sowie ihre Überzeugungen davon, was für Menschen das Gute ausmacht konstitutiv. (1) SandelVsLiberalismus/SandelVsRawls: Pointe: wenn diese Momente der Gemeinschaftlichkeit nicht „besessen“ werden und damit letztlich äußerlich bleiben, sondern vielmehr die Identität von Subjekten ausmachen, dann können Menschen sie auch nicht „hinter sich lassen“, wenn sie den Raum des Politischen“ betreten.
SandelVsLiberalismus: der Liberalismus fordert, Staat und Politik so auszugestalten, also ob die Subjekte jene Momente der Gemeinschaftlichkeit hinter sich lassen, die ihre Identität ausmachen ((s) und sie quasi neu erfinden). Sandel: das muss fast unvermeidlich zu einem Unvergnügen an der Demokratie führen. (2)


1. Michael Sandel, Liberalism and the Limits of Justice, Cambridge/New York 1998 (zuerst 1982), S. 179
2. Vgl. M. Sandel Democracy’s Discontent. America in Search of a Public Philosophy, 1996.


Markus Rothhaar, “Michael Sandel, Liberalism and the Limits of Justice” in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Sand I
Michael Sandel
The Procedural Republic and the Unencumbered Self 1984

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Staatsverschuldung Politik Ungarns Krastev I 65
Staatsverschuldung/Politik Ungarns/Krastev: Eine Auswirkung des wahrgenommenen Nachahmungsimperativs in Ungarn war die weit verbreitete Tendenz einkommensschwacher Familien, sich Geld in Schweizer Franken zu leihen. Sie taten dies offenbar, um die im Westen beobachteten Konsummuster zu imitieren. >Imitation/Postkommunistische Länder, >Imitation/Krastev. Die Verschuldung der Haushalte schnellte in einem unbedachten und vergeblichen Versuch in die Höhe
Krastev I 66
den westlichen Lebensstandard einzuholen und zu replizieren. Leider mussten die unvorsichtigen Kreditnehmer nach einer radikalen Abwertung der ungarischen Währung extrem hohe monatlichen Zahlungen im wertgeminderten Forint leisten. Laut Regierungsstatistik nahmen fast eine Million Menschen Kredite in einer Fremdwährung auf, davon wurden 90 Prozent in der Fremdwährung der Schweizer Franken aufgenommen. OrbánVsLiberalismus: Das ist es, was Orbán im Sinn hat, wenn er bemerkt, dass "der liberale ungarische Staat das Land nicht vor der Verschuldung geschützt hat". Die liberale Demokratie, so seine Schlussfolgerung, "schaffte es nicht, Familien vor Schuldknechtschaft zu schützen"(1). Solche erdrückenden Belastungen verstärkten das Gefühl, dass die Integration in das globale Wirtschaftssystem Degradierung und Verarmung bedeutete und nicht Freiheit und Wohlstand, wie ursprünglich von seinen liberalen Verfechtern versprochen worden war.
Krastev I 68
Liest man Orbáns historische Rede vom 26. Juli 2014, in der er sein militantes Engagement für den Aufbau eines illiberalen Staates in Ungarn bekräftigte, sieht man seine spürbare Verachtung für diejenigen, die versuchen, die Grenze zwischen Sieg und Niederlage zu verwischen (2). Er würde Robert Frosts spöttischer Definition eines Liberalen als "ein Mann, der in einem Streit nicht auf seiner eigenen Seite stehen kann" voll und ganz zustimmen. Orbán war nicht nur vom Liberalismus und seinem Kompromissgeist enttäuscht; er wollte ihn entschieden besiegen.

1. ‘Full Text of Viktor Orbán’s Speech at Băile Tuşnad (Tusnádfürdő) of 26 July 2014’, The New York Times (29 July 2014).
2. Ebd.

Krastev I
Ivan Krastev
Stephen Holmes
The Light that Failed: A Reckoning London 2019
Verteilungsgerechtigkeit Feminismus Gaus I 234
Verteilungsgerechtigkeit/Feminismus/Lamont: [z.B. Susan Moller] Okin(1) zeigt auf, (...) dass Frauen im Wettbewerb auf dem Markt erheblich benachteiligt sind, weil die Verantwortung für die Kindererziehung nicht gleichmäßig mit den Männern geteilt wird. Infolgedessen wird jede
Gaus I 235
Theorie, die sich auf Marktmechanismen stützt, einschließlich der meisten liberalen Theorien, Systeme hervorbringen, die dazu führen, dass Frauen systematisch weniger Einkommen und Vermögen haben als Männer. FeminismusVsLiberalismus: Das theoretische Problem für den Liberalismus besteht darin, dass er in seiner Achtung der individuellen Freiheit und in seinem Beharren auf der Neutralität der Regierung nicht einmal die Ungleichheiten in den wirtschaftlichen oder politischen Positionen von Frauen als ungerecht anerkennen kann, da diese Ungleichheiten aus der kombinierten Wirkung vieler individueller Entscheidungen resultieren (Hampton, 1997(2): 200-8; MacKinnon, 1987(3): 36).
Liberalismus: Bei der Verteilung der Hausarbeit beispielsweise würden die klassischen liberalen Philosophen diese Entscheidungen als weitgehend unpolitisch ansehen, da sie von Einzelpersonen zu treffen sind. Solange die Regierungsgesetze keine ungleichen Rollen für Männer und Frauen vorschreiben - wenn Männer und Frauen in ihren jeweiligen kulturellen Kontexten Rollen wählen, die auf lange Sicht ungleiche wirtschaftliche Positionen für Männer und Frauen schaffen - würde die liberale Sichtweise das Ergebnis normalerweise als nicht ungerecht zulassen.
FeminismusVsLiberalismus: Der feministische Punkt ist, dass die Entscheidungen nicht notwendigerweise frei sind und die Gleichheit nicht bewahren, aber eine liberale Regierung ist zu machtlos, um die Situation zu ändern. Ähnliches gilt für die ungleiche Auswirkung anderer kultureller Ansichten, z.B. solcher, die rassistisch sind oder auf andere Weise gegen Minderheiten gerichtet sind (...).


1. Okin, Susan Moller (1989) Justice, Gender, and the Family. New York: Harper Collins.
2. Hampton, Jean (1997) Political Philosophy. Oxford: Westview.
3. MacKinnon, Catherine A. (1987) Feminism Unmodified: Discourses of Life and Law. Cambridge, MA: Harvard University Press.


Lamont, Julian 2004. „Distributive Justice“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004