Lexikon der Argumente


Philosophische Themen und wissenschaftliche Debatten
 
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Cartesianismus Dilthey Gadamer I 241
Cartesianismus/Dilthey/Gadamer: [Dilthey vermochte] die Konsequenz seines lebensphilosophischen Ansatzes gegen die Reflexionsphilosophie des Idealismus nicht wirklich festzuhalten (...). Sonst hätte er in dem Einwand des Relativismus den erkennen müssen, dem sein eigener Ausgangspunkt von der Immanenz des Wissens im Leben gerade den Boden entziehen wollte. >Relativismus/Dilthey, >Leben/Dilthey, >Lebensphilosophie/Dilthey.
Diese Zweideutigkeit hat ihren letzten Grund in einer inneren Uneinheitlichkeit seines Denkens, dem unaufgelösten Cartesianismus, von dem er ausgeht. Seine erkenntnistheoretischen Besinnungen zur Grundlegung der Geisteswissenschaften schließen sich nicht wirklich mit seinem lebensphilosophischen Ausgangspunkt zusammen. Dafür gibt es in seinen spätesten Aufzeichnungen einen sprechenden Beleg. Dilthey fordert da von einer philosophischen Grundlegung, dass sie sich auf jedes Gebiet erstrecken müsse, in welchem »das Bewusstsein das Autoritative abgeschüttelt hat und
Gadamer I 242
durch den Standpunkt der Reflexion und des Zweifels zu gültigem Wissen zu gelangen strebt«(1).
Gadamer: Ein solcher Satz scheint eine unverfängliche Aussage über das Wesen der Wissenschaft und der Philosophie der Neuzeit überhaupt. Die cartesianischen Anklänge darin sind gar nicht zu überhören. In Wahrheit aber findet dieser Satz in einem ganz anderen Sinne seine Anwendung, wenn Dilthey fortfährt: »Überall führt das Leben zu Reflexionen über das, was in ihm gesetzt ist, die Reflexion zum Zweifel, und soll sich diesem gegenüber das Leben behaupten, so kann das Denken erst endigen in gültigem Wissen«(2). Hier sind es nicht mehr philosophische Vorurteile, die durch eine erkenntnistheoretische Grundlegung im Stile Descartes überwunden werden sollen, sondern hier sind es Wirklichkeiten des Lebens, die Tradition der Sitte, der Religion und des positiven Rechts, welche von der Reflexion zersetzt werden und einer neuen Ordnung bedürfen. Wenn Dilthey hier von Wissen und Reflexion spricht, so meint er nicht die allgemeine Immanenz des Wissens im Leben, sondern eine gegen das Leben gerichtete Bewegung.


1. Dilthey, Ges. Schriften Vll, 6.
2. Ebenda.

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Erfahrung Apel Gadamer I 452
Erfahrung/Welt/Apel/Gadamer: GadamerVsReflexionsphilosophie: Das Bewusstsein der Bedingtheit hebt die Bedingtheit selbst keineswegs auf. Es gehört zu den Vorurteilen der Reflexionsphilosophie, dass sie als ein Verhältnis von Sätzen versteht, was gar nicht auf der gleichen logischen Ebene liegt. >Reflexionsphilosophie, >Stufen/Ebenen, >Beschreibungsebenen.
Apel: So ist das Reflexionsargument hier nicht am Platze. Denn es handelt sich gar nicht um
widerspruchsfrei zu haltende Verhältnisse von Urteilen, sondern um Lebensverhältnisse. Die sprachliche Verfasstheit unserer Welterfahrung ist imstande, die mannigfachsten Lebensverhältnisse zu umfassen.(1)
>Erfahrung, >Sprache, >Leben.


1. K. -O. Apel, Der philosophische Wahrheitsbegriff einer inhaltlich orientierten Sprachwissenschaft, Festschrift für Weisgerber, S. 25 f. (Jetzt in: K.-O. Apel, Transformation der Philosophie, 2 Bde. Frankfurt 1973, dort Bd. 1, S. 106—137) zeigt richtig, dass das Reden des Menschen über sich selbst keinesfalls als gegenständlich fixierende Behauptung eines Soseins zu verstehen ist, so dass eine Widerlegung solcher Aussagen durch den Aufweis ihrer logischen Rückbezüglichkeit und Widersprüchlichkeit sinnlos ist.

Ape I
K. O. Apel
Transformation der Philosophie: Band I. Sprachanalytik, Semiotik, Hermeneutik Frankfurt/M. 1994

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Freud Ricoeur 1 10
Freud/Ricoeur: Mein Problem ist das der Konsistenz der Freudschen Rede. a) Erkenntnistheoretisches Problem: Was heißt „deuten“ in der Psychoanalyse und wie verschränkt sich die Interpretation der menschlichen Zeichen mit der ökonomischen Erklärung, die behauptetet, an die Wurzel des Wunsches zu rühren?
b) Problem der Reflexionsphilosophie: Welches neue Selbstverständnis entsteht aus dieser Interpretation (...)?
c) Dialektisches Problem: Schließt die Freudsche Kulturdeutung jede andere aus?
>Sigmund Freud, >Psychoanalyse, >Selbstwissen, >Verstehen, >Interpretation, >Traumdeutung, >Deutung.

Ricoeur I
Paul Ricoeur
Die Interpretation. Ein Versuch über Freud Frankfurt/M. 1999

Ricoeur II
Paul Ricoeur
Interpretation theory: discourse and the surplus of meaning Fort Worth 1976
Hegel Gadamer I 349
Hegel/Dialektik/Gadamer: Die Kritik, die gegen [die] Philosophie der absoluten Vernunft von den mannigfachsten Positionen aus durch die Kritiker Hegels geübt worden ist, kann sich vor der Konsequenz der totalen dialektischen Selbstvermittlung, wie sie Hegel insbesondere in seiner Phänomenologie, der Wissenschaft vom erscheinenden Wissen, beschrieben hat, nicht behaupten.
Vgl. >Reflexion/Hegel.
VsHegel/Gadamer: Dass der andere nicht als das vom reinen Selbstbewusstsein umfasste Andere meiner selbst, sondern als der andere, als Du, erfahren werden müsse, dieser Prototyp aller Einwände gegen die Unendlichkeit der Hegelschen Dialektik, trifft ihn nicht im Ernst.
Siehe als Beispiel: >Anerkennung/Hegel.
HegelVsVs/Gadamer: Die Polemik gegen den absoluten Denker ist selber ohne Position. Der archimedische Punkt, die Hegelsche Philosophie aus den Angeln zu heben, kann in der Reflexion nie gefunden werden.
>Absolutheit/Hegel.
Das gerade macht die formale Qualität der Reflexionsphilosophie aus, dass es keine Position geben kann, die nicht in die Reflexionsbewegung des zu sich selbst kommenden Bewusstseins einbezogen ist.
Das Pochen auf die Unmittelbarkeit - sei es die der leiblichen Natur, sei es die des Ansprüche stellenden Du, sei es die der undurchdringlichen Tatsächlichkeit des geschichtlichen Zufalls oder die der Realität der Produktionsverhältnisse - hat sich immer schon selbst widerlegt, sofern es selber kein unmittelbares Verhalten, sondern ein reflektierendes Tun ist.

I 375
Hegel/Dialektik/Gadamer: Die Ursprünglichkeit des Gesprächs als des Bezugs von Frage und Antwort zeigt sich aber selbst noch in einem so extremen Fall, wie ihn die Hegelsche Dialektik als philosophische Methode darstellt. Die Totalität der Gedankenbestimmungen zu entfalten, wie es das Anliegen von Hegels Logik war, ist gleichsam der Versuch, im großen Monolog der neuzeitlichen „Methode“ das Sinnkontinuum zu umgreifen, dessen je partikulare Realisierung das Gespräch der Sprechenden leistet. Wenn Hegel sich die Aufgabe stellt, die abstrakten Gedankenbestimmungen zu verflüssigen und zu begeisten (sic), so heißt das, die Logik in die Vollzugsform der Sprache, den Begriff in die Sinnkraft des Wortes, das fragt und antwortet, zurückzuschmelzen – eine noch im Misslingen großartige Erinnerung an das, was Dialektik eigentlich war und ist. Hegels Dialektik ist ein Monolog des Denkens, der vorgängig leisten möchte, was in jedem echten Gespräch nach und nach reift. >Dialektik, >Dialektik/Hegel, >G.W.F. Hegel.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Humboldt, Wilhelm von Gadamer I 347
Humboldt/Historismus/Gadamer: In letzter Konsequenz ist es doch die Position Hegels, in [der Historismus des 19. Jahrhunderts] seine Legitimation findet, auch wenn die Historiker, die das Pathos der Erfahrung beseelte, sich statt dessen lieber auf Schleiermacher und auf Wilhelm von Humboldt beriefen. >Historismus, >G.W.F. Hegel, >W.v. Humboldt als Autor.
GadamerVsSchleiermacher/GadamerVsHumboldt: Weder Schleiermacher noch Humboldt haben aber ihre Position wirklich zu Ende gedacht. Sie mögen die Individualität, die Schranke der Fremdheit, die unser Verstehen zu überwinden hat, noch so sehr betonen, am Ende findet doch lediglich in einem unendlichen Bewusstsein das Verstehen seine Vollendung und der Gedanke der Individualität seine Begründung.
Hegel/Gadamer: Es ist die pantheistische Eingeschlossenheit aller Individualität ins Absolute, die das Wunder des Verstehens ermöglicht. So durchdringen sich auch hier Sein und Wissen im
I 348
Absoluten. >Absolutheit/Hegel, >Pantheismus.

1. Der Ausdruck Reflexionsphilosophie( ist von Hegel gegen Jacobi, Kant und Fichte
geprägt worden. Schon im Titel von „Glauben und Wissen“ aber als eine „Reflexionsphilosophie der Subjektivität“. Hegel selbst setzt ihr die Reflexion der Vernunft entgegen.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Reflexion Gadamer I 347
Reflexion/Wirkungsgeschichte/Hermeneutik/Gadamer: Unsere ganze Darlegung über Horizontbildung und Horizontverschmelzung sollte (...) die Vollzugsweise des wirkungsgeschichtlichen Bewusstseins beschreiben. >Wirkungsgeschichte/Gadamer, >Hermeneutik/Gadamer, >Verstehen/Gadamer. Aber was ist das für ein Bewusstsein? Hier liegt das entscheidende Problem. Man mag noch so sehr betonen, dass das wirkungsgeschichtliche Bewusstsein gleichsam in die Wirkung selbst eingelegt ist. Als Bewusstsein scheint es wesensmäßig in der Möglichkeit, sich über das zu erheben, wovon es Bewusstsein ist. Die Struktur der Reflexivität ist grundsätzlich mit allem Bewusstsein gegeben. Sie muss also auch für das Bewusstsein der Wirkungsgeschichte gelten. Werden wir damit nicht gezwungen, Hegel recht zu geben, und muss uns nicht doch die absolute Vermittlung von Geschichte und Wahrheit, wie sie Hegel denkt, als das Fundament der Hermeneutik erscheinen? In letzter Konsequenz ist es doch die Position Hegels, in [der Historismus des 19. Jahrhunderts] seine Legitimation findet, auch wenn die Historiker, die das Pathos der Erfahrung beseelte, sich statt dessen lieber auf Schleiermacher und auf Wilhelm von Humboldt beriefen.
GadamerVsSchleiermacher/GadamerVsHumboldt: Weder Schleiermacher noch Humboldt haben aber ihre Position wirklich zu Ende gedacht. Sie mögen die Individualität, die Schranke der Fremdheit, die unser Verstehen zu überwinden hat, noch so sehr betonen, am Ende findet doch lediglich
in einem unendlichen Bewusstsein das Verstehen seine Vollendung und der Gedanke der Individualität seine Begründung.
Hegel/Gadamer: Es ist die pantheistische Eingeschlossenheit aller Individualität ins Absolute, die das Wunder des Verstehens ermöglicht. So durchdringen sich auch hier Sein und Wissen im
I 348
Absoluten. >Absolutheit.
Weder Schleiermachers noch Humboldts Kantianismus ist somit gegenüber der spekulativen Vollendung des Idealismus in Hegels absoluter Dialektik eine selbständige systematische Affirmation. Die Kritik an der Reflexionsphilosophie(1), die Hegel trifft, trifft sie mit.
>F. Schleiermacher, >W. v. Humboldt.
VsHegel/Gadamer: Es geht für uns darum, wirkungsgeschichtliches Bewusstsein so zu denken, dass sich im Bewusstsein der Wirkung die Unmittelbarkeit und Überlegenheit des Werkes nicht wieder zu einer bloßen Reflexionswirklichkeit auflöst, mithin eine Wirklichkeit zu denken, an der sich
die Allmacht der Reflexion begrenzt. Genau das war der Punkt, gegen den sich die Kritik an Hegel richtete und an dem sich in Wahrheit das Prinzip der Reflexionsphilosophie gegenüber allen seinen Kritikern als überlegen erwies.
>Reflexion/Hegel.
I 350
VsReflexionsphilosophie/Gadamer: [Es] stellt sich die Frage, wie weit die dialektische Überlegenheit der Reflexionsphilosophie einer sachlichen Wahrheit entspricht und wie weit sie lediglich einen formalen Schein erzeugt. Dass die Kritik am spekulativen Denken, die vom Standpunkt des endlichen menschlichen Bewusstseins geübt wird, etwas Wahres enthält, kann durch die Argumentation der Reflexionsphilosophie am Ende doch nicht verdunkelt werden. >Junghegelianer/Gadamer.
Beispiele für Reflexion/Gadamer: Dass die These der Skepsis oder des Relativismus selber wahr sein will und sich insofern selber aufhebt, ist ein unwiderlegliches Argument. Aber wird damit irgend etwas geleistet? Das Reflexionsargument, das sich derart als siegreich erweist, schlägt vielmehr auf den Argumentierenden zurück, indem es den Wahrheitswert der Reflexion suspekt
macht. Nicht die Realität der Skepsis oder des alle Wahrheit auflösenden Relativismus wird dadurch getroffen, sondern der Wahrheitsanspruch des formalen Argumentierens überhaupt.


1. Der Ausdruck Reflexionsphilosophie( ist von Hegel gegen Jacobi, Kant und Fichte
geprägt worden. Schon im Titel von „Glauben und Wissen“ aber als eine „Reflexionsphilosophie der Subjektivität“. Hegel selbst setzt ihr die Reflexion der Vernunft entgegen.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Reflexion Hegel Gadamer I 348
Reflexion/Hegel/Gadamer: [Hegels Reflexionsphilosophie verdeutlichen wir an seiner] bekannte[n] Polemik(1) gegen Kants „Ding an sich“. Kant: Kants kritische Grenzsetzung der Vernunft hatte die Anwendung der Kategorien auf die Gegenstände möglicher Erfahrung beschränkt und das Ding an sich, das den Erscheinungen zugrunde liegt, für prinzipiell unerkennbar erklärt.
HegelVsKant: Hegels dialektische Argumentation wendet dagegen ein, dass die Vernunft, indem sie diese Grenze ziehe und die Erscheinung von dem Ding an sich unterscheide, diesen Unterschied in Wahrheit als ihren eigenen erweise. Sie gelange damit keineswegs an eine Grenze ihrer selbst, sondern sei vielmehr ganz bei sich selbst, indem sie diese Grenze setze. Denn das heiße, dass sie sie auch schon überschritten habe.
>Ding an sich, >I. Kant.
Grenze/Hegel: Was eine Grenze zur Grenze macht, schließt ja immer zugleich das ein, wogegen das durch die Grenze Eingegrenzte grenzt. Es ist die Dialektik der Grenze, nur zu sein, indem sie sich aufhebt.
>Dialektik/Hegel.
Ding an sich/Hegel: So ist auch das Ansichsein, das das Ding an sich im Unterschied zu seiner Erscheinung charakterisiert, nur für uns an sich. Was sich an der Dialektik der Grenze in logischer Allgemeinheit zeigen
Gadamer I 349
lässt, spezifiziert sich für das Bewusstsein in der Erfahrung, dass das von ihm unterschiedene Ansichsein das Andere seiner selbst ist und dass es in seiner Wahrheit erst gewusst werde, wenn es als Selbst gewusst werde, d, h. im vollendeten absoluten Selbstbewusstsein sich selber wisse. >Hegel/Gadamer, >Anerkennung/Hegel.
Gadamer: Die Polemik gegen den absoluten Denker ist selber ohne Position. Der archimedische Punkt, die Hegelsche Philosophie aus den Angeln zu heben, kann in der Reflexion nie gefunden werden. Das gerade macht die formale Qualität der Reflexionsphilosophie aus, dass es keine Position geben kann, die nicht in die Reflexionsbewegung des zu sich selbst kommenden Bewusstseins einbezogen ist. Das Pochen auf die Unmittelbarkeit - sei es die der leiblichen Natur, sei es die des Ansprüche stellenden Du, sei es die der undurchdringlichen Tatsächlichkeit des geschichtlichen Zufalls oder die der Realität der Produktionsverhältnisse - hat sich immer schon selbst widerlegt, sofern es selber kein unmittelbares Verhalten, sondern ein reflektierendes Tun ist.
>Absolutheit/Hegel.
Gadamer I 351
Platos mythische Widerlegung des dialektischen Sophisma, so einleuchtend sie scheint, [ist] für das moderne Denken nicht befriedigend. >Sophisten/Platon.
HegelVsPlaton: Hegel kennt keine mythische Begründung der Philosophie. Vielmehr gehört ihm der Mythos zur Pädagogie. Am Ende ist es die Vernunft, die sich selber begründet. Indem Hegel die Dialektik der Reflexion dergestalt als die totale Selbstvermittlung der Vernunft durcharbeitet, ist er dem argumentativen Formalismus, den wir mit Plato sophistisch nannten, grundsätzlich überlegen. Seine Dialektik ist daher auch gegen die leere Argumentation des Verstehens, die er die „äußere Reflexion“ nennt, nicht minder polemisch wie der platonische Sokrates.
>Dialektik/Hegel, >Verstehen.


1. Hegel, Enzyklopadie der Philosophischen Wissenschaften, § 60

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Relativismus Dilthey Gadamer I 241
Relativismus/Dilthey/Gadamer: [Diltheys Philosophie] denkt das Leben selbst zu Ende, indem sie auch noch die Philosophie als eine Objektivation des Lebens versteht. Sie wird zur Philosophie der Philosophie, aber nicht in dem Sinne und mit dem Anspruch, den der Idealismus erhob. Sie will nicht aus der Einheit eines spekulativen Prinzips die allein mögliche Philosophie begründen, sondern geht den Weg der historischen Selbstbesinnung weiter. Insofern unterliegt sie gar nicht dem Einwand, sich des Relativismus schuldig zu machen.
Dilthey selbst hat diesen Einwand zwar immer wieder bedacht und eine Auflösung auf die Frage gesucht, wie in aller Relativität Objektivität möglich sei und wie sich die Beziehung des Endlichen zum Absoluten denken lässt. »Die Aufgabe ist, darzulegen, wie sich diese relativen Wertbegriffe der Zeitalter zu etwas Absolutem erweitert haben«(1).
Gadamer: Aber eine wirkliche Antwort auf dieses Problem des Relativismus wird man bei Dilthey vergeblich suchen, und das nicht, weil er die rechte Antwort nie gefunden hat, sondern weil es gar nicht seine eigene wirkliche Frage gewesen ist. Er wusste sich vielmehr in der Entfaltung der historischen Selbstbesinnung, die ihn von Relativität zu Relativität führte, immer schon unterwegs zum Absoluten.
Insofern hat Ernst Troeltsch Diltheys Lebensarbeit ganz richtig in die Losung zusammengezogen: „Von der Relativität zur Totalität“. Diltheys eigene Formel dafür lautete: »mit Bewusstsein ein Bedingtes zu sein«(2) - eine Formel, die offen gegen den Anspruch der Reflexionsphilosophie gerichtet ist, in der Erhebung zur Absolutheit und Unendlichkeit des Geistes, in der Vollendung und Wahrheit des Selbstbewusstseins alle Schranken der Endlichkeit hinter Sich zu lassen.

1. Dilthey, Ges. Schriften Vll, 290.
2. Ges. Schriften V, 364.

Dilth I
W. Dilthey
Gesammelte Schriften, Bd.1, Einleitung in die Geisteswissenschaften Göttingen 1990

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977
Schleiermacher Gadamer I 347
Schleiermacher/Historismus/Gadamer: In letzter Konsequenz ist es doch die Position Hegels, in [der Historismus des 19. Jahrhunderts] seine Legitimation findet, auch wenn die Historiker, die das Pathos der Erfahrung beseelte, sich statt dessen lieber auf Schleiermacher und auf Wilhelm von Humboldt beriefen. >F. Schleiermacher, >W. v. Humboldt, >Erfahrung.
GadamerVsSchleiermacher/GadamerVsHumboldt: Weder Schleiermacher noch Humboldt haben aber ihre Position wirklich zu Ende gedacht. Sie mögen die Individualität, die Schranke der Fremdheit, die unser Verstehen zu überwinden hat, noch so sehr betonen, am Ende findet doch lediglich in einem unendlichen Bewusstsein das Verstehen seine Vollendung und der Gedanke der Individualität seine Begründung.
>Bewusstsein, >Verstehen.
Hegel/Gadamer: Es ist die pantheistische Eingeschlossenheit aller Individualität ins Absolute, die das Wunder des Verstehens ermöglicht. So durchdringen sich auch hier Sein und Wissen im
I 348
Absoluten. >Absolutheit.
Weder Schleiermachers noch Humboldts Kantianismus ist somit gegenüber der spekulativen Vollendung des Idealismus in Hegels absoluter Dialektik eine selbständige systematische Affirmation, Die Kritik an der Reflexionsphilosophie(1), die Hegel trifft, trifft sie mit.
>Einträge zu Schleiermacher als Autor.


1. Der Ausdruck Reflexionsphilosophie( ist von Hegel gegen Jacobi, Kant und Fichte
geprägt worden. Schon im Titel von „Glauben und Wissen“ aber als eine „Reflexionsphilosophie der Subjektivität“. Hegel selbst setzt ihr die Reflexion der Vernunft entgegen.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977