| Begriff/ Autor/Ismus |
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| Erkenntnistheorie | Quine | XII 86/87 Erkenntnistheorie/Quine: die Erkenntnistheorie hat a) eine begriffliche Seite: ist die Erklärung von Begriffen durch Begriffe. Und b) eine Geltung/Gültigkeit: durch die Wahrheit. II 35 Bei der Erkenntnistheorie geht es um die Frage, wie wir Tiere es fertig gebracht haben, angesichts des skizzenhaften neuralen Inputs gerade diese ((s) höchst differenzierte) Wissenschaft hervorzubringen. Diese Untersuchung zeigt, dass Verschiebungen durch die >Stellvertreterfunktion diesem Input nicht minder gerecht geworden wären. Das heißt nicht, die Ontologie abzulehnen. Wir können sie ablehnen! II 36 Wahrheit darf dabei nicht mit Belegen verwechselt werden. Die Wahrheit ist immanent und darüber gibt es nichts. Siehe auch >Naturalisierte Erkenntnistheorie. V 15 Berkeley/traditionelle Erkenntnistheorie: ein Problem stellt sich mit der Frage: woher wissen wir, dass es überhaupt Gegenstände gibt und dass die Wissenschaft wahr ist? V 16 Quine: die Einführung der physischen Sinnesorgane wäre ihnen als Zirkel erschienen. V 17 Erkenntnistheorie/Quine: der emanzipierte Erkenntnistheoretiker arbeitet als empirischer Psychologe (mit Reizen statt Sinnesdaten, aber mit Verzicht auf die Gestalttheorie). VsGestalttheorie: es geht um den Zusammenhang der Reize mit den Rezeptoren, nicht mit dem Bewusstsein. V 38 Erkenntnistheorie/Quine: die Erkenntnistheorie erweckt eine Hauptfrage: wenn unsere Theorie der Außenwelt wahr ist, wie konnten wir jemals auf sie kommen? X 12 Induktive Logik/Quine: die induktive Logik ist nicht von der Erkenntnistheorie zu unterscheiden. XII 86 Erkenntnistheorie/Quine: die Erkenntnistheorie können wir hier analog zur Mathematik betrachten: so wie die Mathematik auf Logik oder auf Logik + Mengenlehre reduziert werden soll, soll empirisches Wissen irgendwie auf Sinneserfahrung gegründet werden. >Sinneseindrücke/Quine. XII 87 a) begrifflich Seite: der Begriff des Körpers ist von der Sinneserfahrung her zu erklären b) Geltung, Gültigkeit, Wahrheit: unser Wissen über die Natur ist von der Sinneserfahrung her zu rechtfertigen. Erkenntnistheorie/Hume: die Erkenntnistheorie hat a) eine begriffliche Seite: hier setzte er schlankweg Körper mit Sinneserfahrungen gleich. D.h. ein Apfel ist in jedem Moment ein neuer Apfel. b) Geltung, Gültigkeit, Wahrheit: hier scheiterte Hume und wir haben bis heute keine Lösung. Problem: allgemeine Aussagen und auch singuläre Aussagen über die Zukunft gewinnen nichts an Gewissheit dadurch, dass man sie so verstand, als sprächen sie über Sinneseindrücke. Quine: wir stehen heute noch vor dem gleichen Problem wie Hume. Dagegen gab es auf der begrifflichen Seite Fortschritte. Lösung: Bentham: XII 88 Def Theorie der Fiktionen/Kontextdefinition/ganze Sätze/Wort/holophrastisch/Bentham/Quine: Bentham entdeckte die Def Kontextdefinition/Bentham/Quine: (Vs normale Definition): um einen Term zu erklären, brauchen wir nicht einen Bezugsgegenstand, ja nicht einmal ein synonymes Wort oder Wendung anzugeben, wir müssen nur zu zeigen, wie alle vollständigen Sätze zu übersetzen sind, die den Term enthalten. >Unvollständige Symbole/Quine. Erkenntnistheorie/Quine: außer der Kontexttheorie wurde die Erkenntnistheorie durch die Mengenlehre bereichert. Dann braucht man weder Körper mit Sinnesdaten gleichzusetzen, noch Kontextdefinitionen: XII 89 Def Gegenstand/Quine: die Lösung ist, Gegenstände als Mengen von Mengen von Sinneseindrücken zu verstehen, dann kann es eine Kategorie von Gegenständen geben, die sich gerade der Eigenschaften erfreut, die Körper haben sollen. Vs: das ist nicht so unangreifbar wie die Kontextdefinition, wegen des Rückgriffs auf die problematische Ontologie der Mengen. Erkenntnistheorie/Geltung/Gültigkeit/QuineVsCarnap: Humes Problem, dass allgemeine Aussagen und Aussagen über Zukunft ungewiss sind, wenn sie als über Sinnesdaten oder Sinneseindrücke verstanden werden, ist bis heute ungelöst. >Realität/Quine. Carnap/Quine: seine Konstruktionen hätten ermöglicht, alle Sätze über die Welt in Sinnesdaten bzw. Beobachtungsbegriffe plus Logik und Mengenlehre zu übersetzen. XII 90 QuineVsCarnap: die bloße Tatsache, dass ein Satz mit logischen, mengentheoretischen und Beobachtungstermen ausgedrückt ist, bedeutet nicht, dass er sich mit logischen und mengentheoretischen Mitteln aus Beobachtungssätzen beweisen ließe. ((s) Ausdrucksmittel sind keine Beweismittel. (> innen/außen, Beschreibungsebene, Zirkel). Erkenntnistheorie/Quine: Pointe: die Wahrheiten über die Natur mit der vollen Autorität der unmittelbaren Erfahrung ausstatten zu wollen, ist ebenso zum Scheitern verurteilt wie die Rückführung der Wahrheiten der Mathematik auf die potentielle Einsichtigkeit der elementaren Logik. >Erkenntnistheorie/Carnap. XII 91 Erkenntnistheorie/Psychologie/Quine: wenn Sinnesreizungen (Reize) das einzige sind, warum sollte man sich nicht einfach der Psychologie zuwenden? >Zirkularität/Quine. TraditionVsPsychologie/Quine: das erschien früher zirkulär. Kein Zirkel/QuineVsVs: Lösung: wir müssen bloß darauf verzichten, die Wissenschaft aus Beobachtungen zu deduzieren. Wenn wir nur die Verbindung von Beobachtung und Wissenschaft verstehen wollen, brauchen wir jede Information, die wir bekommen können. Auch die aus der Wissenschaft, die genau diese Verbindung untersucht. Siehe >Rationale Rekonstruktion. XII 98 Erkenntnistheorie/Quine: die Erkenntnistheorie besteht fort, und zwar innerhalb der Psychologie und damit innerhalb der empirischen Wissenschaften. Sie studiert das menschliche Subjekt. Das Ziel ist es, herauszufinden wie die Beobachtung zur Theorie steht und in wieweit die Theorie über die Beobachtung hinausgeht. >Psychologie/Quine. XII 99 Erkenntnistheorie/Quine: Erkenntnistheorie alt: wollte die empirischen Wissenschaften gewissermaßen einschließen, aus Sinnesdaten zusammenbauen. Erkenntnistheorie neu: jetzt ist umgekehrt die Erkenntnistheorie Teilgebiet der Psychologie. Beispiele für "Dialektik" (Bezeichnung von (s)): Quine: gleichzeitig bleibt das alte Verhältnis bestehen: die Erkenntnistheorie ist in den empirischen Wissenschaften eingeschlossen und gleichzeitig diese in der Erkenntnistheorie. ((s) Die Erkenntnistheorie studiert das Subjekt und das Subjekt studiert die Erkenntnistheorie.) Das ist kein Zirkel, weil wir den Traum aufgegeben haben, die gesamte Wissenschaft aus Sinnesdaten zu deduzieren. Damit löst sich auch das alte Rätsel des Sehens. Siehe auch Sehen/Quine. |
Quine I W.V.O. Quine Wort und Gegenstand Stuttgart 1980 Quine II W.V.O. Quine Theorien und Dinge Frankfurt 1985 Quine III W.V.O. Quine Grundzüge der Logik Frankfurt 1978 Quine V W.V.O. Quine Die Wurzeln der Referenz Frankfurt 1989 Quine VI W.V.O. Quine Unterwegs zur Wahrheit Paderborn 1995 Quine VII W.V.O. Quine From a logical point of view Cambridge, Mass. 1953 Quine VII (a) W. V. A. Quine On what there is In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VII (b) W. V. A. Quine Two dogmas of empiricism In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VII (c) W. V. A. Quine The problem of meaning in linguistics In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VII (d) W. V. A. Quine Identity, ostension and hypostasis In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VII (e) W. V. A. Quine New foundations for mathematical logic In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VII (f) W. V. A. Quine Logic and the reification of universals In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VII (g) W. V. A. Quine Notes on the theory of reference In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VII (h) W. V. A. Quine Reference and modality In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VII (i) W. V. A. Quine Meaning and existential inference In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VIII W.V.O. Quine Bezeichnung und Referenz In Zur Philosophie der idealen Sprache, J. Sinnreich (Hg) München 1982 Quine IX W.V.O. Quine Mengenlehre und ihre Logik Wiesbaden 1967 Quine X W.V.O. Quine Philosophie der Logik Bamberg 2005 Quine XII W.V.O. Quine Ontologische Relativität Frankfurt 2003 Quine XIII Willard Van Orman Quine Quiddities Cambridge/London 1987 |
| Erklärungen | Nozick | II 10 Erklärung/Nozick: Erklärung basiert nicht auf Argumenten und nicht auf Beweisen, denn ein Beweis liefert kein Verstehen. >Verstehen, >Argumentation, >Beweise, >Beweisbarkeit, >Belege. Hypothesen, die in einer Erklärung gebraucht werden, müssen nicht als wahr bekannt sein. >Hypothesen, >Wissen. II 12 Erklärung/Nozick: Erklärung lokalisiert etwas in der Aktualität. >Aktualität. Verstehen: Verstehen lokalisiert etwas im Raum der Möglichkeiten. >Möglichkeit, >Wahrheitsbedingungen, vgl. >Verstehen/Dummett. II 115 Existenz/Erklärung/Leibniz/Nozick: Jeder Faktor der erklären soll, warum es überhaupt etwas gibt, wird selbst Teil dessen sein, was erklärt werden muss. vgl. >Existenz/Leibniz. Erklärung: geschieht immer in Begriffen von etwas anderem - man kann nicht alles erklären, aber nichts ist prinzipiell unerklärbar. >Begriffe, >Stufen/Ebenen, >Beschreibungsebenen. II 116 Erklärung/Nozick: Erklärung ist irreflexiv, asymmetrisch und transitiv: - irreflexiv: nichts erklärt sich selbst asymmetrisch: wenn X Y erklärt, dann erklärt Y nicht X (nicht umkehrbar). II 117 transitiv: wenn X Y erklärt und Y Z erklärt, dann erklärt X Z. Damit ist eine strikte partielle Ordnung etabliert. >Partielle Ordnung. II 118f Erklärung/Existenz/Nozick: andere Möglichkeit: Erklärung aus Gesetzen oder Theorien. >Gesetze, >Theorien. Frage: Wieso gibt es dann solche Theorien und Gesetze? Letztbegründung/Selbsterklärung: Könnte ein letztes Gesetz sich selbst subsumieren? >Letztbegründung. Letztes Gesetz: Ein Letztes Gesetz müsste irgendeine Charakteristik C haben - auch alle anderen Gesetze. Problem: Wahrheit wird nicht aus der Form bewiesen. >Wahrheit, >Beweise, >Beweisbarkeit. II 120 Erklärung/Ebene/Stufe/Nozick: manche Autoren: Die Erklärung muss tiefer liegen als das Erklärte. KripkeVs: neue Theorie: Aussagen suchen sich selbst die angemessene Ebene. - Höchste Ebene/Stufe//Kripke: die, auf der der Satz auf seinen Referenten angewendet wird. >Wahrheit/Kripke, >S.A. Kripke, >Fixpunkte/Kripke. Nozick: Dann muss P, wenn in einer Deduktion gebraucht, eine Ebene tiefer sein als seine Instanz. - dann ist eine deduzierte Aussage tiefer, wenn sie etwas subsumiert, als wenn sie subsumiert wird. >Deduktion. II 120 Selbsterklärung/Nozick: Selbstsubsumtion in der Quantorenlogik erklärt sich selbst. Ansonsten: Erklärung ist irreflexiv - d.h. sie kann sich nicht selbst erklären. Nackte Tatsache/Nozick: a) etwas das durch nichts erklärt werden kann b) schwächer: etwas, das nicht durch etwas anderes erklärt werden kann. Dann ist die erklärende Selbstsubsumtion eine nackte Tatsache, die sich selbst erklärt. >Nackte Tatsache, >Bloße Tatsache. II 305 Erklärung/Nozick: Man sagt, eine Erklärung darf nicht weniger (z.B. semantische) Tiefe haben als das Erklärte. >Semantik, >Semantische Tatsachen. II 308 Verursachung/Descartes: Verursachung kann nicht weniger tief sein als die Wirkung (Prinzip). >Ursache, >Wirkung, >Stufen/Ebenen, >Beschreibungsebenen, >Prinzipien. |
No I R. Nozick Philosophical Explanations Oxford 1981 No II R., Nozick The Nature of Rationality 1994 |
| Ethik | Nozick | II 17 Ethik/Nozick: Es gibt kein Argument, dem Hitler sich beugen musste. - Das führt dazu, dass wir Ethik nicht als absolut betrachten können aber: Bsp Heimson: bringt nicht in gleicher Weise unser Überzeugungssystem über personale Identität in Gefahr. - Wir haben eher eine Wie-ist’s-möglich-Frage über Ethik als über personale Identität. Erklärung/(s): Heimson-Beispiel: Heimson sagt "Ich bin David Hume." Das stellt ein unlösbares Problem dar. (> J. Perry I 17 > "Mad Heimson", D. Lewis IV 141, 151) >Identität, >Personale Identität, >Zeitliche Identität, >Identifikation, >Individuation, >Individuum, >Person. II 118 Kategorischer Imperativ/Kant/Nozick: Wenn der Inhalt aus der Form gewonnen werden könnte, wäre er keine "nackte Tatsache" (brute fact) mehr. - Er ergäbe sich notwendig aus der Form. >Nackte Tatsache, >Bloße Tatsache, >Kategorischer Imperativ, >Ethik/Kant, >Moral/Kant. II 570 Ethik/Nozick: Wie wichtig ist sie überhaupt? - Solange die Bedeutung unseres Lebens nicht gezeigt ist, scheinen Ethik und Werte bedeutungslos zu sein. >Leben. II 631 Ethik/Moral/Reduktion/Reduktionismus/Nozick: VsReduktionismus: Der Reduktionismus verletze das Prinzip, dass alles einen Wert in sich habe. NozickVsVs: Das ist nicht nur theoretisch falsch, sondern auch moralisch falsch. >Reduktionismus, >Reduktion, >Werte. |
No I R. Nozick Philosophical Explanations Oxford 1981 No II R., Nozick The Nature of Rationality 1994 |
| Existenz | Prior | I 116f Existenz/Reid: Existenz gibt es nicht ohne Attribute (Bsp ein Dreieck existiert nicht allgemein) aber Begriff und Definition sind ohne Attribute. >Begriffe, >Definition, >Definierbarkeit, >Prädikation, vgl. >Bloße Tatsache, >Attribute. Denken ist nicht nur ein Denken an den Begriff, sondern immer auch ein Denken an die Attribute. >Denken, >Gedanken, >Aussagen, >Propositionen, >Sätze. Reid: (ähnlich Frege): "ein Dreieck" (oder "ein Pferd") ist kein Gegenstand, sondern ein Begriff. >Th. Reid, >Begriffe/Frege. |
Pri I A. Prior Objects of thought Oxford 1971 Pri II Arthur N. Prior Papers on Time and Tense 2nd Edition Oxford 2003 |
| Identität | Postmoderne | Gaus I 47 Identität/Postmoderne/Bennett: Viel genealogische Arbeit, (...) beharrt auf der materiellen Widerspenstigkeit kultureller Produkte. Geschlecht, Sexualität, Rasse und persönliche Identität werden als erstarrte Reaktionen auf kontingente Sätze historischer Umstände betrachtet, und doch bedeutet die bloße Tatsache, dass es sich um menschliche Artefakte handelt, nicht, dass sie dem menschlichen Verständnis oder der menschlichen Kontrolle leicht nachgeben (Gatens, 1996)(1). >Identitätspolitik, >Gender, >Geschlecht. Eine persönliche Identität zum Beispiel ist eine Konstruktion, aber eine, die in körperlichen Bewegungen, instinktiven Tendenzen, sprachlichen Routinen und institutionellen Formen sedimentiert ist, die sich menschlichen Versuchen, sie umzuleiten oder zu revidieren, widersetzen. Vgl. >S. de Beauvoir. Alles ist akkulturiert, aber kulturelle Formen sind selbst materielle Assemblagen natürlicher Körper. >Kultur, >Kulturelle Überlieferung, >Kulturelle Werte, >Kulturrelativismus. Die postmoderne Theorie erkennt die Künstlichkeit des Natürlichen und die Materialität des Kulturellen an. >Postmoderne. Unterschied/Spezifität: Es gibt immer - in Worten, Dingen, Körpern, Gedanken, Artefakten, Lebensformen - das, was sich hartnäckig gegen theoretische Vereinnahmung oder überhaupt gegen jede feste Form wehrt. Diese unbestimmte und nie vollständig bestimmbare Dimension der Dinge ist als Differenz oder différance (Jacques Derrida), das Virtuelle (Gilles Deleuze), die Nicht-Identität (Theodor Adorno), das Unsichtbare (Maurice Merleau-Ponty), das Immanente (William Connolly), das Semiotische (Julia Kristeva), die sexuelle Differenz (Luce Irigaray), das Reale (Jacques Lacan), das Leben (Friedrich Nietzsche) oder die Negativität (Diana Coole) beschrieben worden. >Theodor W. Adorno, >F. Nietzsche, >J. Lacan, >M. Merleau-Ponty, >G. Deleuze, >J. Derrida, >W. Connolly. Jean-François Lyotard nennt es "das, was über jede Formgebung oder jeden Gegenstand hinausgeht, ohne irgendwo anders als in ihnen zu sein" (1997(2): 29). Die postmoderne politische Theorie versucht, diesen Widerstand anzuerkennen und dem Drang zu widerstehen, diese störende Kraft aus der Politik zu vertreiben (Honig, 1993)(3). >J.-F. Lyotard. 1. Gatens, Moira (1996) Imaginary Bodies: Ethics, Power and Corporeality. New York: Routledge. 2. Lyotard, Jean-François (1997) Postmodern Fables, trans. Georges van den Abbeele. Minneapolis: University of Minnesota Press. 3. Honig, Bonnie (1993) Political Theory and the Displacement of Politics. Ithaca, NY: Cornell University Press. Jane Bennett, 2004. „Postmodern Approaches to Political Theory“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications. |
Gaus I Gerald F. Gaus Chandran Kukathas Handbook of Political Theory London 2004 |
| Interpretation | Macpherson | Gaus I 20 Interpretation/Macpherson/Marxismus/Ball: Eine besonders wichtige Marx'sche Interpretation von Schlüsselwerken der politischen Theorie ist C. B. Macphersons "The Political Theory of Possessive Individualism" (1962)(1). Mit "possessivem Individualismus" meint Macpherson die politische Theorie, die dazu dient, die Grundpfeiler des modernen Kapitalismus - wirtschaftliches Eigeninteresse und die Institution des Privateigentums - zu stützen und zu legitimieren. Er hält vor allem Hobbes und Locke für Ideologen und Apologeten des Kapitalismus avant la lettre. So hört beispielsweise Locke auf, der gute, graue, tolerante, proto-demokratische Denker zu sein, den wir zu kennen glaubten, und wird stattdessen zu einem außergewöhnlich klugen Propagandisten für die damals entstehende kapitalistische Ordnung. MacphersonVsLocke: Macpherson macht zum Beispiel viel aus Lockes Diskussion des Privateigentums im Zweiten Traktat der Regierung (1690)(2). Lockes Problem bestand darin, die Institution des Privateigentums zu rechtfertigen, zumal die Heilige Schrift sagt, dass Gott die Erde der ganzen Menschheit gegeben habe. Wie konnte dann ein Einzelner irgendeinen Teil dieses Gemeineigentums zu seinem eigenen machen? Locke antwortet auf die berühmte Frage, dass man den eigenen Teil vom Gemeingut trennt, indem man seine Arbeit mit ihm vermischt (...). >Eigentum/Locke, >J. Locke. Macpherson nimmt viel aus diesen Passagen, die er für einen Schlüsselpunkt in Lockes Rechtfertigung der kapitalistischen Akkumulation und der immer größeren Ungleichheiten des Reichtums hält (1962). VsMacpherson: Macphersons Kritiker behaupten, dass es alles andere als das ist: dass Locke ein frommer Christ war, der tiefe Zweifel am Geld hatte (von dessen Liebe in der Heiligen Schrift gesagt wird, dass sie "die Wurzel allen Übels" sei); dass das Wort, das Locke in Paragraph 48 verwendet, nicht "Eigentum" ist - das, was rechtmäßig und von Rechts wegen Ihr Eigentum ist - sondern "Besitz" (was eine bloße Tatsache ohne moralische oder rechtliche Bedeutung ist: ein Dieb mag Ihre Brieftasche besitzen, aber es ist nicht rechtmäßig seine, d.h. sein Eigentum). Daher können wir höchstens zu dem Schluss kommen, dass Geld, und damit vermutlich auch das Kapital selbst, "eine menschliche Institution ist, über deren moralischen Status Locke zutiefst ambivalent war" (Dunn, 1984(4)). 1. Macpherson, C.B. The Political Theory of Possessive Individualism (1962). 2. Locke, J. Second Treatise of Government (1690). 3.Macpherson ebd. S. 03–11, 233–5 4. Dunn, John (1984) Locke. Oxford: Oxford University Press. S. 40 Ball, Terence. 2004. „History and the Interpretation of Texts“. In: Gaus, Gerald F. 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications. |
Gaus I Gerald F. Gaus Chandran Kukathas Handbook of Political Theory London 2004 |
| Letztbegründung | Nozick | II 131 ff Erklärung/Letztbegründung/Leibniz/Existenz/Nozick: 1. Inegalitäre Theorie: Auszeichnung des Etwas vor dem Nichts. 2. Egalitäre Theorie: (Wahrscheinlichkeitstheorie): Nichts ist gleichberechtigt: wenn verschiedene Möglichkeiten angenommen werden, dann ist nichts sehr unwahrscheinlich, weil nur eine von vielen Möglichkeiten bestehen kann. Reichhaltigkeit: Alle Möglichkeiten sind verwirklicht. Vgl. >Mögliche Welten/Leibniz, >Mögliche Welten. Voraussetzung: Mögliche Welten sind getrennt, sonst gibt es Widersprüche. - Das Reich der Möglichkeiten umfasst mögliche Welten. >Möglichkeit, vgl. >Wirkliche Welt. Zusätzlich: Prinzip der Invarianz: sonst gibt es mögliche Welten, die Möglichkeiten ausschließen: Beschränkte Reichhaltigkeit/Selbst-Subsumierung: Geltung wegen Anwendung, Referenz und Lieferung durch sich selbst. Dann ist Existenz keine nackte Tatsache und nicht willkürlich (wegen Invarianz). >Invarianz, >Nackte Tatsache, >Bloße Tatsache, >Existenz/Nozick. II 137 Erklärung/Letztbegründung/Nozick: Problem: Die verschiedenen beschränkten Reichhaltigkeiten gelten alle jeweils wegen ihrer Beschränkung und wegen ihrer Geltung und wegen ihres speziellen Invarianzprinzips. - Das ist gerade das Merkmal der Reflexivität. >Reflexivität, >Stufen/Ebenen, >Beschreibungsebenen. II 138 Erklärung/Letztbegründung/Nozick: Es ist keine Schande, dass Zirkularität am Ende auftritt, wenn sie nur in der Mitte vermieden wird. - Sie sollte nicht ein Zusatz sein ("und das sind alle"). >Zirkularität, >Listen. Satz vom zureichenden Grund: Jede Wahrheit hat eine Erklärung. >Satz vom zureichenden Grund. II 278 Selbstsubsumtion/Selbstbegründung/Letztbegründung/Nozick: Selbstsubsumtion ist ein Zeichen für Fundamentalität, nicht für Wahrheit. - Etwas kann in einer Dimension fundamental sein, ohne fundamental in einer anderen zu sein. >Ganzes, >Totalität. Ein fundamentales Prinzip braucht nicht "nichtzirkulär" zu sein. - In verschiedenen Reichen gelten verschiedene Relationen, Ordnungen und Verbindungen. - Bsp Rechtfertigung, Erklärung, Belege. >Rechtfertigung, >Erklärung, >Belege. |
No I R. Nozick Philosophical Explanations Oxford 1981 No II R., Nozick The Nature of Rationality 1994 |
| Politische Theorie | Postmoderne | Gaus I 47 Politische Theorie/Postmoderne/Bennett: Postmoderne Theorie nimmt oft die Form von genealogischen Studien an, die zeigen, wie diskursive Praktiken und Begriffsschemata in Machtverhältnisse eingebettet sind und wie diese kulturellen Formen das konstituieren, was als natürlich oder real erlebt wird (Butler, 1993(1); Brown, 1995(2); Ferguson, 1991(3)). >J. Butler. Eine der politischen Einsichten der postmodernen Theorie ist, dass "es bei den Einsätzen einer demokratischen Politik ... ebenso sehr um die moderne Krise der Repräsentation wie um die Verteilung anderer Güter geht" (Dumm, 1999(4): 60). Viele genealogische Arbeiten bestehen jedoch auch auf der materiellen Widerspenstigkeit kultureller Produkte. Geschlecht, Sexualität, Rasse und persönliche Identität werden als erstarrte Reaktionen auf kontingente Sätze historischer Umstände betrachtet, und doch bedeutet die bloße Tatsache, dass es sich um menschliche Artefakte handelt, nicht, dass sie dem menschlichen Verständnis oder der menschlichen Kontrolle leicht nachgeben (Gatens, 1996)(5). >Identität/Postmoderne, >Geschlecht, >Sexualität, >Identitätspolitik. 1. Butler, Judith (1993) Bodies That Matter: On the Discursive Limits of ‘Sex’. New York: Routledge. 2. Brown, Wendy (1995) States of Injury: Power and Freedom in Late Modernity. Princeton, NJ: Princeton University Press. 3. Ferguson, Kathy E. (1991) The Man Question: Visions of Subjectivity in Feminist Theory. Berkeley, CA: University of California Press. 4. Dumm, Thomas (1999) ‘The problem of the We’. boundary 2, 26 (3): 55–61. 5. Gatens, Moira (1996) Imaginary Bodies: Ethics, Power and Corporeality. New York: Routledge. Jane Bennett, 2004. „Postmodern Approaches to Political Theory“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications. |
Gaus I Gerald F. Gaus Chandran Kukathas Handbook of Political Theory London 2004 |
| Realismus | Fraassen | I 4 Realismus/FraassenVsRealismus: umgekehrter Fehler wie beim Positivismus: statt alles zu versprachlichen, reifiziert er alles, was nicht wegdefiniert werden kann. >Positivismus. I 7 VsRealismus/Fraassen/(s): kann nicht behaupten, dass die gegenwärtig beste Theorie falsch sei, das ist letztlich eine Leugnung des Fortschritts. I 9 Die Orientierung an Wahrheit impliziert aber nicht, dass wir je berechtigt sind, eine Theorie zu glauben. I 21 Realismus/Beste Erklärung/Fraassen: jede Regularität braucht eine Erklärung. - Nominalismus: es gibt überhaupt nur Regularitäten, aber die müssen nicht alle erklärt werden. >Nominalismus. I 24 Regularitäten = bloße Tatsachen (>"nackte Tatsachen"). I 32f Sellars: pro Realismus - Theorie/Sellars: Erklärt überhaupt nicht, sondern zeigt, warum beobachtbare Objekte sogenannten Gesetzen gehorchen - es gibt keine empirischen Gesetze - Bsp dass Wasser bei 100° kocht gilt nur bei normalem Druck. - (>Tatsachen/Nancy Cartwright, Erklärungen/Cartwright, Theorien/Cartwright). I 37 Realismus/Dummett: neu: man sollte nicht Klassen von Entitäten und von Ausdrücken in Beziehung setzen, sondern Klassen von Behauptungen. - Diese können nur durch Referenz auf die Art Ding, die wir als Beleg akzeptieren würden, verstanden werden. - Damit wird der Nominalist zum Realisten. I 38 Realismus/Dummett/Fraassen: hier geht es Dummett um Sprache - nach ihm müssen nicht alle Sätze w/f sein - aber es sein können! - Konstruktiver Empirismus: auch er nimmt geistunabhängige Wahrheitswerte an. FraassenVsDummett: dabei geht es gar nicht um Sprache. >Empirismus. I 209 Realismus/Fraassen pro: wir wissen von einigen Regularitäten - also muss es darunterliegende Gründe geben. - Nach Thomas von Aquins Gottesbeweis. |
Fr I B. van Fraassen The Scientific Image Oxford 1980 |
| Realität | Quine | I 81 Reizbedeutung: dies ist die objektive Realität, die der Sprachforscher braucht. - Übersetzung schafft nicht Identität sondern Annäherung an Reizbedeutung. >Reizbedeutung. XII 89 Realität/Welt/Russell/Quine: Russells Programm war, die Außenwelt als logisches Konstrukt aus Sinnesdaten darzustellen. Dem kam Carnaps „Aufbau“ am nächsten. Erkenntnistheorie/Geltung/Gültigkeit/QuineVsCarnap: Humes Problem (allgemeine Aussagen und Aussagen über Zukunft sind ungewiss, wenn sie als über Sinnesdaten oder Sinneseindrücke verstanden werden) ist bis heute ungelöst. Carnap/Quine: seine Konstruktionen hätten ermöglicht, alle Sätze über die Welt in Sinnesdaten bzw. Beobachtungsbegriffe plus Logik und Mengenlehre zu übersetzen. >Sinnesdaten/Quine. XII 90 QuineVsCarnap: die bloße Tatsache, dass ein Satz mit logischen, mengentheoretischen und Beobachtungstermen ausgedrückt ist, bedeutet nicht, dass er sich mit logischen und mengentheoretischen Mitteln aus Beobachtungssätzen beweisen ließe. ((s) Ausdrucksmittel sind keine Beweismittel. (> innen/außen, Beschreibungsebene, Zirkel). Erkenntnistheorie/Quine: Pointe: die Wahrheiten über die Natur mit der vollen Autorität der unmittelbaren Erfahrung ausstatten zu wollen, ist ebenso zum Scheitern verurteilt wie die Rückführung der Wahrheiten der Mathematik auf die potentielle Einsichtigkeit der elementaren Logik. Siehe auch >Erkenntnistheorie, >Empirismus. VI 17 Theorie/Wirklichkeit/Realität/Welt/Quine: wir geben in der philosophischen Theorie Demarkationslinien vor, wo sich in der Praxis keine wirklich scharfen Grenzen ziehen lassen. Es kommt immer noch darauf an, ob eine Theorie wie Bsp "Alle Raben sind schwarz" tatsächlich durch ein weißes Exemplar widerlegt würde, das hängt davon ab, wie wir uns in Ansehung der vagen Reizbedeutung des Wortes entscheiden würden. |
Quine I W.V.O. Quine Wort und Gegenstand Stuttgart 1980 Quine II W.V.O. Quine Theorien und Dinge Frankfurt 1985 Quine III W.V.O. Quine Grundzüge der Logik Frankfurt 1978 Quine V W.V.O. Quine Die Wurzeln der Referenz Frankfurt 1989 Quine VI W.V.O. Quine Unterwegs zur Wahrheit Paderborn 1995 Quine VII W.V.O. Quine From a logical point of view Cambridge, Mass. 1953 Quine VII (a) W. V. A. Quine On what there is In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VII (b) W. V. A. Quine Two dogmas of empiricism In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VII (c) W. V. A. Quine The problem of meaning in linguistics In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VII (d) W. V. A. Quine Identity, ostension and hypostasis In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VII (e) W. V. A. Quine New foundations for mathematical logic In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VII (f) W. V. A. Quine Logic and the reification of universals In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VII (g) W. V. A. Quine Notes on the theory of reference In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VII (h) W. V. A. Quine Reference and modality In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VII (i) W. V. A. Quine Meaning and existential inference In From a Logical Point of View, Cambridge, MA 1953 Quine VIII W.V.O. Quine Bezeichnung und Referenz In Zur Philosophie der idealen Sprache, J. Sinnreich (Hg) München 1982 Quine IX W.V.O. Quine Mengenlehre und ihre Logik Wiesbaden 1967 Quine X W.V.O. Quine Philosophie der Logik Bamberg 2005 Quine XII W.V.O. Quine Ontologische Relativität Frankfurt 2003 Quine XIII Willard Van Orman Quine Quiddities Cambridge/London 1987 |
| Tatsachen | Poincaré | Duhem I 196 Def Rohe Tatsache/Bloße Tatsache/Poincaré: "Die wissenschaftliche Tatsache ist nur die rohe Tatsache, in eine bequeme Sprache übersetzt. Alles, was der Gelehrte an einer Tatsache erschafft ist die Sprache, in der er sie ausdrückt." >Ausdrücke, >Sprachgebrauch, >Theoriesprache, >Theoretische Termini, >Theoretische Entitäten, >Mathematische Entitäten. Bsp Ich beobachte ein Galvanometer und frage einen Laien: fließt der Strom? Er wird versuchen, irgendetwas an dem Draht festzustellen. Der Gehilfe wird die Frage so verstehen: bewegt sich der Lichtstreifen? >Experimente, >Experimente/Duhem, >Messungen. Der Unterschied zwischen einer rohen und einer wissenschaftlichen Tatsache ist der gleiche wie der zwischen zwei Ausdrücken in zwei verschiedenen Sprachen. Es ist nicht richtig, dass die Worte "der Strom fließt" auf einer Konvention beruhen, die Tatsache, dass das Magnetstäbchen abgelenkt sei zu übersetzen! >Konventionen. Bsp Es könnte durchaus sein, dass der Gehilfe sagt: Der Strom fließt, aber der Magnet bewegt sich nicht, das Galvanometer scheint einen Defekt zu haben. I 197 Er kann an einem Voltmeter, das auch in den Kreis geschaltet ist, das Auftreten von Gasblasen beobachten oder anderes. "Der Strom fließt" bedeutet nicht eine gewisse konkrete Tatsache in einer technischen oder konventionellen Sprache, sondern eine symbolische Formel. Für den Theoretiker lässt sich eine Unzahl verschiedener Arten in konkrete Tatsachen übersetzen, da alle diese unzusammenhängenden Tatsachen dieselbe theoretische Interpretation zulassen. >Interpretation, >Übersetzung, >Übersetzungsunbestimmtheit. |
Duh I P. Duhem Ziel und Struktur der physikalischen Theorien Hamburg 1998 |
| Tatsachen | Simons | I 317 Bloße Tatsache/Simons: Bsp Dass etwas zufällig ein Teil von etwas anderem ist, ist eine bloße Tatsache. >Nackte Tatsachen, >Bloße Tatsachen, >Koinzidenz, >Zufall. |
Simons I P. Simons Parts. A Study in Ontology Oxford New York 1987 |
| Tragik | Aristoteles | Gadamer I 134 Tragik/Aristoteles/Gadamer: Aristoteles hat in seiner berühmten Definition der Tragödie den für das Problem des Ästhetischen (...) entscheidenden Hinweis gegeben, indem er in die Wesensbestimmung der Tragödie die Wirkung auf die Zuschauer mit aufnahm. (...) die bloße Tatsache, dass der Zuschauer in die Wesensbestimmung der Tragödie mit hinein genommen wird, verdeutlicht, was (...) über die wesentliche Zugehörigkeit Gadamer I 135 des Zuschauers zum Spiel gesagt wurde. >Spiel/Gadamer. Gadamer: Die Tragödie ist die Einheit eines tragischen Ablaufs, die als solche erfahren wird. Was aber als tragischer Ablauf erfahren wird, ist, auch wenn es sich nicht um ein Schauspiel handelt, das auf der Bühne gezeigt wird, sondern um eine Tragödie im „Leben“ ein in sich geschlossener Sinnkreis, der von sich aus jedes Eindringen und Eingreifen in ihn verwehrt. Was als tragisch verstanden wird, ist nur hinzunehmen. Insofern ist es in der Tat ein Grundphänomen. Darstellung/Tragödie/Aristoteles:. Die Darstellung wirkt durch eleos und phobos. Die überlieferte Übersetzung dieser Affekte durch „Mitleid“ und „Furcht“ lässt eine viel zu subjektive Tönung anklingen. Es geht bei Aristoteles überhaupt nicht um Mitleid oder gar um die in den Jahrhunderten wechselnde Schätzung des Mitleids(1) und ebenso wenig ist Furcht als ein Gemütszustand der Innerlichkeit zu verstehen. Beides sind vielmehr Widerfahrnisse, die den Menschen überfallen und mitreißen. „Eleos“ ist der Jammer, der einen überkommt angesichts dessen, was wir jammervoll nennen. Das deutsche Wort Jammer ist deshalb ein gutes Äquivalent, weil auch dies Wort keine bloße Innerlichkeit meint, sondern ebenso sehr deren Ausdruck. Entsprechend ist „phobos“ nicht nur ein Gemütszustand, sondern, wie Aristoteles sagt, ein Kälteschauer(2) derart, dass einem das Blut gefriert, dass einen ein Schauder überkommt. >Furcht/Aristoteles. 1. Max Kommerell (Lessing und Aristoteles) hat in verdienstvoller Weise diese Geschichte des Mitleids geschrieben, aber den ursprünglichen Sinn von nicht genug davon unterschieden. Vgl. inzwischen W. Schadewaldt, Furcht und Mitleid? Hermes 83, 1955, S. 129ff. und die Ergänzung durch H. Flashar, Hermes 1956, S. 12—48. 2. Arist. Rhet. 11 13, 1389 b 32. |
Gadamer I Hans-Georg Gadamer Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010 Gadamer II H. G. Gadamer Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977 |
| Wort Gottes | Gadamer | I 424 Wort Gottes/Gadamer: Wenn Augustinus und die Scholastik das Problem des verbum behandeln, um für das Geheimnis der Trinität die begrifflichen Mittel zu gewinnen, so ist es ausschließlich dies innere Wort, das Wort des Herzens und dessen Verhältnis zur intelligentia, das sie zum Thema machen. >Trinität/Gadamer, >Sprache/Christentum, >Schöpfungsmythos/Gadamer. Das größere Wunder der Sprache liegt nicht darin, dass das Wort Fleisch wird und im äußeren Sein heraustritt, sondern dass das, was so heraustritt und sich in der Äußerung äußert, immer schon Wort ist. Dass das Wort bei Gott ist, und zwar von Ewigkeit her, das ist die in der Abwehr des Subordinationismus siegreiche Lehre der Kirche, die auch das Problem der Sprache ganz in das Innere des Denkens einkehren lässt. >Sprache/Christentum, >Sprache/Antike Philosophie, >Wort/Augustinus. I 425 Gadamer: Was soll das für ein Wort sein, das inneres Gespräch des Denkens bleibt und keine Lautgestalt gewinnt? Gibt es das überhaupt? Zieht nicht all unser Denken immer schon in den Bahnen einer bestimmten Sprache, und wissen wir nicht zu gut, dass man in einer Sprache denken muss, wenn man sie wirklich sprechen will? >Sprache und Denken/Gadamer, >Sprache und Denken/Antike Philosophie. Auch wenn wir uns der Freiheit erinnern, die sich unsere Vernunft angesichts der Sprachgebundenheit unseres Denkens bewahrt, sei es dadurch, dass sie künstliche Zeichensprachen erfindet und gebraucht, sei es dass sie aus der einen Sprache in die andere zu übersetzen weiß, ein Beginnen, das ja ebenso eine Erhebung über die Sprachgebundenheit zu dem gemeinten Sinn hin voraussetzt, so ist doch jede solche Erhebung selbst wieder (...) eine sprachliche. Die „Sprache der Vernunft“ ist keine Sprache für sich. Was soll es also für einen Sinn haben, angesichts der Unaufhebbarkeit unserer Sprachgebundenheit von einem "inneren Wort“ zu sprechen, das gleichsam in der reinen Vernunftsprache gesprochen wird? Sprache der Vernunft/Gotteswort/Gadamer: Was soll dieses „innere Wort“ sein? Es kann nicht einfach der griechische Logos, das Gespräch, das die Seele mit sich selbst führt, sein. Vielmehr ist die bloße Tatsache, dass „logos“ sowohl durch „ratio“ als durch „verbum“ wiedergegeben wird, ein Hinweis darauf, dass sich die Phänomene der I 426 Sprache in der scholastischen Verarbeitung der griechischen Metaphysik stärker zur Geltung bringen wird, als bei den Griechen selbst der Fall war. >Wort Gottes/Scholastik. I 430 Wort Gottes/Einheit/Vielheit/Gadamer: Der Unterschied zwischen der Einheit des göttlichen Wortes und der Vielheit der menschlichen Worte schöpft die Sachlage nicht aus. Vielmehr haben Einheit und Vielheit ein von Grund auf dialektisches Verhältnis. Die Dialektik dieses Verhältnisses beherrscht das ganze Wesen des Wortes. Auch I 431 vom göttlichen Wort ist der Begriff der Vielheit nicht ganz fernzuhalten. Das göttliche Wort ist zwar wirklich nur ein einziges Wort, das in der Gestalt des Erlösers in die Welt gekommen ist, aber sofern es doch Geschehen bleibt - und das ist trotz aller Ablehnung der Subordination, wie wir sahen, der Fall so besteht damit eine wesenhafte Beziehung zwischen der Einheit des göttlichen Wortes und seiner Erscheinung in der Kirche. Verkündigung/Gadamer: Die Verkündigung des Heils, der Inhalt der christlichen Botschaft, ist selbst ein eigenes Geschehen in Sakrament und Predigt und bringt doch nur das zur Aussage, was in der Erlösungstat Christi geschehen ist. Insofern ist es ein einziges Wort, von dem doch immer wieder in der Predigt gekündet wird. Offenbar liegt in seinem Charakter als Botschaft bereits der Verweis auf die Vielfalt seiner Verkündigung, Der Sinn des Wortes ist vom Geschehen der Verkündigung nicht ablösbar. Der Geschehenscharakter gehört vielmehr zum Sinne selbst. Sprachhandeln/Sprechhandlung/Sprechakt/Gadamer: Es ist so wie bei einem Fluch, der offenbar auch nicht davon ablösbar ist, dass er von jemanden und über jemanden gesprochen wird. Was an ihm verstanden werden kann, ist nicht ein abstrahierbarer logischer Sinn der Aussage, sondern die Verflechtung, die in ihm geschieht.(1) Verkündigung: Das gleiche gilt für die Einheit und Vielheit des Wortes, das durch die Kirche verkündet wird. Christi Kreuzestod und Auferstehung ist der Inhalt der Heilsverkündigung, der in jeder Predigt gepredigt wird. Der auferstandene und der gepredigte Christus sind ein und derselbe. Insbesondere die moderne protestantische Theologie hat den eschatologischen Charakter des Glaubens herausgearbeitet, der auf diesem dialektischen Verhältnis beruht. Menschliches Wort/Gadamer: Umgekehrt zeigt sich im menschlichen Wort der dialektische Bezug der Vielheit der Worte auf die Einheit des Wortes in seinem neuen Licht. Vgl. >Wort/Gadamer. 1. Vortreffliches findet sich dazu bei Hans Lipps, „Untersuchungen zu einer hermeneutischen Logik“(1938), und bei Austin, „How to do things with words“. |
Gadamer I Hans-Georg Gadamer Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010 Gadamer II H. G. Gadamer Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977 |
| Zuckerspur- Beispiel | Perry | Frank I 417f Supermarkt-Bsp/Perry: (Zuckerspur, "Schlamassel im Supermarkt" - jemand stellt fest, dass er selbst es war, der eine Schweinerei gemacht hat). Meinungskontext: der Leser, jetzt Bewertungskontext: der Mensch im Supermarkt. Problem: die bloße Tatsache, dass ich die Proposition, dass ich eine Schweinerei mache, zu irgendeinem Zeitpunkt für wahr hielt, erklärt nicht, warum ich anhielt. - Der Leser glaubt das ebenso und hält den Einkaufswagen nicht an. Pointe: für mich fallen Meinungskontext und Bewertungskontext zusammen - aber das ist keine Lösung, weil Selbstidentifikation nicht ohne einen Satz mit "ich" auskommt. I 421f Wanderer/Supermarkt/Perry: Lösung: Unterscheidung Meinungszustand/Meinung: Bsp Meinungszustand: "die Veranstaltung wird beginnen" - "sie beginnt jetzt" - "sie hat begonnen" - Meinung: die ganze Zeit glaube ich, dass sie um 12:00 beginnt - Meinungszustand: für alle derselbe (mit Indexwort). - Meinung: verschieden: nicht dieselbe Relation zum selben Gegenstand. VsTradition: wenn es anders wäre, müssten wir eine gemeinsam geglaubte Proposition von allen erwarten, wenn alle im selben Meinungszustand sind. - Normalerweise wird man seine Meinungszustände anpassen, wenn man von einem Kontext zum anderen übergeht, um seine Meinungen zu bewahren. Siehe auch > Proposition, >propositionales Wissen, > Identifikation, > Selbstidentifikation, > Selbstwissen,> Individuation. John Perry (1979): The Problem of the Essential Indexicals, in : Nous 13 (1979), 3-21 |
Perr I J. R. Perry Identity, Personal Identity, and the Self 2002 Fra I M. Frank (Hrsg.) Analytische Theorien des Selbstbewusstseins Frankfurt 1994 |