Lexikon der Argumente


Philosophische Themen und wissenschaftliche Debatten
 
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Abstand Gadamer I 302
Zeitenabstand/Abstand/Hermeneutik/Gadamer: (...) der Zeitenabstand ist (...) nicht etwas, was überwunden werden muss. Das war vielmehr die naive Voraussetzung des Historismus, dass man sich in den Geist der Zeit versetzen, dass man in deren Begriffen und Vorstellungen denken solle und nicht in seinen eigenen und auf diese Weise zur historischen Objektivität vordringen könne. GadamerVsHistorismus: In Wahrheit kommt es darauf an, den Abstand der Zeit als eine positive und produktive Möglichkeit des Verstehens zu erkennen.
Heidegger/Gadamer: (...) erst von der ontologischen Wendung aus, die Heidegger dem Verstehen als einem „Existenzial“ verlieh, und der temporalen Interpretation, die er der Seinsweise des >Daseins widmete, konnte der Zeitenabstand in seiner hermeneutischen Produktivität gedacht werden.
I 303
Der zeitliche Abstand hat offenbar noch einen anderen Sinn als den der Abtötung des eigenen Interesses am Gegenstand. Er lässt den wahren Sinn, der in einer Sache liegt, erst voll herauskommen. Die Ausschöpfung des wahren Sinnes aber, der in einem Text oder in einer künstlerischen Schöpfung gelegen ist, kommt nicht irgendwo zum Abschluss, sondern ist in Wahrheit ein unendlicher Prozess.
I 304
Vorurteil/Hermeneutik: Oft vermag der Zeitenabstand die eigentlich kritische Frage der Hermeneutik lösbar zu machen, nämlich die wahren Vorurteile, unter denen wir verstehen, von den falschen, unter denen wir missverstehen, zu scheiden. >Vorurteil/Gadamer. Das hermeneutisch geschulte Bewusstsein wird daher historisches Bewusstsein
einschließen. >Verstehen/Gadamer.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Aufklärung Herder Gadamer I 204
Aufklärung/Geschichte/Herder/Gadamer: [die Historische Schule stützt sich] in ihrem Anspruch, dass nicht die spekulative Philosophie, sondern allein die historische Forschung zu einer universalgeschichtlichen Ansicht führen kann [auf Herder]: HerderVsAufklärung: Herders Angriff gegen den Vernunftstolz der Aufklärung hatte in der Musterhaftigkeit des klassischen Altertums, die insbesondere Winckelmann verkündet hatte, seine schärfste Waffe.
Winckelmann: Seine „Geschichte der Kunst des Altertums“ war zwar unverkennbar mehr als eine historische Darstellung. Sie war Kritik der Gegenwart und war ein Programm. Aber kraft der Zweideutigkeit, die aller Gegenwartskritik anhaftet, bedeutet die Verkündung der Vorbildlichkeit der griechischen Kunst, die der eigenen Gegenwart ein neues Ideal aufrichten sollte, dennoch einen echten Schritt zu geschichtlicher Erkenntnis. ((s) WinckelmannVsAufklärung).

Herder brauchte nur wenig über die von Winckelmann gelegte Grundlage hinauszugehen und das dialektische Verhältnis von Musterhaftigkeit und Unwiederholbarkeit in aller Vergangenheit zu erkennen, um der teleologischen Geschichtsbetrachtung der Aufklärung eine universale historische
Weltansicht entgegenzusetzen. Historisch denken heißt jetzt, jeder Epoche ein eigenes Daseinsrecht, ja eine eigene Vollkommenheit zugestehen. Diesen Schritt hat Herder grundsätzlich getan.
GadamerVsHerder: Die historische Weltansicht konnte freilich noch nicht zur vollen Ausbildung kommen, solange klassizistische Vorurteile dem klassischen Altertum eine vorbildliche Sonderstellung zubilligten. Nicht nur eine Teleologie im Stile des Vernunftglaubens der Aufklärung, auch eine umgekehrte Teleologie, die das Vollkommene einer Vergangenheit oder einem Anfang der Geschichte vorbehält, erkennt noch einen geschichts-jenseitigen Maßstab an. >Geschichte/Gadamer, >Geschichte/Winckelmann, >Geschichte/Historismus.

Herder I
Johann Gottfried Herder
Herder: Philosophical Writings Cambridge 2002

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Einheit Historismus Gadamer I 212
Einheit/Geschichte/Historismus/Gadamer: Wenn die Wirklichkeit der Geschichte als Spiel der Kräfte gedacht ist, so genügt dieser Gedanke offenkundig nicht, ihre Einheit notwendig zu machen. Auch was Herder und Humboldt leitete, das Ideal des Reichtums an Erscheinungen des Menschlichen, begründet als solches keine wahre Einheit. Es muss etwas sein, was sich in der Kontinuität des Geschehens als ein richtunggebendes Ziel herausstellt. In der Tat, die Stelle, die in den geschichtsphilosophischen Eschatologien religiösen Ursprungs und in ihren säkularisierten Abwandlungen besetzt ist, ist hier zunächst leer(1). Keine Vormeinung über den Sinn der Geschichte soll ja die Erforschung derselben voreinnehmen. Gleichwohl ist die selbstverständliche Voraussetzung ihrer Erforschung, daß sie eine Einheit bildet. So kann Droysen ausdrücklich den Gedanken der weltgeschichtlichen Einheit selber - wenn auch gerade keine inhaltliche Vorstellung von dem Plan der Vorsehung - als eine regulative Idee anerkennen. Indessen liegt in diesem Postulat eine weitere Voraussetzung eingeschlossen, die es inhaltlich bestimmt. Die Idee der Einheit der Weltgeschichte schließt die ununterbrochene Kontinuität der weltgeschichtlichen Entwicklung ein. Auch diese Idee der Kontinuität ist zunächst formaler Natur und impliziert keinen konkreten Inhalt. Auch sie ist wie ein Apriori der Forschung, das zu immer tieferem Eindringen in die Verflechtung des weltgeschichtlichen Zusammenhanges einlädt.
Insofern ist es nur als eine methodologische Naivität Rankes zu beurteilen, wenn er von der „bewundernswerten Stetigkeit“ der geschichtlichen Entwicklung spricht(2). Was er in Wahrheit damit meint, ist gar nicht diese Struktur der Stetigkeit selbst, sondern das Inhaltliche, was sich in dieser stetigen Entwicklung herausbildet. >Einheit/Ranke, >Kontinuität/Ranke.
Gadamer I 214
HistorismusVsHegel: (...) die historische Schule vermochte Hegels Begründung der Einheit der Weltgeschichte durch den Begriff des Geistes nicht zu akzeptieren. Dass sich im vollendeten Selbstbewusstsein der geschichtlichen Gegenwart der Weg des Geistes zu sich selber vollendet, welcher den Sinn der Geschichte ausmacht - das ist eine eschatologische Selbstdeutung, die im Grunde die Geschichte im spekulativen Begriff aufhebt. Die historische Schule sah sich statt dessen in ein theologisches Verständnis ihrer selbst gedrängt. Wenn sie ihr eigenes Wesen, sich als fortschreitende Forschung zu denken, nicht aufheben wollte, musste sie die eigene endliche und begrenzte Erkenntnis auf einen göttlichen Geist beziehen, dem die Dinge in ihrer Vollendung bekannt sind.
Ranke/Gadamer: Es ist das alte Ideal des unendlichen Verstehens, das hier selbst noch auf die Erkenntnis der Geschichte angewandt wird. So schreibt Ranke: »Die Gottheit - wenn ich diese Bemerkung wagen darf - denke ich mir so, dass sie, da ja keine Zeit vor ihr liegt, die ganze historische Menschheit in ihrer Gesamtheit überschaut und überall gleich wert findet.«(3)
Gadamer: Hier ist die Idee des unendlichen Verstandes (intellectus infinitus), für den alles zugleich ist (omnia simul), zum Urbild historischer Gerechtigkeit umgeformt. Ihm kommt der Historiker nahe, der alle Epochen und alle geschichtlichen Erscheinungen vor Gott gleichberechtigt weiß. So stellt das Bewusstsein des Historikers die Vollendung des menschlichen Selbstbewusstseins
dar. Je mehr es ihm gelingt, den eigenen unzerstörbaren Wert einer jeden Erscheinung zu erkennen, und das heißt: historisch zu denken, desto gottähnlicher denkt er(4). Ranke hat eben deshalb das Amt des Historikers mit dem priesterlichen verglichen. „Unmittelbarkeit zu Gott“ ist für den Lutheraner Ranke der eigentliche Inhalt der christlichen Botschaft.


1. Vgl. K. Löwith, Weltgeschichte und Heilsgeschehen (Stuttgart 1953), und meinen
Artikel „Geschichtsphilosophie“ in RGG3.
2. Ranke, Weltgeschichte IX, 2 Xlll.
3. Ranke, Weltgeschichte IX, 2, S. 5, S. 7.
4. »Denn das ist gleichsam ein Teil des göttlichen Wissens« (Ranke, ed. Rothacker S. 43, ähnlich S. 52).

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Erkenntnistheorie Dilthey Gadamer I 222
Erkenntnistheorie/Dilthey/Gadamer: Die Spannung zwischen dem ästhetisch-hermeneutischen und dem geschichtsphilosophischen Motiv in der historischen Schule erreicht ihren Höhepunkt bei Wilhelm Dilthey. Dilthey hat dadurch seinen Rang, dass er das erkenntnistheoretische Problem, das die historische Weltansicht gegenüber dem Idealismus impliziert, wirklich erkennt.
Gadamer I 223
Die Wurzel der Zwiespältigkeit (...) liegt in der bereits gekennzeichneten Zwischenstellung der historischen Schule zwischen Philosophie und Erfahrung. Sie wird durch Diltheys Versuch einer erkenntnistheoretischen Grundlegung nicht etwa aufgelöst, sondern findet dadurch eine eigene Zuspitzung. Diltheys Bemühung um eine philosophische Grundlegung der Geisteswissenschaften sucht die erkenntnistheoretischen Konsequenzen aus dem zu ziehen, was Ranke und Droysen gegenüber dem deutschen Idealismus geltend machten.
Das war Dilthey selber voll bewusst.
DiltheyVsHistorismus: [Dilthey] sah die Schwäche der historischen Schule in der mangelnden Konsequenz ihrer Reflexionen: »Anstatt in die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen der historischen Schule und die des Idealismus von Kant bis Hegel zurückzugehen und so die Unvereinbarkeit dieser Voraussetzungen zu erkennen, haben sie diese Standpunkte unkritisch verbunden«(1). So konnte er sich das Ziel setzen, zwischen historischer Erfahrung und idealistischem Erbe der historischen Schule eine neue erkenntnistheoretisch tragfähige Grundlage aufzubauen. Das ist der Sinn seiner Absicht, Kants Kritik der reinen Vernunft durch eine Kritik der historischen Vernunft zu ergänzen. >Historische Vernunft/Dilthey.
Gadamer I 226
In gewisser Weise ist [die Aufgabe der Erkenntnistheorie] leichter. Sie braucht nicht erst nach dem Grund der Möglichkeit zu fragen, daß unsere Begriffe mit der in Übereinstimmung sind. Denn die geschichtliche Welt, um deren Erkenntnis es hier geht, ist immer schon eine vom Menschengeist gebildete und geformte. Aus diesem Grunde meint Dilthey, allgemein gültige synthetische Urteile der Geschichte seien hier gar kein Problem(2) und beruft sich dafür auf Vico. Wir erinnern uns, daß Vico im Gegenschlag zu dem cartesianischen Zweifel und der durch ihn begründeten Gewissheit mathematischer Erkenntnis der Natur den erkenntnistheoretischen Primat
der von den Menschen gemachten Welt der Geschichte behauptet hatte.
Dilthey wiederholt das gleiche Argument. Er schreibt: »Die erste Bedingung für die Möglichkeit der Geschichtswissenschaft liegt darin, dass ich selbst ein geschichtliches Wesen bin, dass der, welcher die Geschichte erforscht, derselbe ist, der die Geschichte macht«(3).
Gadamer: Es ist die Gleichartigkeit von Subjekt und Objekt, die die historische Erkenntnis ermöglicht. >Erfahrung/Dilthey.
Gadamer I 228
(...) nicht, wie überhaupt Zusammenhang erlebbar und erkennbar wird, ist das Problem der Geschichte, sondern wie auch solche Zusammenhänge erkennbar sein sollen, die niemand als solche erlebt hat. Immerhin kann kein Zweifel sein, wie sich Dilthey die Aufklärung dieses Problems vom Phänomen des Verstehens aus dachte. Verstehen ist Verstehen von Ausdruck. Im Ausdruck ist das Ausgedrückte in anderer Weise da, als die
Gadamer I 229
Ursache in der Wirkung. Es ist im Ausdruck selbst gegenwärtig und wird verstanden, wenn der Ausdruck verstanden wird.
Gadamer I 234
Dilthey selbst hat darauf hingewiesen, dass wir nur geschichtlich erkennen, weil wir selber geschichtlich sind. Das sollte eine erkenntnistheoretische Erleichterung sein.
Gadamer I 235
GadamerVsDilthey: Aber kann es das sein? Ist Vicos oft genannte Formel denn überhaupt richtig? Überträgt sie nicht eine Erfahrung des menschlichen Kunstgeistes auf die geschichtliche Welt, in der man von „Machen“ d. h. von Planen und Ausführen angesichts des Laufs der Dinge überhaupt nicht reden kann? Wo soll hier die erkenntnistheoretische Erleichterung herkommen? Ist es nicht in Wahrheit eine Erschwerung? Muss nicht die geschichtliche Bedingtheit des Bewusstseins eine unüberwindliche Schranke darfür darstellen, dass es sich in geschichtlichem Wissen vollendet? >Historisches Bewusstsein/Dilthey, >Geist/Dilthey, >Philosophie/Dilthey, >Erkenntnistheorie/Gadamer.


1. Dilthey, Ges. Schriften Vll, 281.
2. Ges. Schriften Vll, 278.
3. a.a.O. (GadamerVsDilthey: Aber wer macht eigentlich die Geschichte?)

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Fragen Gadamer I 304
Frage/Gadamer: Das erste, womit das Verstehen beginnt, ist, (...) dass etwas uns anspricht. Das ist die oberste aller hermeneutischen Bedingungen. Wir wissen jetzt, was damit gefordert ist: eine grundsätzliche Suspension der eigenen Vorurteile. Alle Suspension von Urteilen aber, mithin und erst recht die von Vorurteilen, hat, logisch gesehen, die Struktur der Frage. Das Wesen der Frage ist das Offenlegen und Offenhalten von Möglichkeiten. Wird ein >Vorurteil fraglich (...)
so heißt dies mithin nicht, dass es einfach beiseite gesetzt wird und der andere oder das Andere sich an seiner Stelle unmittelbar zur Geltung bringt.
GadamerVsHistorismus/VsObjektivismus: Das ist vielmehr die Naivität des historischen >Objektivismus, ein solches Absehen von sich selbst anzunehmen. In Wahrheit wird das eigene
Vorurteil dadurch recht eigentlich ins Spiel gebracht, dass es selber auf dem Spiele steht. Nur indem es sich ausspielt, vermag es den Wahrheitsanspruch des anderen überhaupt zu erfahren und ermöglicht ihm, dass er sich auch ausspielen kann. Vgl. >Historismus, >Verstehen/Gadamer, >Hermeneutik/Gadamer.
Historismus/Gadamer: Die Naivität des sogenannten Historismus besteht darin, dass er sich einer
solchen Reflexion entzieht und im Vertrauen auf die Methodik seines Verfahrens seine eigene Geschichtlichkeit vergisst.

I 368
Frage/Gadamer: Dass in aller Erfahrung die Struktur der Frage vorausgesetzt ist, liegt auf der Hand. Man macht keine Erfahrung ohne die Aktivität des Fragens. Die Erkenntnis, dass die Sache anders ist und nicht so, wie man zuerst glaubte, setzt offenbar den Durchgang durch die Frage voraus, ob es so oder so ist. Die Offenheit, die im Wesen der Erfahrung liegt, ist logisch gesehen eben diese Offenheit des so oder so. Sie hat die Struktur der Frage. Und wie die dialektische Negativität der Erfahrung in der Idee einer vollendeten Erfahrung ihre Perfektion fand, in der wir unserer Endlichkeit und Begrenztheit im ganzen inne sind, so findet auch die logische Form der Frage und die ihr einwohnende Negativität ihre Vollendung In einer radikalen Negativität,
dem Wissen des Nichtwissens. Es ist die berühmte sokratische docta ignorantia, die in der äußersten Negativität der Aporie die wahre Überlegenheit des Fragens eröffnet.
Sinn: Im Wesen der Frage liegt, dass sie einen Sinn hat. Sinn aber ist Richtungssinn. Der Sinn der Frage ist mithin die Richtung, in der die Antwort allein erfolgen kann, wenn sie sinnvolle, sinngemäße Antwort sein will. Mit der Frage wird das Befragte in eine bestimmte Hinsicht gerückt. Das Aufkommen einer Frage bricht gleichsam das Sein des Befragten auf. Der Logos, der
dieses aufgebrochene Sein entfaltet, ist insofern immer schon Antwort.
Sokrates/Platon: Es gehört zu den größten Einsichten, die uns die platonische Sokratesdarstellung vermittelt, dass das Fragen - ganz im Gegensatz zu der allgemeinen Meinung - schwerer ist als das Antworten.
Gadamer I 369
Um fragen zu können, muss man wissen wollen, d. h, aber: wissen, dass man nicht weiß. Die Offenheit des Gefragten besteht in dem Nichtfestgelegtsein der Antwort. Jede Frage vollendet erst ihren Sinn im Durchgang durch solche Schwebe, in der sie eine offene Frage wird. Jede echte Frage verlangt diese Offenheit. Fehlt ihr dieselbe, so ist sie im Grunde eine Scheinfrage, die keinen echten Fragesinn hat. Nun ist die Offenheit der Frage keine uferlose. Sie schließt vielmehr die bestimmte Umgrenzung durch den Fragehorizont ein. Eine Frage, die desselben ermangelt, geht ins Leere. Sie wird erst zu einer Frage, wenn die fließende Unbestimmtheit der Richtung, in die sie weist, ins Bestimmte eines so oder so gestellt wird.
Falsche Frage: Falsch nennen wir eine Fragestellung, die das Offene nicht erreicht, sondern dasselbe durch Festhalten falscher Voraussetzungen verstellt. Als Frage täuscht sie Offenheit und Entscheidbarkeit vor. Wo aber das Fragliche nicht - oder nicht richtig - abgehoben ist gegen die Voraussetzungen, die wirklich feststehen, dort ist es nicht wahrhaft ins Offene gebracht und dort kann daher auch nichts entschieden werden.
I 370
Schiefe Frage: Wir nennen sie nicht falsch, sondern schief, weil immerhin eine Frage dahinter steckt, d. h. ein Offenes gemeint wird - das aber nicht in der Richtung liegt, die die gestellte Frage eingeschlagen hat. Das Schiefe einer Frage besteht darin, dass die Frage keinen wirklichen Richtungssinn einhält und daher keine Antwort ermöglicht. Ähnlich sagen wir von Behauptungen, die nicht ganz falsch, aber auch nicht richtig sind, dass sie schief sind.
I 372
Einfall: Jeder Einfall hat die Struktur der Frage. Der Einfall der Frage aber ist bereits der Einbruch in die geebnete Breite der verbreiteten Meinung. (>Doxa/Platon). Auch von der Frage sagen wir daher, dass sie einem kommt, dass sie sich erhebt oder sich stellt - viel eher als dass wir sie erheben oder stellen. Erfahrung: Wir sahen schon, dass die Negativität der Erfahrung logisch gesehen die Frage impliziert, In der Tat ist es der Anstoß, den dasjenige darstellt, das sich der Vormeinung nicht einfügt, durch den wir Erfahrungen machen. Auch das Fragen ist daher mehr ein Erleiden als ein Tun. Die Frage drängt sich auf. Es lässt sich ihr nicht länger ausweichen und bei der gewohnten Meinung
verharren. Vgl. >Frage und Antwort/Collingwood.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Freiheit Ranke Gadamer I 207
Freiheit/Notwendigkeit/Geschichte/Ranke/Gadamer: Teleologie [der Geschichte] ist nicht vom philosophischen Begriff her erweislich. Sie macht die Weltgeschichte nicht zu einem apriorischen System, in das die Akteure wie in einen sie bewusstlos steuernden Mechanismus eingestellt sind. (Vgl. >Universalgeschichte/Ranke, >Geschichte/Historismus).
Sie ist vielmehr mit der Freiheit des Handelns wohl verträglich. Ranke kann geradezu sagen, dass die konstruktiven Glieder des geschichtlichen
I 208
Zusammenhanges, "Szenen der Freiheit" sind(1). Diese Wendung meint, dass es im unendlichen Geflecht der Ereignisse bestimmte herausgehobene Auftritte gibt, in denen sich die geschichtlichen Entscheidungen gleichsam konzentrieren. Entschieden wird zwar überall, wo aus Freiheit gehandelt wird, aber daß mit solcher Entscheidung wirklich etwas entschieden wird, das heißt, dass eine Entscheidung Geschichte macht und in ihrer Wirkung erst ihre volle und dauerhafte Bedeutung offenbart, ist die Auszeichnung wahrhaft geschichtlicher Augenblicke. Sie geben dem geschichtlichen Zusammenhang seine Artikulation. Wir nennen solche Augenblicke, in denen ein freies Handeln geschichtlich entscheidend wird, epochemachende Augenblicke oder auch Krisen, und die Individuen, deren Handeln so entscheidend wird, kann man mit Hegel „weltgeschichtliche Individuen“ nennen. Ranke sagt dafür »originale Geister, die in den Kampf der Ideen und Weltmächte selbständig eingreifen, die mächtigsten derselben, auf denen die Zukunft beruht, zusammenfassen«. Gadamer: Das ist Geist vom Geiste Hegels.
Freiheit/Zusammenhang der Geschichte/Ranke: »Gestehen wir ein, dass die Geschichte nie die Einheit eines philosophischen Systems haben kann; aber ohne inneren Zusammenhang ist sie nicht. Vor uns sehen wir eine Reihe von aufeinanderfolgenden einander bedingenden Ereignissen. Wenn ich sage: bedingen, so heißt das freilich nicht durch absolute Notwendigkeit. Das Große ist vielmehr, daß die menschliche Freiheit überall in Anspruch genommen wird: die Historie verfolgt die Szenen der Freiheit; das macht ihren größten Reiz aus. Zur Freiheit aber gesellt sich die Kraft, und zwar ursprüngliche Kraft; ohne diese hört jene in den Weltereignisssen sowohl, wie auf dem Gebiete der Ideen auf. Jeden Augenblick kann wieder etwas Neues beginnen, das nur auf die erste und gemeinschaftliche Quelle alles menschlichen Tuns und Lassens zurückzuführen ist; nichts ist ganz um des anderen willen da; keines geht ganz in der Realität des anderen auf. Aber dabei waltet doch auch ein tiefer inniger Zusammenhang ob, von dem niemand ganz unabhängig ist, der überall eindringt.
Notwendigkeit/Ranke: Der Freiheit zur Seite besteht die Notwendigkeit. Sie liegt in dem bereits Gebildeten, nicht wieder Umzustoßenden, welches die Grundlage aller neu emporkommenen Tätigkeit ist. Das Gewordene konstituiert den Zusammenhang mit dem Werdenden. Aber auch dieser Zusammenhang selbst ist nichts willkürlich Anzunehmendes, sondern er war auf eine bestimmte Weise, so und so, nicht anders. Er ist ebenfalls ein Objekt der Erkenntnis. Eine längere Reihe von Ereignissen - nacheinander und
Gadamer I 209
nebeneinander auf solche Weise miteinander verbunden, bildet ein Jahrhundert, eine Epoche...“(2).

1. Ranke, Weltgeschichte IX, S. XIV.
2. a.a.O. S. XIIIf.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Fundamentalontologie Heidegger Gadamer I 259
Fundamentalontologie/Heidegger/Gadamer: Unter dem Stichwort einer „Hermeneutik der Faktizität“ stellte Heidegger der eidetischen Phänomenologie Husserls und der Unterscheidung von Tatsache und Wesen, auf der sie beruhte, eine paradoxe Forderung entgegen. Vgl. >Leben/Husserl. Heidegger: Die unbegründbare und unableitbare Faktizität des Daseins, die Existenz, und nicht das reine cogito als Wesensverfassung von typischer Allgemeinheit, sollte die ontologische Basis der
phänomenologischen Fragestellung darstellen (...).
Gadamer I 261
Gadamer: Das Problem der Faktizität war ja auch das Kernproblem des Historismus - mindestens in der Form der Kritik an Hegels dialektischer Voraussetzung von „Vernunft in der Geschichte«. Dass Heideggers Entwurf einer Fundamentalontologie das Problem der Geschichte in den Vordergrund stellen musste, war also klar. Doch sollte sich bald zeigen, dass nicht die Lösung des Problems des Historismus, dass überhaupt keine ursprünglichere Begründung der Wissenschaften, ja auch nicht wie bei Husserl, eine letztradikale Selbstbegründung der Philosophie den Sinn dieser Fundamentalontologie ausmachte, sondern daß der Begründungsgedanke selbst eine völlige Umkehrung erfuhr.
HeideggerVsHusserl: Es war nicht mehr das gleiche, was es bei Husserl war, wenn Heidegger aus der absoluten Zeitlichkeit Sein, Wahrheit und Geschichte zu interpretieren unternahm. Denn diese Zeitlichkeit war nicht die des Oder des transzendentalen Ur-Ich. Zwar klang es im Gedankenzuge von „Sein und Zeit“ zunächst nur wie eine Steigerung der transzendentalen Reflexion, wie Erreichung einer höheren Reflexionsstufe, wenn sich die Zeit als der Horizont des Seins enthüllte. Die ontologische Bodenlosigkeit der transzendentalen Subjektivität, die Heidegger Husserls Phänomenologie vorwarf, war es ja, die durch die Wiedererweckung der Seinsfrage überwunden zu werden schien. Was Sein heißt, sollte sich aus dem Horizont der Zeit bestimmen. Die Struktur der Zeitlichkeit erschien so als die ontologische Bestimmung der Subjektivität. Aber sie war mehr.
Heideggers These war: Das Sein selber ist Zeit.

Hei III
Martin Heidegger
Sein und Zeit Tübingen 1993

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Geschichte Benjamin Norbert Bolz, Willem van Reijen, Walter Benjamin Frankfurt 1991
I 15
Geschichte/Benjamin: Geschichte ist bei Benjamin mit Ästhetik verschränkt. Geschichte: Nicht Erlösung in der Geschichte, sondern von ihr!
I 34
Geschichte/Benjamin: antithetisch zur "messianischen Intensität des Herzens" aber so, dass "eine Kraft auf ihrem Weg eine andere auf entgegengesetzt gerichtetem Weg zu befördern vermag." Konzeption einer weltlichen "restitutio in integrum" die allem Naturhaften die Züge des ewigen Untergangs aufprägt. An diese"totalen Vergängnis" von Naturarbeit Benjamins "Weltpolitik, deren Methode Nihilismus zu heißen hat".
I 38
Geschichte/Benjamin: Dem politisch theologischen Blick stellt sich die Vergangenheit unabgeschlossen dar. Als ob der Eingedenkende selbst das Subjekt der Vergangenheit sei. Erwachen aus dem kapitalistischen Traum. Die politisch-theologischen Kategorien lassen den Fluss der Geschichte erstarren. In dessen Innerem bildet sich als kristalline Konstellation Geschichte. Ewig aktuell in der Geschichte ist das Skandalum. Für die Erniedrigten und Beleidigten gibt es keine Befreiung, sondern nur Erlösung.
I 75
Geschichte/Benjamin: "Traum, den wir Gewesenes nennen". Aus ihm müssen wir erwachen. Modernität: nichts anderes als die geschichtsblinde Traumform der Zeit.
I 77
BenjaminVsHistorismus: hat keine Begriff von Aktualität. Erzählt Vergangenes und verstellt dabei die Möglichkeit, es als Gewesenes zu vergegenwärtigen. Kein kritisches Verhältnis zur Gegenwart. Siegfried Giedion: "historisierende Maske": Charakterisierung von Interieurs, Ausstellungen und Museen des 19. Jahrhunderts.
Frage: "Was ist uns verwandt"? damit sucht Benjamin ein taktiles Verhältnis zum 19. Jahrhundert herzustellen. Antwort: "materialistische Besinnung auf das Nächste".
I 79
Geschichte/Alois Riegl/Bolz: Was man Grenzfallhistorik nennen könnte, bilde den Begriff der Notwendigkeit nicht am Geschichtsverlauf, sondern am Extrem.

Geschichte Historismus Gadamer I 205
Geschichte/Historismus/Gadamer: Die gemeinsame Grundannahme aller Vertreter dieser historischen Weltansicht, Rankes wie Droysens wie Diltheys, besteht darin, daß die Idee, das Wesen, die Freiheit in der geschichtlichen Wirklichkeit keinen vollständigen und adäquaten Ausdruck findet. Das ist nun nicht im Sinne eines bloßen Mangels oder Zurückbleibens zu verstehen. Vielmehr entdecken sie darin das konstitutive Prinzip der Geschichte selbst, dass die Idee in der Geschichte immer nur eine unvollkommene Repräsentation hat. Nur weil dem so ist, bedarf es statt der Philosophie der historischen Forschung, den Menschen über sich selbst und seine Stellung in der Welt zu belehren. Die Idee einer Geschichte, die reine Repräsentation der Idee wäre, bedeutete in einem den Verzicht auf sie als einen eigenen Wahrheitsweg. Gadamer: Indessen ist auch die Leugnung eines solchen apriorischen, ungeschichtlichen Maßstabs, die am Anfang der historischen Forschung des 19. Jahrhunderts steht, nicht so frei von metaphysischen Voraussetzungen, wie sie sich glaubt und wie sie behauptet, wenn sie sich als wissenschaftliche Forschung versteht. Das lässt sich an der Analyse der leitenden Begriffe dieser historischen Weltansicht zeigen. Zwar sind diese Begriffe ihrer eigenen Intention nach gerade darauf gerichtet, die Vorgreiflichkeit einer aprioristischen Geschichtskonstruktion zu korrigieren. Aber indem sie sich gegen den idealistischen Begriff des Geistes polemisch richten, bleiben sie doch auf ihn bezogen. >Geschichte/Dilthey.
Historismus/Gadamer: Geschichtliche Wirklichkeit ist aber (...) nicht ein bloßes trübes Medium, geistwidriger Stoff, starre Notwendigkeit, an der sich der Geist bricht und in deren Fesseln er erstickt. Solche gnostisch-neuplatonische Einschätzung des Geschehens als des Hervorgangs in die äußere Erscheinungswelt wird dem metaphysischen Seinswert der Geschichte und damit dem Erkenntnisrang der historischen Wissenschaft ebenfalls nicht gerecht. Gerade die Entfaltung des menschlichen Wesens in der Zeit hat ihre eigene
Gadamer I 206
Produktivität. Es ist die Fülle und Mannigfaltigkeit des Menschlichen, die sich in dem unendlichen Wechsel der menschlichen Geschicke zu steigender Wirklichkeit bringt. So etwa ließe sich die Grundannahme der historischen Schule formulieren. Ihr Zusammenhang mit dem Klassizismus der Goethezeit ist nicht zu übersehen. Was hier leitend ist, ist im Grunde ein humanistisches Ideal. Wilhelm von Humboldt hatte die spezifische Vollendung des Griechentums in dem Reichtum großer individueller Formen gesehen, den es aufweist. Nun sind die großen Historiker auf ein solches klassizistisches Ideal gewiss nicht einzuengen. Sie folgten vielmehr >Herder.
Gadamer: Aber was tut die an Herder anknüpfende historische Weltansicht, die keinen Vorzug eines klassischen Zeitalters mehr kennt, anderes, als dass sie nun das Ganze der Weltgeschichte unter dem gleichen Maßstab sieht, den Wilhelm von Humboldt gebraucht hatte, um den Vorzug des klassischen Altertums zu begründen? Reichtum an individuellen Erscheinungen ist nicht nur die Auszeichnung des griechischen Lebens, es ist die Auszeichnung des geschichtlichen Lebens überhaupt, und das ist es, was den Wert und Sinn der Geschichte ausmacht.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Geschichte Nietzsche Höffe I 375
Geschichte/Nietzsche/Höffe: Nietzsche(1) gibt einem Grundphänomen des Politischen, dem Streben nach Macht, eine umfassendere, zugleich tiefere Bedeutung. Er unterwirft nämlich die gesamte menschliche Kultur, hier exemplarisch die Geschichtsbetrachtung, dem Prinzip der Steigerung des Lebens: Als Wille zur Macht muss das Leben sich ständig überwinden und produktiv über Sich selbst hinauswachsen. Mit dem Grundsatz: «Nur soweit die Historie dem Leben dient, wollen wir ihr dienen» (Vorwort), führt Nietzsche drei Arten einer lebensdienlichen Historie
ein: die «monumentalische Historie» (2. Kap.), die dem «Tätigen und Streben-
den» «Vorbilder, Lehrer, Tröster» liefert; die «antiquarische Historie» (3. Kap.),
die «dem Bewahrenden und Verehrenden» erlaubt, «mit Treue und Liebe» auf
seine Herkunft zurückzublicken; schließlich die «kritische Historie», die «dem
Leidenden und der Befreiung Bedürftigen» die Kraft schenkt, eine Vergangenheit
nach einer peinlichen Prüfung am Ende zu verurteilen (ebd.).
1m Sinne des stillschweigenden Motivs vom Willen zur Macht warnt
Höffe I 376
Nietzsche vor Übersättigung mit Historie, da sie in fünffacher Hinsicht dem Leben schade:
(1) Durch den Kontrast von Innerlich und Äußerlich schwächt sie die
Persönlichkeit;
(2) sie nährt die Illusion, die höchst seltene Tugend, die Gerechtigkeit, besäße die Gegenwart in höherem Maß als jede andere Zeit;
(3) sie stört «die Instinkte des Volkes», womit sowohl der Einzelne als auch das Ganze «am
Reifwerden verhindert» wird;
(4) es wird der schädliche «Glaube, Spätling und Epigone zu sein» gepflanzt; und
(5) implizit NietzscheVsHegel: eine Epoche gerät in die Verherrlichung der Gegenwart als Vollendung der Weltgeschichte.
Höffe: Mit Kants Gedanke der Geschichte als einem zur Zukunft hin offenen Rechtsfortschritt setzt sich Nietzsche nicht auseinander.


1. F. Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen II: «Vom Nutzen und Nachteil der
Historie für das Leben» (1874)



Ries II 36
Geschichte/NietzscheVs: VsHistorismus VsTeleologie, Vs teleologische Sinndeutung
Ries II 38
Geschichte/NietzscheVsStrauß, Friedrich David: Strauß‘ »Leben Jesu« (1835) hatte den jungen Nietzsche einst begeistert. Das erste Stück der unzeitgemäßen Betrachtungen richtet sich gegen ihn.
Ries II 39/40
Geschichte/Unzeitgemäße Betrachtungen /Nietzsche: Zweites Stück: »Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben«: die Unmittelbarkeit des Lebens setzt sich »zuinnerst« dem historischen Wissen entgegen. Jene »Unmittelbarkeit« ist im Vergessen garantiert.
Geschichte/Unzeitgemäße Betrachtungen/NietzscheVsHistorismus: gegen die unreflektierte ideologische Implikation einer Philosophie, deren wissenschaftstheoretisches Postulat einer Trennung von Theorie und Praxis die Anpassung an das Tatsächliche verschleiert.
Ries II 42
Es ist unmöglich, aus der Geschichte als der bloßen Abfolge ihrer Begebenheiten eine Notwendigkeit des Geschehens nachzuweisen. Wissenschaftlicher Anspruch auf Erkennbarkeit eines Weges muss aufgegeben werden. Auch der Gedanke an einen Fortschritt!
Ries II 43
Geschichtskonstruktion versucht die Sinnlosigkeit des Todes zu eliminieren.

Nie I
Friedrich Nietzsche
Sämtliche Werke: Kritische Studienausgabe Berlin 2009

Nie V
F. Nietzsche
Beyond Good and Evil 2014

Ries II
Wiebrecht Ries
Nietzsche zur Einführung Hamburg 1990
Geschichte Vico Gadamer I 226
Geschichte/Natur/Vico/Gadamer: Vico [hat] im Gegenschlag zu dem cartesianischen Zweifel und der durch ihn begründeten Gewissheit mathematischer Erkenntnis der Natur den erkenntnistheoretischen Primat der von den Menschen gemachten Welt der Geschichte behauptet (…).
Gadamer I 231
Dilthey: Der alte Vorzug, den schon Vico den geschichtlichen Gegenständen zusprach, begründet nach Dilthey die Universalität, mit der das Verstehen sich der geschichtlichen Welt bemächtigt. Gadamer: Die Frage ist jedoch, ob auf dieser Basis der Übergang vom psychologischen zum hermeneutischen Standpunkt wirklich gelingt oder ob sich Dilthey dabei in Problemzusammenhänge verstrickt, die ihn in eine ungewollte und uneingestandene Nähe zum spekulativen Idealismus bringen.
Gadamer I 235
GadamerVsVico: Ist Vicos oft genannte Formel [von der “erkenntnistheoretischen Erleichterung”] (…) überhaupt richtig? Überträgt sie nicht eine Erfahrung des menschlichen Kunstgeistes auf die geschichtliche Welt, in der man von „Machen“ d. h. von Planen und Ausführen angesichts des Laufs der Dinge überhaupt nicht reden kann? Wo soll hier die erkenntnistheoretische Erleichterung herkommen? Ist es nicht in Wahrheit eine Erschwerung? Muss nicht die geschichtliche Bedingtheit des Bewusstseins eine unüberwindliche Schranke dafür darstellen, dass es sich in geschichtlichem Wissen vollendet?
Gadamer I 378
Historismus/Gadamer: Es ist die Verführung des Historismus, in [einer] Reduktion die Tugend der Wissenschaftlichkeit zu sehen und im Verstehen eine Art von Rekonstruktion zu erblicken, die die Entstehung des Textes gleichsam wiederholt, Er folgt damit dem uns aus der Naturerkenntnis
Gadamer I 379
bekannten Erkenntnisideal, wonach wir einen Vorgang erst dann verstehen, wenn wir ihn künstlich herbeiführen können. GadamervsVico: der Satz von Vico ist [fragwürdig], demzufolge dieses Ideal seine reinste Erfüllung in der Geschichte findet, weil dort der Mensch seiner eigenen menschlich-geschichtlichen Wirklichkeit begegne. Wir haben dagegen betont, dass ein jeder Historiker und Philologe mit
der grundsätzlichen Unabschließbarkeit des Sinnhorizontes rechnen muss. >Horizont/Gadamer, >Erfahrung/Gadamer.

Vico I
Giambattista Vico
Prinzipien einer neuen Wissenschaft über die gemeinsame Natur der Völker Hamburg 2009

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Geschichte Winckelmann Gadamer I 204
Geschichte/Aufklärung/Antike/Winckelmann/Gadamer: Seine „Geschichte der Kunst des Altertums“ war zwar unverkennbar mehr als eine historische Darstellung. Sie war Kritik der Gegenwart und war ein Programm. Aber kraft der Zweideutigkeit, die aller Gegenwartskritik anhaftet, bedeutet die Verkündung der Vorbildlichkeit der griechischen Kunst, die der eigenen Gegenwart ein neues Ideal aufrichten sollte, dennoch einen echten Schritt zu geschichtlicher Erkenntnis. Die Vergangenheit, die hier der Gegenwart als Muster vorgehalten wird, erweist sich gerade dadurch als eine unwiederholbar einmalige, daß man die Ursachen für ihr So-sein erforscht und erkennt. >Aufklärung/Herder, >Historismus/Gadamer, >Geschichte/Gadamer.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Geschichtsschreibung Dilthey Gadamer I 202
Geschichtsschreibung/Historische Schule/Historismus/Dilthey/Gadamer: Mit [der] Übertragung der Hermeneutik auf die Historik ist Dilthey (...) nur der Interpret der historischen Schule. Er formuliert das, was Ranke und Droysen selber im Grunde denken. So war also die romantische Hermeneutik und ihr Hintergrund, die pantheistische Metaphysik der Individualität, für die theoretische Besinnung der Geschichtsforschung des 19. Jahrhunderts bestimmend. Gadamer: Das ist für das Schicksal der Geisteswissenschaften und die Weltansicht der historischen Schule verhängnisvoll geworden. Vgl. >Geschichte/Hegel.
SchleiermacherVsHegel/Gadamer: Schleiermachers Individualitätsbegriff, der mit dem Anliegen der Theologie, der Ästhetik und der Philologie so gut zusammenging, war eben eine kritische Instanz gegen die apriorische Konstruktion der Philosophie der Geschichte, und bot den geschichtlichen Wissenschaften zugleich eine methodische Orientierung, die sie nicht minder als die Naturwissenschaften auf Forschung, d. h. auf die alleinige Grundlage fortschreitender Erfahrung, verwies. Der Widerstand gegen die Philosophie der Weltgeschichte trieb sie so in das Fahrwasser der Philologie. Es war ihr Stolz, dass sie den Zusammenhang
Gadamer I 203
der Weltgeschichte nicht teleologisch, nicht im Stile der vorromantischen oder nachromantischen Aufklärung von einem Endzustande her dachte, der gleichsam das Ende der Geschichte, ein jüngster Tag der Weltgeschichte wäre. Vielmehr gibt es für sie kein Ende und Außerhalb der Geschichte. Das Verständnis des gesamten Verlaufs der Universalgeschichte kann daher nur aus der geschichtlichen Überlieferung selbst gewonnen werden. Eben das aber ist der Anspruch der philologischen Hermeneutik, daß der Sinn eines Textes aus ihm selbst verstanden werden kann. Die Grundlage der Historik ist also die Hermeneutik. >Hermeneutik/Dilthey, >Universalgeschichte/Dilthey.

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Hermeneutik Dilthey Gadamer I 180
Hermeneutik/Dilthey/Gadamer: [Zur theologischen, insbesondere lutherischen Bibelinterpretation]: (…) die reformatorische Theologie erscheint nicht (…) als konsequent. Indem sie schließlich die protestantischen Glaubensformeln als Leitfaden für das Verständnis der Einheit der Bibel in Anspruch nimmt, hebt auch sie das Schriftprinzip auf zugunsten einer allerdings kurzfristigen reformatorischen Tradition. So hat darüber nicht nur die gegenreformatorische Theologie, sondern auch Dilthey geurteilt(1). Er glossiert diese Widersprüche der protestantischen Hermeneutik aus dem vollen Selbstgefühl der historischen Geisteswissenschaften heraus. Entwicklung der Diltheyschen Hermeneutik: Erst einmal musste sich die Hermeneutik
aus aller dogmatischen Beschränkung lösen und zu sich selbst befreien, um zu der universalen Bedeutung eines historischen Organon aufzusteigen. Das geschah im 18. Jahrhundert, als Männer wie Semler und Ernesti erkannten, dass ein adäquates Verständnis der Schrift die Anerkennung der
Verschiedenheit ihrer Verfasser, also die Preisgabe der dogmatischen Einheit des Kanon voraussetzt. Mit dieser »Befreiung der Auslegung vom „Dogma« (Dilthey) rückte die Sammlung der Heiligen Schriften der Christenheit in die Rolle einer Sammlung historischer Quellen, die als Schrift-
werke nicht nur einer grammatischen, sondern zugleich auch einer historischen Interpretation unterworfen werden mussten(2).
DiltheyVsTradition: Der alte Auslegungsgrundsatz, das Einzelne aus dem Ganzen zu verstehen, war nun nicht mehr auf die dogmatische Einheit des Kanons bezogen und beschränkt, sondern ging auf das Umfassende der geschichtlichen
Gadamer I 181
Wirklichkeit, zu deren Ganzheit das einzelne historische Dokument gehört. Gadamer: (…) wie es nunmehr keinen Unterschied mehr gibt zwischen der Interpretation heiliger oder profaner Schriften und damit nur eine Hermeneutik existiert, so ist diese Hermeneutik am Ende nicht nur eine propädeutische Funktion aller Historik als Kunst der rechten Auslegung schriftlicher Quellen, sondern übergreift noch das ganze Geschäft der Historik selbst.
Denn was von den schriftlichen Quellen gilt, dass jeder Satz in ihnen nur aus dem Zusammenhang verstanden werden könne, das gilt auch von den Inhalten, die sie berichten. Auch deren Bedeutung steht nicht für sich fest. Der weltgeschichtliche Zusammenhang, in dem sich die Einzelgegenstände
der historischen Forschung, große wie kleine, in ihrer wahren relativen Bedeutung zeigen, ist selbst ein Ganzes, von dem aus alles Einzelne in seinem Sinn erst voll verstanden wird und das umgekehrt erst von diesen Einzelheiten aus voll verstanden werden kann.
Gadamer I 182
Tradition: An sich ist die Geschichte des Verstehens schon seit den Tagen der antiken Philologie von theoretischer Reflexion begleitet. Aber diese Reflexionen haben den Charakter einer „Kunstlehre“, d. h. sie wollen der Kunst des Verstehens dienen, wie etwa die Rhetorik der Redekunst, die Poetik der Dichtkunst und ihrer Beurteilung dienen wollen. In diesem Sinne war auch die theologische Hermeneutik der Patristik und die der Reformation eine Kunstlehre. DiltheyVsTradition/Gadamer: Jetzt aber wird das Verstehen als solches gemacht. ((s) VsDilthey: Vgl. >Hermeneutik/Schleiermacher.)
Gadamer I 202
Hermeneutik/Dilthey/Gadamer: Die historische Interpretation vermag als Mittel zum Verständnis eines gegebenen Textes dienen, wenngleich sie in anderer Interessenwendung in ihm eine bloße Quelle sieht, die sich dem Ganzen der historischen Überlieferung eingliedert. In klarer methodischer Reflexion finden wir das freilich weder bei Ranke noch bei dem scharfen Methodologen Droysen ausgesprochen, sondern erst bei Dilthey, der die romantische Hermeneutik bewusst aufgreift und zu einer historischen Methodik, ja zu einer Erkenntnistheorie der Geisteswissenschaften ausweitet. Ditlhey: Nicht nur die Quellen begegnen als Texte, sondern die geschichtliche Wirklichkeit selbst ist ein zu verstehender Text. Mit dieser Übertragung der Hermeneutik auf die Historik ist Dilthey aber nur der Interpret der historischen Schule. Er formuliert das, was Ranke und Droysen selber im Grunde denken.
Historische Schule/Dilthey/HegelVsHistorismus/Gadamer: Wir werden noch sehen, dass Hegels
Philosophie der Weltgeschichte, gegen die sich die historische Schule auflehnte (DiltheyVsHegel), die Bedeutung der Geschichte für das Sein des Geistes und die Erkenntnis der Wahrheit ungleich tiefer erkannt hat als die großen Historiker, die ihre Abhängigkeit von ihm sich nicht eingestehen wollten.

Gadamer I 245
Hermeneutik/Dilthey/Gadamer: Wie wir bei Schleiermacher sahen, ist das Vorbild seiner Hermeneutik das im Verhältnis vom Ich zum Du erreichbare kongeniale Verstehen.. Die Meinung des Autors ist aus seinem Text unmittelbar zu ersehen. Der Interpret ist mit seinem Autor absolut gleichzeitig. Das ist der Triumph der philologischen Methode, vergangenen Geist so als gegenwärtigen, fremden als vertrauten zu erfassen. Dilthey: Dilthey ist von diesem Triumph ganz und gar durchdrungen. Er gründet darauf die Ebenbürtigkeit der Geisteswissenschaften. Wie die naturwissenschaftliche Erkenntnis stets ein Gegenwärtiges aufeinen in ihm gelegenen Aufschluss befragt, so befragt der Geisteswissenschaftler Texte. Damit glaubte Dilthey den Auftrag zu erfüllen, den er als den seinen empfand, die Geisteswissenschaften erkenntnistheoretisch zu rechtfertigen, indem er die geschichtliche Welt wie einen zu entziffernden Text dachte. >Text/Dilthey.



1. Vgl. Dilthey II, 126 Anm. 3 die von Richard Simon an Flacius geübte Kritik.
2. Semler, der diese Forderung stellt, meint damit freilich noch dem Heilssinn der Bibel zu dienen, sofern der historisch Verstehende »nun auch imstande ist, von diesen Gegenständen auf eine solche Weise jetzt zu reden, als es die veränderte Zeit und andere Umstände der Menschen neben uns erfordern« (zitiert nach G. Ebeling, RGG3 Hermeneutik) also Historie im Dienste der applicatio.

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Hermeneutik Heidegger Gadamer I 259
Hermeneutik/Heidegger/Gadamer: Unter dem Stichwort einer „Hermeneutik der Faktizität“ stellte Heidegger der eidetischen Phänomenologie Husserls und der Unterscheidung von Tatsache und Wesen, auf der sie beruhte, eine paradoxe Forderung entgegen. Vgl. >Leben/Husserl. Heidegger: Die unbegründbare und unableitbare Faktizität des Daseins, die Existenz, und nicht das reine cogito als Wesensverfassung von typischer Allgemeinheit, sollte die ontologische Basis der
phänomenologischen Fragestellung darstellen (...).
Vorgeschichte/Gadamer: Die kritische Seite dieses Gedankens war gewiss nicht schlechthin neu. Sie
war schon in der Weise einer Kritik am Idealismus von den Junghegelianern gedacht worden, und insofern ist es kein Zufall, dass der aus der geistigen Krise des Hegelianismus stammende Kierkegaard wie von anderen Kritikern des neukantianischen Idealismus so auch von Heidegger damals aufgegriffen wurde. Auf der anderen Seite sah sich aber diese Kritik am Idealismus damals wie heute dem umfassenden Anspruch der transzendentalen Fragestellung gegenüber. Sofern die transzendentale Reflexion kein mögliches Motiv des Gedankens in der Entfaltung des Inhalts des Geistes ungedacht lassen wollte - und das war seit Hegel der Anspruch der Transzendentalphilosophie -, hatte sie jeden möglichen Einwand in die totale Reflexion des Geistes immer schon einbezogen.
HusserlVsHeidegger: (...) Husserl [konnte] das In-der-Welt-sein als ein Problem der
Horizontintentionalität des transzendentalen Bewusstseins anerkennen, denn die absolute Historizität der transzendentalen Subjektivität musste auch den Sinn von Faktizität auszuweisen vermögen. Daher hatte Husserl in konsequentem Festhalten an seiner Leitidee des Ur-Ich sogleich gegen Heidegger einwenden können, dass der Sinn von Faktizität selber ein Eidos ist, also wesensmäßig der eidetischen Sphäre der Wesensallgemeinheiten angehöre.(1)
Gadamer I 264
Verstehen/HeideggerVsDilthey/HeideggerVsHusserl: Verstehen (...) ist die ursprüngliche Vollzugsform des Daseins, das In-der-Weltsein (...). >Historismus/Heidegger.
Gadamer I 267
Hermeneutik/Heidegger/Gadamer: [es ist die ] Frage, ob aus der ontologischen Radikalisierung, die Heidegger gebracht hat, etwas für den Aufbau einer historischen Hermeneutik gewonnen werden kann. Heideggers Absicht selber war gewiss eine andere, und man muss sich hüten, aus seiner existenzialen Analyse der Geschichtlichkeit des Daseins voreilige Konsequenzen zu ziehen. Die existenziale Analytik des Daseins schließt nach Heidegger kein bestimmtes geschichtliches Existenzideal in sich. Insofern beansprucht sie selbst noch für eine theologische Aussage über den Menschen und seine Existenz im Glauben eine apriorisch-neutrale Geltung.
Gadamer I 268
Durch Heideggers transzendentale Interpretation des Verstehens gewinnt das Problem der Hermeneutik einen universalen Umriss, ja den Zuwachs einer neuen Dimension. Die Zugehörigkeit des Interpreten zu seinem Gegenstande, die in der Reflexion der historischen Schule keine rechte Legitimation zu finden vermochte (>Hermeneutik/Dilthey), erhält nun einen konkret aufweisbaren Sinn, und es ist die Aufgabe der Hermeneutik, die Aufweisung dieses Sinnes zu leisten. Dass die Struktur des Daseins geworfener Entwurf ist, dass das Dasein seinem eigenen Seinsvollzug nach Verstehen ist, das muss auch für den Verstehensvollzug gelten, der in den Geisteswissenschaften geschieht. Die allgemeine Struktur des Verstehens erreicht im historischen Verstehen ihre Konkretion, indem konkrete Bindungen von Sitte und Überlieferung und ihnen entsprechende Möglichkeiten der eigenen Zukunft im Verstehen selber wirksam werden. Das sich auf sein Seinkönnen entwerfende Dasein ist immer schon „gewesen“. Das ist der Sinn des
Existenzials der Geworfenheit. Dass alles freie Sichverhalten zu seinem Sein hinter die Faktizität dieses Seins nicht zurück kann, darin lag die Pointe der Hermeneutik der Faktizität und ihr Gegensatz zu der transzendentalen
Gadamer I 269
Konstitutionsforschung der Husserlschen Phänomenologie. (HeideggerVsHusserl, >Konstitution/Husserl).


1. Bemerkenswerterweise fehlt in allen bisherigen Husserliana fast ganz eine namentliche Auseinandersetzung mit Heidegger. Das hat gewiss nicht nur biographische Gründe. Vielmehr mochte sich Husserl immer wieder in die Zweideutigkeit verstrickt sehen, die ihm Heideggers Ansatz von „Sein und Zeit“ bald als transzendentale Phänomenologie und bald als Kritik derselben erscheinen ließ. Er konnte seine eigenen Gedanken darin wiedererkennen, und doch traten sie in ganz anderer Frontstellung, in seinen Augen in polemischer Verzerrung, auf.

Hei III
Martin Heidegger
Sein und Zeit Tübingen 1993

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Hermeneutik Strauss Gadamer I 300
Hermeneutik/Code/Leo Strauss/Gadamer: Es gibt eine Ausnahme von [dem] Vorgriff der Vollkommenheit: den Fall des verstellten oder verschlüsselten Schreibens. Dieser Fall stellt die schwierigsten hermeneutischen Probleme.(1) Vgl. >Vorgriff der Vollkommenheit/Gadamer. Dieser Ausnahmefall des hermeneutischen Verhaltens ist insofern von exemplarischer Bedeutung, als hier die reine Sinnauslegung nach der gleichen Richtung Überschritten wird, wie wenn die historische Quellenkritik hinter die Überlieferung zurückgeht. Obwohl es sich hier um keine historische, sondern um eine hermeneutische Aufgabe handelt, wird diese nur lösbar, indem man ein sachliches Verständnis als Schlüssel verwendet. Nur dann lässt sich die Verstellung entschlüsseln - wie man ja auch im Gespräch Ironie in dem Grade versteht, in dem man in sachlichem Einverständnis mit dem anderen steht. Die scheinbare Ausnahme bestätigt also erst recht, dass Verstehen Einverständnis impliziert.
GadamerVsStrauss: Ob Strauss mit der Durchführung seines Prinzips immer Recht hat, z. B. bei Spinoza, ist mir zweifelhaft. „Verstellung“ schließt ein Höchstmaß von Bewusstsein ein. Akkomodation, Konformismus usw. brauchen nicht bewusst zu geschehen. Das hat Strauss meines Erachtens nicht genug beachtet.(2) ((s) Vgl. >Radikale Interpretation).


1. Leo Strauss in: Persecution and the Art of Writing).
2. Vgl. a. a. O. , S. 223ff., sowie meine Arbeit „Hermeneutik und Historismus«, Bd. 2 der Ges. Werke, S. 387 ff. Inzwischen sind diese Probleme - wie mlr scheint, auf zu enger semantischer Basis, viel diskutlert worden. Vgl. D. Davidson, Inquiries into Truth and Interpretation, Oxford 1984.

StraussDFr I
David Friedrich Strauss
Der alte und der neue Glaube Hamburg 2012

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Historismus Bennett
Bennett I
Jonathan Bennett
"The Meaning-Nominalist Strategy" in: Foundations of Language, 10, 1973, pp. 141-168
In
Handlung, Kommunikation, Bedeutung, Georg Meggle Frankfurt/M. 1979
Historismus Easton Brocker I 490
Historismus/EastonVsHistorismus/Easton: es gibt eine historizistische Auffassung der Politiktheorie, die Politik als eine Geschichte der politischen Ideen, die jeweils als Ausdruck ihrer historischen Epoche begriffen werden, versteht. EastonVsHistorismus: 1. Damit ist die politische Theorie keine autonome Theorie mehr, sondern nur noch eine Manifestation einer zeitlichen Epoche. 2. Damit können keine Antworten auf Probleme der Gegenwart gegeben werden.


Dieter Fuchs, “David Easton, A Systems Analysis of Political Life” in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018


PolEast I
David Easton
A Systems Analysis of Political Life New York 1965

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Historismus Gadamer I 202
Historismus/Historische Schule/Dilthey/Gadamer: Mit [der] Übertragung der Hermeneutik auf die Historik ist Dilthey (...) nur der Interpret der historischen Schule. Er formuliert das, was Ranke und Droysen selber im Grunde denken. So war also die romantische Hermeneutik und ihr Hintergrund, die pantheistische Metaphysik der Individualität, für die theoretische Besinnung der Geschichtsforschung des 19. Jahrhunderts bestimmend. Gadamer: Das ist für das Schicksal der Geisteswissenschaften und die Weltansicht der historischen Schule verhängnisvoll geworden. Vgl. >Geschichte/Hegel, >Geschichtsschreibung/Dilthey.
Der Widerstand gegen die Philosophie der Weltgeschichte trieb [die Historische Schule] so in das Fahrwasser der Philologie. Es war ihr Stolz, dass sie den Zusammenhang
Gadamer I 203
der Weltgeschichte nicht teleologisch, nicht im Stile der vorromantischen oder nachromantischen Aufklärung von einem Endzustande her dachte, der gleichsam das Ende der Geschichte, ein jüngster Tag der Weltgeschichte wäre. Vielmehr gibt es für sie kein Ende und Außerhalb der Geschichte. Das Verständnis des gesamten Verlaufs der Universalgeschichte kann daher nur aus der geschichtlichen Überlieferung selbst gewonnen werden. Eben das aber ist der Anspruch der philologischen Hermeneutik, dass der Sinn eines Textes aus ihm selbst verstanden werden kann. Die Grundlage der Historik ist also die Hermeneutik. GadamerVsDilthey: So weit vermag die hermeneutische Grundlage zu tragen. Aber weder kann diese Abgehobenheit des Gegenstandes von seinem Interpreten, noch auch die inhaltliche Abgeschlossenheit eines Sinnganzen die eigentlichste Aufgabe des Historikers, die Universalgeschichte, mittragen. Denn die Geschichte ist nicht nur nicht am Ende - wir stehen als die Verstehenden selbst in ihr, als ein bedingtes und endliches Glied einer fortrollenden Kette.
GadamerVsHistorismusd/GadamerVsHistorische Schule: Auch die „historische Schule« wusste,
dass es im Grunde keine andere Geschichte als Universalgeschichte geben kann, weil sich nur vom Ganzen aus das Einzelne in seiner Einzelbedeutung bestimmt. Wie soll der empirische Forscher, dem niemals das Ganze gegeben sein kann, sich da helfen, ohne sein Recht an den Philosophen und seine aprioristische Willkür zu verlieren? Vgl. >Geschichte/Hegel.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Historismus Habermas III 220
Historismus/Dilthey/Habermas: der Aufstieg der Geisteswissenschaften, der sich seit den Tagen Rankes und Savignys im Rahmen der Historischen Schule vollzogen hatte, ist von methodologischen Reflexionen begleitet worden. (1) Diese haben spätestens seit Dilthey eine systematische Form angenommen – als Historismus. Die historistische Kritik richtet sich gleichermaßen gegen dialektische wie gegen evolutionistische Geschichts- und Gesellschaftstheorien. Insbesondere geht es uns um die Diskreditierung des Versuchs, Entwicklungsgesetze für eine naturalistisch gedeutete Kultur aufzufinden. Der Historismus hat die Eigenart von Kultur als eines durch Sinnzusammenhänge, nicht aber durch Gesetze, insbesondere keine evolutionären Gesetze, konstituierten Gegenstandsbereichs herausgearbeitet.

1.E. Rothacker, Logik und Systematik der Geisteswissenschaften, Bonn 1948.

Ha I
J. Habermas
Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988

Ha III
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981

Ha IV
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981
Historismus Heidegger Gadamer I 264
Historismus/Heidegger/Gadamer: Verstehen (...) ist die ursprüngliche Vollzugsform des Daseins, das In.der-Weltsein (...). Indem Heidegger die Seinsfrage neu erweckte und damit die bisherige Metaphysik im ganzen - und nicht nur ihre Zuspitzung im Cartesianismus der neuzeitlichen Wissenschaft und der Transzendentalphilosophie - überstieg, gewann er gegenüber den Aporien des Historismus eine grundsätzlich neue Stellung. HeideggerVsDroysen/HeideggerVsDilthey: Der Begriff des Verstehens ist nicht mehr ein Methodenbegriff, wie bei Droysen. Verstehen ist auch nicht, wie in Diltheys Versuch einer hermeneutischen Grundlegung der Geisteswissenschaften, eine dem Zug des Lebens zur Idealität erst nachfolgende inverse Operation. Verstehen ist der ursprüngliche Seinscharakter des menschlichen Lebens selber. >Verstehen/Heidegger, >Erkennen/Heidegger.

Hei III
Martin Heidegger
Sein und Zeit Tübingen 1993

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Humboldt, Wilhelm von Gadamer I 347
Humboldt/Historismus/Gadamer: In letzter Konsequenz ist es doch die Position Hegels, in [der Historismus des 19. Jahrhunderts] seine Legitimation findet, auch wenn die Historiker, die das Pathos der Erfahrung beseelte, sich statt dessen lieber auf Schleiermacher und auf Wilhelm von Humboldt beriefen. GadamerVsSchleiermacher/GadamerVsHumboldt: Weder Schleiermacher noch Humboldt haben aber ihre Position wirklich zu Ende gedacht. Sie mögen die Individualität, die Schranke der Fremdheit, die unser Verstehen zu überwinden hat, noch so sehr betonen, am Ende findet doch lediglich in einem unendlichen Bewusstsein das Verstehen seine Vollendung und der Gedanke der Individualität seine Begründung.
Hegel/Gadamer: Es ist die pantheistische Eingeschlossenheit aller Individualität ins Absolute, die das Wunder des Verstehens ermöglicht. So durchdringen sich auch hier Sein und Wissen im
I 348
Absoluten. Weder Schleiermachers noch Humboldts Kantianismus ist somit gegenüber der spekulativen Vollendung des Idealismus in Hegels absoluter Dialektik eine selbständige systematische Affirmation, Die Kritik an der Reflexionsphilosophie(1), die Hegel trifft, trifft sie mit.


1. Der Ausdruck Reflexionsphilosophie( ist von Hegel gegen Jacobi, Kant und Fichte
geprägt worden. Schon im Titel von „Glauben und Wissen“ aber als eine „Reflexionsphilosophie der Subjektivität“. Hegel selbst setzt ihr die Reflexion der Vernunft entgegen.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Juristische Hermeneutik Gadamer I 314
Juristische Hermeneutik/Gadamer: Die enge Zusammengehörigkeit, die ursprünglich die philologische Hermeneutik mit der juristischen und theologischen verband, beruhte auf der Anerkennung der Applikation als eines integrierenden Momentes alles Verstehens. Sowohl für die juristische Hermeneutik wie für die theologische Hermeneutik ist ja die Spannung konstitutiv, die zwischen dem gesetzten Text - des Gesetzes oder der Verkündigung - auf der einen Seite und auf der anderen Seite dem Sinn besteht, den seine Anwendung im konkreten Augenblick der Auslegung erlangt, sei es im Urteil, sei es in der Predigt.
Ein Gesetz will nicht historisch verstanden werden, sondern soll sich in seiner Rechtsgeltung durch die Auslegung konkretisieren.
Ebenso will ein religiöser Verkündigungstext nicht als ein bloßes historisches Dokument aufgefasst werden, sondern er soll so verstanden werden, daß er seine Heilswirkung ausübt. Das schließt in beiden Fällen ein, daß der Text, ob Gesetz oder Heilsbotschaft, wenn er angemessen verstanden werden soll, d. h. dem Anspruch, den der Text erhebt, entsprechend, in jedem Augenblick, d. h. in jeder konkreten >Situation, neu und anders verstanden werden muss.
Verstehen ist hier immer schon Anwenden. >Verstehen/Gadamer, >Hermeneutik/Gadamer.
I 315
Kognitiv/normativ: Wenn man (...) kognitive, normative und reproduktive Auslegung unterscheidet, wie das E Betti in seiner auf bewundernswerter Kenntnis und Überschau aufgebauten „Allgemeinen Theorie der Interpretation“(1) getan hat, so gerät man bei der Zuordnung der Phänomene zu dieser Einteilung in Schwierigkeiten. Das gilt zunächst für die in den Wissenschaften geübte Auslegung. Schleiermacher: Wenn man die theologische Auslegung mit der juristischen zusammenstellt und entsprechend der normativen Funktion zuordnet, so ist demgegenüber an Schleiermacher zu erinnern, der umgekehrt die theologische Auslegung aufs engste an die allgemeine, d. h, für ihn die philologisch-historische Auslegung, anschließt. In der Tat geht der Riss zwischen kognitiver und normativer Funktion mitten durch die theologische Hermeneutik und lässt sich schwerlich dadurch schließen, dass man die wissenschaftliche Erkenntnis von nachfolgender erbaulicher Anwendung
unterscheidet. Der gleiche Riss geht offenkundig auch mitten durch die rechtliche Auslegung, sofern Erkenntnis des Sinnes eines Rechtstextes und Anwendung desselben auf den konkreten Rechtsfall nicht zwei getrennte Akte sind, sondern ein einheitlicher Vorgang.
I 332
Juristische Hermeneutik/Gadamer: Gewiss meint der Jurist stets das Gesetz selbst. Aber sein normativer Gehalt ist auf den gegebenen Fall hin zu bestimmen, auf den es angewandt werden soll. Um diesen genau zu ermitteln, bedarf es historischer Erkenntnis des ursprünglichen Sinnes, und nur um dessentwillen bezieht der juristische Ausleger den historischen Stellenwert mit ein, der dem Gesetz durch den Akt der Gesetzgebung zukommt. Rechtsgeschichte: Ganz anders der Rechtshistoriker. Er meint anscheinend nichts weiter als den ursprünglichen Sinn des Gesetzes, wie es gemeint war und galt, als es erlassen wurde. Aber wie kann er denselben erkennen?
Gadamer I 333
Der Historiker muss die gleiche Reflexion leisten, die auch den Juristen leitet. [Jedoch]: der Historiker, der seinerseits keine juristische Aufgabe vor sich hat, sondern die geschichtliche Bedeutung dieses Gesetzes - wie
Gadamer I 334
jeden anderen Inhalt geschichtlicher Überlieferung - ermitteln will, nicht davon absehen, dass es sich hier um eine Rechtsschöpfung handelt, die juristisch verstanden werden will. Er muss nicht nur historisch, sondern auch juristisch denken können. Juristische Hermeneutik/Gadamer: Der Historiker, der das Gesetz aus seiner historischen Ursprungssituation heraus verstehen will, kann von seiner rechtlichen Fortwirkung gar nicht absehen. Sie gibt ihm die Fragen, die er an die historische Überlieferung stellt, an die Hand. Gilt das nicht in Wahrheit von jedem Text, dass er in dem, was er sagt, verstanden werden muss? Heißt das nicht, dass es stets einer Umsetzung bedarf? Sofern der eigentliche Gegenstand des
historischen Verstehens nicht Ereignisse sind, sondern ihre „Bedeutung“ ist solches Verstehen offenbar nicht richtig beschrieben, wenn man von einem an sich seienden Gegenstand und dem Zugehen des Subjekts auf diesen spricht. In Wahrheit liegt im historischen Verstehen immer schon darin, dass die auf uns kommende Überlieferung in die Gegenwart hinein spricht und in dieser Vermittlung - mehr noch: als diese Vermittlung - verstanden werden muss. Der Fall der juristischen Hermeneutik ist also in Wahrheit kein Sonderfall, sondern er ist geeignet, der historischen Hermeneutik ihre volle Problemweite wiederzugeben und damit die alte Einheit des hermeneutischen Problems wiederherzustellen, in der sich der Jurist und der Theologe mit dem Philologen begegnet.



1. Vgl. E. Betti »Zur Grundlegung einer allgemeinen Auslegungslehre«, und sein monumentales Hauptwerk: Allgemeine Auslegungslehre 1967. (Dazu vor allem „Hermeneutik und Historismus“
(Bd. 2 der Ges. Werke, S. 387—424) und meine Arbeit „Emilio Betti und das idealistische
Erbe“ in: Quaderni Fiorentini 7 (1978), S. 5—11 , Ges. Werke Bd. 4.)

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Kontinuität Droysen Gadamer I 213
Kontinuität/Geschichte/Droysen/Gadamer: (...) die empirische Gesinnung der historischen Schule ist (...) nicht ohne philosophische Voraussetzungen. Es bleibt das Verdienst des scharfsinnigen Methodologen Droysen, dass er sie aus ihrer empirischen Verkleidung herausgelöst und in ihrer grundsätzlichen Bedeutung erkennt. Vgl. >Geschichte/Historismus, >Einheit/Ranke, >Zusammenhang/Ranke, >Kontinuität/Ranke. Droysen These: Kontinuität ist das Wesen der Geschichte, weil Geschichte im Unterschied zur Natur das Moment der Zeit einschließt. Droysen zitiert dafür immer wieder die aristotelische Aussage von der Seele, dass sie eine Zunahme in sich selbst (epidosis eis hauto) sei. Im Gegensatz zu der bloßen Wiederholungsform der Natur ist die Geschichte durch solche Steigerung in sich selbst charakterisiert. Das heißt aber: durch ein Bewahren und Hinausgehen über das Bewahrte. Beides aber schließt Sichwissen ein. Die Geschichte selbst ist also nicht nur ein Wissensgegenstand, sondern ist in ihrem Sein bestimmt durch das Sich-wissen. »Das Wissen von ihr ist sie
selbst« (Droysen, Historik S. 15)(1). Die bewundernswerte Stetigkeit der weltgeschichtlichen Entwicklung, von der Ranke sprach, ist in dem Bewusstsein der Kontinuität gegründet, einem Bewusstsein, das erst Geschichte zu Geschichte macht (Historik S 48).
Gadamer: Es wäre ganz falsch, darin nur eine idealistische Voreingenommenheit zu sehen. Vielmehr ist dies Apriori des geschichtlichen Denkens selber eine geschichtliche Wirklichkeit. Jacob Burckhardt hat ganz recht, wenn er in der
Gadamer I 214
Kontinuität der abendländischen Kulturüberlieferung die Existenzbedingung der abendländischen Kultur selber sieht(2). Der Zusammenbruch dieser Überlieferung, der Einbruch einer neuen Barbarei, von dem gerade Jacob Burckhardt manche düstere Prophezeiung ausgesprochen hat, wäre für die historische Weltansicht nicht eine Katastrophe innerhalb der Weltgeschichte, sondern das Ende dieser Geschichte selbst - wenigstens sofern sie sich als weltgeschichtliche Einheit zu verstehen sucht. Es ist wichtig, sich diese inhaltliche Voraussetzung der universalgeschichtlichen Fragestellung der historischen Schule klarzumachen, gerade weil sie selber eine solche prinzipiell ableugnet.
1. J.G. Droysen, Grundriß der Historik, 1868
2. Vgl. etwa Löwith, Weltgeschichte und Heilsgeschehen, Kap. I.

Droys I
J. G. Droysen
Grundriss der Historik Paderborn 2011

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Kontinuität Ranke Gadamer I 213
Kontinuität/Geschichte/Ranke/Gadamer: Ranke erkennt es als den vornehmsten Unterschied des orientalischen und okzidentalen Systems, dass im Abendland die geschichtliche Kontinuität die Daseinsform der Kultur bildet(1). Insofern ist es nicht beliebig, dass die Einheit der Weltgeschichte auf der Einheit der abendländischen Kulturwelt beruht, zu der die abendländische Wissenschaft im ganzen und die Geschichte als Wissenschaft im besonderen gehören. Und es ist auch nicht beliebig, daß diese abendländische Kultur durch das Christentum geprägt ist, das in der Einmaligkeit des Erlösungsgeschehens seinen absoluten Zeitpunkt hat. Ranke hat etwas davon anerkannt, wenn er in der christlichen Religion die Wiedereinsetzung des Menschen in die „Unmittelbarkeit zu Gott“ sah, die er in romantischer Weise an den urzeitlichen Anfang aller Geschichte setzte(2). Aber (...) die grundsätzliche Bedeutung dieses Tatbestandes in der philosophischen Reflexion der historischen Weltansicht [ist] nicht voll zur Geltung gekommen (...). Kontinuität/Historismus/Gadamer: Auch die empirische Gesinnung der historischen Schule ist also nicht ohne philosophische Voraussetzungen. Es bleibt das Verdienst des scharfsinnigen Methodologen Droysen, dass er sie aus ihrer empirischen Verkleidung herausgelöst und in ihrer grundsätzlichen Bedeutung erkennt. >Kontinuität/Geschichte/Droysen, >Zusammenhang/Ranke, >Einheit/Ranke.


1. Ranke, Weltgeschichte IX, 1, 270f.
2. Vgl. Hinrichs, Ranke und die Geschichtstheologie der Goethezeit, S. 239f.

Gadamer I
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Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

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Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Kräfte Ranke Gadamer I 208
Kraft/Freiheit/Geschichte/Ranke/Gadamer: »Gestehen wir ein, dass die Geschichte nie die Einheit eines philosophischen Systems haben kann; aber ohne inneren Zusammenhang ist sie nicht. Vor uns sehen wir eine Reihe von aufeinanderfolgenden einander bedingenden Ereignissen. Wenn ich sage: bedingen, so heißt das freilich nicht durch absolute Notwendigkeit. (...) zur Freiheit aber gesellt sich die Kraft, und zwar ursprüngliche Kraft; ohne diese hört jene in den Weltereignisssen sowohl, wie auf dem Gebiete der Ideen auf. Jeden Augenblick kann wieder etwas Neues beginnen, das nur auf die erste und gemeinschaftliche Quelle alles menschlichen Tuns und Lassens zurückzuführen ist; nichts ist ganz um des anderen willen da; keines geht ganz in der Realität des anderen auf. Aber dabei waltet doch auch ein tiefer inniger Zusammenhang ob, von dem niemand ganz unabhängig ist, der überall eindringt.(1)
Gadamer I 209
Gadamer: Kraft ist offenbar die zentrale Kategorie der historischen Weltansicht. Als solche hat sie bereits Herder in Anspruch genommen, als es darum ging, von dem Fortschrittsschema der Aufklärung freizukommen und insbesondere den Vernunftbegriff, der ihm zugrunde liegt, zu überwinden(2). >Aufklärung/Herder, >Geschichte/Historismus.
Der Begriff der Kraft hat deswegen eine so zentrale Stellung innerhalb der historischen Weltansicht, weil in ihm Innerlichkeit und Äußerlichkeit in einer eigentümlichen Spannungseinheit gesetzt sind. Jede Kraft ist nur in ihrer Äußerung. Die Äußerung ist nicht nur die Erscheinung der Kraft, sondern ihre Wirklichkeit.
Hegel/Gadamer: Hegel hatte vollkommen recht, wenn er die innere Zugehörigkeit von Kraft und Äußerung dialektisch entfaltete. In eben dieser Dialektik aber liegt auf der anderen Seite, dass die Kraft mehr ist als ihre Äußerung. Ihr gehört Wirkungsmöglichkeit schlechthin zu, das heißt, sie ist nicht nur Ursache für eine bestimmte Wirkung, sondern das Vermögen, immer wo sie ausgelöst wird, solche Wirkung zu tun. Ihre Seinsweise ist also gerade von der der Wirkung unterschieden. >Kraft/Hegel.
Kraft/Platon: Schon Plato hat in diesem Zusammenhang die reflexive Struktur der
Gadamer I 210
dynamis erstmals gesichtet und damit ihre Übertragung auf das Wesen der Seele, die Aristoteles mit der Lehre von den dynameis, den Vermögen der Seele vorgenommen hat, ermöglicht(3). Gadamer: Kraft ist ihrem ontologischen Wesen nach „Innerlichkeit“. Es ist insofern ganz genau richtig, wenn Ranke schreibt:
Ranke: „(...) zur Freiheit gesellt sich die Kraft«. Denn Kraft, die mehr ist als ihre Äußerung, ist immer schon Freiheit. Das ist für den Historiker von entscheidender Bedeutung. Er weiß: Alles hätte auch anders kommen können. Jedes handelnde Individuum hätte auch anders handeln können. Die Kraft, die Geschichte macht, ist nicht ein mechanisches Moment. Um das auszuschließen, sagt Ranke ausdrücklich »und zwar ursprüngliche Kraft« und redet von er »ersten und gemeinschaftlichen Quelle alles menschlichen Tuns und Lassens«(1) - und das ist nach Ranke die Freiheit.
Hegel/Gadamer: Hier nun zeigt sich die Wahrheit der von Hegel aufgedeckten Dialektik der
Kraft(4). Der Widerstand, den die freie Kraft findet, ist selbst aus Freiheit. Die Notwendigkeit, um die es hier geht, ist die Macht des Überkommenen und der gegenhandelnden anderen, die jedem Einsatz freier Tätigkeit vorgegeben ist. Indem sie vieles als unmöglich ausschließt, beschränkt sie das Handeln auf das Mögliche, das offen ist. Die Notwendigkeit ist selbst aus Freiheit und ist selbst bedingt durch die Freiheit, die mit ihr rechnet. Logisch gesehen handelt es sich um hypothetische Notwendigkeit (das ex hypotheseös anagkaion), inhaltlich um eine Seinsweise nicht der Natur, sondern des geschichtlichen Seins. Was geworden ist, ist nicht einfach umzustoßen.


1. Ranke, Weltgeschichte IX, Xlllf.
2. In meiner Schrift »Volk und Geschichte im Denken Herders« (1942) (KI. Schr. Ill, S. 101 —117; jetzt in Bd. 4 der Ges. Werke) habe ich gezeigt, dass Herder die Übertragung des Leibnizschen Kraftbegriffs auf die geschichtliche Welt vollzogen hat.
3. Plato, Charm. 169a. IVgl. auch „Vorgestalten der Reflexion“ Kl. Schr. Ill, S. 1—13; Bd. 6 der Ges. Werke, S. 116-128.
4. Hegel, Enzyklopädie S 136f., ebenso Phänomenologie (Hoffmeister) S. 105ff.; Logik (Lasson) S. 144ff.

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Methode Gadamer Graeser I 85
Gadamer/Graeser: Wahrheit und Methode (1965) - Vs Gegensatz zwischen Systematik und Geschichte - unterminiert die Unterscheidung zwischen Entstehungs- und Rechtfertigungszusammenhang. - Wie Sellars: hat kein festes Ufer. - Wahrheit: ist dann nicht das entscheidende, sondern was man mit ihr macht. - > Pragmatismus.
I 295
Methode/Gadamer: Das Verstehen selber ist nicht so sehr als eine Handlung der Subjektivität zu denken, sondern als Einrücken in ein Überlieferungsgeschehen, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart beständig vermitteln. Das ist es, was in der hermeneutischen Theorie zur Geltung kommen muss, die viel zu sehr von der Idee eines Verfahrens, einer Methode, beherrscht ist.
I 300
Methode/Hermeneutik/Gadamer: [Eine Spannung] spielt zwischen Fremdheit und Vertrautheit, die die Überlieferung für uns hat, zwischen der historisch gemeinten, abständigen Gegenständlichkeit und der Zugehörigkeit zu einer Tradition. In diesem Zwischen ist der wahre Ort der Hermeneutik. Aus der Zwischenstellung, in der die Hermeneutik ihren Stand zu nehmen hat, folgt, dass ihre Aufgabe überhaupt nicht ist, ein Verfahren des Verstehens zu entwickeln, sondern die Bedingungen aufzuklären, unter denen Verstehen geschieht. Diese Bedingungen sind aber durchaus nicht alle von der Art eines „Verfahrens“ oder einer Methode, so dass man als der Verstehende sie von sich aus zur Anwendung zu bringen vermöchte - sie müssen
I 301
vielmehr gegeben sein. Die Vorurteile und Vormeinungen, die das Bewusstsein des Interpreten besetzt halten, sind ihm als solche nicht zu freier Verfügung. Er ist nicht imstande, von sich aus vorgängig die produktiven Vorurteile, die das Verstehen ermöglichen, von denjenigen Vorurteilen zu scheiden, die das Verstehen verhindern und zu Missverständnissen führen.
I 304
Methode/Gadamer: GadamerVsHistorismus: Die Naivität des sogenannten Historismus besteht darin, dass er sich einer (...) Reflexion ((s) über die eigenen Voraussetzungen) entzieht und im Vertrauen auf die Methodik seines Verfahrens seine eigene Geschichtlichkeit vergisst. ((s) Da Methoden verallgemeinerbar sein können müssen, können sie nicht von Anfang an auf Veränderbarkeit angelegt sein).

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Gadamer II
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Grae I
A. Graeser
Positionen der Gegenwartsphilosophie. München 2002
Notwendigkeit Ranke Gadamer I 207
Freiheit/Notwendigkeit/Geschichte/Ranke/Gadamer: Teleologie [der Geschichte] ist nicht vom philosophischen Begriff her erweislich. Sie macht die Weltgeschichte nicht zu einem apriorischen System, in das die Akteure wie in einen sie bewusstlos steuernden Mechanismus eingestellt sind. (Vgl. >Universalgeschichte/Ranke, >Geschichte/Historismus).
Sie ist vielmehr mit der Freiheit des Handelns wohl verträglich. Ranke kann geradezu sagen, dass die konstruktiven Glieder des geschichtlichen
I 208
Zusammenhanges, "Szenen der Freiheit" sind(1). Diese Wendung meint, dass es im unendlichen Geflecht der Ereignisse bestimmte herausgehobene Auftritte gibt, in denen sich die geschichtlichen Entscheidungen gleichsam konzentrieren. Entschieden wird zwar überall, wo aus Freiheit gehandelt wird, aber daß mit solcher Entscheidung wirklich etwas entschieden wird, das heißt, dass eine Entscheidung Geschichte macht und in ihrer Wirkung erst ihre volle und dauerhafte Bedeutung offenbart, ist die Auszeichnung wahrhaft geschichtlicher Augenblicke. Sie geben dem geschichtlichen Zusammenhang seine Artikulation. Wir nennen solche Augenblicke, in denen ein freies Handeln geschichtlich entscheidend wird, epochemachende Augenblicke oder auch Krisen, und die Individuen, deren Handeln so entscheidend wird, kann man mit Hegel „weltgeschichtliche Individuen“ nennen. Ranke sagt dafür »originale Geister, die in den Kampf der Ideen und Weltmächte selbständig eingreifen, die mächtigsten derselben, auf denen die Zukunft beruht, zusammenfassen«. Gadamer: Das ist Geist vom Geiste Hegels.
Freiheit/Zusammenhang der Geschichte/Ranke: »Gestehen wir ein, dass die Geschichte nie die Einheit eines philosophischen Systems haben kann; aber ohne inneren Zusammenhang ist sie nicht. Vor uns sehen wir eine Reihe von aufeinanderfolgenden einander bedingenden Ereignissen. Wenn ich sage: bedingen, so heißt das freilich nicht durch absolute Notwendigkeit. Das Große ist vielmehr, daß die menschliche Freiheit überall in Anspruch genommen wird: die Historie verfolgt die Szenen der Freiheit; das macht ihren größten Reiz aus. Zur Freiheit aber gesellt sich die Kraft, und zwar ursprüngliche Kraft; ohne diese hört jene in den Weltereignisssen sowohl, wie auf dem Gebiete der Ideen auf. Jeden Augenblick kann wieder etwas Neues beginnen, das nur auf die erste und gemeinschaftliche Quelle alles menschlichen Tuns und Lassens zurückzuführen ist; nichts
ist ganz um des anderen willen da; keines geht ganz in der Realität des anderen auf. Aber dabei waltet doch auch ein tiefer inniger Zusammenhang ob, von dem niemand ganz unabhängig ist, der überall eindringt.
Notwendigkeit/Ranke: Der Freiheit zur Seite besteht die Notwendigkeit. Sie liegt in dem bereits Gebildeten, nicht wieder Umzustoßenden, welches die Grundlage aller neu emporkommenen Tätigkeit ist. Das Gewordene konstituiert den Zusammenhang mit dem Werdenden. Aber auch dieser Zusammenhang selbst ist nichts willkürlich Anzunehmendes, sondern er war auf eine bestimmte Weise, so und so, nicht anders. Er ist ebenfalls ein Objekt der Erkenntnis. Eine längere Reihe von Ereignissen - nacheinander und
Gadamer I 209
nebeneinander auf solche Weise miteinander verbunden, bildet ein Jahrhundert, eine Epoche...“(2).

1. Ranke, Weltgeschichte IX, S. XIV.
2. a.a.O. S. XIIIf.

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Phänomenologie Heidegger Gadamer I 262
Phänomenologie/Heidegger/Gadamer: Heideggers hermeneutische Phänomenologie und die Analyse der Geschichtlichkeit des Daseins zielten auf eine allgemeine Erneuerung der Seins- frage und nicht etwa auf eine Theorie der Geisteswissenschaften oder gar auf
Gadamer I 263
eine Überwindung der Aporien des Historismus. Das waren lediglich aktuelle Probleme, an denen sich die Konsequenzen seiner radikalen Erneuerung der Seinsfrage demonstrieren ließen. Aber gerade aufgrund der Radikalität seiner Fragestellung gelang es ihm, über die Verwicklungen hinauszukommen, in denen sich Diltheys und Husserls Untersuchungen über die Grundbegriffe der Geisteswissenschaften festgefahren hatten. >Sein/Heidegger, >Wissenschaft/Heidegger.

Hei III
Martin Heidegger
Sein und Zeit Tübingen 1993

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Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Probleme Gadamer I 381
Problem/Gadamer: Die Logik von Frage und Antwort, die Collingwood entwickelt, macht der Rede von dem permanenten Problem ein Ende, das dem Verhältnis der „Oxforder Realisten“ zu den Klassikern der Philosophie zugrunde lag, und ebenso dem Begriff der Problemgeschichte, den der Neukantianismus entwickelt hat. >Frage/Antwort/Collingwood, >Problemgeschichte/Neukantianismus. Der Begriff des Problems formuliert offenbar eine Abstraktion, nämlich die Ablösung des Fragein-
I 382
halts von der ihn allererst aufschließenden Frage. Er meint das abstrakte Schema, auf das sich wirkliche und wirklich motivierte Fragen reduzieren und worunter sie sich subsumieren lassen. Ein solches ist aus dem motivierten Fragezusammenhang heraus gefallen, aus dem es die Eindeutigkeit seines Sinnes empfängt. Es ist daher so unlösbar, wie jede Frage, die keinen eindeutigen Sinn hat (...). Problembegriff: [Der Begriff des Problems] gehört nicht in den Bereich jener „wohlgemeinten Widerlegungen«(1) in denen die Wahrheit der Sache gefördert wird, sondern in den Bereich der Dialektik als eines Kampfmittels zur Verblüffung oder Blamierung des Gegners.
Aristoteles: Bei Aristoteles bezeichnet „Problema« solche Fragen, die sich deshalb als offene Alternative darstellen, weil für beide Seiten allerlei spricht und wir nicht glauben, sie mit Gründen entscheiden zu können, da es zu große Fragen sind.(2)
Gadamer: Probleme sind also keine wirklichen Fragen, die sich stellen und damit die Vorzeichnung ihrer Beantwortung aus ihrer Sinngenese empfangen, sondern sind Alternativen des Meinens, die man nur stehenlassen kann und die daher nur eine dialektische Behandlung finden können. Dieser dialektische Sinn von „Problem“ hat nicht eigentlich in der Philosophie, sondern in der
Rhetorik seinen Ort. Es ist bezeichnend, dass im 19. Jahrhundert, mit dem Zusammenbruch der unmittelbaren Tradition des philosophischen Fragens und dem Aufkommen des Historismus, der Problembegriff zu universaler Geltung aufsteigt - ein Zeichen dafür, dass das unmittelbare Verhältnis zu den Sachfragen der Philosophie nicht mehr besteht. >Problem/Neukantianismus.


1. Plato, Ep. Vll, 344b.
2. Arist. Top. A 11.

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Probleme Kant Gadamer I 382
Problem/Kant/Gadamer: Gadamer: Probleme sind (...) keine wirklichen Fragen, die sich stellen und damit die Vorzeichnung ihrer Beantwortung aus ihrer Sinngenese empfangen, sondern sind Alternativen des Meinens, die man nur stehenlassen kann und die daher nur eine dialektische Behandlung finden können. >Problem/Aristoteles, >Problem/Gadamer. Dieser dialektische Sinn von „Problem“ hat nicht eigentlich in der Philosophie, sondern in der Rhetorik seinen Ort. Es gehört zu seinem Begriff, dass es eine eindeutige Entscheidung aus Gründen nicht gestattet.
Kant: Aus diesem Grund beschränkt sich für Kant der Gebrauch des Problembegriffs auf die Dialektik der reinen Vernunft. Probleme sind »Aufgaben, die ganz aus ihrem Schoß entspringen«, also gleichsam Produkte der Vernunft selber, auf deren vollendete Auflösung sie schlechterdings nicht hoffen kann.(1)
Gadamer: Es ist bezeichnend, dass im 19. Jahrhundert, mit dem Zusammenbruch der unmittelbaren Tradition des philosophischen Fragens und dem Aufkommen des Historismus, der Problembegriff zu universaler Geltung aufsteigt - ein Zeichen dafür, dass das unmittelbare Verhältnis zu den Sachfragen der Philosophie nicht mehr besteht. Vgl. >Problemgeschichte/Neukantianismus.


1.Kant, Kr. d. r. V, A 321ff.
I. Kant
I Günter Schulte Kant Einführung (Campus) Frankfurt 1994
Externe Quellen. ZEIT-Artikel 11/02 (Ludger Heidbrink über Rawls)
Volker Gerhard "Die Frucht der Freiheit" Plädoyer für die Stammzellforschung ZEIT 27.11.03

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Problemgeschichte Neukantianismus Gadamer I 381
Problemgeschichte/Neukantianismus/Gadamer: Die Logik von Frage und Antwort, die Collingwood entwickelt, macht der Rede von dem permanenten Problem ein Ende, das dem Verhältnis der „Oxforder Realisten“ zu den Klassikern der Philosophie zugrunde lag, und ebenso dem Begriff der Problemgeschichte, den der Neukantianismus entwickelt hat. >Frage/Antwort/Collingwood.
GadamerVsNeukantianismus: Problemgeschichte wäre nur wahrhaft Geschichte, wenn sie die
Identität des Problems als eine leere Abstraktion erkennen und sich den Wandel in den Fragestellungen eingestehen würde. Einen Standort außerhalb der Geschichte, von dem aus sich die Identität eines Problems im Wandel seiner geschichtlichen Lösungsversuche denken ließe, gibt es in Wahrheit nicht.
Zwar ist es richtig, dass alles Verstehen von Texten der Philosophie >Wiedererkenntnis des in ihnen Erkannten verlangt. Ohne dieselbe würden wir überhaupt nichts verstehen. Aber wir treten keineswegs damit aus der geschichtlichen Bedingtheit heraus, in der wir stehen und aus der wir verstehen. Das Problem, das wir wiedererkennen, ist in Wahrheit nicht einfach dasselbe, wenn es in einem echten fragenden Vollzug verstanden sein soll. Nur aufgrund unserer historischen Kurzsichtigkeit können wir es für dasselbe halten. Der überstandpunktliche Standpunkt, von dem aus seine wahre Identität gedacht würde, ist eine reine Illusion. Vgl. >Abstraktion, >Abstraktheit, >Problem/Gadamer.
Problembegriff/Gadamer: Es ist bezeichnend, dass im 19. Jahrhundert, mit dem Zusammenbruch der unmittelbaren Tradition des philosophischen Fragens und dem Aufkommen des Historismus, der Problembegriff zu universaler Geltung aufsteigt - ein Zeichen dafür, dass das unmittelbare Verhältnis zu den Sachfragen der Philosophie nicht mehr besteht.
So kennzeichnet es die Verlegenheit des philosophischen Bewusstseins gegenüber dem Historismus, daß es Sich in die Abstraktion des Problembegriffs flüchtete und kein Problem darin sah, in welcher Weise Probleme eigentlich „sind“. Die Problemgeschichte des Neukantianismus ist ein Bastard des Historismus. Die Kritik am Problembegriff, die mit den Mitteln einer Logik der Frage und Antwort geführt wird, muss die Illusion zerstören, als gäbe es die Probleme wie die Sterne am Himmel. >Frage/Gadamer, >Frage/Antwort/Collingwood.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Qualia Adams Rorty VI 405
Historismus/Rorty: es ist kein Zufall, dass die Geschichtlichkeit der Philosophie heute vor allem von den Autoren in Frage gestellt wird, die betonen, es sei notwendig, die "Existenz des Unsagbaren" anzuerkennen. Bsp Robert Adams: These: nur die Existenz Gottes könne die Wechselbeziehung zwischen Gehirn und Qualia erklären.

Qualia/Robert Adams: nicht analysierbar, daher nicht auf Elementarteilchen zurückführbar. Der Reduktionismus "kann dadurch widerlegt werden, dass man Rot sieht oder Zwiebeln schmeckt".
RortyVsAdams: diese Widerlegung ist eine typische "Berufung auf das Unsagbare". Eine Berufung auf eine Art von Erkenntnis, die durch keine Neubeschreibung in Frage gestellt werden kann. Denn hier handelt es sich nicht um ein Wissen durch Beschreibung, sondern um Wissen durch unmittelbare Bekanntschaft. ((s) Nicht übertragbar)
VI 406
RortyVsAdams: es muss schon viel in der Sprache angelegt sein, bevor eine einleuchtende Berufung auf den Geschmack von Zwiebeln überhaupt möglich ist.
Rorty VI 413
Sinnesqualitäten/Nagel: invariante Gegebenheiten. (Auch Robert Adams).

Rorty I
Richard Rorty
Der Spiegel der Natur Frankfurt 1997

Rorty II
Richard Rorty
Philosophie & die Zukunft Frankfurt 2000

Rorty II (b)
Richard Rorty
"Habermas, Derrida and the Functions of Philosophy", in: R. Rorty, Truth and Progress. Philosophical Papers III, Cambridge/MA 1998
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty II (c)
Richard Rorty
Analytic and Conversational Philosophy Conference fee "Philosophy and the other hgumanities", Stanford Humanities Center 1998
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty II (d)
Richard Rorty
Justice as a Larger Loyalty, in: Ronald Bontekoe/Marietta Stepanians (eds.) Justice and Democracy. Cross-cultural Perspectives, University of Hawaii 1997
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty II (e)
Richard Rorty
Spinoza, Pragmatismus und die Liebe zur Weisheit, Revised Spinoza Lecture April 1997, University of Amsterdam
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty II (f)
Richard Rorty
"Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache", keynote lecture for Gadamer’ s 100th birthday, University of Heidelberg
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty II (g)
Richard Rorty
"Wild Orchids and Trotzky", in: Wild Orchids and Trotzky: Messages form American Universities ed. Mark Edmundson, New York 1993
In
Philosophie & die Zukunft, Frankfurt/M. 2000

Rorty III
Richard Rorty
Kontingenz, Ironie und Solidarität Frankfurt 1992

Rorty IV (a)
Richard Rorty
"is Philosophy a Natural Kind?", in: R. Rorty, Objectivity, Relativism, and Truth. Philosophical Papers Vol. I, Cambridge/Ma 1991, pp. 46-62
In
Eine Kultur ohne Zentrum, Stuttgart 1993

Rorty IV (b)
Richard Rorty
"Non-Reductive Physicalism" in: R. Rorty, Objectivity, Relativism, and Truth. Philosophical Papers Vol. I, Cambridge/Ma 1991, pp. 113-125
In
Eine Kultur ohne Zentrum, Stuttgart 1993

Rorty IV (c)
Richard Rorty
"Heidegger, Kundera and Dickens" in: R. Rorty, Essays on Heidegger and Others. Philosophical Papers Vol. 2, Cambridge/MA 1991, pp. 66-82
In
Eine Kultur ohne Zentrum, Stuttgart 1993

Rorty IV (d)
Richard Rorty
"Deconstruction and Circumvention" in: R. Rorty, Essays on Heidegger and Others. Philosophical Papers Vol. 2, Cambridge/MA 1991, pp. 85-106
In
Eine Kultur ohne Zentrum, Stuttgart 1993

Rorty V (a)
R. Rorty
"Solidarity of Objectivity", Howison Lecture, University of California, Berkeley, January 1983
In
Solidarität oder Objektivität?, Stuttgart 1998

Rorty V (b)
Richard Rorty
"Freud and Moral Reflection", Edith Weigert Lecture, Forum on Psychiatry and the Humanities, Washington School of Psychiatry, Oct. 19th 1984
In
Solidarität oder Objektivität?, Stuttgart 1988

Rorty V (c)
Richard Rorty
The Priority of Democracy to Philosophy, in: John P. Reeder & Gene Outka (eds.), Prospects for a Common Morality. Princeton University Press. pp. 254-278 (1992)
In
Solidarität oder Objektivität?, Stuttgart 1988

Rorty VI
Richard Rorty
Wahrheit und Fortschritt Frankfurt 2000
Reflexion Gadamer I 347
Reflexion/Wirkungsgeschichte/Hermeneutik/Gadamer: Unsere ganze Darlegung über Horizontbildung und Horizontverschmelzung sollte (...) die Vollzugsweise des wirkungsgeschichtlichen Bewusstseins beschreiben. >Wirkungsgeschichte/Gadamer, >Hermeneutik/Gadamer, >Verstehen/Gadamer. Aber was ist das für ein Bewusstsein? Hier liegt das entscheidende Problem. Man mag noch so sehr betonen, dass das wirkungsgeschichtliche Bewusstsein gleichsam in die Wirkung selbst eingelegt ist. Als Bewusstsein scheint es wesensmäßig in der Möglichkeit, sich über das zu erheben, wovon es Bewusstsein ist. Die Struktur der Reflexivität ist grundsätzlich mit allem Bewusstsein gegeben. Sie muss also auch für das Bewusstsein der Wirkungsgeschichte gelten. Werden wir damit nicht gezwungen, Hegel recht zu geben, und muss uns nicht doch die absolute Vermittlung von Geschichte und Wahrheit, wie sie Hegel denkt, als das Fundament der Hermeneutik erscheinen? In letzter Konsequenz ist es doch die Position Hegels, in [der Historismus des 19. Jahrhunderts] seine Legitimation findet, auch wenn die Historiker, die das Pathos der Erfahrung beseelte, sich statt dessen lieber auf Schleiermacher und auf Wilhelm von Humboldt beriefen.
GadamerVsSchleiermacher/GadamerVsHumboldt: Weder Schleiermacher noch Humboldt haben aber ihre Position wirklich zu Ende gedacht. Sie mögen die Individualität, die Schranke der Fremdheit, die unser Verstehen zu überwinden hat, noch so sehr betonen, am Ende findet doch lediglich
in einem unendlichen Bewusstsein das Verstehen seine Vollendung und der Gedanke der Individualität seine Begründung.
Hegel/Gadamer: Es ist die pantheistische Eingeschlossenheit aller Individualität ins Absolute, die das Wunder des Verstehens ermöglicht. So durchdringen sich auch hier Sein und Wissen im
I 348
Absoluten. Weder Schleiermachers noch Humboldts Kantianismus ist somit gegenüber der spekulativen Vollendung des Idealismus in Hegels absoluter Dialektik eine selbständige systematische Affirmation. Die Kritik an der Reflexionsphilosophie(1), die Hegel trifft, trifft sie mit.
VsHegel/Gadamer: Es geht für uns darum, wirkungsgeschichtliches Bewusstsein so zu denken, dass sich im Bewusstsein der Wirkung die Unmittelbarkeit und Überlegenheit des Werkes nicht wieder zu einer bloßen Reflexlonswirklichkeit auflöst, mithin eine Wirklichkeit zu denken, an der sich
die Allmacht der Reflexion begrenzt. Genau das war der Punkt, gegen den sich die Kritik an Hegel richtete und an dem sich in Wahrheit das Prinzip der Reflexionsphilosophie gegenüber allen seinen Kritikern als überlegen erwies. >Reflexion/Hegel.
I 350
VsReflexionsphilosophie/Gadamer: [Es] stellt sich die Frage, wie weit die dialektische Überlegenheit der Reflexionsphilosophie einer sachlichen Wahrheit entspricht und wie weit sie lediglich einen formalen Schein erzeugt. Dass die Kritik am spekulativen Denken, die vom Standpunkt des endlichen menschlichen Bewusstseins geübt wird, etwas Wahres enthält, kann durch die Argumentation der Reflexionsphilosophie am Ende doch nicht verdunkelt werden. >Junghegelianer/Gadamer. Beispiele für Reflexion/Gadamer: Dass die These der Skepsis oder des Relativismus selber wahr sein will und sich insofern selber aufhebt, ist ein unwiderlegliches Argument. Aber wird damit irgend etwas geleistet? Das Reflexionsargument, das sich derart als siegreich erweist, schlägt vielmehr auf den Argumentierenden zurück, indem es den Wahrheitswert der Reflexion suspekt
macht. Nicht die Realität der Skepsis oder des alle Wahrheit auflösenden Relativismus wird dadurch getroffen, sondern der Wahrheitsanspruch des formalen Argumentierens überhaupt.


1. Der Ausdruck Reflexionsphilosophie( ist von Hegel gegen Jacobi, Kant und Fichte
geprägt worden. Schon im Titel von „Glauben und Wissen“ aber als eine „Reflexionsphilosophie der Subjektivität“. Hegel selbst setzt ihr die Reflexion der Vernunft entgegen.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Schleiermacher Gadamer I 347
Schleiermacher/Historismus/Gadamer: In letzter Konsequenz ist es doch die Position Hegels, in [der Historismus des 19. Jahrhunderts] seine Legitimation findet, auch wenn die Historiker, die das Pathos der Erfahrung beseelte, sich statt dessen lieber auf Schleiermacher und auf Wilhelm von Humboldt beriefen. GadamerVsSchleiermacher/GadamerVsHumboldt: Weder Schleiermacher noch Humboldt haben aber ihre Position wirklich zu Ende gedacht. Sie mögen die Individualität, die Schranke der Fremdheit, die unser Verstehen zu überwinden hat, noch so sehr betonen, am Ende findet doch lediglich in einem unendlichen Bewusstsein das Verstehen seine Vollendung und der Gedanke der Individualität seine Begründung.
Hegel/Gadamer: Es ist die pantheistische Eingeschlossenheit aller Individualität ins Absolute, die das Wunder des Verstehens ermöglicht. So durchdringen sich auch hier Sein und Wissen im
I 348
Absoluten. Weder Schleiermachers noch Humboldts Kantianismus ist somit gegenüber der spekulativen Vollendung des Idealismus in Hegels absoluter Dialektik eine selbständige systematische Affirmation, Die Kritik an der Reflexionsphilosophie(1), die Hegel trifft, trifft sie mit.


1. Der Ausdruck Reflexionsphilosophie( ist von Hegel gegen Jacobi, Kant und Fichte
geprägt worden. Schon im Titel von „Glauben und Wissen“ aber als eine „Reflexionsphilosophie der Subjektivität“. Hegel selbst setzt ihr die Reflexion der Vernunft entgegen.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Sensus communis Gadamer I 28
Sensus communis/Geisteswissenschaften/Gadamer: Es hat etwas sofort Einleuchtendes, die philologisch-historischen Studien und die Arbeitsweise der Geisteswissenschaften auf diesen Begriff des Sensus communis zu gründen. Denn ihr Gegenstand, die moralische und geschichtliche Existenz des Menschen, wie sie in seinen Taten und Werken Gestalt gewinnt, ist selbst durch den Sensus communis entscheidend bestimmt. So kann der Schluss aus dem Allgemeinen und der Beweis aus Gründen nicht ausreichen, weil es auf die Umstände entscheidend ankommt. Aber das ist nur negativ formuliert. Es ist eine eigene positive Erkenntnis, die der Gemeinsinn vermittelt. Die Erkenntnisweise der historischen Erkenntnis erschöpft sich keineswegs darin, „Glauben an fremdes Zeugnis“ (Tetens(1)) statt „selbstbewusstem Schließen“ ( (>Helmholtz(2)) zulassen
zu müssen. Es ist auch durchaus nicht so, daß solchem Wissen nur ein verminderter Wahrheitswert zukäme. >Geschichtsschreibung/D'Alembert.
I 32
Sensus communis in Deutschland: Man nahm zwar den Begriff des sensus communis auf, aber indem man ihn völlig entpolitisierte, verlor der Begriff seine eigentliche kritische Bedeutung. Man verstand nun unter sensus communis lediglich ein theoretisches Vermögen, die theoretische Urteilskraft, die neben das sittliche Bewusstsein (das Gewissen) und den Geschmack trat. So wurde er einer Scholastik der Grundkräfte eingeordnet, deren Kritik dann von Herder geleistet worden ist (im vierten kritischen Wäldchen, das gegen Riedel gerichtet ist), und durch die Herder auch auf dem Gebiete der Ästhetik zum Vorläufer des Historismus wurde.
Ausnahme: der Pietismus. >Sensus communis/Pietismus.


1. Tetens, Philosophische Versuche, 1777, Neudruck der Kant-Gesellschaft, S 515
2. H. Helmholtz, Vorträge und Reden, 4. Aufl. I. Bd., Über das Verhältnis der
Naturwissenschaften zur Gesamtheit der Wissenschaften, S. 167 ff.

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Technokratie Morozov I 138
Technokratie/VsTechnokratie/Technokratiekritik/Technologiekritik/Morozov: die meisten Kritiker moderner Technokratie oder Technologie beziehen sich auf die ((s) angenommene) Arroganz von Planern und Reformern, denen die Erfahrung mit dem tatsächlichen Leben der Menschen in ihren Lebensräumen abgeht. Nachdenken und Überlegung sind nach diesen Kritikern unverzichtbar, sie werden auch durch die perfektesten Algorithmen nicht überflüssig gemacht werden. Beispiele sind: Jane Jacob, I. Berlin, F. Hayek, K. Popper, M. Oakeshott.
I 137
Städteplanung/Jane Jacob: Jacobs Kritik an phantasieloser Stadtplanung: siehe Jane Jacobs, The Death and Life of Great American Cities (New York: Vintage, 1992);
Isaiah Berlin: seine Kritik an einem „Prokusteanismus“: einer zwangsweisen Vereinheitlichung: Siehe see Jonathan Allen, “Isaiah Berlin’s Anti-Procrustean Liberalism: Ideas, Circumstances, and the Protean Individual,” paper presented at the annual meeting of the American Political Science Association (August 28– 31, 2003, Philadelphia, PA). Available at http:// berlin.wolf.ox.ac.uk/ lists/ onib/ allen2003. pdf;

Planung/Zentralplan/Friedrich Hayek: seine Kritik an zentralisierter Planung: siehe Friedrich Hayek. “The Use of Knowledge in Society,” The American Economic Review 35, no. 4 (September 1, 1945): 519– 530;

Karl PopperVsHistorismus: siehe Karl Popper. “The Poverty of Historicism, I,” Economica 11, no. 42 (May 1, 1944): 86– 103;

Michael OakeshottVsRationalismus: siehe Michael Oakeshott, Rationalism in Politics and Other Essays, exp. ed. (Indianapolis: Liberty Fund, 1991).


I 168
Def Technoneutrale/Majid Tehranian/Morozov: sind vorzugsweise Berater, die ihre Klienten nicht verunsichern wollen. (1)
I 170
Def Technostrukturalisten/Tehranian/Morozov: glauben, dass sich Technologien aus institutionellen Bedürfnissen entwickeln, verbreitet durch soziale Kräfte, deren Teil sie selbst sind. (2)
1. Majid Tehranian, Technologies of Power: Information Machines and Democratic Prospects (New York: Ablex Publishing, 1990), 5.
2. ibid.


Morozov I
Evgeny Morozov
To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism New York 2014
Teleologie Gadamer I 207
Teleologie/Geschichte/Gadamer: Eine (...) Teleologie [der Geschichte] ist nicht vom philosophischen Begriff her erweislich. Sie macht die Weltgeschichte nicht zu einem apriorischen System, in das die Akteure wie in einen sie bewusstlos steuernden Mechanismus eingestellt sind. (Vgl. >Universalgeschichte/Ranke, >Geschichte/Historismus). Sie ist vielmehr mit der Freiheit des Handelns wohl verträglich. Ranke kann geradezu sagen, dass die konstruktiven Glieder des geschichtlichen
I 208
Zusammenhanges, "Szenen der Freiheit" sind(1). Diese Wendung meint, dass es im unendlichen Geflecht der Ereignisse bestimmte herausgehobene Auftritte gibt, in denen sich die geschichtlichen Entscheidungen gleichsam konzentrieren. Entschieden wird zwar überall, wo aus Freiheit gehandelt wird, aber daß mit solcher Entscheidung wirklich etwas entschieden wird, das heißt, dass eine Entscheidung Geschichte macht und in ihrer Wirkung erst ihre volle und dauerhafte Bedeutung offenbart, ist die Auszeichnung wahrhaft geschichtlicher Augenblicke. Sie geben dem geschichtlichen Zusammenhang seine Artikulation. Wir nennen solche Augenblicke, in denen ein freies Handeln geschichtlich entscheidend wird, epochemachende Augenblicke oder auch Krisen, und die Individuen, deren Handeln so entscheidend wird, kann man mit Hegel „weltgeschichtliche Individuen“ nennen. Ranke sagt dafür »originale Geister, die in den Kampf der Ideen und Weltmächte selbständig eingreifen, die mächtigsten derselben, auf denen die Zukunft beruht, zusammenfassen«. Gadamer: Das ist Geist vom Geiste Hegels. >Kraft/Hegel.


1. Ranke, Weltgeschichte IX, S. XIV.

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Theologische Hermeneutik Gadamer I 314
Theologische Hermeneutik/Gadamer: Die enge Zusammengehörigkeit, die ursprünglich die philologische Hermeneutik mit der juristischen und theologischen verband, beruhte auf der Anerkennung der Applikation als eines integrierenden Momentes alles Verstehens. Sowohl für die juristische Hermeneutik wie für die theologische Hermeneutik ist ja die Spannung konstitutiv, die zwischen dem gesetzten Text - des Gesetzes oder der Verkündigung - auf der einen Seite und auf der anderen Seite dem Sinn besteht, den seine Anwendung im konkreten Augenblick der Auslegung erlangt, sei es im Urteil, sei es in der Predigt.
Ein Gesetz will nicht historisch verstanden werden, sondern soll sich in seiner Rechtsgeltung durch die Auslegung konkretisieren.
Ebenso will ein religiöser Verkündigungstext nicht als ein bloßes historisches Dokument aufgefasst werden, sondern er soll so verstanden werden, daß er seine Heilswirkung ausübt. Das schließt in beiden Fällen ein, daß der Text, ob Gesetz oder Heilsbotschaft, wenn er angemessen verstanden werden soll, d. h. dem Anspruch, den der Text erhebt, entsprechend, in jedem Augenblick, d. h. in
jeder konkreten >Situation, neu und anders verstanden werden muss. Verstehen ist hier immer schon Anwenden. >Verstehen/Gadamer, >Hermeneutik/Gadamer.
I 315
Kognitiv/normativ: Wenn man (...) kognitive, normative und reproduktive Auslegung unterscheidet, wie das E Betti in seiner auf bewundernswerter Kenntnis und Überschau aufgebauten „Allgemeinen Theorie der Interpretation“(1) getan hat, so gerät man bei der Zuordnung der Phänomene zu dieser Einteilung in Schwierigkeiten. Das gilt zunächst für die in den Wissenschaften geübte Auslegung. Schleiermacher: Wenn man die theologische Auslegung mit der juristischen zusammenstellt und entsprechend der normativen Funktion zuordnet, so ist demgegenüber an Schleiermacher zu erinnern, der umgekehrt die theologische Auslegung aufs engste an die allgemeine, d. h, für ihn die philologisch-historische Auslegung, anschließt. In der Tat geht der Riss zwischen kognitiver und normativer Funktion mitten durch die theologische Hermeneutik und lässt sich schwerlich dadurch schließen, dass man die wissenschaftliche Erkenntnis von nachfolgender erbaulicher Anwendung
unterscheidet. Der gleiche Riss geht offenkundig auch mitten durch die rechtliche Auslegung, sofern Erkenntnis des Sinnes eines Rechtstextes und Anwendung desselben auf den konkreten Rechtsfall nicht zwei getrennte Akte sind, sondern ein einheitlicher Vorgang.
I 336
Theologische Hermeneutik/Gadamer: [in der protestantischen Theologie} gibt es insofern eine Entsprechung zur juristischen Hermeneutik, als auch hier die Dogmatik nicht den Primat für sich in Anspruch nehmen kann. >Juristische Hermeneutik. Die eigentliche Konkretisierung der Verkündigung geschieht in der Predigt, so wie die der gesetzlichen Ordnung im Urteil geschieht. Aber dabei ist noch ein großer Unterschied. Die Predigt ist nicht wie das richterliche Urteil eine produktive Ergänzung des Textes, den sie auslegt. Aus der
Verkündigung der Predigt wächst daher der Heilsbotschaft nichts inhaltlich zu, das sich mit der rechtsergänzenden Kraft des Richterspruches vergleichen ließe. Es ist ja überhaupt nicht so, dass die Heilsbotschaft aus dem Gedanken des Predigers heraus erst Ihre nähere Bestimmung erführe. Er spricht als der Prediger vor der Gemeinde nicht mit dogmatischer Autorität, wie das der Richter tut. Zwar geht es auch in der Predigt um die Auslegung einer gültigen Wahrheit, Aber diese Wahrheit ist Verkündigung, und ob diese gelingt, entscheidet sich nicht durch die Gedanken des Predigers, sondern durch die Kraft des Wortes selbst (...). Die Verkündigung lässt sich nicht von
ihrem Vollzug ablösen. Alle dogmatische Fixierung der reinen Lehre ist sekundär. >Theologische Hermeneutik/Bultmann.



1. Vgl. E. Betti »Zur Grundlegung einer allgemeinen Auslegungslehre«, und sein monumentales Hauptwerk: Allgemeine Auslegungslehre 1967. (Dazu vor allem „Hermeneutik und Historismus“
(Bd. 2 der Ges. Werke, S. 387—424) und meine Arbeit „Emilio Betti und das idealistische
Erbe“ in: Quaderni Fiorentini 7 (1978), S. 5—11 , Ges. Werke Bd. 4.)

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Theorien Easton Brocker I 490
Theorie/Easton: Nach Easton war die amerikanische Politikwissenschaft Anfang der 1950er Jahre von zwei Ansätzen dominiert, die er »historizistisch« (»historicism«) bzw. »empirizistisch« (»hyperfactualism«, »empiricism«) nannte. Historismus/Historizismus//Easton: konzentriert sich auf eine Geschichte der politischen Ideen, die jeweils als Ausdruck ihrer historischen Epoche begriffen werden.
EastonVsHistorismus: 1. Damit ist die politische Theorie keine autonome Theorie mehr, sondern nur noch eine Manifestation einer zeitlichen Epoche. 2. Damit können keine Antworten auf Probleme der Gegenwart gegeben werden.
Empirismus/Easton: erschöpft sich in einer Ansammlung von Fakten ohne Grundlage.
EastonVsEmpirismus: Akkumulation von Daten als Selbstzweck, deren theoretische Besonderheit nicht ersichtlich werde. (1)
Brocker I 491
Theorie/Easton: eine Theorie darf ihren Gegenstand selbst nicht als abgeleitetes Phänomen betrachten (in Eastons Fall die Politik).

1. David Easton, A Framework for Political Analysis, Englewood Cliffs, N. J. 1965, S. 17


Dieter Fuchs, “David Easton, A Systems Analysis of Political Life” in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

PolEast I
David Easton
A Systems Analysis of Political Life New York 1965

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Tradition Romantik Gadamer I 280
Tradition/Romantik/Gadamer: Wenn es für die Aufklärung feststeht, dass alle Überlieferung, die sich vor der Vernunft als unmöglich, d. h. als Unsinn darstellt, nur historisch, d. h, im Rückgang auf die Vorstellungsweise der Vergangenheit, verstanden werden kann, so bedeutet das historische Bewusstsein, das mit der Romantik heraufkommt, eine Radikalisierung der Aufklärung, Denn für das historische Bewusstsein (>Historismus/Gadamer) ist der Ausnahmefall vernunftwidriger Überlieferung die allgemeine Situation geworden. Ein durch die Vernunft allgemein zugänglicher Sinn wird so wenig geglaubt, dass die gesamte Vergangenheit, ja, am Ende sogar alles Denken der Zeitgenossen schließlich nur noch verstanden wird. So mündet die romantische Kritik der Aufklärung selbst in Aufklärung, indem sie sich als historische Wissenschaft entfaltet und alles in den Sog des Historismus hineinzieht. Die grundsätzliche Diskreditierung aller Vorurteile, die das Erfahrungspathos der neuen Naturwissenschaft mit der Aufklärung verbindet, wird in der historischen Aufklärung universal und radikal.
Gadamer I 285
Tradition/Romantik/Gadamer: [Die Romantik] denkt Tradition im Gegensatz zur
Gadamer I 286
vernünftigen Freiheit und sieht in ihr eine geschichtliche Gegebenheit von der Art der Natur. 0b man sie nun revolutionär bekämpft oder konservieren möchte, sie erscheint als das abstrakte Gegenteil der freien Selbstbestimmung, da ihre Geltung keiner vernünftigen Gründe bedarf, sondern uns fraglos bestimmt.

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Universalgeschichte Gadamer I 206
Universalgeschichte/Gadamer: Reichtum an individuellen Erscheinungen ist nicht nur die Auszeichnung des griechischen Lebens, es ist die Auszeichnung des geschichtlichen Lebens überhaupt, und das ist es, was den Wert und Sinn der Geschichte ausmacht. Die bange Frage nach dem Sinn in diesem Schauspiel glanzvoller Siege und grauenvoller Untergänge, das das menschliche Herz bestürzt, soll damit eine Antwort finden. Es ist der Vorzug dieser Antwort (>Geschichte/Historismus), dass mit ihrem humanistischen Ideal kein bestimmter Inhalt gedacht wird, sondern die formale Idee der größten Mannigfaltigkeit zugrunde liegt. Ein solches Ideal ist wahrhaft universal. Denn es ist durch keine Erfahrung der Geschichte, durch keine noch so bestürzende Hinfälligkeit der menschlichen Dinge grundsätzlich mehr zu erschüttern. Die Geschichte hat einen Sinn in sich selbst. Was gegen diesen Sinn zu sprechen scheint - die Vergänglichkeit alles Irdischen - ist in Wahrheit sein eigentlicher Grund. Denn im Vergehen selber liegt das Geheimnis einer unerschöpflichen Produktivität des geschichtlichen Lebens. Die Frage ist nun, wie sich unter diesem Maßstab und formellen Ideal der Geschichte die Einheit der Weltgeschichte denken und die Erkenntnis derselben rechtfertigen lässt. Folgen wir zunächst Ranke. »Jede wahrhaft welthistorische Handlung, die niemals einseitig aus bloßer Vernichtung besteht, vielmehr im flüchtigen Augenblick der Gegenwart ein Künftiges zu entwickeln weiß, schließt ein volles und unmittelbares Gefühl ihres unzerstörbaren Wertes in sich ein«.(1)


1. Ranke, Weltgeschichte IX, 270.

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Universalgeschichte Historismus Gadamer I 215
Universalgeschichte/Historismus/Gadamer: Universalgeschichte, Weltgeschichte - das sind in Wahrheit nicht Inbegriffe formaler Art, in denen das Ganze des Geschehens gemeint ist. Im geschichtlichen Denken ist das Universum als die göttliche Schöpfung zum Bewusstsein ihrer selbst erhoben. Freilich ist das nicht ein begreifendes Bewusstsein. Das letzte Resultat der historischen Wissenschaft ist »Mitgefühl, Mitwisserschaft des Alls«(1). Auf diesem pantheistischen Hintergrund versteht sich Rankes berühmte Wendung, wonach er sich selbst auslöschen möchte.
DiltheyVsRanke: Natürlich ist solche Selbstauslöschung in Wahrheit, wie Dilthey(2) dagegen eingewandt hat, die Ausweitung des Selbst zu einem inneren Universum. Aber es ist doch nicht zufällig, daß Ranke eine solche Reflexion, die Dilthey auf seine psychologische Grundlage der Geisteswissenschaften führt, nicht vollzieht.
RankeVsDilthey: Für Ranke ist Selbstauslöschung noch eine Form wirklicher Teilhabe. Man darf den Begriff der Teilhabe nicht psychologisch-subjektiv verstehen, sondern muss ihn von dem Begriff des Lebens her denken, der zugrunde liegt. Weil alle geschichtlichen Erscheinungen Manifestationen des All-Lebens sind, ist die Teilhabe an ihnen Teilhabe am Leben.


1. Ranke (ed. Rothacker). S. 52.
2. Dilthey, Ges. Schriften V, 281.

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Universalgeschichte Ranke Gadamer I 206
Universalgeschichte/Ranke/Gadamer: Ranke: These: »Jede wahrhaft welthistorische Handlung, die niemals einseitig aus bloßer Vernichtung besteht, vielmehr im flüchtigen Augenblick der Gegenwart ein Künftiges zu entwickeln weiß, schließt ein volles und unmittelbares Gefühl ihres unzerstörbaren Wertes in sich ein«.(1) Gadamer: Weder die Vorzugsstellung des klassischen Altertums noch die der Gegenwart oder einer Zukunft, auf die sie hinausführt, weder Verfall noch Fortschritt, diese traditionellen Grundschemata der Universalgeschichte, sind mit echtem geschichtlichem Denken vereinbar. Umgekehrt verträgt sich die berühmte Unmittelbarkeit aller Epochen zu Gott sehr wohl mit der Idee des
Gadamer I 207
weltgeschichtlichen Zusammenhangs. Denn Zusammenhang (...) ist die Manifestation der geschichtlichen Wirklichkeit selbst. Was geschichtlich wirklich ist, kommt heraus »nach strengen Folgesätzen: was da folgte, stellt Wirkung und Art des eben Vorhergegangenen in helles, gemeinschaftliches Licht«(2). Dass es ein ununterbrochener Zusammenhang des Lebens ist, der sich im Wechsel der menschlichen Geschicke durchhält, ist also die erste Aussage über die formale Struktur der Geschichte, Werden im Vergehen zu sein. Immerhin wird doch erst von hier aus verständlich, was nach Ranke eine »wahrhaft welthistorische Handlung« ist und damit auch, worauf der Zusammenhang der Weltgeschichte eigentlich beruht. Ziel der Geschichte/Ranke: [Geschichte] hat kein außer ihr auffindbares und feststehendes Telos. Insofern herrscht in der Geschichte keine a priori einsehbare Notwendigkeit. Aber die Struktur des geschichtlichen Zusammenhanges ist dennoch eine teleologische(3). Maßstab ist der Erfolg. Wir sahen ja, dass das, was da folgt, über die Bedeutung des Vorhergegangenen erst entscheidet. Gadamer: Ranke mochte das als eine bloße Bedingung historischer Erkenntnis gemeint haben. In Wahrheit beruht darauf auch das eigentliche Gewicht, das dem Sinn der Geschichte selber zukommt. Dass etwas gelingt oder misslingt, entscheidet ja nicht nur über den Sinn dieses
einen Tuns und lässt es eine dauernde Wirkung erzeugen oder wirkungslos vorübergehen, sondern dies Gelingen oder Misslingen lässt einen ganzen Zusammenhang von Taten und Ereignissen sinnvoll sein oder sinnlos werden. >Universalgeschichte/Gadamer, >Historismus/Gadamer, >Geschichte/Historismus.


1. Ranke, Weltgeschichte IX, 270.
2. Ranke, Lutherfragm. 1.
3. Vgl. Gerhard Masur, Rankes Begriff der Weltgeschichte, 1926

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Gadamer II
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Universalismus Habermas III 222
Universalismus/Habermas: Vorgeschichte: die geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschungen des 19. Jahrhunderts hatten den Blick für die Variationsbreite von sozialen Lebensformen, Traditionen, Werten und Normen geschärft. Der Historismus hatte diese Grunderfahrung der Relativität der eigenen Überlieferungen und Denkweisen auf das Problem zugespitzt, ob nicht selbst die in den empirischen Wissenschaften vorausgesetzten Rationalitätsstandards Bestandteile einer regional und zeitlich beschränkten Kultur, eben der neuzeitlichen europäischen, sind und ihren universalistischen Anspruch damit einbüßen.
Max Weber hat eine vorsichtig universalistische Position eingenommen; er hat Rationalisierungsprozesse nicht für ein spezielles Phänomen des Abendlandes gehalten, obgleich die in allen Weltreligionen nachweisbare Rationalisierung zunächst nur in Europa zu einer Form des Rationalismus geführt hat, der gleichzeitig besondere, nämlich okzidentale und allgemeine, die Moderne überhaupt auszeichnende Züge aufweist.


Ha I
J. Habermas
Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988

Ha III
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981

Ha IV
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981
Verdinglichung Lukács Habermas III 474
Verdinglichung/Lukács/Habermas: Lukács These: „in der Struktur des Warenverhältnisses (kann) das Urbild aller Gegenständlichkeitsformen und aller ihnen entsprechenden Formen der Subjektivität in der bürgerlichen Gesellschaft aufgefunden werden.“ (1) Habermas: den neukantischen Ausdruck „Gegenständlichkeitsform“ verwendet Lukács in einem durch Dilthey geprägten Sinn als geschichtlich entstandene „Daseins- oder Denkform“, die die „Totalität der Entwicklungsstufe der Gesamtgesellschaft“ auszeichnet. Er begreift die Entwicklung der Gesellschaft als „die Geschichte der ununterbrochenen Umwälzung der Gegenständlichkeitsformen, die das Dasein der Menschen gestalten“.
LukácsVsHistorismus/Habermas: Lukács teilt allerdings nicht die historistische Auffassung, wonach sich in einer Gegenständlichkeitsform die Partikularität einer jeweils einzigartigen Kultur ausdrückt. Die Gegenständlichkeitsformen vermitteln „die Auseinandersetzung des Menschen
Habermas III 475
mit seiner Umwelt, die die Gegenständlichkeit seines inneren wie äußeren Lebens bestimmen“. (2) Verdinglichung/Lukács/Habermas: ist die eigentümliche Assimilierung von gesellschaftlichen Beziehungen und Erlebnissen an Dinge, d.h. an Objekte, die wir Wahrnehmung und manipulieren können. Die drei Welten (subjektive, objektive und soziale ((s) geteilte) Welt) sind im gesellschaftlichen Apriori der Lebenswelt so schief koordiniert, dass in unser Verständnis interpersonaler Beziehungen und subjektiver Erlebnisse Kategorienfehler eingebaut sind: wir fassen sie unter der Form von Dingen, also als Entitäten auf, die zur objektiven Welt gehören, obgleich sie in Wahrheit Bestandteile unserer gemeinsame sozialen oder der je eigenen subjektiven Welt sind.
Habermas: weil nun das Verstehen und Auffassen für den kommunikativen Umgang selbst konstitutiv sind, affiziert ein derart systematisch angelegtes Missverstehen die Praxis, nicht nur die Denk- sondern auch die „Daseinsform“ der Subjekte. Es ist die Lebenswelt selbst, die „verdinglicht“ wird.
Habermas: die Ursache für diese Deformation sieht Lukács in einer
Habermas III 476
Produktionsweise, die auf Lohnarbeit beruht und das „Zur-Ware-Werden einer Funktion des Menschen“ (3) erfordert.
Habermas III 489
AdornoVsLukács/HorkheimerVsLukács/Habermas: Horkheimer und Adorno verlegen die Anfänge der Verdinglichung in der Dialektik der Aufklärung hinter den kapitalistischen Anfang der Moderne zurück in die Anfänge der Menschwerdung. Der Grund dafür ist, dass Lukács Theorie von den nicht vorausgesehenen Integrationsleistungen der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften dementiert wurde.

1. G. Lukács, „Die Verdinglichung und das Bewusstsein des Proletariats“ in: G. Lukács, Werke, Bd. 2. Neuwied 1968, S. 257-397.
2.G.Lukács, Geschichte und Klassenbewusstsein, Werke, Bd. 2, 1968, S. 336
3. Ebenda S. 267.


Ha I
J. Habermas
Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988

Ha III
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981

Ha IV
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981
Verstehen Ranke Gadamer I 215
Verstehen/Ranke/Historismus/Gadamer: Ranke, These: Das letzte Resultat der historischen Wissenschaft ist »Mitgefühl, Mitwisserschaft des Alls«(1). Auf diesem pantheistischen Hintergrund versteht sich Rankes berühmte Wendung, wonach er sich selbst auslöschen möchte.
DiltheyVsRanke: Natürlich ist solche Selbstauslöschung in Wahrheit, wie Dilthey(2) dagegen eingewandt hat, die Ausweitung des Selbst zu einem inneren Universum
RankeVsDilthey: Für Ranke ist Selbstauslöschung noch eine Form wirklicher Teilhabe. Man darf den Begriff der Teilhabe nicht psychologisch-subjektiv verstehen, sondern muss ihn von dem Begriff des Lebens her denken, der zugrunde liegt. Weil alle geschichtlichen Erscheinungen Manifestationen des All-Lebens sind, ist die Teilhabe an ihnen Teilhabe am Leben.
Gadamer: Von da gewinnt der Ausdruck des Verstehens seinen fast religiösen Klang. Das Verstehen ist unmittelbare Teilhabe am Leben, ohne die gedankliche Vermittlung durch den Begriff. Darauf gerade kommt es dem Historiker an, nicht Wirklichkeit auf Begriffe zu beziehen, sondern überall an den Punkt zu gelangen, wo »Leben denkt und Gedanke lebt«. Die Erscheinungen des geschichtlichen Lebens werden im Verstehen als die Manifestationen des All-Lebens, der Gottheit, erfasst. Solche verstehende Durchdringung derselben bedeutet in der Tat mehr als eine menschliche Erkenntnisleistung eines inneren Universums, wie Dilthey das Ideal des Historikers gegen Ranke umformulierte. Es ist eine metaphysische Aussage, die Ranke in die größte Nähe zu Fichte und Hegel rückt, wenn er sagt: »Die klare, volle, gelebte Einsicht, das ist das Mark des Seyns durchsichtig geworden und sich selbst durchschauend«(3). In einer solchen Wendung ist ganz unüberhörbar, wie nahe Ranke im Grunde dem deutschen Idealismus bleibt. Die volle Selbstdurchsichtigkeit des Seins, die Hegel im absoluten Wissen der Philosophie dachte, legitimiert auch noch Rankes Selbstbewusstsein als Historiker, so sehr er auch den Anspruch der spekulativen Philosophie zurückweist.
Gadamer I 216
Gadamer: Die reine Hingegebenheit an die Anschauung der Dinge, die epische Haltung dessen, der die Mär der Weltgeschichte sucht(4) darf in der Tat dichterisch heißen, sofern für den Historiker Gott nicht in der Gestalt des Begriffs, sondern in der Gestalt der „äußeren Vorstellung“ in allem gegenwärtig ist. Man kann Rankes Selbstverständnis in der Tat nicht besser als durch diese Begriffe Hegels umschreiben. Der Historiker, wie ihn Ranke versteht, gehört der Gestalt des absoluten Geistes zu, die Hegel als die der Kunstreligion beschrieben hat. DroysenVsRanke/Gadamer: Für einen schärfer denkenden Historiker musste die Problematik solcher Selbstauffassung sichtbar werden. Die philosophische Bedeutung von Droysens Historik liegt eben darin, dass er den Begriff des Verstehens aus der Unbestimmtheit ästhetisch-pantheistischer Kommunion, die er bei Ranke hat, zu lösen sucht und seine begrifflichen Voraussetzungen formuliert. Die erste dieser Voraussetzungen ist der Begriff des Ausdrucks(5). Verstehen ist Verstehen von Ausdruck.


1. Ranke (ed. Rothacker). S. 52.
2. Dilthey, Ges. Schriften V, 281.
3. Lutherfragment 13.
4. Ebenda S. 1
5. Vgl. auch unten S. 341 f. , 471 f. und Bd. 2 der Ges. Werke, Exkurs VI, S. 384ff.

Gadamer I
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Vollkommenheit Gadamer I 298
Vorgriff der Vollkommenheit/Hermeneutik/Gadamer: Der [hermeneutische] Zirkel ist (...) nicht formaler Natur. Er ist weder subjektiv noch objektiv, sondern beschreibt das Verstehen als das Ineinanderspiel der Bewegung der Überlieferung und der Bewegung des Interpreten. Die Antizipation von Sinn, die unser Verständnis eines Textes leitet, ist nicht eine Handlung der Subjektivität, sondern bestimmt sich aus der Gemeinsamkeit, die uns mit der Überlieferung verbindet. Diese Gemeinsamkeit aber ist in unserem Verhältnis zur Überlieferung in beständiger Bildung begriffen.
I 299
Der (...) „Vorgriff der Vollkommenheit“ (...) ist offenbar eine formale Voraussetzung, die alles Verstehen leitet. Sie besagt, dass nur das verständlich ist, was wirklich eine vollkommene Einheit von Sinn darstellt. So machen wir denn diese Voraussetzung der Vollkommenheit immer, wenn wir einen Text lesen, und erst wenn diese Voraussetzung sich als unzureichend erweist, d. h.
der Text nicht verständlich wird, zweifeln wir an der Überlieferung und suchen zu erraten, wie sie zu heilen ist. ((s) Vgl. Die philosophischen Theorien über das >Prinzip der Nachsicht).
Gadamer: (...) die richtige Anwendung [der Regeln] ist nicht von dem inhaltlichen Verständnis ablösbar. Der Vorgriff der Vollkommenheit, der all unser Verstehen leitet, erweist sich mithin selber als ein jeweils inhaltlich bestimmter. Es wird nicht nur eine immanente Sinneinheit vorausgesetzt, die dem Lesenden die Führung gibt, sondern das Verständnis des Lesers wird auch ständig von transzendenten Sinnerwartungen geleitet, die aus dem Verhältnis zur Wahrheit des Gemeinten entspringen.
Wahrheit: Das Vorurteil der Vollkommenheit enthält also nicht nur dies Formale, dass ein Text seine Meinung vollkommen aussprechen soll, sondern auch, dass das, was er sagt, die vollkommene Wahrheit ist.
I 300 Anmerkung:
Es gibt eine Ausnahme von diesem Vorgriff der Vollkommenheit: den Fall des verstellten oder verschlüsselten Schreibens. Dieser Fall stellt die schwierigsten hermeneutischen Probleme.(1) Vgl. >Hermeneutik/Leo Strauss.


1. (vgl. die lehrreichen Erwägungen von Leo Strauss in: Persecution and
the Art of Writing). Dieser Ausnahmefall des hermeneutischen Verhaltens ist insofern von
exemplarischer Bedeutung, als hier die reine Sinnauslegung nach der gleichen Richtung
Überschritten wird, wie wenn die historische Quellenkritik hinter die Überlieferung
zurückgeht. Obwohl es sich hier um keine historische, sondern um eine hermeneutische
Aufgabe handelt, wird diese nur lösbar, indem man ein sachliches Verständnis als Schlüssel verwendet. Nur dann lässt sich die Verstellung entschlüsseln - wie man ja auch im
Gespräch Ironie in dem Grade versteht, in dem man in sachlichem Einverständnis mit
dem anderen steht. Die scheinbare Ausnahme bestätigt also erst recht, daß Verstehen
Einverständnis impliziert. Ob L. Strauss mit der Durchführung seines Prinzips immer
Recht hat, z. B. bei Spinoza, ist mir zweifelhaft. „Verstellung“ schließt ein Höchstmaß von
Bewusstsein ein. Akkomodation, Konformismus usw. brauchen nicht bewusst zu geschehen. Das hat Strauss meines Erachten nicht genug beachtet. Vgl. a. a. O. , S. 223ff., sowie meine
Arbeit „Hermeneutik und Historismus«, Bd. 2 der Ges. Werke, S. 387 ff. Inzwischen sind
diese Probleme - wie mir scheint, auf zu einer semantischer Basis, viel diskutiert wor-
den. Vgl. D. Davidson, Inquiries into Truth and Interpretation, Oxford 1984. ((s) >Radikale Intepretation).

Gadamer I
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Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Vorurteile Gadamer I 273
Vorurteil/Verstehen/Hermeneutik/Gadamer: Es ist ja nicht so, dass man, wenn man jemanden anhört, oder an eine Lektüre geht, alle Vormeinungen über den Inhalt und alle eigenen Meinungen vergessen müsste. Daher muss ein hermeneutisch geschultes Bewusstsein für die Andersheit des Textes von vornherein empfänglich seine Solche Empfänglichkeit setzt aber
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weder sachliche noch gar Selbstauslöschung voraus, sondern schließt die abhebende Aneignung der eigenen Vormeinungen und Vorurteile ein. Es gilt, der eigenen Voreingenommenheit inne zu sein, damit sich der Test selbst in seiner Andersheit darstellt und damit in die Möglichkeit kommt, seine sachliche wahrheit gegen die eigenen Vormeinung auszuspielen. >Verstehen/Gadamer, >Hermeneutischer Zirkel/Heidegger. Erst [die] Anerkennung der wesenhaften Vorurteilshaftigkeit alles Verstehens schärft das hermeneutische Problem zu seiner wirklichen Spitze zu.
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GadamerVsHistorismus: An dieser Einsicht gemessen zeigt es sich, dass der Historismus, aller Kritik am Rationalismus und am Naturrechtsdenken zum Trotz, selber auf dem Boden der modernen Aufklärung steht und ihre Vorurteile undurchschaut teilt. Es gibt nämlich sehr wohl auch ein Vorurteil der Aufklärung, das ihr Wesen trägt und bestimmt: Dies grundlegende Vorurteil der Aufklärung ist das Vorurteil gegen die Vorurteile überhaupt und damit die Entmachtung der Überlieferung. Eine begriffsgeschichtliche Analyse zeigt, dass erst durch die Aufklärung der Begriff des Vorurteils die uns gewohnte negative Akzentuierung findet.
An sich heißt Vorurteil ein Urteil, das vor der endgültigen Prüfung aller sachlich bestimmenden Momente gefällt wird. Im Verfahren der Rechtssprechung hieß ein Vorurteil eine rechtliche Vorentscheidung vor der Fällung des eigentlichen Endurteils. Für den im Rechtsstreit Stehenden bedeutete das Ergehen eines solchen Vorurteils gegen ihn freilich eine Beeinträchtigung
seiner Chancen. So heißt préjudice wie praeiudicium auch einfach Beeinträchtigung, Nachteil, Schaden.
Doch ist diese Negativität nur eine konsekutive. Es ist gerade die positive Gültigkeit, der präjudizielle Wert der Vorentscheidung - ebenso wie der eines jeden Präzedenzfalles - auf dem die negative
Konsequenz beruht.
Unbegründetheit: Das deutsche Wort scheint durch die Aufklärung und ihre Religionskritik auf die Bedeutung „unbegründetes Urteil“ beschränkt worden zu sein.(1)
Aufklärung: Das Fehlen der Begründung lässt in den Augen der Aufklärung nicht anderen Weisen der Gültigkeit Raum, sondern bedeutet, dass das Urteil keinen in der Sache liegenden Grund hat, „ungegründet“ ist.
GadamerVsAufklärung: Das ist ein echter Schluss im Geist des Rationalismus. Auf ihm beruht die Diskreditierung der Vorurteile überhaupt und der Anspruch der wissenschaftlichen Erkenntnis, sie völlig auszuschalten.


1. Vgl. Leo Strauss, Die Religionskritik Spinozas, S. 163

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Wissenschaft Romantik Gadamer I 279
Wissenschaft/Romantik/Gadamer: [Den] Umwertungen der Romantik entspringt die Haltung der historischen Wissenschaft des 19. Jahrhunderts. Sie misst nicht mehr die Vergangenheit mit den Maßstäben der Gegenwart wie an einem Absoluten, sie spricht vergangenen Zeiten einen eigenen Wert zu und kann selbst in der einen oder anderen Hinsicht deren Überlegenheit anerkennen. Die großen Leistungen der Romantik, die Erweckung der Zeitenfrühe, das Vernehmen der Stimme der Völker in Liedern, die Sammlung der Märchen und der Sagen, die Pflege des alten Brauchtums, die Entdeckung der Sprachen als
Gadamer I 280
Weltanschauungen, das Studium der „Religion und Weisheit der Inder“ - sie alle haben historische Forschung ausgelöst, die langsam, Schritt für Schritt die ahnungsreiche Wiedererweckung in abständige historische Erkenntnis verwandelte. Historismus: Der Anschluss der historischen Schule an die Romantik bestätigt damit, dass die romantische Wiederholung des Ursprünglichen selber auf dem Boden der Aufklärung steht. Die historische Wissenschaft des 19. Jahrhunderts ist ihre stolzeste Frucht und versteht sich geradezu als die Vollendung der Aufklärung, als den letzten Schritt in der Befreiung des Geistes von dogmatischer Befangenheit, den Schritt zur objektiven Erkenntnis der geschichtlichen Welt, die der Erkenntnis der Natur durch die moderne Wissenschaft ebenbürtig zur Seite tritt. >Historismus/Gadamer.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

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Zusammenhang Ranke Gadamer I 211
Zusammenhang/Geschichte/Freiheit/Notwendigkeit/Ranke/Gadamer: Die geschichtlichen Kräfte, die die eigentlichen Träger der geschichtlichen Entwicklung bilden, sind nicht wie die monadische Subjekivität des Individuums. Alle Individuation ist vielmehr selbst schon durch die entgegenstehende Realität mitgeprägt, und eben deshalb ist Individualität nicht Subjektivität, sondern lebendige Kraft. >Kraft/Ranke. Zusammenhang: Der Gebrauch der Kategorie der Kraft ermöglicht nun, den Zusammenhang in der Geschichte als eine primäre Gegebenheit zu denken. Kraft ist immer nur wirklich als ein Spiel der Kräfte, und Geschichte ist ein solches Spiel von Kräften, das Kontinuität erwirkt.
Ranke wie Droysen sprechen in diesem Zusammenhang davon, daß Geschichte eine „werdende Summe« ist, um damit allen Anspruch auf apriorische Konstruktion der Weltgeschichte abzuweisen, und sie meinen damit ganz auf dem Boden der Erfahrung zu stehen.(1)
GadamerVsRanke/GadamerVsdroysen: Es fragt sich aber, ob damit nicht doch mehr vorausgesetzt ist, als sie selber wissen. Dass die Universalgeschichte eine werdende Summe ist, heißt doch, dass sie ein - wenn auch unfertiges - Ganzes sei. Das aber ist keineswegs selbstverständlich. Qualitativ ungleiche Posten summieren sich nicht. Summierung setzt vielmehr voraus, dass die Einheit, unter der sie zusammengefasst werden, ihre Zusammenfassung schon vorgängig leitet. Diese Voraussetzung ist aber eine Behauptung. Die Idee der Einheit der Geschichte ist in Wahrheit nicht so formal und so unabhängig von einem inhaltlichen Verständnis „der« Geschichte, wie es scheint.(2)
Die Welt der Geschichte hat man durchaus nicht immer unter dem Aspekt der weltgeschichtlichen Einheit gedacht. Sie kann z. B. auch - wie bei Herodot - als ein moralisches Phänomen betrachtet werden. Als solches bietet sie eine Fülle von Exempla, aber keine Einheit. Was legitimiert die Rede von einer Einheit der Weltgeschichte? Diese Frage war ehedem leicht beantwortet, als man die Einheit eines Zieles und damit eines Planes in der Geschichte voraussetzte. Aber was ist der Generalnenner, der ein Zusamenzählen
Gadamer I 212
erlaubt, wenn ein solches Ziel und ein solcher Plan in der Geschichte nicht angenommen wird? >Einheit/Geschichte/Historismus, >Einheit/Geschichte/Ranke, >Kontinuität/Ranke.

1. Ranke, Weltgeschichte IX, S. 163;
2. Dass Ranke - und nicht als einziger - subsumieren als summieren denkt und schreibt (z. B. a. a. O. , S. 63), ist für die geheime Gesinnung der historischen Schule höchst bezeichnend.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

Der gesuchte Begriff oder Autor findet sich in folgenden Kontroversen:
Begriff/
Autor/Ismus
Autor Vs Autor
Eintrag
Literatur
HistorismusHistorismus Popper Vs Historismus Flor II 489
PopperVsHistorismus/PopperVsSoziologie: Marktgesetze können sich umformulieren lassen, je nachdem um welche Art von Marktes sich handelt. Solche Gesetze sind für bedingungslose Vorhersagen nicht geeignet. Die Bedingungen können sich ständig ändern - oder wir selbst können Veränderungen herbeiführen.

Po I
Karl Popper
Grundprobleme der Erkenntnislogik. Zum Problem der Methodenlehre
In
Wahrheitstheorien, Gunnar Skirbekk Frankfurt/M. 1977

Flor I
Jan Riis Flor
"Gilbert Ryle: Bewusstseinsphilosophie"
In
Philosophie im 20. Jahrhundert, A. Hügli/P. Lübcke Reinbek 1993

Flor II
Jan Riis Flor
"Karl Raimund Popper: Kritischer Rationalismus"
In
Philosophie im 20. Jahrhundert, A.Hügli/P.Lübcke Reinbek 1993

Flor III
J.R. Flor
"Bertrand Russell: Politisches Engagement und logische Analyse"
In
Philosophie im 20. Jahrhundert, A. Hügli/P.Lübcke (Hg) Reinbek 1993

Flor IV
Jan Riis Flor
"Thomas S. Kuhn. Entwicklung durch Revolution"
In
Philosophie im 20. Jahrhundert, A. Hügli/P. Lübcke Reinbek 1993

Der gesuchte Begriff oder Autor findet sich in folgenden Thesen von Autoren des zentralen Fachgebiets.
Begriff/
Autor/Ismus
Autor
Eintrag
Literatur
Historismus Rorty, R. VI 295
Historismus/Historisten/Rorty: These wir wissen noch gar nicht, was Menschen eigentlich sind, denn wir wissen noch nicht, welche Praktiken ihnen einmal gemeinsam sein können.
VI 401
Historismus/Rorty pro "Globalen Historismus". These Kontingenz philosophischer Probleme. Frage: kann man zu den Einsichten der Philosophie auch gelangen, indem man die Vergangenheit außer acht läßt?