Lexikon der Argumente


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Einheit Ranke Gadamer I 212
Einheit/Geschichte/Ranke/Gadamer: Die Idee der Einheit der Weltgeschichte schließt die ununterbrochene Kontinuität der weltgeschichtlichen Entwicklung ein. Auch diese Idee der Kontinuität ist zunächst formaler Natur und impliziert keinen konkreten Inhalt. Auch sie ist wie ein Apriori der Forschung, das zu immer tieferem Eindringen in die Verflechtung des weltgeschichtlichen Zusammenhanges einlädt. Insofern ist es nur als eine methodologische Naivität Rankes zu beurteilen, wenn er von der „bewundernswerten Stetigkeit“ der geschichtlichen Entwicklung spricht(1). Was er in Wahrheit damit meint, ist gar nicht diese Struktur der Stetigkeit selbst, sondern das Inhaltliche, was sich in dieser stetigen Entwicklung herausbildet.
>Zusammenhang/Geschichte/Ranke.
Dass es etwas und ein einziges ist, was sich schließlich aus dem unübersehbar vielfältigen Ganzen der weltgeschichtlichen Entwicklung herausbildet, nämlich die Einheit der abendländischen Kulturwelt, die durch die germanisch-romanischen Völker heraufgeführt sich über die ganze Erde ausbreitet, das ist es, was seine Bewunderung erweckt.
GadamerVsRanke: Freilich, auch wenn man diesen inhaltlichen Sinn von Rankes Bewunderung der „Stetigkeit“ anerkennt, zeigt sich noch immer Rankes Naivität. Dass die Weltgeschichte in kontinuierlicher Entwicklung diese abendländische Kulturwelt heraufgeführt hat, ist abermals keine bloße Erfahrungstatsache, die das historische Bewusstsein feststellt, sondern eine Bedingung des historischen Bewusstseins selber, also nichts, das auch hätte ausbleiben können
Gadamer I 213
oder durch neue Erfahrung durchgestrichen werden könnte. Vielmehr nur, weil die Weltgeschichte diesen Gang gegangen ist, kann überhaupt die Frage nach dem Sinn der Geschichte von einem weltgeschichtlichen Bewusstsein gestellt werden und die Einheit ihrer Stetigkeit meinen. Man kann sich hierfür auf Ranke selbst berufen.
>Kontinuität/Ranke.

1. Ranke, Weltgeschichte IX, 2 Xlll.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Erkenntnis Droysen Gadamer I 219
Erkenntnis/Droysen/Gadamer: Gegen den historischen Apriorismus stimmt [Droysen] mit Ranke überein, dass wir nicht das Ziel, sondern nur die Richtung der Bewegung erkennen können. Der Zweck der Zwecke, auf den die rastlose Arbeit der geschichtlichen Menschheit bezogen ist, ist nicht durch historische Erkenntnis auszumachen (§§ 80-86)(1). Er ist nur Gegenstand unseres Ahnens und Glaubens. Diesem Bild der Geschichte entspricht nun die Stellung des historischen Erkennens.
DroysenVsRanke: Auch [historisches Erkennen] kann nicht so begriffen werden, wie Ranke [es] begriffen hatte, als eine ästhetische Selbstvergessenheit und Selbstauslöschung in der Art des großen epischen Dichtertums.
Ranke: Der pantheistische Zug in Ranke erlaubte hier den Anspruch einer universalen und zugleich unmittelbaren Teilhabe, einer Mitwisserschaft des Alls.
Droysen: Droysen dagegen denkt die Vermittlungen, in denen sich das Verstehen bewegt. Die sittlichen Mächte sind nicht nur die eigentliche Wirklichkeit der Geschichte, zu der sich der einzelne im Handeln erhebt. Sie sind zugleich das, wozu sich auch der historisch Fragende und Forschende über seine eigene Partikularität erhebt. Der Historiker ist durch seine Zugehörigkeit zu bestimmten sittlichen Sphären, seinem Vaterland, seiner politischen und religiösen Überzeugung, bestimmt und beschränkt. Aber gerade auf dieser unaufhebbaren Einseitigkeit beruht seine Teilhabe. Unter den konkreten Bedingungen seiner eigenen geschichtlichen Existenz - und nicht im Schweben über den Dingen - stellt sich als seine Aufgabe die Gerechtigkeit. »Seine Gerechtigkeit ist, dass er zu verstehen sucht« (§ 91)(1).
Droysens Formel für das historische Erkennen lautet daher „forschend verstehen« (§ 8). Darin liegt sowohl eine unendliche Vermittlung wie eine verstehen« (§ 8). Darin liegt sowohl eine unendliche Vermittlung wie eine letzte Unmittelbarkeit. Der Begriff des Forschens, den Droysen hier in so
bedeutsamer Prägung mit dem des Verstehens verknüpft, soll die Unendlichkeit der Aufgabe markieren, durch die der Historiker von den Vollendungen künstlerischer Schöpfung ebenso grundsätzlich geschieden ist wie von dem vollendeten Einklang, den Sympathie und Liebe zwischen Ich und Du bewirken. >Wissenschaft/Droysen.


1. J.G. Droysen, Grundriß der Historik, 1868

Droys I
J. G. Droysen
Grundriss der Historik Paderborn 2011

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Geschichte Droysen Pfotenhauer IV 60
Positivismus/Geschichte/DroysenVsBuckle/Droysen: (J. G. Droysen (1863)(1)). Seit Droysens Kritik an Buckles History of Civilization (H. Th. Buckle(2)) in England nahmen die Bemühungen zu, die historischen Wissenschaften und ihren Gegenstand als einen eigenen Bereich geistiger Betätigung auszuweisen. Buckles Werk konnte als repräsentativ gelten für den Versuch, ein positivistisches Programm für die verschiedenen Bereich geschichtlich-gesellschaftlichen Lebens zu erstellen. Im Anschluss an Comte(3) sollten die konstanten Beziehungen zwischen beobachtbaren Phänomenen festgehalten werden anstatt metaphysisch über „eigentliche“ Ursachen zu spekulieren. …Zur erkenntnisleitenden Voraussetzung der historischen Forschung würde dann die Annahme, alle geschichtlichen Erscheinungen seien kausal bestimmt. Diese Voraussetzung würde gemacht um des methodischen Ideals einer exakten, allzeit wiederholbaren, situationsunabhängigen Beobachtung und Analyse willen.
1. J. G. Droysen Erhebung der Geschichte zum Rang einer Wissenschaft, in HZG 9, (1863), S. 1-22.
2. H. Th. Buckle, History of Civilization in England, London 185ff.
3. A. Comte, Discours sur l‘Esprit positif, Paris 1844, dt. Hamburg 1956, S. 26ff.


Gadamer I 216
Geschichte/Droysen/Gadamer: Droysen sieht die Doppelnatur der Geschichte begründet in dem »eigentümlichen“
Gadamer I 217
Charisma der so glücklich unvollkommenen Menschennatur, dass sie geistig und leiblich zugleich sich ethisch verhalten muss.«(1) Gadamer: Mit diesen, Wilhelm von Humboldt entlehnten Begriffen sucht Droysen gewiss nichts anderes zu sagen, als was Ranke mit der Betonung der Kraft im Auge hatte. Auch er sieht die Wirklichkeit der Geschichte nicht als reinen Geist. Sich ethisch verhalten schließt vielmehr ein, dass die Welt der Geschichte keine reine Ausprägung des Wollens in einem widerstandslos bildsamen Stoff kennt. Ihre Wirklichkeit besteht in einer immer neu vom Geist zu leistenden Erfassung und Gestaltung der „rastlos wechselnden Endlichkeiten“ denen jeder Handelnde angehört. Droysen gelingt es nun in ganz anderem Grade, aus dieser Doppelnatur der Geschichte Folgerungen für das historische Verhalten zu ziehen.
DroysenVsRanke: Die Anlehnung an das Verhalten des Dichters, die Ranke genügte, kann ihm nicht mehr ausreichen.
Vgl. >Verstehen/Ranke.
Die Selbstentäußerung im Schauen oder Erzählen führt nicht an die geschichtliche Wirklichkeit heran. Denn die Dichter »dichten zu den Ereignissen eine psychologische Interpretation derselben. In den Wirklichkeiten aber wirken noch andere Momente als die Persönlichkeiten« (Historik § 41)(1).
YGeschichtsschreibung.
Die Dichter behandeln die geschichtliche Wirklichkeit so, als wäre sie von handelnden Personen so gewollt und geplant. Das ist aber gar nicht die Wirklichkeit der Geschichte, derart zu sein.
Daher ist das wirkliche Wollen und Planen der handelnden Menschen gar nicht der eigentliche Gegenstand des historischen Verstehens. Die psychologische Interpretation der einzelnen Individuen kann die Sinndeutung der geschichtlichen Ereignisse selbst nicht erreichen. »Weder geht der Wollende ganz in diesem einen Sachverhalt auf, noch ist das, was wurde, nur durch dessen Willensstärke, dessen Intelligenz geworden; es ist weder der reine noch der ganze Ausdruck dieser Persönlichkeit.« (§ 41).
>Sinn, >Interpretation, >Verstehen, >Hermeneutik.
Psychologische Interpretation ist daher nur ein untergeordnetes Moment im historischen Verstehen, und das nicht nur deshalb, weil sie ihr Ziel nicht wirklich erreicht. Es ist nicht nur so, dass hier eine Schranke erfahren wird.
Psychologie/Verstehen/Droysen: Die Innerlichkeit der Person, das Heiligtum des Gewissens ist für den Historiker nicht nur unerreichbar. Das, wohin nur Sympathie und Liebe dringen, ist vielmehr gar nicht das Ziel und der Gegenstand seiner Forschung. Er hat nicht in die Geheimnisse der individuellen Personen einzudringen. Was er erforscht, sind nicht die einzelnen als solche, sondern was sie als Momente in der Bewegung der sittlichen Mächte bedeuten.

1. J.G. Droysen, Grundriß der Historik, 1868.

Droys I
J. G. Droysen
Grundriss der Historik Paderborn 2011

Pfot I
Helmut Pfotenhauer
Die Kunst als Physiologie. Nietzsches ästhetische Theorie und literarische Produktion. Stuttgart 1985

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Sinn Droysen Gadamer I 221
Sinn/Geschichte/Droysen/Gadamer: [mittel des Begriffs] hebt sich (...) der Ausdruck die geschichtliche Realität in die Sphäre des Sinnhaften, und damit wird auch in Droysens methodologischer Selbstbesinnung die Hermeneutik über die Historik Herr: »Das Einzelne wird verstanden in dem Ganzen, und das Ganze aus dem Einzelnen« (§ 10)(1). >Verstehen/Droysen.
Gadamer: Das ist die alte rhetorisch-hermeneutische Grundregel, die nun ins Innere gewendet
wird:
Schleiermacher: »Der Verstehende, weil er ein Ich, eine Totalität in sich ist, wie der, den er zu verstehen hat, ergänzt sich dessen Totalität aus der einzelnen Äußerung und die einzelne Äußerung aus dessen Totalität. « Das ist die Formel Schleiermachers. In ihrer Anwendung liegt, dass Droysen ihre Voraussetzung teilt, das heißt, die Geschichte, die er als Taten der Freiheit sieht, ist ihm gleichwohl zutiefst verständlich und sinnhaft wie ein Text.
Droysen: Die Vollendung des Verständnisses der Geschichte ist, wie das Verstehen eines Textes, „geistige Gegenwart“.
DroysenVsRanke/Gadamer: So sehen wir Droysen wohl schärfer als Ranke bestimmen, was Forschen und Verstehen an Vermittlungen in sich schließt, aber auch er vermag am Ende die Aufgabe der Historie nur in ästhetisch-hermeneutischen
Gadamer I 222
Kategorien zu denken. Was die Historik anstrebt, ist auch nach Droysen, aus den Bruchstücken der Überlieferung den großen Text der Geschichte zu rekonstruieren.
1. J.G. Droysen, Grundriss der Historik, 1868

Droys I
J. G. Droysen
Grundriss der Historik Paderborn 2011

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Universalgeschichte Historismus Gadamer I 215
Universalgeschichte/Historismus/Gadamer: Universalgeschichte, Weltgeschichte - das sind in Wahrheit nicht Inbegriffe formaler Art, in denen das Ganze des Geschehens gemeint ist. Im geschichtlichen Denken ist das Universum als die göttliche Schöpfung zum Bewusstsein ihrer selbst erhoben. Freilich ist das nicht ein begreifendes Bewusstsein. Das letzte Resultat der historischen Wissenschaft ist »Mitgefühl, Mitwisserschaft des Alls«(1). Auf diesem pantheistischen Hintergrund versteht sich Rankes berühmte Wendung, wonach er sich selbst auslöschen möchte. >Weltgeschichte.
DiltheyVsRanke: Natürlich ist solche Selbstauslöschung in Wahrheit, wie Dilthey(2) dagegen eingewandt hat, die Ausweitung des Selbst zu einem inneren Universum. Aber es ist doch nicht zufällig, dass Ranke eine solche Reflexion, die Dilthey auf seine psychologische Grundlage der Geisteswissenschaften führt, nicht vollzieht.
>L. v. Ranke.
RankeVsDilthey: Für Ranke ist Selbstauslöschung noch eine Form wirklicher Teilhabe. Man darf den Begriff der Teilhabe nicht psychologisch-subjektiv verstehen, sondern muss ihn von dem Begriff des Lebens her denken, der zugrunde liegt. Weil alle geschichtlichen Erscheinungen Manifestationen des All-Lebens sind, ist die Teilhabe an ihnen Teilhabe am Leben.
>W. Dilthey.

1. Ranke (ed. Rothacker). S. 52.
2. Dilthey, Ges. Schriften V, 281.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Verstehen Ranke Gadamer I 215
Verstehen/Ranke/Historismus/Gadamer: Ranke, These: Das letzte Resultat der historischen Wissenschaft ist »Mitgefühl, Mitwisserschaft des Alls«(1). Auf diesem pantheistischen Hintergrund versteht sich Rankes berühmte Wendung, wonach er sich selbst auslöschen möchte.
DiltheyVsRanke: Natürlich ist solche Selbstauslöschung in Wahrheit, wie Dilthey(2) dagegen eingewandt hat, die Ausweitung des Selbst zu einem inneren Universum
RankeVsDilthey: Für Ranke ist Selbstauslöschung noch eine Form wirklicher Teilhabe. Man darf den Begriff der Teilhabe nicht psychologisch-subjektiv verstehen, sondern muss ihn von dem Begriff des Lebens her denken, der zugrunde liegt. Weil alle geschichtlichen Erscheinungen Manifestationen des All-Lebens sind, ist die Teilhabe an ihnen Teilhabe am Leben.
Gadamer: Von da gewinnt der Ausdruck des Verstehens seinen fast religiösen Klang. Das Verstehen ist unmittelbare Teilhabe am Leben, ohne die gedankliche Vermittlung durch den Begriff. Darauf gerade kommt es dem Historiker an, nicht Wirklichkeit auf Begriffe zu beziehen, sondern überall an den Punkt zu gelangen, wo »Leben denkt und Gedanke lebt«. Die Erscheinungen des geschichtlichen Lebens werden im Verstehen als die Manifestationen des All-Lebens, der Gottheit, erfasst. Solche verstehende Durchdringung derselben bedeutet in der Tat mehr als eine menschliche Erkenntnisleistung eines inneren Universums, wie Dilthey das Ideal des Historikers gegen Ranke umformulierte. Es ist eine metaphysische Aussage, die Ranke in die größte Nähe zu Fichte und Hegel rückt, wenn er sagt: »Die klare, volle, gelebte Einsicht, das ist das Mark des Seyns durchsichtig geworden und sich selbst durchschauend«(3). In einer solchen Wendung ist ganz unüberhörbar, wie nahe Ranke im Grunde dem deutschen Idealismus bleibt. Die volle Selbstdurchsichtigkeit des Seins, die Hegel im absoluten Wissen der Philosophie dachte, legitimiert auch noch Rankes Selbstbewusstsein als Historiker, so sehr er auch den Anspruch der spekulativen Philosophie zurückweist.
Gadamer I 216
Gadamer: Die reine Hingegebenheit an die Anschauung der Dinge, die epische Haltung dessen, der die Mär der Weltgeschichte sucht(4) darf in der Tat dichterisch heißen, sofern für den Historiker Gott nicht in der Gestalt des Begriffs, sondern in der Gestalt der „äußeren Vorstellung“ in allem gegenwärtig ist. Man kann Rankes Selbstverständnis in der Tat nicht besser als durch diese Begriffe Hegels umschreiben. Der Historiker, wie ihn Ranke versteht, gehört der Gestalt des absoluten Geistes zu, die Hegel als die der Kunstreligion beschrieben hat. DroysenVsRanke/Gadamer: Für einen schärfer denkenden Historiker musste die Problematik solcher Selbstauffassung sichtbar werden. Die philosophische Bedeutung von Droysens Historik liegt eben darin, dass er den Begriff des Verstehens aus der Unbestimmtheit ästhetisch-pantheistischer Kommunion, die er bei Ranke hat, zu lösen sucht und seine begrifflichen Voraussetzungen formuliert. Die erste dieser Voraussetzungen ist der Begriff des Ausdrucks(5). Verstehen ist Verstehen von Ausdruck.
>Geschichte, >Geschichte/Ranke, >Geschichtsschreibung, >Weltgeschichte,
>Universalgeschichte.

1. Ranke (ed. Rothacker). S. 52.
2. Dilthey, Ges. Schriften V, 281.
3. Lutherfragment 13.
4. Ebenda S. 1
5. Vgl. auch unten S. 341 f. , 471 f. und Bd. 2 der Ges. Werke, Exkurs VI, S. 384ff.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Zusammenhang Ranke Gadamer I 211
Zusammenhang/Geschichte/Freiheit/Notwendigkeit/Ranke/Gadamer: Die geschichtlichen Kräfte, die die eigentlichen Träger der geschichtlichen Entwicklung bilden, sind nicht wie die monadische Subjekivität des Individuums. Alle Individuation ist vielmehr selbst schon durch die entgegenstehende Realität mitgeprägt, und eben deshalb ist Individualität nicht Subjektivität, sondern lebendige Kraft. >Kraft/Ranke. Zusammenhang: Der Gebrauch der Kategorie der Kraft ermöglicht nun, den Zusammenhang in der Geschichte als eine primäre Gegebenheit zu denken. Kraft ist immer nur wirklich als ein Spiel der Kräfte, und Geschichte ist ein solches Spiel von Kräften, das Kontinuität erwirkt.
Ranke wie Droysen sprechen in diesem Zusammenhang davon, daß Geschichte eine „werdende Summe« ist, um damit allen Anspruch auf apriorische Konstruktion der Weltgeschichte abzuweisen, und sie meinen damit ganz auf dem Boden der Erfahrung zu stehen.(1)
GadamerVsRanke/GadamerVsdroysen: Es fragt sich aber, ob damit nicht doch mehr vorausgesetzt ist, als sie selber wissen. Dass die Universalgeschichte eine werdende Summe ist, heißt doch, dass sie ein - wenn auch unfertiges - Ganzes sei. Das aber ist keineswegs selbstverständlich. Qualitativ ungleiche Posten summieren sich nicht. Summierung setzt vielmehr voraus, dass die Einheit, unter der sie zusammengefasst werden, ihre Zusammenfassung schon vorgängig leitet. Diese Voraussetzung ist aber eine Behauptung. Die Idee der Einheit der Geschichte ist in Wahrheit nicht so formal und so unabhängig von einem inhaltlichen Verständnis „der« Geschichte, wie es scheint.(2)
Die Welt der Geschichte hat man durchaus nicht immer unter dem Aspekt der weltgeschichtlichen Einheit gedacht. Sie kann z. B. auch - wie bei Herodot - als ein moralisches Phänomen betrachtet werden. Als solches bietet sie eine Fülle von Exempla, aber keine Einheit. Was legitimiert die Rede von einer Einheit der Weltgeschichte? Diese Frage war ehedem leicht beantwortet, als man die Einheit eines Zieles und damit eines Planes in der Geschichte voraussetzte. Aber was ist der Generalnenner, der ein Zusamenzählen
Gadamer I 212
erlaubt, wenn ein solches Ziel und ein solcher Plan in der Geschichte nicht angenommen wird? >Einheit/Geschichte/Historismus, >Einheit/Geschichte/Ranke, >Kontinuität/Ranke.

1. Ranke, Weltgeschichte IX, S. 163;
2. Dass Ranke - und nicht als einziger - subsumieren als summieren denkt und schreibt (z. B. a. a. O. , S. 63), ist für die geheime Gesinnung der historischen Schule höchst bezeichnend.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977