Lexikon der Argumente


Philosophische Themen und wissenschaftliche Debatten
 
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Gaia-Hypothese Braidotti Braidotti I 84
Gaia Hypothese/Braidotti: Die Anerkennung multikultureller Perspektiven und die Kritik an Imperialismus und Ethnozentrismus fügen der Diskussion über die werdende Erde einen entscheidenden Aspekt hinzu, aber sie verstricken sich heutzutage auch in ihre eigenen inneren Widersprüche. Nehmen wir zum Beispiel den Fall der „Tiefenökologie“. Arne Naess (1977a(1), 1977b(2)) und James Lovelocks „Gaia“-Hypothese (1979)(3) sind geozentrische Theorien, die eine Rückkehr zum Holismus und zur Vorstellung von der ganzen Erde als einem einzigen, heiligen Organismus vorschlagen.
>Tiefenökologie.
Dieser ganzheitliche Ansatz ist reich an Perspektiven, aber auch recht problematisch für einen vitalistischen, materialistischen posthumanen Denker. Problematisch ist dabei weniger der holistische Teil als vielmehr die Tatsache, dass er auf einer sozial-konstruktivistischen dualistischen Methode beruht.
Braidotti I 85
Das bedeutet, dass sie die Erde der Industrialisierung, die Natur der Kultur und die Umwelt der Gesellschaft gegenüberstellt und sich entschieden auf die Seite der natürlichen Ordnung stellt. Daraus ergibt sich eine relevante politische Agenda, die dem Konsumismus und dem besitzergreifenden Individualismus kritisch gegenübersteht und die technokratische Vernunft und die technologische Kultur stark anklagt. Dieser Ansatz hat jedoch zwei Nachteile. Erstens ist sein technophobischer Aspekt in Anbetracht der Welt, in der wir leben, an sich nicht besonders hilfreich. Zweitens führt er paradoxerweise genau die kategorische Trennung zwischen dem Natürlichen und dem Hergestellten wieder ein, die er zu überwinden versucht.
BraidottiVsNaess/BraidottivsLovelock/BraidottiVsDeep Ecology: Warum bin ich mit dieser Position nicht einverstanden? Wegen zweier miteinander verbundener Ideen:
Erstens wegen des Natur-Kultur-Kontinuums und der daraus folgenden Ablehnung der dualistischen Methodik des Sozialkonstruktivismus - die post-anthropozentrischen Neo-Humanisten führen diese Unterscheidung letztendlich wieder ein, wenn auch mit den besten Absichten in Bezug auf die natürliche Ordnung;
Zweitens, weil ich der negativen Art von Bindung misstraue, die im Zeitalter des Anthropozäns zwischen Menschen und Nicht-Menschen stattfindet. Die artenübergreifende Umarmung beruht auf dem Bewusstsein der drohenden Katastrophe: Die Umweltkrise und das Problem der globalen Erwärmung, ganz zu schweigen von der Militarisierung des Weltraums, reduzieren alle Arten auf ein vergleichbares Maß an Verwundbarkeit.
Das Problem mit dieser Position ist, dass sie in krassem Widerspruch zu ihren expliziten Zielen eine umfassende Humanisierung der Umwelt fördert. Dies scheint mir ein Rückschritt zu sein, der an die Sentimentalität der romantischen Phasen der europäischen Kultur erinnert. Ich stimme daher mit Val Plumwoods (1993(4), 2003(5)) Einschätzung überein, dass die Tiefenökologie den Erde-Kosmos-Nexus falsch versteht und lediglich die Strukturen des besitzergreifenden Egoismus und der Eigeninteressen auf nicht-menschliche Akteure ausweitet.
Braidotti I 86
Im Gegensatz zu dieser Position, aber auch aufbauend auf einigen ihrer Prämissen, möchte ich eine aktualisierte Form des Spinozismus vorschlagen (Citton und Lordon, 2008(6)). Ich sehe den spinozistischen Monismus und die radikalen immanenten Formen der Kritik, die auf ihm beruhen, als eine demokratische Bewegung, die eine Art ontologischen Pazifismus fördert. >Spinoza, >Über Spinoza.

1. Naess, Arne. 1977a. Spinoza and ecology. In: Siegfried Hessing (ed.) Speculum Spinozanum, 1877–1977. London: Routledge & Kegan Paul.
2.Naess, Arne. 1977b. Through Spinoza to Mahayana Buddhism or through Mahayana Buddhism to Spinoza? In: Jon Wetlesen (ed.) Spinoza’s Philosophy of Man, Proceedings of the Scandinavian
Spinoza Symposium. Oslo: Universitetsforlaget.
3. Lovelock, James. 1979. Gaia: A New Look at Life on Earth. Oxford:
Oxford University Press.
4. Plumwood, Val. 1993. Feminism and the Mastery of Nature. London and New York: Routledge.
5. Plumwood, Val. 2003. Environmental Culture. London: Routledge.
6. Citton, Yves and Frédéric Lordon. 2008. Spinoza et les Sciences Sociales. Paris: Editions Amsterdam.

Braidotti I
Rosie Braidotti
The Posthuman Cambridge, UK: Polity Press 2013
Menschen Postmoderne Gaus I 49
Mensch/Postmoderne/Bennett: Die postmoderne Theoriebildung positioniert das Menschliche in Bezug auf die nichtmenschlichen Entitäten und Kräfte, mit denen es die Welt teilt. Ihre Metaphysik der Immanenz verdrängt den Menschen aus dem Zentrum des Universums. >Immanenz.
Stattdessen werden wir als eine besonders komplexe und reflexive Formation betrachtet, die sich von anderen Formen in erheblichem Maße, aber nicht in der Art unterscheidet.
Der Mensch wird als eine Mischung von Kategorien von Dingen dargestellt, gegen die er traditionell definiert wurde. Wir sind Hybride aus Tier und Maschine, Kultur und Biologie, Sprache und Affekt.
Vgl. >Tier, >Tiersprache, >Denken, >Künstliche Intelligenz, >Sprache, >Kultur, >Affekte.
Haraway: Wir sind Cyborgs, sagt Donna Haraway (1989)(1), die die Vor- und Nachteile für die demokratische Politik, den Feminismus und das multikulturelle Zusammenleben untersucht.
>Demokratie, >Feminismus.
Bruno Latour: Latour sagt, dass der Mensch nicht ein Pol ist, dem ein anderer - genannt das Nichtmenschliche - entgegengesetzt wird, sondern eher ein "Weber von Morphismen": "Der Ausdruck "anthropomorph" unterschätzt unsere Menschlichkeit erheblich. Wir sollten über ... Technomorphismen, Zoomorphismen, Physiomorphismen, Ideomorphismen, Theomorphismen, Soziomorphismen, Psychomorphismen sprechen ... Ihre Bündnisse und ihr Austausch sind es, die zusammengenommen den Anthropos definieren" (1993(2): 137).
>B. Latour.
Deleuze: Die Diskussion von Deleuze und Guattari (1987)(3) über das kindliche Spiel des "Tier-Werdens" erforscht das positive Potential dieser mobilen Hybridität. Das Spiel, so heißt es, enthüllt das Gefühl des Kindes selbst, dass aus einem überreichen Feld von proteischen Kräften und Materialien geboren wurde, von denen nur einige von seiner gegenwärtigen, menschlichen Gestalt angezapft werden. Beim Spielen ihrer bellenden, muhenden, zwitschernden, knurrenden Spiele bezeugen die Kinder eine "unmenschliche Erfindung mit dem Tier" in ihnen (...)(3).
>G. Deleuze, >F. Guattari.
Gaus I 50
Ball: Die postmoderne Betonung der gemeinsamen materiellen Basis aller Dinge - von Menschen, Tieren, Artefakten und natürlichen Objekten - fördert auch ein ökologisches Gefühl der Verbundenheit. >Ökologie, vgl. >Tiefenökologie.
Werden: Postmoderne Theoretiker stellen sich vor, dass der Mensch, wie alles, was ist, in ständige Übergänge zwischen Sein und Werden eingebunden ist. Für Derrida ist das Werden das, was jeden Fortschritt oder jede Verbesserung in Richtung eines Ideals im politischen Leben möglich macht (...).(4)
>J. Derrida, >Veränderung.

1. Haraway, Donna (1989) Primate Visions. New York: Routledge.
2. Latour, Bruno (1993) We Have Never Been Modern. Cambridge, MA: Harvard University Press.
3. Deleuze, Gilles and Guattari, Felix (1987) A Thousand Plateaus, trans. Brian Massumi. Minneapolis: University of Minnesota Press.
4. Derrida, Jacques (2001) ‘An interview with Jacques Derrida’. Theory & Event, 5 (1).

Jane Bennett, 2004. „Postmodern Approaches to Political Theory“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications.

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Ökologie Naess Singer I 251
Ökologie/Naess, Arne/Singer, P.: (A. Naess (1973)(1): Def shallow ecology/Naess: ist auf den traditionellen Rahmen der Ethik beschränkt:: hier geht es darum, Bsp Wasser nicht zu verschmutzen, um genügend Trinkwasser zu haben und Umweltverschmutzung zu vermeiden, damit man die Natur weiterhin genießen kann. Dagegen:
Def deep ecology/Naess: will die Biosphäre um ihrer selbst willen erhalten, ungeachtet des möglichen Nutzens für den Menschen.
Tiefenökologie/Naess/Singer, P.: nimmt also größere Einheiten als das Individuum zum Gegenstand: Arten, Ökosysteme und sogar die Biosphäre als Ganzes.
Tiefenökologie/Tiefe Ökologie(2):
Prinzipien:
1. Das Wohlergehen und die Weiterentwicklung menschlichen und nichtmenschlichen Lebens auf der Erde haben einen Wert in sich selbst (intrinsischen, inhärenten Wert), unabhängig vom Nutzen der nichtmenschlichen Welt für menschlich Zwecke.
2. Reichtum und Diversität von Lebensformen tragen zur Realisierung dieser Werte bei und sind Werte in sich.
3. Menschen haben nicht das Recht, den Reichtum und die Diversität der Welt zu schmälern, außer, wenn es um vitale Interessen geht.
Singer I 252
Biosphäre/Naess/Sessions/Singer, P.: Sessions und Naess gebrauchen den Ausdruck „Biosphäre“ in einem weiten Sinn, so dass auch Flüsse, Landschaften und Ökosysteme inbegriffen sind. P. SingerVsNaess: (siehe auch SingerVsSessions): die Ethik der Tiefenökologie liefert keine befriedigenden Antworten in Bezug auf den Wert des Lebens vn Individuen. Vielleicht ist das aber auch die falsche Frage. Die Ökologie betrifft eher Systeme als individuelle Organismen. Daher sollte die ökologische Ethik sich eher auf Arten und Ökosysteme beziehen.
Singer I 253
Dahinter steckt also eine Art Holismus. Dieser wird von Lawrence Johnson (L. Johnson, A Morally Deep World, Cambridge, 1993) aufgezeigt. Johnson These: die Interessen von Arten sind verschieden von der Summe individuelle Interessen und existieren gleichzeitig zusammen mit individuellen Interessen innerhalb unserer moralischen Erwägungen. >Umwelt, >Emissionen,
>Emissionsrechtehandel, >Klimawandel,
>Klimaschäden, >Energiepolitik,
>Klimadaten, >Klimageschichte, >Klimagerechtigkeit,
>Klimaperioden, >Klimaschutz,
>Klimaziele, >Klimafolgenforschung.

1. A. Naess (1973). „The Shallow and the Deep, Long-Range Ecology Movement“, Inquiry 16 , pp. 95-100
2. A. Naess and George Sessions (1984). „Basic Principles of Deep Ecology“, Ecophilosophy, 6

Naess I
Arne Naess
Can Knowledge Be Reached? Inquiry 1961, S. 219-227
In
Wahrheitstheorien, Gunnar Skirbekk Frankfurt/M. 1977

SingerP I
Peter Singer
Practical Ethics (Third Edition) Cambridge 2011

SingerP II
P. Singer
The Most Good You Can Do: How Effective Altruism is Changing Ideas About Living Ethically. New Haven 2015
Ökologie Singer I 251
Ökologie/Aldo Leopold/Singer, P.: (A. Leopold,(1970)(1): These: Wir brauchen eine „neue Ethik“ , die sich mit der Beziehung des Menschen zu Land und Tieren auseinandersetzt. Leopold These: Etwas ist in Ordnung, wenn es beabsichtigt, die Integrität, Stabilität und Schönheit der biotischen Gemeinschaft zu erhalten und falsch, wenn es dies nicht tut.
>Utilitarismus.
I 253
Ökologie/Tiefenökologie/Singer, P.: (siehe auch Ökologie/Naess, Ökologie/Sessions). Probleme: Es ist die Frage, ob eine Art oder ein Ökosystem als ein Individuum mit Interessen betrachtet werden kann.
Vgl. >Ökosystemischer Ansatz.
Tiefenökologie/deep ecology: Wird ein Problem mit der Definition von Ehrfurcht vor dem Leben haben. Man kann nicht nur bezweifeln, dass Bäume, Arten und Ökosysteme moralische Interessen haben: Außerdem, wenn sie als ein „Selbst“ zu betrachten sind, ist es immer noch schwierig zu zeigen, dass das Überleben dieses Selbst (der Baum oder das System) einen moralischen Wert hat, unabhängig vom Nutzen, den es für bewusstes Leben hat.
Existenz/Systeme/Wert/Ethik/Singer, P.: Weiteres Problem: „Wie ist es für ein System, nicht realisiert zu sein?“ Solche Fragen sind für wissende Lebewesen zu beantworten, nicht aber für Bäume, Arten oder Ökosysteme.
I 254
P. SingerVs Lovelock, James: In dieser Hinsicht sind Arten, Bäume und Ökosysteme mehr wie Felsen als wie wissende Lebewesen. Wir sollten uns auf Argumente beschränken, in denen es um solche wissenden Wesen geht. >Tiefenökologie.

1. A. Leopold, A Sand County Almanac, with Essay on Conservation from Round River, New York (1970), pp. 238 and 262.

SingerP I
Peter Singer
Practical Ethics (Third Edition) Cambridge 2011

SingerP II
P. Singer
The Most Good You Can Do: How Effective Altruism is Changing Ideas About Living Ethically. New Haven 2015