Lexikon der Argumente


Philosophische Themen und wissenschaftliche Debatten
 
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Ästhetische Erfahrung Lukács Gadamer I 100
Ästhetische Erfahrung/Erlebniskunst/Subjekt-Objekt-Problem/Ästhetik/Lukács/Gadamer: Ausgangsproblem: für Valéry(1) hat jede Begegnung mit dem Werk den Rang und das Recht einer neuen Produktion. Gadamer: Problem: Das scheint mir ein unhaltbarer hermeneutischer Nihilismus. Denn nun überträgt er dem Leser und Ausleger die Vollmacht des absoluten Schaffens, die er selber nicht ausüben will.
Ästhetisches Erlebnis/Gadamer: Die gleiche Aporie ergibt sich, wenn man statt von dem Begriff des Genies von dem Begriff des ästhetischen Erlebnisses ausgeht.
Gadamer I 101
Lukacs(2): spricht der ästhetischen Sphäre eine heraklitische Struktur zu und will damit sagen: Die Einheit des ästhetischen Gegenstandes ist gar keine wirkliche Gegebenheit. Das Kunstwerk ist nur eine Leerform, der bloße Knotenpunkt in der möglichen Mehrheit von ästhetischen Erlebnissen, in denen allein der ästhetische Gegenstand da ist. Wie man sieht, ist absolute Diskontinuität, d. h. Zerfall der Einheit des ästhetischen Gegenstandes in die Vielheit von Erlebnissen, die notwendige Konsequenz der Erlebnisästhetik.
Oskar Becker: An die Idee von Lukacs anknüpfend hat Oskar Becker geradezu formuliert: »Zeitlich angesehen ist das Werk nur einem Augenblick (d. h. jetzt), es ist „jetzt“ dies Werk und ist es schon jetzt nicht mehr!“(3)
Gadamer: Das ist in der Tat konsequent. Die Grundlegung der Ästhetik im Erlebnis führt zur absoluten Punktualität, die die Einheit des Kunstwerks ebenso aufhebt, wie die Identität des Künstlers mit sich selbst und die Identität des Verstehenden bzw. Genießenden.(4)
KierkegaardVsErlebniskunst/Gadamer: Wie mir scheint, hat schon Kierkegaard die Unhaltbarkeit dieser Position bewiesen, indem er die zerstörerische Konsequenz des Subjektivismus erkannte und als erster die Selbstvernichtung der ästhetischen Unmittelbarkeit beschrieb. Seine Lehre vom ästhetischen Stadium der Existenz ist vom Standpunkte des Ethikers aus entworfen, dem die Heillosigkeit und Unhaltbarkeit einer Existenz in reiner Unmittelbarkeit und Diskontinuität aufgegangen ist. Vgl. >Erlebniskunst.


1. P. Valéry, Variété Ill, Commentaires de Charmes: »Mes vers ont le sens qu'on leur prete«.
2. G. Lukács, „Die Subjekt-Objekt-Beziehung in der Ästhetik“, In: „Logos“, Bd. Vll., 1917/18.
3. Oskar Becker, Die Hinfälligkeit des Schönen und die Abenteuerlichkeit des Künstlers, Husserl-Festschrift, 1928, S. 51. Jetzt in O. Becker, Dasein und Dawesen. Pfullingen 1963, S. 11-401.
4. Schon bei K. Ph. Moritz, Von der bildenden Nachahmung des Schönen, 1788, S. 26
lesen wir: »Das Werk hat seinen höchsten Zweck in seiner Entstehung, in seinem Werden
schon erreicht. «

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Beobachtbarkeit Fraassen I 17
Beobachtbarkeit/Maxwell, Grover: These: es gibt nichts prinzipiell Unbeobachtbares, weil ich Elektronenaugen hätte haben können. (> Mögliche Welten). - FraassenVsMaxwell: das ist bloß ein Trick. - Verschiebung des Themas: wenn ich ein Riese wäre, hätte ich... - Physik beschreibt ultimative Beobachtungsgrenzen. - Pointe: das sind letztlich menschliche Begrenzungen. - beobachtbar/Maxwell, Grover: klassifiziert mutmaßliche Gegenstände - hat nichts mit Existenz zu tun. (>Grover MaxwellVsPositivismus).
I 57
Grenzen der Beobachtbarkeit sind empirisch, nicht philosophisch.
I 57
Beobachtbarkeit/Theorie/Fraassen: was beobachtbar ist, finden wir heraus, indem wir die Theorie selbst untersuchen. - ((s) > Hermeneutischer Zirkel). - Dennoch ist die Beobachtbarkeit nicht Theorie-relativ. - Was eine Observable (= physikalische Größe) ist, ist Theorie-unabhängig. - Es ist eine Funktion von uns als Organismen.
I 75
Beobachtbarkeit/Fraassen: Bsp Darwins missing link: war eine beobachtbare Entität. - Bsp Elementarteilchen: brachten eigene Eigenschaften mit. - So gibt es neue Informationen, die in der alten Theorie nicht enthalten waren - und zwar über die Beschaffenheit dieser unbeobachtbaren Entitäten. - Statt hier Realismus zu akzeptieren, können wir eine rein funktionale Sichtweise annehmen.
I 197
Beobachtbarkeit/Fraassen: es gibt keine logische Verbindung von Beobachtbarkeit und Existenz. - Eine Theorie, so weit empirische Adäquatheit betroffen ist, wäre genauso gut, wenn nichts existierte, was entweder unbeobachtbar oder nicht-aktual ist.

Fr I
B. van Fraassen
The Scientific Image Oxford 1980
Denken Husserl I 23
Denken/Husserl: Denkgesetze können keine Kausalgesetze sein, denn dann müsste falsches Denken anderen Gesetzen unterliegen. Keine Irrtümer wären möglich. Außerdem könnte ein Kriterium des logisch Richtigen zur Beurteilung von Richtigkeit nicht aus der kausalen Abfolge gewonnen werden, da diese erst danach beurteilt werden soll. (>Zirkelularität, Vgl. >Hermeneutischer Zirkel).
I 31
Akt/Husserl: ein Akt ist keine Aktivität. - Er ist eine Leistung des Denkens, nicht reale Tätigkeit.
E. Husserl
I Peter Prechtl Husserl zur Einführung, Hamburg 1991 (Junius)
II "Husserl" in: Eva Picardi et al., Interpretationen - Hauptwerke der Philosophie: 20. Jahrhundert, Stuttgart 1992
Erlebniskunst Gadamer I 100
Erlebniskunst/Ästhetik/Kunsterlebnis/Ästhetische Erfahrung/Gadamer: Ausgangsproblem: für Valéry(1) hat jede Begegnung mit dem Werk den Rang und das Recht einer neuen Produktion. Gadamer: Problem: Das scheint mir ein unhaltbarer hermeneutischer Nihilismus. Denn nun überträgt er dem Leser und Ausleger die Vollmacht des absoluten Schaffens, die er selber nicht ausüben will.
Ästhetisches Erlebnis/Gadamer: Die gleiche Aporie ergibt sich, wenn man statt von dem Begriff des Genies von dem Begriff des ästhetischen Erlebnisses ausgeht.
I 101
Lukacs(2): spricht der ästhetischen Sphäre eine heraklitische Struktur zu und will damit sagen: Die Einheit des ästhetischen Gegenstandes ist gar keine wirkliche Gegebenheit. Das Kunstwerk ist nur eine Leerform, der bloße Knotenpunkt in der möglichen Mehrheit von ästhetischen Erlebnissen, in denen allein der ästhetische Gegenstand da ist. Wie man sieht, ist absolute Diskontinuität, d. h. Zerfall der Einheit des ästhetischen Gegenstandes in die Vielheit von Erlebnissen, die notwendige Konsequenz der Erlebnisästhetik.
Oskar Becker: An die Idee von Lukacs anknüpfend hat Oskar Becker geradezu formuliert: »Zeitlich angesehen ist das Werk nur einem Augenblick (d. h. jetzt), es ist „jetzt“ dies Werk und ist es schon jetzt nicht mehr!“(3)
Gadamer: Das ist in der Tat konsequent. Die Grundlegung der Ästhetik im Erlebnis führt zur absoluten Punktualität, die die Einheit des Kunstwerks ebenso aufhebt, wie die Identität des Künstlers mit sich selbst und die Identität des Verstehenden bzw. Genießenden.(4)
KierkegaardVsErlebniskunst/Gadamer: Wie mir scheint, hat schon Kierkegaard die Unhaltbarkeit dieser Position bewiesen, indem er die zerstörerische Konsequenz des Subjektivismus erkannte und als erster die Selbstvernichtung der ästhetischen Unmittelbarkeit beschrieb. Seine Lehre vom ästhetischen Stadium der Existenz ist vom Standpunkte des Ethikers aus entworfen, dem die Heillosigkeit und Unhaltbarkeit einer Existenz in reiner Unmittelbarkeit und Diskontinuität aufgegangen ist.
I 102
Gadamer: Mit der Erkenntnis der »Hinfälligkeit des Schönen und der Abenteuerlichkeit des Künstlers« ist (...) in Wahrheit nicht eine Seinsverfassung außerhalb der „hermeneutischen Phänomenologie“ des Daseins ausgezeichnet, sondern vielmehr die Aufgabe formuliert, angesichts solcher Diskontinuität des ästhetischen Seins und der ästhetischen Erfahrung die hermeneutische Kontinuität zu bewähren, die unser Sein ausmacht. >Ästhetische Erfahrung/Gadamer, >Weitere Einträge zu Erlebniskunst.


1. P. Valéry, Variété Ill, Commentaires de Charmes: »Mes vers ont le sens qu'on leur prete«.
2. G. Lukács, „Die Subjekt-Objekt-Beziehung in der Ästhetik“, In: „Logos“, Bd. Vll., 1917/18.
3. Oskar Becker, Die Hinfälligkeit des Schönen und die Abenteuerlichkeit des Künstlers, Husserl-Festschrift, 1928, S. 51. Jetzt in O. Becker, Dasein und Dawesen. Pfullingen 1963, S. 11-401.
4. Schon bei K. Ph. Moritz, Von der bildenden Nachahmung des Schönen, 1788, S. 26
lesen wir: »Das Werk hat seinen höchsten Zweck in seiner Entstehung, in seinem Werden
schon erreicht. «

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Erwartungen Gadamer I 272
Erwartung/Verstehen/Hermeneutik/Gadamer: Dass jemand, der die gleiche Sprache spricht, die Worte, die er gebraucht, in dem mir vertrauten Sinne nimmt, ist eine generelle Voraussetzung, die nur im Einzelfalle fraglich werden kann - und das gleiche gilt im Falle der fremden Sprache, dass wir dieselbe in durchschnittlicher Weise zu kennen meinen und beim Verständnis eines Textes diesen durchschnittlichen Sprachgebrauch voraussetzen. Was so von der Vormeinung des Sprachgebrauchs gilt, das gilt aber nicht minder von den inhaltlichen Vormeinungen, mit denen wir Texte lesen und
I 273
die unser Vorverständnis ausmachen. Hier fragt es sich genauso, wie man aus dem Bannkreis seiner eigenen Vormeinungen überhaupt herausfinden soll. Gewiss kann es keine generelle Voraussetzung sein, dass das, was uns in einem Text gesagt wird, sich meinen eigenen Meinungen und Erwartungen bruchlos einfügt. ((s) Vgl. Philosophische Theorien über das >Prinzip der Nachsicht). >Hermeneutischer Zirkel/Heidegger.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Gavagai Rorty I 194 ff
Gavagai: Quine fragt, wie die Sätze der Eingeborenen in kontingente empirische Platituden einerseits und notwendige begriffliche Wahrheiten anderseits unterschieden werden sollen. Für die Eingeborenen reicht aus, zu wissen, welche Sätze mit Sicherheit wahr sind. Sie haben keine Ahnung von begrifflichen, notwendigen Wahrheiten. >Logische Wahrheit.
I 195
Wenn Behauptungen aufgrund der Sozietät, nicht auf Grund des Charakters der inneren Episoden gerechtfertigt sind, so macht es keinen Sinn, privilegierte Vorstellungen isolieren zu wollen.
Horwich I 453
Hermeneutischer Zirkel/Gavagai/Radikale Interpretation/Davidson/RortyVsKripke: im hermeneutischen Zirkel hin und her zu gehen, ist keine Baustein-Theorie (wie die von Kripke: Korrespondenz zwischen Wörtern und Objekten, Verursachung hat mit Referenz zu tun) - sondern es entspricht eher dem "Reflexiven Gleichgewicht" von Rawls. >Reflexives Gleichgewicht, >Kausaltheorie der Referenz.

Rorty I
Richard Rorty
Der Spiegel der Natur Frankfurt 1997

Rorty II
Richard Rorty
Philosophie & die Zukunft Frankfurt 2000

Rorty II (b)
Richard Rorty
"Habermas, Derrida and the Functions of Philosophy", in: R. Rorty, Truth and Progress. Philosophical Papers III, Cambridge/MA 1998
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty II (c)
Richard Rorty
Analytic and Conversational Philosophy Conference fee "Philosophy and the other hgumanities", Stanford Humanities Center 1998
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty II (d)
Richard Rorty
Justice as a Larger Loyalty, in: Ronald Bontekoe/Marietta Stepanians (eds.) Justice and Democracy. Cross-cultural Perspectives, University of Hawaii 1997
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty II (e)
Richard Rorty
Spinoza, Pragmatismus und die Liebe zur Weisheit, Revised Spinoza Lecture April 1997, University of Amsterdam
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty II (f)
Richard Rorty
"Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache", keynote lecture for Gadamer’ s 100th birthday, University of Heidelberg
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty II (g)
Richard Rorty
"Wild Orchids and Trotzky", in: Wild Orchids and Trotzky: Messages form American Universities ed. Mark Edmundson, New York 1993
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty III
Richard Rorty
Kontingenz, Ironie und Solidarität Frankfurt 1992

Rorty IV (a)
Richard Rorty
"is Philosophy a Natural Kind?", in: R. Rorty, Objectivity, Relativism, and Truth. Philosophical Papers Vol. I, Cambridge/Ma 1991, pp. 46-62
In
Eine Kultur ohne Zentrum, Stuttgart 1993

Rorty IV (b)
Richard Rorty
"Non-Reductive Physicalism" in: R. Rorty, Objectivity, Relativism, and Truth. Philosophical Papers Vol. I, Cambridge/Ma 1991, pp. 113-125
In
Eine Kultur ohne Zentrum, Stuttgart 1993

Rorty IV (c)
Richard Rorty
"Heidegger, Kundera and Dickens" in: R. Rorty, Essays on Heidegger and Others. Philosophical Papers Vol. 2, Cambridge/MA 1991, pp. 66-82
In
Eine Kultur ohne Zentrum, Stuttgart 1993

Rorty IV (d)
Richard Rorty
"Deconstruction and Circumvention" in: R. Rorty, Essays on Heidegger and Others. Philosophical Papers Vol. 2, Cambridge/MA 1991, pp. 85-106
In
Eine Kultur ohne Zentrum, Stuttgart 1993

Rorty V (a)
R. Rorty
"Solidarity of Objectivity", Howison Lecture, University of California, Berkeley, January 1983
In
Solidarität oder Objektivität?, Stuttgart 1998

Rorty V (b)
Richard Rorty
"Freud and Moral Reflection", Edith Weigert Lecture, Forum on Psychiatry and the Humanities, Washington School of Psychiatry, Oct. 19th 1984
In
Solidarität oder Objektivität?, Stuttgart 1988

Rorty V (c)
Richard Rorty
The Priority of Democracy to Philosophy, in: John P. Reeder & Gene Outka (eds.), Prospects for a Common Morality. Princeton University Press. pp. 254-278 (1992)
In
Solidarität oder Objektivität?, Stuttgart 1988

Rorty VI
Richard Rorty
Wahrheit und Fortschritt Frankfurt 2000

Horwich I
P. Horwich (Ed.)
Theories of Truth Aldershot 1994
Hermeneutischer Zirkel
Hermeneutischer Zirkel Gadamer I 296
Hermeneutischer Zirkel/Gadamer: Wie setzt denn die hermeneutische Bemühung ein? Was folgt für das Verstehen aus der hermeneutischen Bedingung der Zugehörigkeit zu einer Tradition? (>Hermeneutik/Gadamer, >Tradition/Gadamer).
Wir erinnern uns hier der hermeneutischen Regel, dass man das Ganze aus dem Einzelnen und das Einzelne aus dem Ganzen verstehen müsse. Sie stammt aus der antiken Rhetorik und ist durch die
neuzeitliche Hermeneutik von der Redekunst auf die Kunst des Verstehens übertragen worden. Es ist ein zirkelhaftes Verhältnis, das hier wie dort vorliegt. Die Antizipation von Sinn, in der das Ganze gemeint ist, kommt dadurch zu explizitem Verständnis, dass die Teile, die sich vom Ganzen her
bestimmen, ihrerseits auch dieses Ganze bestimmen. Die Aufgabe ist, in konzentrischen Kreisen die
Einheit des verstandenen Sinnes zu erweitern. Einstimmung aller Einzelheiten zum Ganzen ist das jeweilige Kriterium für die Richtigkeit des Verstehens. >Hermeneutischer Zirkel/Schleiermacher.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Hermeneutischer Zirkel Heidegger Gadamer I 270
Hermeneutischer Zirkel/Heidegger/Gadamer: Heidegger schreibt: »Der Zirkel darf nicht zu einem vitiosum, und sei es auch zu einem geduldeten, herabgezogen werden. In ihm verbirgt sich eine positive
Gadamer I 271
Möglichkeit ursprünglichsten Erkennens, die freilich in echter Weise nur dann ergriffen ist, wenn die Auslegung verstanden hat, dass ihre erste, ständige und letzte Aufgabe bleibt, sich jeweils Vorhabe, Vorsicht und Vorgriff nicht durch Einfälle und Volksbegriffe vorgeben zu lassen, sondern in deren Ausarbeitung aus den Sachen selbst her das wissenschaftliche Thema zu sichern.«(1) Gadamer: Was Heidegger hier sagt, ist zunächst nicht eine Forderung an die Praxis
des Verstehens, sondern beschreibt die Vollzugsform des verstehenden Auslegens selbst. Heideggers hermeneutische Reflexion hat ihre Spitze nicht so sehr darin, nachzuweisen, das hier ein Zirkel vorliegt, als vielmehr darin, dass dieser Zirkel einen ontologisch positiven Sinn hat.
Verstehen/Gadamer: Wer einen Text verstehen will, vollzieht immer ein Entwerfen, er wirft sich
einen Sinn des Ganzen voraus, sobald sich ein erster Sinn im Text zeigt. Ein solcher zeigt sich wiederum nur, weil man den Text schon mit gewissen Erwartungen auf einen bestimmten Sinn hin liest. Im Ausarbeiten eines solchen Vorentwurfs, der freilich beständig von dem her revidiert wird, was sich bei weiterem Eindringen in den Sinn ergibt, besteht das Verstehen dessen, was dasteht.
Heidegger/Gadamer: Dass jede Revision des Vorentwurfs in der Möglichkeit steht, einen neuen Entwurf von Sinn voraus zu werfen, dass sich rivalisierende Entwürfe zur Ausarbeitung
Gadamer I 272
nebeneinander herbringen können, bis sich die Einheit des Sinnes eindeutiger festlegt; dass die Auslegung mit Vorbegriffen einsetzt, die durch angemessenere Begriffe ersetzt werden: eben dieses ständige Neu-Entwerfen, das die Sinnbewegung des Verstehens und Auslegens ausmacht, ist der Vorgang, den Heidegger beschreibt. Objektivität: Es gibt hier keine andere „Objektivität“ als die Bewährung, die eine Vormeinung durch ihre Ausarbeitung findet.
Methode: Man muss sich diese grundsätzliche Forderung als die Radikalisierung
eines Verfahrens denken, das wir in Wahrheit immer ausüben, wenn wir verstehen.
Gadamer I 298
Hermeneutischer Zirkel/Heidegger/Gadamer: Schleiermacher (...) gelingt es (...) den Einklang mit dem Objektivitätsideal der Naturwissenschaften herzustellen, aber nur dadurch, dass [er] darauf verzichte[t], die Konkretion des historischen Bewusstseins in der hermeneutischen Theorie zur Geltung zu bringen. >Hermeneutischer Zirkel/Schleiermacher, >Hermeneutik/Schleiermacher. HeideggerVsSchleiermacher/Gadamer: Heideggers Beschreibung und existenziale Begründung des hermeneutischen Zirkels bedeutet demgegenüber eine entscheidende Wendung.
[Schleiermachers Theorie gipfelte in der] Lehre von dem divinatorischen Akt, durch den man sich ganz in den Verfasser versetzt und von da aus alles Fremde und Befremdende des Textes
zur Auflösung bringt.
Heidegger: Demgegenüber beschreibt Heidegger den Zirkel so, dass das Verständnis des Textes von der vorgreifenden Bewegung des Vorverständnisses dauerhaft bestimmt bleibt. Der Zirkel von Ganzem und Teil wird im vollendeten Verstehen nicht zur Auflösung gebracht, sondern im Gegenteil am eigentlichsten vollzogen.
Ontologie/Methode: Der Zirkel ist also nicht formaler Natur. Er ist weder subjektiv noch objektiv, sondern beschreibt das Verstehen als das Ineinanderspiel der Bewegung der Überlieferung und der Bewegung des Interpreten. Die Antizipation von Sinn, die unser Verständnis eines Textes leitet, ist nicht eine Handlung der Subjektivität, sondern bestimmt sich aus der Gemeinsamkeit, die uns mit der Überlieferung verbindet. Diese Gemeinsamkeit aber ist in unserem Verhältnis zur Überlieferung in beständiger Bildung begriffen. Sie ist nicht einfach eine Voraussetzung, unter der wir schon immer stehen, sondern wir erstellen sie selbst, sofern wir verstehen, am Überlieferungsgeschehen teilhaben und es dadurch selber weiter bestimmen. Der Zirkel
Gadamer I 299
Verstehens ist also überhaupt nicht ein „methodischer“ Zirkel, sondern beschreibt ein ontologisches Strukturmoment des Verstehens. >Vollkommenheit/Gadamer.

1. Heidegger, Sein und Zeit, 312ff

Hei III
Martin Heidegger
Sein und Zeit Tübingen 1993

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Hermeneutischer Zirkel Schleiermacher Gadamer I 193
Hermeneutischer Zirkel/Schleiermacher/Gadamer: Schleiermacher folgt Friedrich Ast und der gesamten hermeneutisch—rhetorischen Tradition, wenn er als einen wesentlichen Grundzug des Verstehens anerkennt, dass der Sinn des einzelnen sich immer nur aus dem Zusammenhang, mithin letztlich dem
Gadamer I 194
Ganzen ergibt. Dieser Satz gilt in selbstverständlicher Weise für das grammatische Verständnis jeden Satzes bis zu der Einordnung desselben in den Zusammenhang des Ganzen eines Literatur-Werkes ja, bis zum Ganzen der Literatur bzw. der betreffenden literarischen Gattung Schleiermacher wendet ihn nun aber auf das psychologische Verständnis an, das ein jedes Gedankengebilde als einen Lebensmoment im Totalzusammenhang dieses Menschen verstehen muss. Dabei war von jeher klar, dass logisch gesehen hier ein Zirkel vorliegt, sofern das Ganze, von dem aus das einzelne verstanden werden soll, ja nicht vor dem einzelnen gegeben ist - es sei denn in der Weise eines dogmatischen Kanons (wie ihn das katholische und wie wir sahen, in gewissem Grade
auch das reformatorische Schriftverständnjs leitet), oder eines ihm analogen Vorbegriffs vom Geiste einer Zeit (wie Ast den Geist des Altertums in der Weise der Ahndung voraussetzt).
Lösung: Schleiermacher aber erklärt, dass solche dogmatische Leitfäden keine vorgängige Geltung beanspruchen können und daher nur relative Beschränkungen des Zirkels sind. Grundsätzlich gesehen ist Verstehen immer ein Sichbewegen in solchem Kreise, weshalb die wiederholte Rückkehr von dem Ganzen zu den Teilen und umgekehrt wesentlich ist. Dazu kommt, dass dieser Kreis sich ständig erweitert, indem der Begriff des Ganzen ein relativer ist und die Einordnung in immer größere Zusammenhänge immer auch das Verständnis des einzelnen berührt.

Gadamer I 296
Hermeneutischer Zirkel/Schleiermacher/Gadamer: [Schleiermacher hat den] hermeneutischen Zirkel von Teil und Ganzem sowohl nach seiner objektiven wie nach seiner subjektiven Seite hin differenziert. Wie das einzelne Wort in den Zusammenhang des Satzes, so gehört der einzelne Text in den Zusammenhang des Werkes seines Schriftstellers und dieses in das Ganze der betreffenden literarischen Gattung bzw. der Literatur.
Auf der anderen Seite gehört aber der gleiche Text als Manifestation eins schöpferischen Augenblicks in das Ganze des Seelenlebens seines Autors. Jeweils erst in solchem Ganzem objektiver und subjektiver Art kann sich Verstehen vollenden.
Dilthey: Im Anschluss an diese Theorie spricht dann Dilthey von „Struktur“ und von der „Zentrierung in einem Mittelpunkt“, aus der sich das Verständnis des Ganzen ergibt. Er überträgt damit auf die geschichtliche Welt, was von jeher ein Grundsatz
Gadamer I 297
aller Interpretation von Texten ist: dass man einen Text aus sich selbst verstehen muss. GadamerVsSchleiermacher: Es fragt sich aber, ob die Zirkelbewegung des Verstehens so angemessen verstanden ist. Hier ist auf das Ergebnis unserer Analyse der Schleiermacherschen Hermeneutik zurückzugreifen. (>Hermeneutik/Schleiermacher).
Was Schleiermacher als subjektive Interpretation entwickelt hat, darf wohl ganz beiseite gesetzt werden.
1. GadamerVsSchleiermacher: Wenn wir einen Text zu verstehen suchen, versetzen wir uns nicht in die seelische Verfassung des Autors, sondern wenn man schon von Sichversetzen sprechen will, so versetzen wir uns in die Perspektive, unter der der andere seine Meinung gewonnen hat. Das heißt aber nichts anderes, als dass wir das sachliche Recht dessen, was der andere sagt, gelten zu lassen suchen. Wir werden sogar, wenn wir verstehen wollen, seine Argumente noch zu verstärken trachten.
2. GadamerVsSchleiermacher: (...) auch die objektive Seite dieses Zirkels, wie sie Schleiermacher
beschreibt, trifft nicht den Kern der Sache (..): Das Ziel aller Verständigung und alles Verstehens ist das Einverständnis in der Sache. So hat die Hermeneutik von jeher die Aufgabe, ausbleibendes oder gestörtes Einverständnis herzustellen. Die Geschichte der Hermeneutik kann das
bestätigen, wenn man z. B. an Augustin denkt, wo das Alte Testament mit der christlichen Botschaft vermittelt werden soll(1), oder an den frühen Protestantismus, dem das gleiche Problem gestellt war(2) oder endlich an das Zeitalter der Aufklärung, wo es freilich einem Verzicht auf Einverständnis nahe kommt, wenn der "vollkommene Verstand" eines Textes nur auf dem Wege historischer Interpretation erreicht werden soll. Es ist nun etwas qualitativ Neues, wenn die Romantik und Schleiermacher ein geschichtliches Bewusstsein von universalem Umfang begründen, indem sie die verbindliche Gestalt der Tradition, aus der sie kommen und in der sie stehen, nicht mehr als feste Grundlage für alle hermeneutische Bemühung gelten lassen.
Gadamer I 298
Schleiermacher (...) gelingt es (...) den Einklang mit dem Objektivitätsideal der Naturwissenschaften herzustellen, aber nur dadurch, dass [er] darauf verzichte[t], die Konkretion des historischen Bewusstseins in der hermeneutischen Theorie zur Geltung zu bringen. HeideggerVsSchleiermacher/Gadamer: Heideggers Beschreibung und existenziale Begründung des hermeneutischen Zirkels bedeutet demgegenüber eine entscheidende Wendung. >Hermeneutischer Zirkel/Heidegger.


1. Vgl. dazu G. Ripanti, Agostino teoretico del' interpretazione. Brescia 1980
2. Vgl. M. Flacius; Clavis Scripturae sacrae seu de Sermone sacrarum literarum, lib.II, 1676

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Historisches Bewusstsein Gadamer I 365
Historisches Bewusstsein/Gadamer: [Gadamer stellt das historische Bewusstsein in einen Zusammenhang mit dem >Ich-Du-Verhältnis]: Das Ich-Du-Verhältnis ist ja kein unmittelbares, sondern ein Reflexionsverhältnis. Allem Anspruch entspricht ein Gegenanspruch. Darin entspringt die Möglichkeit, dass jeder der Partner des Verhältnisses den anderen reflektierend überspielt. Er beansprucht den Anspruch des anderen von sich aus zu kennen, ja sogar ihn besser zu verstehen, als er sich selbst versteht. Damit verliert das Du die Unmittelbarkeit, mit der es seinen Anspruch an einen richtet. Es wird verstanden, d, h. aber vom Standpunkt des anderen aus antizipiert und reflektierend abgefangen.
I 366
Im hermeneutischen Bereich entspricht nun solcher Erfahrung des Du, was man im allgemeinen das historische Bewusstsein nennt. Das historische Bewusstsein weiß um die Andersheit des Anderen, um die Vergangenheit in ihrer Andersheit so gut, wie das Verstehen des Du dasselbe als Person weiß. Es sucht im Anderen der Vergangenheit nicht den Fall einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit, sondern ein historisch Einmaliges. Indem es sich im Anerkennen desselben über alle eigene Bedingtheit ganz zu erheben beansprucht, ist es jedoch in einem dialektischen Schein befangen, da es in Wahrheit der Vergangenheit gleichsam Herr zu werden sucht. Das braucht nicht mit dem spekulativen Anspruch einer Philosophie der Weltgeschichte zu geschehen - es kann auch als ein Ideal der vollendeten Aufklärung dem Erfahrungsgange der historischen Wissenschaften voranleuchten, wie wir das etwa an Dilthey erkannten. >Historisches Bewusstsein/Dilthey.
Wir haben den dialektischen Schein, den das historische Bewusstsein erzeugt und der dem dialektischen Schein der im Wissen vollendeten Erfahrung entspricht, in unserer Analyse des hermeneutischen Bewusstseins insoweit aufgedeckt, als das Ideal der historischen Aufklärung etwas Unvollziehbares ist. Wer seiner Vorurteilslosigkeit gewiss zu sein meint, indem er sich auf die Objektivität seines Verfahrens stützt und seine eigene geschichtliche Bedingtheit verleugnet, der erfährt die Gewalt der Vorurteile, die ihn unkontrolliert beherrschen, als eine vis a tergo. Wer die ihn beherrschenden Urteile nicht wahrhaben will, wird das verkennen, was sich in ihrem Lichte zeigt. Es ist wie im Verhältnis zwischen Ich und Du. >Objektivismus/Gadamer, >Vorurteil/Gadamer, >Methode/Gadamer.
Lösung/Gadamer: Tradition, Überlieferung: In Überlieferungen
I 367
stehen (...) schränkt nicht die Freiheit des Erkennens ein, sondern macht sie möglich. Offenheit: Diese Erkenntnis und Anerkennung nun ist es, die eine dritte, die höchste
Weise hermeneutischer Erfahrung ausmacht: die Offenheit für die Überlieferung, die das wirkungsgeschichtliche Bewusstsein besitzt. Auch sie hat eine echte Entsprechung zu der Erfahrung des Du. Im mitmenschlichen Verhalten kommt es darauf an, wie wir sahen, das Du als Du wirklich zu erfahren, d. h, seinen Anspruch nicht zu überhören und sich etwas von ihm sagen zu lassen. Vgl. >Kritik/Schlegel.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Ideen Schmitt Brocker I 173
Ideen/Schmitt: Schmitt skizziert in seiner Parlamentarismusschrift (1) einige Formen und Stufen der demokratischen Legitimität und argumentiert als Hermeneut des kollektiven Glaubens an politische Ideen und Institutionen. Ideen schaffen sich zwar ihre Institutionen, meint er, aber sie wandeln sich auch. Schmitt behauptet nicht, dass ein »absoluter Rationalismus« sich mit logischer Notwendigkeit aus einem »relativen Rationalismus« entwickelte und dann irgendwie in einen Irrationalismus unmittelbarer Gewaltanwendung umschlug. Er zeigt, dass hohe Erwartungen vom parlamentarischen Betrieb enttäuscht wurden und neue Bewegungen entstanden, die in der Abgrenzung noch den Prinzipien und Formen, Ideen und Institutionen negativ verbunden blieben, von denen sie sich absetzten. Er entwickelte einen Typus hermeneutischer Bewegungsgeschichtsschreibung, der die politische Bewegung juristisch oder auch idealistisch von den kollektiven »Ideen« und »Evidenzen« her schrieb.

1. Carl Schmitt, Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus, in: Bonner Festgabe für Ernst Zitelmann zum fünfzigjährigen Doktorjubiläum, München/Leipzig 1923, 413-473. Separatveröffentlichung in der Reihe: Wissenschaftliche Abhandlungen und Reden zur Philosophie, Politik und Geistesgeschichte, Bd. 1, München/Leipzig 1923. Zweite, erweiterte Auflage 1926.

Reinhard Mehring, Carl Schmitt, Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus (1923), in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018.

Schmitt I
Carl Schmitt
Der Hüter der Verfassung Tübingen 1931

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Kunstwerke Valéry Gadamer I 100
Kunstwerk/Valéry/Gadamer: Wie soll man sich aber den Maßstab für die Vollendung eines Kunstwerks denken? Mag man die künstlerische noch so rational und nüchtern ansehen - vieles, das wir ein Kunstwerk nennen, ist doch gar nicht für den Gebrauch bestimmt, und überhaupt keines empfängt das Maß für sein Fertigsein von einem solchen Zweck. Stellt sich dann das Sein des Werkes nur dar wie der Abbruch eines virtuell über es hinausweisenden Gestaltungsvorganges? Ist es in sich selbst überhaupt nicht vollendbar? Valéry: Paul Valéry hat die Dinge in der Tat so gesehen. Er hat auch nicht die Konsequenz gescheut, die sich für den daraus ergibt, der einem Kunstwerk gegenüber tritt und es zu verstehen sucht. Wenn es nämlich gelten soll, dass ein Kunstwerk nicht in sich selbst vollendbar ist, woran soll sich dann die Angemessenheit des Aufnehmens und Verstehens messen? Der zufällige und beliebige Abbruch eines Gestaltungsvorganges kann doch nichts Verbindliches enthalten(1).
Rezeption/Verstehen: Daraus folgt also, dass es dem Aufnehmenden überlassen bleiben muss, was er seinerseits aus dem macht, was vorliegt. Die eine Art, ein Gebilde zu verstehen, ist dann nicht weniger legitim als die andere. Es gibt keinen Maßstab der Angemessenheit. Nicht nur, dass der Dichter selbst einen solchen nicht besitzt - darin würde auch die Genieästhetik zustimmen. >Genie/Gadamer.
Vielmehr hat jede Begegnung mit dem Werk den Rang und das Recht einer neuen Produktion.
GadamerVsValéry: Das scheint mir ein unhaltbarer hermeneutischer Nihilismus. Wenn Valéry für sein Werk gelegentlich solche Konsequenzen gezogen hat(2) um dem Mythos der unbewussten Produktion des Genies zu entgehen, hat er sich in Wahrheit, wie mir scheint, in ihm erst recht verfangen. Denn nun überträgt er dem Leser und Ausleger die Vollmacht des absoluten Schaffens, die er selber nicht ausüben will.
Ästhetisches Erlebnis/Gadamer: Die gleiche Aporie ergibt sich, wenn man statt von dem Begriff des Genies von dem Begriff des ästhetischen Erlebnisses ausgeht. >Ästhetische Erfahrung/Erlebniskunst/Lukacs.


1. Gadamer: Es war das Interesse an dieser Frage, das mich in meinen Goethe-Studien leitete. Vgl. »Vom geistigen Lauf des Menschen«, 1949; auch meinen Vortrag »Zur Fragwürdigkeit des ästhetischen Bewusstseins«, in Venedig 1958 (Rivista di Estetica, Ill-Alll 374-383). Vgl. den Neudruck in „Theorien der Kunst“ hrsg. von D. Henrich und W. Iser, Frankfurt 1982, dort S. 59—691.
2. Valéry, Variété Ill, Commentaires de Charmes: »Mes vers ont le sens qu'on leur prete«.

Valéry I
P. Valéry
Cahiers Vol. I Frankfurt/M. 1987

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Naturalistischer Fehlschluss Kuhn I 218
Naturalistischer Fehlschluss: Aus dem Sein kann kein Sollen folgen. Kuhn: dieser Satz ist zur Phrase geworden und wird in der Praxis durchaus nicht mehr überall auch gehalten. Stanley Cavell und andere haben bedeutende Zusammenhänge entdeckt, in denen Normatives und Deskriptives untrennbar miteinander verbunden sind.
Meine deskriptiven Verallgemeinerungen sprechen gerade deshalb für die Theorie, weil sie auch aus ihr abgeleitet werden können, während sie bei anderen Anschauungen über die Natur der Wissenschaft anomales Verhalten bilden.
Dieses Argument ist zirkulär, aber kein schlechter Zirkel. (Hermeneutischer Zirkel VsNaturalistischer Fehlschluss). (< I 219).

Kuhn I
Th. Kuhn
Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen Frankfurt 1973
Sensus communis Oetinger Gadamer I 32
Sensus communis/Pietismus/Oetinger/Gadamer: [im Deutschland des 18. Jahrhunderts verstand man] unter >sensus communis lediglich ein theoretisches Vermögen, die theoretische Urteilskraft, die neben das sittliche Bewusstsein (das Gewissen) und den Geschmack trat. So wurde er einer Scholastik der Grundkräfte eingeordnet, deren Kritik dann von Herder geleistet worden ist (...). Doch gibt es eine bezeichnende Ausnahme: den Pietismus. Nicht nur einem Weltmann wie Shaftesbury musste gegenüber der „Schule“ daran liegen, die Ansprüche der Wissenschaft, d. h. der demonstratio, zu begrenzen und sich auf den sensus communis zu berufen, sondern ebenso dem Prediger, der das Herz seiner Gemeinde erreichen will.
So hat sich der schwäbische Pietist Oetinger ausdrücklich an Shaftesburys Verteidigung des sensus
communis angelehnt. Wir finden für sensus communis geradezu die Übersetzung „Herz“ und die folgende Umschreibung: »Der Sensus communis geht... mit lauter Dingen um, die alle Menschen täglich vor sich sehen, die
Gadamer I 33
eine ganze Gesellschaft zusammenhalten, die sowohl Wahrheiten und Sätze, als Anstalten und Formen, die Sätze zu fassen, betreffen(...)“(1). Oetingers Anliegen ist dabei, zu zeigen, daß es nicht nur auf die Deutlichkeit der Begriffe ankommt - sie ist »nicht genug zur lebendigen Erkenntnis«. Vielmehr müssen »gewisse Vorempfindungen und Neigungen« dabei sein. »Die Väter sind ohne Beweis schon gerührt, für ihre Kinder zu sorgen: die Liebe demonstriert nicht, sondern reißt das Herz oft wider die Vernunft gegen den geliebten Vorwurf.«
Gadamer: Oetingers Berufung auf den sensus communis gegen den Rationalismus der „Schule“ ist für uns nun deshalb besonders interessant, weil sie bei ihm in ausdrücklicher hermeneutischer Anwendung begegnet. Dem Prälaten Oetinger geht es um das Verständnis der Heiligen Schrift. Weil hier die mathematisch-demonstrative Methode versagt, verlangt er eine andere, die „generative Methode“ d. h. den »pflanzenden Schriftvortrag, damit die Gerechtigkeit wie ein Gewächs gepflanzt werden könne«. >Sensus communis/Gadamer, >Geisteswissenschaften/Gadamer.
Gadamer I 35
Offenbar haben auch sonst pietistische Theologen dem herrschenden Rationalismus gegenüber im gleichen Sinne wie Oetinger die applicatio in den Vordergrund gestellt, wie das Beispiel Rambachs lehrt, dessen damals sehr einflussreiche Hermeneutik die Applikation mitbehandelt. Doch ließ die Zurückdrängung der pietistischen Tendenzen im späteren 18. Jahrhundert die hermeneutische Funktion des sensus communis zu einem bloßen Korrektiv herabsinken: Was dem consensus in Gefühlen, Urteilen und Schlüssen, d. h. dem Sensus communis widerspricht, kann nicht richtig sein(2). Im Vergleich zu der Bedeutung, die Shaftesbury dem Sensus communis für Gesellschaft und Staat zuspricht, zeigt sich in dieser negativen Funktion des Sensus communis die inhaltliche Entleerung und Intellektuierung, die dem Begriff durch die deutsche Aufklärung widerfahren ist. >Urteilskraft/Gadamer.


1. Ich zitiere aus: »Die Wahrheit des sensus communis oder des allgemeinen Sinnes, in
den nach dem Grundtext erklärten Sprüchen und Prediger Salomo oder das beste Haus-
und Sittenbuch für Gelehrte und Ungelehrte« von M. Friedrich Christoph Oetinger (neu
herausgegeben von Ehman, 1861).
2. Ich beziehe mich auf Morus, Hermeneutica, 1, 11, 11, XXIII.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Sensus communis Pietismus Gadamer I 32
Sensus communis/Pietismus/Oetinger/Gadamer: [im Deutschland des 18. Jahrhunderts verstand man] unter >sensus communis lediglich ein theoretisches Vermögen, die theoretische Urteilskraft, die neben das sittliche Bewusstsein (das Gewissen) und den Geschmack trat. So wurde er einer Scholastik der Grundkräfte eingeordnet, deren Kritik dann von Herder geleistet worden ist (...). Doch gibt es eine bezeichnende Ausnahme: den Pietismus. Nicht nur einem Weltmann wie Shaftesbury musste gegenüber der „Schule“ daran liegen, die Ansprüche der Wissenschaft, d. h. der demonstratio, zu begrenzen und sich auf den sensus communis zu berufen, sondern ebenso dem Prediger, der das Herz seiner Gemeinde erreichen will.
So hat sich der schwäbische Pietist Oetinger ausdrücklich an Shaftesburys Verteidigung des sensus
communis angelehnt. Wir finden für sensus communis geradezu die Übersetzung „Herz“ und die folgende Umschreibung: »Der Sensus communis geht... mit lauter Dingen um, die alle Menschen täglich vor sich sehen, die
Gadamer I 33
eine ganze Gesellschaft zusammenhalten, die sowohl Wahrheiten und Sätze, als Anstalten und Formen, die Sätze zu fassen, betreffen(...)“(1). Oetingers Anliegen ist dabei, zu zeigen, daß es nicht nur auf die Deutlichkeit der Begriffe ankommt - sie ist »nicht genug zur lebendigen Erkenntnis«. Vielmehr müssen »gewisse Vorempfindungen und Neigungen« dabei sein. »Die Väter sind ohne Beweis schon gerührt, für ihre Kinder zu sorgen: die Liebe demonstriert nicht, sondern reißt das Herz oft wider die Vernunft gegen den geliebten Vorwurf.«
Gadamer: Oetingers Berufung auf den sensus communis gegen den Rationalismus der „Schule“ ist für uns nun deshalb besonders interessant, weil sie bei ihm in ausdrücklicher hermeneutischer Anwendung begegnet. Dem Prälaten Oetinger geht es um das Verständnis der Heiligen Schrift. Weil hier die mathematisch-demonstrative Methode versagt, verlangt er eine andere, die „generative Methode“ d. h. den »pflanzenden Schriftvortrag, damit die Gerechtigkeit wie ein Gewächs gepflanzt werden könne«. >Sensus communis/Gadamer, >Geisteswissenschaften/Gadamer.
Gadamer I 35
Offenbar haben auch sonst pietistische Theologen dem herrschenden Rationalismus gegenüber im gleichen Sinne wie Oetinger die applicatio in den Vordergrund gestellt, wie das Beispiel Rambachs lehrt, dessen damals sehr einflussreiche Hermeneutik die Applikation mitbehandelt. Doch ließ die Zurückdrängung der pietistischen Tendenzen im späteren 18. Jahrhundert die hermeneutische Funktion des sensus communis zu einem bloßen Korrektiv herabsinken: Was dem consensus in Gefühlen, Urteilen und Schlüssen, d. h. dem Sensus communis widerspricht, kann nicht richtig sein(2). Im Vergleich zu der Bedeutung, die Shaftesbury dem Sensus communis für Gesellschaft und Staat zuspricht, zeigt sich in dieser negativen Funktion des Sensus communis die inhaltliche Entleerung und Intellektuierung, die dem Begriff durch die deutsche Aufklärung widerfahren ist. >Urteilskraft/Gadamer.


1. Ich zitiere aus: »Die Wahrheit des sensus communis oder des allgemeinen Sinnes, in
den nach dem Grundtext erklärten Sprüchen und Prediger Salomo oder das beste Haus-
und Sittenbuch für Gelehrte und Ungelehrte« von M. Friedrich Christoph Oetinger (neu
herausgegeben von Ehman, 1861).
2. Ich beziehe mich auf Morus, Hermeneutica, 1, 11, 11, XXIII.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Sprache Brentano Chisholm II 217
Sprache/Denken/Brentano: These: Die Untersuchung der Sprache ist der Untersuchung des Denkens untergeordnet. Die Sprache ist es, die von unseren Einsichten über das Denken beurteilt wird.
Chisholm II 263
Sprache/Denken/Brentano: Frage: ob Worte durch Worte zu erklären sind (> hermeneutischer Zirkel). These weder die Klärung von Äquivokationen noch das Ziel sprachlicher Präzision ist durch die Sprache selbst zu erreichen. "Sondern in Erklärungen der Gegenstände selbst, die sich zum Vergleich bieten und einen gemeinsamen allgemeinen Begriff erfassen lassen, wird die Grundlage für das Verständnis aller Reden gewonnen". Vgl. >Psychologische Theorien über Sprache und Denken.
II 264
Sprache/Brentano/Hedwig: ihre Analyse schließt "mehrfaches Wissen" ein. Klarheit der Sprache ist Ausdruck der Klarheit des Wissens. VsBrentano: unklar, wie die reistische Sprache des Philosophen zur Sprache der Lebenswelt werden könnte.
II 265
Brentano geht es aber um den umgekehrten Prozess.

Chisholm II = Johann Christian Marek Zum Programm einer Deskriptiven Psychologie in Philosophische Ausätze zu Ehren Roderick M. Chisholm Marian David/ Leopold Stubenberg (Hg), Amsterdam 1986

Brent I
F. Brentano
Psychology from An Empirical Standpoint (Routledge Classics) London 2014

Chisholm I
R. Chisholm
Die erste Person Frankfurt 1992

Chisholm II
Roderick Chisholm

In
Philosophische Aufsäze zu Ehren von Roderick M. Ch, Marian David/Leopold Stubenberg Amsterdam 1986

Chisholm III
Roderick M. Chisholm
Erkenntnistheorie Graz 2004
Verstehen Gadamer I 270
Verstehen/Hermeneutik/Heidegger/Gadamer: Heidegger ging auf die Problematik der historischen Hermeneutik und Kritik nur ein, um von da aus in ontologischer Absicht die Vorstruktur des Verstehens zu entfalten(1).
Gadamer: Wir gehen umgekehrt der Frage nach, wie die Hermeneutik, von den ontologischen Hemmungen des Objektivitätsbegriffs der Wissenschaft einmal befreit, der Geschichtlichkeit des Verstehens gerecht zu werden vermöchte.
Verstehen/Heidegger: [Man wird] nach den Konsequenzen fragen dürfen, die Heideggers grundsätzliche Ableitung der Zirkelstruktur des Verstehens aus der Zeitlichkeit des >Daseins für die geisteswissenschaftliche Hermeneutik hat. Diese Konsequenzen (...) könnten (...) darin bestehen, dass das Selbstverständnis des stets geübten Verstehens berichtigt und von unangemessenen
Anpassungen gereinigt würde - ein Vorgang, der höchstens mittelbar der Kunst des Verstehens zugute käme. >Hermeneutischer Zirkel/Heidegger.
I 273
Wie soll vorgängig ein Text vor Missverständnis geschützt werden? Sieht man näher zu, so erkennt man (...), dass auch Meinungen nicht beliebig verstanden werden können, Sowenig wir einen Sprachgebrauch dauernd verkennen können, ohne dass der Sinn des Ganzen gestört wird, so wenig können wir an unserer eigenen Vormeinung über die Sache blindlings festhalten, wenn wir die Meinung eines anderen verstehen. Es ist ja nicht so, dass man, wenn man jemanden anhört, oder an eine Lektüre geht, alle Vormeinungen über den Inhalt und alle eigenen Meinungen vergessen müsste. Lediglich Offenheit für die Meinung des anderen oder des Textes wird
gefordert. Solche Offenheit aber schließt immer schon ein, dass man die andere Meinung zu dem Ganzen der eigenen Meinungen in ein Verhältnis setzt oder sich zu ihr. Daher muss ein hermeneutisch geschultes Bewusstsein für die Andersheit des Textes von vornherein empfänglich seine Solche Empfänglichkeit setzt aber
I 274
weder sachliche noch gar Selbstauslöschung voraus, sondern schließt die abhebende Aneignung der eigenen Vormeinungen und Vorurteile ein. Es gilt, der eigenen Voreingenommenheit inne zu sein, damit sich der Test selbst in seiner Andersheit darstellt und damit in die Möglichkeit kommt, seine sachliche Wahrheit gegen die eigenen Vormeinung auszuspielen.
I 295
Verstehen/Gadamer: Das Verstehen selber ist nicht so sehr als eine Handlung der Subjektivität zu denken, sondern als Einrücken in ein Überlieferungsgeschehen, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart beständig vermitteln.
I 304
Verstehen/Gadamer: Das erste, womit das Verstehen beginnt, ist, (...) dass etwas uns anspricht. Das ist die oberste aller hermeneutischen Bedingungen. Wir wissen jetzt, was damit gefordert ist: eine grundsätzliche Suspension der eigenen Vorurteile. Alle Suspension von Urteilen aber, mithin und erst recht die von Vorurteilen, hat, logisch gesehen, die Struktur der Frage.
I 311
Horizontverschmelzung: Es gibt so wenig einen Gegenwartshorizont für sich, wie es historische Horizonte gibt, die man zu gewinnen hätte. Vielmehr ist Verstehen immer der Vorgang der Verschmelzung solcher vermeintlich für sich seiender Horizonte. >Horizont/Gadamer.
I 316
Es ist ganz abwegig, die Möglichkeit des Verstehens von Texten auf die Voraussetzung der „Kongenialität“ zu gründen, die Schöpfer und Interpret eines Werkes vereinigen soll. Wäre das wirklich so, dann stünde es schlecht um die Geisteswissenschaften. Das Wunder des Verstehens besteht vielmehr darin, dass es keiner Kongenialität bedarf, um das wahrhaft Bedeutsame und das
ursprünglich Sinnhafte in der Überlieferung zu erkennen. Wir vermögen uns vielmehr dem überlegenen Anspruch des Textes zu öffnen und der Bedeutung verstehend zu entsprechen, in der er zu uns spricht. >Juristische Hermeneutik, >Theologische Hermeneutik.
I 346
Verstehen/Anwendung/Applikation/Gadamer: Applikation ist keine nachträgliche Anwendung von etwas gegebenem Allgemeinen, das zunächst in sich verstanden würde, auf einen konkreten Fall, sondern ist erst das wirkliche Verständnis des Allgemeinen selbst, das der gegebene Text für uns ist. Das Verstehen erweist sich als eine Weise von Wirkung und weiß sich als eine solche Wirkung. >Wirkungsgeschichte/Gadamer.
I 399
Verstehen/Gadamer: Nicht nur ist der bevorzugte Gegenstand des Verstehens, die Überlieferung, sprachlicher Natur - das Verstehen selbst hat eine grundsätzliche Beziehung auf Sprachlichkeit. Wir waren von dem Satz ausgegangen, dass Verstehen schon Auslegen ist, weil es den hermeneutischen >Horizont bildet, in dem sich die Meinung eines Textes zur Geltung bringt. Um aber die Meinung eines Textes in seinem sachlichen Gehalt zum Ausdruck bringen zu können, müssen wir sie in unsere Sprache übersetzen, d. h. aber, wir setzen sie in Beziehung zu dem Ganzen möglicher Meinungen, in dem wir uns sprechend und aussprachebereit bewegen.


1. Heideger, Sein und Zeit, 312ff

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Vorurteile Gadamer I 273
Vorurteil/Verstehen/Hermeneutik/Gadamer: Es ist ja nicht so, dass man, wenn man jemanden anhört, oder an eine Lektüre geht, alle Vormeinungen über den Inhalt und alle eigenen Meinungen vergessen müsste. Daher muss ein hermeneutisch geschultes Bewusstsein für die Andersheit des Textes von vornherein empfänglich seine Solche Empfänglichkeit setzt aber
I 274
weder sachliche noch gar Selbstauslöschung voraus, sondern schließt die abhebende Aneignung der eigenen Vormeinungen und Vorurteile ein. Es gilt, der eigenen Voreingenommenheit inne zu sein, damit sich der Test selbst in seiner Andersheit darstellt und damit in die Möglichkeit kommt, seine sachliche wahrheit gegen die eigenen Vormeinung auszuspielen. >Verstehen/Gadamer, >Hermeneutischer Zirkel/Heidegger. Erst [die] Anerkennung der wesenhaften Vorurteilshaftigkeit alles Verstehens schärft das hermeneutische Problem zu seiner wirklichen Spitze zu.
I 275
GadamerVsHistorismus: An dieser Einsicht gemessen zeigt es sich, dass der Historismus, aller Kritik am Rationalismus und am Naturrechtsdenken zum Trotz, selber auf dem Boden der modernen Aufklärung steht und ihre Vorurteile undurchschaut teilt. Es gibt nämlich sehr wohl auch ein Vorurteil der Aufklärung, das ihr Wesen trägt und bestimmt: Dies grundlegende Vorurteil der Aufklärung ist das Vorurteil gegen die Vorurteile überhaupt und damit die Entmachtung der Überlieferung. Eine begriffsgeschichtliche Analyse zeigt, dass erst durch die Aufklärung der Begriff des Vorurteils die uns gewohnte negative Akzentuierung findet.
An sich heißt Vorurteil ein Urteil, das vor der endgültigen Prüfung aller sachlich bestimmenden Momente gefällt wird. Im Verfahren der Rechtssprechung hieß ein Vorurteil eine rechtliche Vorentscheidung vor der Fällung des eigentlichen Endurteils. Für den im Rechtsstreit Stehenden bedeutete das Ergehen eines solchen Vorurteils gegen ihn freilich eine Beeinträchtigung
seiner Chancen. So heißt préjudice wie praeiudicium auch einfach Beeinträchtigung, Nachteil, Schaden.
Doch ist diese Negativität nur eine konsekutive. Es ist gerade die positive Gültigkeit, der präjudizielle Wert der Vorentscheidung - ebenso wie der eines jeden Präzedenzfalles - auf dem die negative
Konsequenz beruht.
Unbegründetheit: Das deutsche Wort scheint durch die Aufklärung und ihre Religionskritik auf die Bedeutung „unbegründetes Urteil“ beschränkt worden zu sein.(1)
Aufklärung: Das Fehlen der Begründung lässt in den Augen der Aufklärung nicht anderen Weisen der Gültigkeit Raum, sondern bedeutet, dass das Urteil keinen in der Sache liegenden Grund hat, „ungegründet“ ist.
GadamerVsAufklärung: Das ist ein echter Schluss im Geist des Rationalismus. Auf ihm beruht die Diskreditierung der Vorurteile überhaupt und der Anspruch der wissenschaftlichen Erkenntnis, sie völlig auszuschalten.


1. Vgl. Leo Strauss, Die Religionskritik Spinozas, S. 163

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Zirkularität Davidson Glüer II 40
Übersetzungswissen/Davidson: ist nicht notwendigerweise Interpretationswissen. Bsp Nabokov: "My sister, do you remember the mountain, and the tall oak, and the Ladore?" Die Übersetzung der russischen Satzes "..." daß das korrekt ist, daraus folgt nicht, daß ich nur einen der beiden Sätze verstehe.
Glüer II 40
Davidson: statt Übersetzungshandbuch: W-Theorie zu erarbeiten. Zu Beginn der Untersuchung haben wir kein Wissen über Wissen, Wünsche, Überzeugungen des Sprechers.
Glüer II 40
Dilemma: Interdependenz von Überzeugung und Bedeutung. Wir haben keine Chance, das eine ohne das andere zu erschließen. In diesen Zirkel muß der Radikalinterpret einbrechen. (> hermeneutischer Zirkel).

Davidson I
D. Davidson
Der Mythos des Subjektiven Stuttgart 1993

Davidson I (a)
Donald Davidson
"Tho Conditions of Thoughts", in: Le Cahier du Collège de Philosophie, Paris 1989, pp. 163-171
In
Der Mythos des Subjektiven, Stuttgart 1993

Davidson I (b)
Donald Davidson
"What is Present to the Mind?" in: J. Brandl/W. Gombocz (eds) The MInd of Donald Davidson, Amsterdam 1989, pp. 3-18
In
Der Mythos des Subjektiven, Stuttgart 1993

Davidson I (c)
Donald Davidson
"Meaning, Truth and Evidence", in: R. Barrett/R. Gibson (eds.) Perspectives on Quine, Cambridge/MA 1990, pp. 68-79
In
Der Mythos des Subjektiven, Stuttgart 1993

Davidson I (d)
Donald Davidson
"Epistemology Externalized", Ms 1989
In
Der Mythos des Subjektiven, Stuttgart 1993

Davidson I (e)
Donald Davidson
"The Myth of the Subjective", in: M. Benedikt/R. Burger (eds.) Bewußtsein, Sprache und die Kunst, Wien 1988, pp. 45-54
In
Der Mythos des Subjektiven, Stuttgart 1993

Davidson II
Donald Davidson
"Reply to Foster"
In
Truth and Meaning, G. Evans/J. McDowell Oxford 1976

Davidson III
D. Davidson
Handlung und Ereignis Frankfurt 1990

Davidson IV
D. Davidson
Wahrheit und Interpretation Frankfurt 1990

Davidson V
Donald Davidson
"Rational Animals", in: D. Davidson, Subjective, Intersubjective, Objective, Oxford 2001, pp. 95-105
In
Der Geist der Tiere, D Perler/M. Wild Frankfurt/M. 2005
Zirkularität Goodman II III Vorwort
Wittgenstein später: Praktiken sind je nach Standards richtig oder verkehrt. Dies ist ein Zirkel, oder besser eine Spirale, eine, die Goodman und Dewey als gut erachten. (> Hermeneutischer Zirkel, Zirkel).
II 86
Deduktion: Übereinstimmung mit der anerkannten Praxis der Deduktion. Wenn eine Regel zu unannehmbaren Schlüssen führt, so lässt man sie auch bei der Deduktion fallen. Das sieht zirkulär aus. Doch das ist ein guter Zirkel.

G IV
N. Goodman
Catherine Z. Elgin
Revisionen Frankfurt 1989

Goodman I
N. Goodman
Weisen der Welterzeugung Frankfurt 1984

Goodman II
N. Goodman
Tatsache Fiktion Voraussage Frankfurt 1988

Goodman III
N. Goodman
Sprachen der Kunst Frankfurt 1997
Zwillingserde Monod Dennett I 268
Zwillingserde/Monod/Dennett: Monod stellte und löste das Problem von Putnams Zwillingserde: Bedeutung ist nicht im Kopf, sie auch nicht ganz in der DNA. Dennett: das trifft auch für die Dichtung zu (>hermeneutischer Zirkel).
"Genzentriertheit" ist damit nach Ansicht mancher Autoren widerlegt.
Dennett: das war sowieso eine Übervereinfachung.
I 271
Nische: jede funktionstüchtige Struktur trägt damit implizit Informationen über die Umgebung in sich.

Mon I
J. Monod
Zufall und Notwendigkeit Hamburg 1982

Dennett I
D. Dennett
Darwins gefährliches Erbe Hamburg 1997

Dennett II
D. Dennett
Spielarten des Geistes Gütersloh 1999

Dennett III
Daniel Dennett
"COG: Steps towards consciousness in robots"
In
Bewusstein, Thomas Metzinger Paderborn/München/Wien/Zürich 1996

Dennett IV
Daniel Dennett
"Animal Consciousness. What Matters and Why?", in: D. C. Dennett, Brainchildren. Essays on Designing Minds, Cambridge/MA 1998, pp. 337-350
In
Der Geist der Tiere, D Perler/M. Wild Frankfurt/M. 2005

Der gesuchte Begriff oder Autor findet sich in folgenden Thesen von Autoren angrenzender Fachgebiete:
Begriff/
Autor/Ismus
Autor
Eintrag
Literatur
Sprache/Denken Brentano, F. Chisholm II 217
Sprache/Denken/Brentano: These: Die Untersuchung der Sprache ist der Untersuchung des Denkens untergeordnet. Die Sprache ist es, die von unseren Einsichten über das Denken beurteilt wird.
II 253
Wissenschaft/Sprache/Brentano/Hedwig: These: Wir denken zwar mit Kopernikus, sprechen jedoch mit Ptolemäus. Bsp Das Aufgehen der Sonne.
II 263
Sprache/Denken/Brentano: Frage: Ob Worte durch Worte zu erklären sind (> hermeneutischer Zirkel). These: Weder die Klärung von Äquivokationen noch das Ziel sprachlicher Präzision ist durch die Sprache selbst zu erreichen. "Sondern in Erklärungen der Gegenstände selbst, die sich zum Vergleich bieten und einen gemeinsamen allgemeinen Begriff erfassen lassen, wird die Grundlage für das Verständnis aller Reden gewonnen".

Mon I
J. Monod
Zufall und Notwendigkeit Hamburg 1982

Chisholm I
R. Chisholm
Die erste Person Frankfurt 1992

Chisholm II
Roderick Chisholm

In
Philosophische Aufsäze zu Ehren von Roderick M. Ch, Marian David/Leopold Stubenberg Amsterdam 1986

Chisholm III
Roderick M. Chisholm
Erkenntnistheorie Graz 2004