| Begriff/ Autor/Ismus |
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| Determinismus | Feynman | I 540 Determinismus/Wissen/Indeterminiertheit/Feynman: Selbst wenn die Welt durchgehend klassisch bestimmt wäre (die Quantenmechanik nicht gälte) könnten wir das Verhalten der einzelnen Teilchen nicht vorhersagen: der kleinste anfängliche Fehler weitet sich schnell zu einer großen Ungewissheit aus. Wenn eine beliebige Genauigkeit gegeben ist, ganz gleich wie genau, dann kann man eine Zeit angeben, die lang genug ist, dass unsere Voraussagen für eines so lange Zeit keine Gültigkeit haben. Bsp Bei einer Genauigkeit von 1 zu einer Milliarde sind es nicht etwa Millionen von Jahren, die Zeit hängt nur logarithmisch von dem Fehler ab. Wir werden schon nach sehr kurzer Zeit alle Informationen verlieren. >Anfangsbedingungen. Es ist daher nicht fair zu behaupten, dass wir aus der Freiheit des menschlichen Geistes hätten erkennen müssen, dass die "Quantenmechanik die Erlösung von einem mechanistischen Universum" bedeutet hätte. >Quantemechanik. Unschärferelation/Unbestimmtheit/Feynman: Die Unschärferelation gab es in praktischer Hinsicht schon in der klassischen Physik. >Unschärferelation. |
Feynman I Richard Feynman Vorlesungen über Physik I München 2001 Feynman II R. Feynman Vom Wesen physikalischer Gesetze München 1993 |
| Geschichte | Benjamin | Bolz II 15 Geschichte/Benjamin: Geschichte ist bei Benjamin mit Ästhetik verschränkt. >Ästhetik. Geschichte: Nicht Erlösung in der Geschichte, sondern von ihr! Bolz II 34 Geschichte/Benjamin: antithetisch zur "messianischen Intensität des Herzens" aber so, dass "eine Kraft auf ihrem Weg eine andere auf entgegengesetzt gerichtetem Weg zu befördern vermag." Konzeption einer weltlichen "restitutio in integrum" die allem Naturhaften die Züge des ewigen Untergangs aufprägt. An dieser "totalen Vergängnis" von Natur arbeitet Benjamins "Weltpolitik, deren Methode Nihilismus zu heißen hat".(1) Bolz II 38 Geschichte/Benjamin: Dem politisch theologischen Blick stellt sich die Vergangenheit unabgeschlossen dar. Als ob der Eingedenkende selbst das Subjekt der Vergangenheit sei. Erwachen aus dem kapitalistischen Traum. Die politisch-theologischen Kategorien lassen den Fluss der Geschichte erstarren. In dessen Innerem bildet sich als kristalline Konstellation Geschichte. Ewig aktuell in der Geschichte ist das Skandalum. Für die Erniedrigten und Beleidigten gibt es keine Befreiung, sondern nur Erlösung. Bolz II 76 Geschichte/Benjamin: "Traum, den wir Gewesenes nennen".(2) Aus ihm müssen wir erwachen. Modernität: nichts anderes als die geschichtsblinde Traumform der Zeit. >Moderne. Bolz II 77 BenjaminVsHistorismus: hat keine Begriff von Aktualität. Erzählt Vergangenes und verstellt dabei die Möglichkeit, es als Gewesenes zu vergegenwärtigen. Kein kritisches Verhältnis zur Gegenwart. Siegfried Giedion: "historisierende Maske": Charakterisierung von Interieurs, Ausstellungen und Museen des 19. Jahrhunderts. >Historismus, >Geschichtsschreibung, >Gegenwart, >Vergangenheit. Frage: "Was ist uns verwandt"? Damit sucht Benjamin ein taktiles Verhältnis zum 19. Jahrhundert herzustellen. Antwort: "materialistische Besinnung auf das Nächste". Bolz II 79 Geschichte/Alois Riegl/Bolz: Was man Grenzfallhistorik nennen könnte, bilde den Begriff der Notwendigkeit nicht am Geschichtsverlauf, sondern am Extrem. 1. W. Benjamin, Gesammelte Schriften. Unter Mitwirkung von Th. W. Adorno und Gershom Sholem herausgegeben von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser Frankfurt/M. 1972-89. Bd II, S. 204 2. Ebenda, Bd V, S. 491ff |
Bo I N. Bolz Kurze Geschichte des Scheins München 1991 Bolz II Norbert Bolz Willem van Reijen Walter Benjamin Frankfurt/M. 1991 |
| Gesinnungsethik | Weber | Habermas III 232 Gesinnungsethik/ethic of conviction/Weber/Habermas: Die Autonomisierung von Recht und Moral führt zum formalen Recht und zu profanen Gesinnungs- und Verantwortungsethiken. Freilich bahnt sich diese Autonomisierung selbst noch innerhalb religiöser Deutungssysteme an. Das führt zur Dichotomisierung zwischen einer Heilssuche, die an inneren Heilsgütern und Erlösungsmitteln orientiert ist, und der Erkenntnis einer äußeren, objektivierten Welt. Weber zeigt, wie sich aus dieser Gesinnungsreligiosität gesinnungsethische Ansätze entwickeln.(1) >Ethik, >Moral, >Recht, >Gesellschaft, >Moderne. Die Gesinnungsethik ist prinzipiengeleitet und universalistisch. Sie hebt die Trennung zwischen Binnen- und Außenmoral auf. Dem entspricht ein radikaler Bruch mit dem Traditionalismus rechtlicher Überlieferung.(2) >Prinzipien, >Tradition. Normen, die sich auf Magie usw. berufen, werden entwertet. Normen gelten nun als bloße Konventionen, die einer hypothetische Betrachtung zugänglich sind und positiv gesetzt werden können. III 233 Normen, Verfahren und Materien werden zum Gegenstand rationaler Erörterung und profaner Entscheidung. Daraus folgen die wichtigsten Merkmale legaler Herrschaft: - Jedes beliebige Recht kann zu einer Satzung werden - Das Recht als Ganzes besteht aus einem System abstrakter Regeln, die Rechtspflege besteht in der Anwendung dieser Regeln auf Einzelfälle. - Beamten sind keine persönlichen Herrscher. Die Verwaltung ist ebenfalls durch Rechtsregeln gebunden und wird nach angebbaren und nicht missbilligten Prinzipien geführt. - Die Menschen, die der rechtsmäßig konstituierten Herrschaft gehorchen, sind Bürger und keine Untertanen. Sie gehorchen dem Recht, nicht Beamten. - Jede Maßnahme eines Eingriffs in die Freiheit oder das Eigentum ist zu begründen.(3) >Normen. Habermas III 314 Problem: Die moralisch-praktische Rationalität der Gesinnungsethik kann in der Gesellschaft, deren Start sie ermöglicht, selbst nicht institutionalisiert werden. Sie wird vielmehr durch einen Utilitarismus ersetzt, der sich einer empiristischen Umdeutung der Moral, nämlich der pseudomoralischen Aufwertung der Zweckrationalität, verdankt und über die interne Beziehung zur moralischen Wertsphäre nicht mehr verfügt. >Zweckrationalität. Lösung/Weber: Die Konkurrenz mit den wissenschaftlich rationalisierten Deutungsmustern und Lebensordnungen entscheidet über das Schicksal der Religion Habermas III 315 und verschiebt diese letztlich ins Irrationale.(4) >Religion. Habermas III 318 Gesinnungsethik/Weber/Habermas: Laut Weber ist die Gesinnungsethik durch folgende Einstellung charakterisiert: „Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim“.(5) Habermas: Damit betritt Weber den Boden einer philosophischen Diskussion, die den Eigensinn moralisch-praktischer Fragen, die Logik der Rechtfertigung von Handlungsnormen herausarbeiten konnte, nachdem sich Moral und Recht von der Begrifflichkeit religiöser (und metaphysischer) Weltbilder gelöst hatten. 1. M. Weber, Gesammelte Ausätze zur Religionssoziologie, Bd. I. 1963, S. 541. 2. Ebenda S 543. 3. R. Bendix, Max Weber. Das Werk, München 1964, S. 320. 4. M. Weber (1963) S. 253 5. M. Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. I Tübingen, 1963, S.552. |
Weber I M. Weber Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus München 2013 Ha I J. Habermas Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988 Ha III Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981 Ha IV Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981 |
| Gesundheitssystem | Weber | Habermas III 342 Gesundheitssystem/Sterbehilfe/Weber/Habermas: Weber: „Die allgemeine ‚Voraussetzung‘ des medizinischen Betriebs ist, trivial ausgedrückt: dass die Aufgabe der Erhaltung des Lebens rein als solchen und der möglichsten Verminderung des Leidens rein als solchen bejaht werde. Und das ist problematisch. Der Mediziner erhält mit seinen Mitteln den Todkranken, auch wenn er um Erlösung vom Leben fleht, (…)“ (1) Habermas III 343 Weber: „Allein die Voraussetzungen der Medizin und das Strafgesetzbuch hindern den Arzt, davon abzugehen. Ob das Leben lebenswert ist und wann? – danach fragt sie nicht.“(2) >Leben, >Gesellschaft, >Gemeinschaft, >Recht, >Gesetze, >Tod, >Sterben, >M. Weber. 1.M. Weber, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hrsg. v. J. Winckelmann, Tübingen 1968. S. 599f. 2. Ebenda. |
Weber I M. Weber Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus München 2013 Ha I J. Habermas Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988 Ha III Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981 Ha IV Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981 |
| Glück | Augustinus | Höffe I 102 Glück/Erlösung/Augustinus/Höffe: Das endgültige Heil, die Teilhabe der Menschen am außer- und überirdischen Glück, hängt von der unverfügbaren und unvorhersehbaren Gnade Gottes ab. HöffeVsAugustinus: Dagegen drängt sich die Frage auf, ob eine Errungenschaft des Christentums, die Aufhebung jeder ethnischen Begrenzung zugunsten aller Menschen guten Willens, hier nicht abgeschwächt wird, denn die ethnische Begrenzung weicht einer Gnadenselektion. >Erkenntnis/Augustinus. |
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| Individuation | Nietzsche | Pfotenhauer IV 8 Individuation/Nietzsche/Pfotenhauer: Der Prozess der Individuation, das Aufbegehren des einzelnen gegen sein Schicksal, kommt in der ekstatischen Versöhnung mit der Natur zur Ruhe. >Individuum/Nietzsche, >Natur/Nietzsche. Pfotenhauer IV 36 Individuation/Musik/Philosophie/Nietzsche: Nietzsche spricht von einem „geheimnisvollen Ur-Einen“ von der „Weltharmonie“ und der „höheren Gemeinsamkeit“ in welche der eingehe,(1) der sich ekstatisch selbst vergesse, der dem Verhängnis der Individuation entrinne. Pfotenhauer: Dieser Gedanke an Erlösung in höherer Harmonie ist an der Musik orientiert. Nietzsche selbst spricht in Anlehnung an Schopenhauer von einer „tiefsinnigen Metaphysik der Musik“(2). Die Musik, in der der dionysische Zustand seine eigentliche Wehe erfährt, ist demnach der kunstphilosophische Tod, an dem das Werden stillgestellt ist. >Musik/Nietzsche. 1. F. Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, KGW VI, 3, S. 26. 2. Ebenda, Kap.5 S. 42. |
Nie I Friedrich Nietzsche Sämtliche Werke: Kritische Studienausgabe Berlin 2009 Nie V F. Nietzsche Beyond Good and Evil 2014 Pfot I Helmut Pfotenhauer Die Kunst als Physiologie. Nietzsches ästhetische Theorie und literarische Produktion. Stuttgart 1985 |
| Inkarnation | Gadamer | I 422 Inkarnation/Christentum/Sprache/Gadamer: Es gibt (...) einen Gedanken, der kein griechischer Gedanke ist und der dem Sein der Sprache besser gerecht wird (Vgl. >Sprache und Denken/Antike Philosophie), so dass die Sprachvergessenheit des abendländischen Denkens keine vollständige werden kann. Es ist der christliche Gedanke der Inkarnation. Inkarnation ist offenbar nicht Einkörperung. Weder die Seelenvorstellung noch die Gottesvorstellung, die mit solcher Einkörperung verknüpft sind, entsprechen dem christlichen Begriff der Inkarnation. Das Verhältnis von Seele und Leib, wie es in diesen Theorien, so in der platonisch-pythagoreischen Philosophie, gedacht wird und der religiösen Vorstellung der Seelenwanderung entspricht, setzt vielmehr die vollständige Andersheit der Seele gegenüber dem Leib. Sie behält in allen Einkörperungen ihr Fürsichsein, und die Lösung vom Leib gilt als Reinigung, d. h. als Wiederherstellung ihres wahren und eigentlichen Seins. Auch die Erscheinung des Göttlichen in menschlicher Gestalt, die die griechische Religion so menschlich macht, hat nichts mit Inkarnation zu tun. Gott wird da nicht Mensch, sondern zeigt sich den Menschen in menschlicher Gestalt, indem er zugleich seine übermenschliche Gestalt ganz und gar behält. Demgegenüber schließt die Menschwerdung Gottes, wie sie die christliche Religion lehrt, das Opfer, das der Gekreuzigte als der Menschensohn auf sich nimmt, d. h. aber ein geheimnisvoll anderes Verhältnis ein, dessen theologische Ausdeutung in der Lehre von der Trinität geschieht. >Trinität/Gadamer. I 423 Gadamer: [Die Inkarnation hängt mit dem] Problem des Wortes aufs engste zusammen. Die Ausdeutung des Geheimnisses der Trinität, wohl die wichtigste Aufgabe, die dem Denken des christlichen Mittelalters gestellt war, lehnt sich schon bei den Vätern und schließlich in systematischer Durchbildung des Augustinismus in der Hochscholastik an das menschliche Verhältnis von Sprechen und Denken an. Die Dogmatik folgt damit vor allem dem Prolog des Johannes-Evangeliums, und so sehr es griechische Denkmittel sind, mit denen sie ihre eigene theologische Aufgabe zu lösen sucht, so gewinnt doch das philosophische Denken durch sie eine dem griechischen Denken verschlossene Dimension. Wenn das Wort Fleisch wird und erst in dieser Inkarnation die Wirklichkeit des Geistes sich vollendet, so wird damit der Logos aus seiner Spiritualität, die zugleich seine kosmische Potentialität bedeutet, befreit. Die Einmaligkeit des Erlösungsgeschehens führt den Einzug des geschichtlichen Wesens in das abendländische Denken herauf und lässt auch das Phänomen der Sprache aus seiner Versenkung in die Idealität des Sinnes heraustreten und sich dem philosophischen Nachdenken darbieten. Denn im Unterschied zum griechischen Logos gilt: das Wort ist reines Geschehen (verbum proprie dicitur personaliter tantum).(1) >Wort Gottes. Schon die Weise, wie in der Patristik die theologische Spekulation über das Mysterium der Inkarnation an das hellenistische Denken anschließt, ist für die neue Dimension, auf die sie zielt, bezeichnend. So versucht man anfangs, von dem stoischen Begriff des inneren und des äußeren Logos (logos endiathetos - prophorikos) Gebrauch zu machen.(2) Diese Unterscheidung sollte ursprünglich das stoische Weltprinzip des Logos von der Äußerlichkeit des bloßen Nachsprechens abheben.(3) Für den christlichen Offenbahrungsglauben wird nun sogleich die umgekehrte Richtung von positiver Bedeutung. Die Analogie von innerem und äußerem Wort, das Lautwerden des Wortes in der vox, gewinnt jetzt einen exemplarischen Wert. >Wort/Gadamer, >Wort/Antike Philosophie. 1. Thomas I. qu 34 2. Ich beziehe mich im folgenden auf den unterrichtenden Artikel "Verbe" im Dictionnaire de Théologie catholique, sowie auf Lebreton, Histoire du dogme de la Trinité. 3. Die Papageien: Sext. adv. math. V Ill, 275. |
Gadamer I Hans-Georg Gadamer Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010 Gadamer II H. G. Gadamer Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977 |
| Konfuzianismus | Weber | Habermas III 290 Konfuzianismus/Taoismus/Weber/Habermas: Max Weber bewertet in seiner Studie über die Wirtschaftsethik der Weltreligionen den Konfuzianismus und den Taoismus allein unter dem Gesichtspunkt der ethischen Rationalisierung. Daher gelangt er zu seiner bekannten (und kontroversen) Einschätzung des geringen Rationalisierungspotentials dieser Weltbilder. >Rationalisierung, >Weltbilder, >Religion, >Religiöser Glaube. Weber: „Die innere Voraussetzung dieser Ethik der unbedingten Weltbejahung und Weltanpassung war der ungebrochene Fortbestand rein magischer Religiosität, von der Stellung des Kaisers angefangen, der mit seiner persönlichen Qualifikation für das Wohlverhalten der Geister, den Eintritt von Regen (…) verantwortlich war, bis zu dem (…) Kult der Ahnengeister (…).“(1) J. NeedhamVsWeber/Habermas: Dank der bahnbrechenden Untersuchungen von J. Needham (2) ist inzwischen bekannt, dass die Chinesen zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. Und dem 15. Jahrhundert n. Chr. in der Entwicklung des theoretischen Wissens und seiner Nutzung für praktische Bedürfnisse offenbar erfolgreicher gewesen sind als der Westen. Erst in der Renaissance übernimmt Europa auf diesem Gebiet eindeutig die Führung. >Renaissance, vgl. >Westlicher Rationalismus. Konfuzianismus/Needham: Der Konfuzianismus enthält Grundzüge eines rationalisierungsfähigen Weltbilds. Mit dem Begriff einer konkreten Weltordnung wird die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen systematisch erfasst und auf Prinzipien bezogen. Es fehlen allerdings die dominierenden Erlösungsmotive, die den Dualismus zwischen der Erscheinungswelt und weltüberschreitenden Prinzipien verschärfen. >Prinzipien, >Erscheinung. III 292 Die chinesische Bildungsschicht konnte sich nicht wie die griechischen Philosophen auf ein von der Praxis abgehobenes, der Kontemplation gewidmetes, „akademisches“ Leben, auf einen bios theoretikos stützen. Vgl. >Philosophie der Antike. HabermasVsNeedham: Ich vermute, dass die chinesischen Traditionen in ein anderes Licht gerückt würden, wenn sie nicht primär unter Gesichtspunkten der Ethik sondern der Theorie mit den klassischen griechischen Traditionen verglichen würden. Jedenfalls geht es hier nicht wie bei gesinnungsethischen Erlösungsreligionen um Heilswege, sondern um Wege der Weltvergewisserung. Vgl. >Gesinnungsethik. 1. M. Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. I Tübingen, 1963, S. 515. 2. J. Needham, Wissenschaftlicher Universalismus, Frankfurt 1977. |
Weber I M. Weber Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus München 2013 Ha I J. Habermas Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988 Ha III Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981 Ha IV Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981 |
| Kontinuität | Ranke | Gadamer I 213 Kontinuität/Geschichte/Ranke/Gadamer: Ranke erkennt es als den vornehmsten Unterschied des orientalischen und okzidentalen Systems, dass im Abendland die geschichtliche Kontinuität die Daseinsform der Kultur bildet(1). Insofern ist es nicht beliebig, dass die Einheit der Weltgeschichte auf der Einheit der abendländischen Kulturwelt beruht, zu der die abendländische Wissenschaft im ganzen und die Geschichte als Wissenschaft im besonderen gehören. Und es ist auch nicht beliebig, dass diese abendländische Kultur durch das Christentum geprägt ist, das in der Einmaligkeit des Erlösungsgeschehens seinen absoluten Zeitpunkt hat. Ranke hat etwas davon anerkannt, wenn er in der christlichen Religion die Wiedereinsetzung des Menschen in die „Unmittelbarkeit zu Gott“ sah, die er in romantischer Weise an den urzeitlichen Anfang aller Geschichte setzte(2). Aber (...) die grundsätzliche Bedeutung dieses Tatbestandes in der philosophischen Reflexion der historischen Weltansicht [ist] nicht voll zur Geltung gekommen (...). Kontinuität/Historismus/Gadamer: Auch die empirische Gesinnung der historischen Schule ist also nicht ohne philosophische Voraussetzungen. Es bleibt das Verdienst des scharfsinnigen Methodologen Droysen, dass er sie aus ihrer empirischen Verkleidung herausgelöst und in ihrer grundsätzlichen Bedeutung erkennt. >Kontinuität/Geschichte/Droysen, >Zusammenhang/Ranke, >Einheit/Ranke. 1. Ranke, Weltgeschichte IX, 1, 270f. 2. Vgl. Hinrichs, Ranke und die Geschichtstheologie der Goethezeit, S. 239f. |
Gadamer I Hans-Georg Gadamer Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010 Gadamer II H. G. Gadamer Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977 |
| Kultur | Flusser | Rötzer I 70 Kulturrevolution/Flusser: Kulturrevolution ist die Zurückhaltung, nicht alle diese Bilder und Töne als Kunst anerkennen zu wollen, da sie dem neuzeitlichen Kunst-Begriff nicht entsprechen. Bsp Rockmusik hat großen Einfluss auf unser Verhalten, wie Autoschaltungen. Rötzer I 71 Kultur/Flusser: Wird die Auswahl von Geräuschen vom Zufall bestimmt, spricht man von Natur, wird sie vom Menschen bestimmt, von Kultur. Diese Auswahl und Gestaltung kann nun getrost Maschinen überlassen werden. Laut Husserl können Qualitäten nicht mehr von Quantitäten abstrahiert werden. >E. Husserl. Flusser I 66 Massenkultur/Flusser: Massenkultur wird nicht als Verwischung von Artikuliertheit empfunden, sondern als schönere buntere Welt. (Coca Cola) "besser designt". >Massenkultur. Bsp Brasilianische Kaffeepflücker essen ohne Protest Pizza, die eigentlich für neapolitanische Fischer gedacht ist und Bsp Pariser Bankbeamte tragen texanische Cowboyhüte. Vgl. >Zivilisation. I 67 - I 70 Die Massifizierung kommt existentiell niemand zugute, weil alle Menschen massifiziert sind, also niemand darüber steht. (>Warhol: Die Queen bekommt keine bessere Cola.). Die öffentliche Meinung kann eine neue Seife oder einen Krieg nur verlangen, wenn das Produkt schon bereitliegt. I 153 Kultur/Flusser: Das Verhältnis von Massen- zu Elitekultur wir häufig falsch dargestellt: es geht nicht darum, ob ein Philosoph vielleicht im "Playboy" veröffentlichen sollte, sondern darum, ob die obige Skizze überhaupt noch von Links, d.h. von der Geschichte aus, beeinflussbar ist! I 154 Flusser: Es ist die Frage, ob nicht sich vor der Kamera verbrennende buddhistische Mönche besser erkannt haben als "engagierte Philosophen", worum es sich gegenwärtig handelt. Das Umdrehen der Texte im kritischen Moment bedeutet, dass sie für die Welt opak und für den sie kodifizierenden Menschen durchsichtig werden. >Code/Flusser, >Bilder/Flusser, >Fotografie/Flusser. Man sieht hinter den Texten nicht die Welt, sondern den Menschen, der sie geschrieben hat. In diesem Moment entsteht die Gefahr in den Abgrund des Wahnsinns der sinnlosen, weil unzugänglichen Welt zu verfallen (Wittgenstein, Kafka). >Texte, >Literatur. 1. Man kann verstummen. I 155 2. Man kann versuchen das magische Bewusstsein zurückzugewinnen (Nazismus). 3. Man kann versuchen den Texten neue Bedeutung zu geben. 1. und 2. sind nutzlos, denn es ist unmöglich, Verfremdungen rückgängig zu machen. Dritte Möglichkeit: nicht mehr eindimensional prozessual, linienförmig, sondern struktural, mehrdimensional, bildlich zu begreifen versuchen. Nicht historisch, sondern phänomenal über Prozesse nachzudenken, kybernetisch. >Verstehen. I 156 Die Welt verdeckt uns die Texte derart, dass sie uns nicht erlaubt, deren Bedeutungslosigkeit zu sehen. Sie macht uns zu Analphabeten zweiten Grades. >Welt, >Realität, >Wirklichkeit, >Welt/Denken. I 205 Supermarkt: Der Supermarkt ist eine Rattenfalle, man muss Schlange stehen und für die Erlösung aus der Gefangenschaft an der Kasse ein Opfer zahlen. Der Supermarkt ist das Gegenteil des echten Marktes: er erlaubt keinen Austausch von Informationen, sondern berieselt, er ist kein öffentlicher Raum sondern ein Gefängnis (privat im strengsten Sinne des Wortes). I 249 Kultur/Flusser: Die Unwahrscheinlichkeit der Concorde ((s) Ein Überschall-Passagierflugzeug, das zwischen 1976 und 2003 betrieben wurde) ist eine andere als die des Huhns und das ist eine Tatsache, die wir verschleiern. |
Fl I V. Flusser Kommunikologie Mannheim 1996 |
| Literatur | Eco | I 32 Bibel/Allegorie/Mittelalter/Heilige Schrift/Hermeneutik/Eco: Die Heilige Schrift konnte auf drei verschiedene Arten interpretiert werden: Bsp Jacob in Ägypten: (Buchstäblich geht es um den Auszug der Kinder Israel aus Ägypten.) 1. Allegorie: ist die Interpretation unserer Erlösung durch Christus, 2. Moralisch: ist die Interpretation der Wendung der Seele aus Trauer und Elend der Sünde zum Stand der Gnade, 3. Anagogisch: ist die Interpretation des Ausgangs der heiligen Seele aus der Knechtschaft dieser Verderbnis zur Freiheit der ewigen Herrlichkeit. I 36 Novalis/Eco: Novalis nutzt eine reine evokative Macht der Poesie als eine Kunst des unbestimmten Sinnes und der unpräzisen Bedeutung. I 37 Mallarmé: »Es muss vermieden werden, dass ein einziger Sinn sich aufdrängt«. I 200 Drama/Tragödie/Eco: Terminologie: Eco nennt die tiefere Schichten »Aktion«. Handlung: Die Handlung ist eindeutig. Aktion: Die Aktion ist vieldeutig und unerschöpflich. I 206 Literatur/Kunst/Leben/Eco: Es ist nur natürlich, dass das Leben mehr dem Ulysses als den drei Musketieren gleicht. Dennoch sind wir alle eher geneigt, es in den Kategorien der drei Musketiere zu denken als in denen des Ulysses. Oder besser: Ich kann das Leben nur erinnern und beurteilen, wenn ich es als traditionellen Roman denke. I 258 Reim: Der Reim stimuliert zunächst Erfindung und angenehme Lautstruktur. I 259 Später macht der Reim uns zum Gefangen. Der Reim gebiert das Reimlexikon, das zunächst Repertoire des Reimbaren, später aber Repertoire des Gereimten wird. >Entfremdung. Eco I passim Offenheit/Literatur: Eco spricht von »Komplexität und Ungenauigkeit der Beziehungen der Gestalten. ((s) Denkform: Ungenauigkeit als objektive Eigenschaft.) I 290 Robbe Grillet/Nouveau Roman: "Die Welt ist weder sinnvoll noch absurd: sie ist... um uns herum, die Dinge sind da. Ihre Oberfläche ist säuberlich und glatt, unberührt, aber ohne zweideutigen Glanz und ohne Durchsichtigkeit. Erst sollen die Gegenstände und Gebärden durch ihre Gegenwart ihre Existenz beweisen. Das Hiersein soll vorherrschen über jede erklärende Theorie hinaus, die es einsperren wollte. Sinn und Absurdität sind keine objektiven Eigenschaften!" ((s) Robbe-GrilletVsEco.) I 282/283 CalvinoVsRobbe: Grillet warnte vor der überflutenden und beunruhigenden Präsenz eines »Meeres der Objektivität«. Sprechen über dieses Meer in scheinbar objektiven Termini bedeutet ein zurückführen der »Objektivität« auf ein menschliches Universum. I 284 Robbe Grillet: Grillet möchte laut Eco durch seine Erzähltechnik ein nicht durch ein Interesse an den Dingen verzerrtes Anschauen erreichen. Robbe Grillet/Eco: Gegen Grillet selbst kann man ihn vielleicht so interpretieren: Der Erzähler bestimmt die Dinge nicht als fremde und in keiner Beziehung zu uns stehende metaphysische Entitäten. Er bestimmt ganz im Gegenteil eine besondere Art der Beziehung zwischen uns und den Dingen, einen uns eigenen Modus, die Dinge zu »intentionieren«. Anstatt die Dinge einfach sein zu lassen, nimmt er sie auf den Bereich einer Gestaltungsoperation, die zum Urteil über sie wird. (Dies ist nicht Robbe Grillets eigene Interpretation). I 285 EcoVsRobbe Grillet: Grillet hat Recht, wenn er meint, dass die Erzählstruktur unterhalb der verschiedenen Deutungen bleiben muss. Aber er hat Unrecht, wenn er glaubt, sie entzöge sich ihnen, weil sie ihnen fremd gegenüber steht. Sie steht Ihnen nicht fremd gegenüber, sondern ist die Satzfunktion einer Reihe von Situationen, in denen wir uns befinden. Eingerichtet in einer Sprache, die schon so viel geredet hatte, das ist es. I 286 Sartre: Sartre war verwirrt, dass die Vertreter des Nouveau Roman Seite an Seite mit ihm politisch engagierte Manifeste unterschrieben. I 290 Balzac: Marx und Engels waren reaktionär und legitimistisch eingestellt, hatten im Grunde kein Interesse an bestimmten Problemen und waren mit der Welt, in der sie lebten einverstanden. Eco: Eco hat aber ihre Zusammenhänge so klar aufgehellt, dass er, wenigstens in ihrem Werk, nicht ihr Gefangener geblieben ist. I 291 Moderne Literatur/Eco: Moderne Literatur kann die Welt nicht mehr in der Weise analysieren, dass sie sich einem Sujet zugewendet. Sie tut dies vielmehr, indem sie sich der Disposition einer bestimmten strukturellen Artikulation des Sujets zu verändert. Indem sie die Artikulation zum Sujet macht und indem sie den eigentlichen Inhalt des Werkes auflöst. II 148 Fußnote Literatur/Reim/Jakobson/Eco: Jakobson analysiert meisterhaft den Reim als relationalen Faktor, wo die Äquivalenz des Lautes - auf die Sequenz als sein konstituierendes Prinzip projiziert - unvermeidlich die semantische Äquivalenz impliziert(1). (1) R. Jakobson, „Closing Statement: Linguistics and Poetics“, Style in Language, Hrsg. T. A. Seboek, (1960). |
Eco I U. Eco Das offene Kunstwerk Frankfurt/M. 1977 Eco II U, Eco Einführung in die Semiotik München 1972 |
| Manichäismus | Höffe | Höffe I 97 Manichäismus/Höffe: Die von Mani (215/16–277) gestiftete Religionsgemeinschaft, die christliche mit persischen und buddhistischen Elementen vereint, geht von einem scharfen Dualismus von Licht und Finsternis im Sinne von Gut und Böse aus. Ähnlich dem Aufstieg innerhalb von Platons Höhlengleichnis gelange man auf dem Weg von der Finsternis zum Licht schließlich zur Erlösung. Durch eine erfolgreiche Weltmission findet diese Religion von Spanien bis China, also weit über die Grenzen des Römischen Reiches hinaus, Anhänger. >Augustinus/Höffe. |
Höffe I Otfried Höffe Geschichte des politischen Denkens München 2016 |
| Moderne | MacIntyre | Brocker I 660 Moderne/Moral/MacIntyre: These: Es fehlt trotz der Bemühungen von drei Jahrhunderten noch immer jede einheitliche, rational vertretbare Darlegung eines liberalen, individualistischen Standpunktes(1). Dilemma: Entweder man folgt den Bestrebungen und dem Zusammenbruch der Aufklärung (Siehe Aufklärung/MacIntyre) bis nur noch die Diagnose Nietzsches übrigbleibt, oder man muss sagen, dass das Vorhaben der Aufklärung niemals hätte in Angriff genommen werden dürfen. (2) Siehe auch Moral/MacIntyre, Aufklärung/MacIntyre, Nietzsche/MacIntyre. Brocker I 661 Moderne Politik/MacIntyre: sei nichts anderes als ein „Bürgerkrieg mit anderen Mitteln“. (3) Lösung/MacIntyre: als letzte Zuflucht schlägt MacIntyre vor, lokale Formen der Gemeinschaft zu entwickeln, „in denen die Zivilisation und das intellektuelle und moralische Leben über das neue finstere Zeitalter hinaus aufrechterhalten werden können, das bereits über uns gekommen ist.“ (4) Brocker I 664 Moderne/MacIntyre: die Moderne versteht sich selbst nicht. Die moderne Scheinmoral ist die Folge einer Katastrophe, die nicht als Katastrophe (…) erkennbar wurde. (5) Lösung/MacIntyre: Gegen den epochalen Verblendungszusammenhang mobilisiert MacIntyre keine rationalen Argumente, sondern die Kraft der rettenden Erzählung. Brocker I 665 Für MacIntyre ist der Mensch ein „erzählendes Tier“. (6) Wir sind die Erzählung, die wir leben. Lösung/MacIntyre: eine affirmative Bestätigung der eigenen Traditionsabhängigkeit. Brocker I 666 Dies wäre eine neue Tugend; die nicht mit einer Form konservativer Begeisterung für das Alte verwechselt werden dürfe. Stattdessen manifestiert sich ein adäquates Gefühl für Tradition im Zugriff auf jene Zukunftsmöglichkeiten, die die Vergangenheit für die Gegenwart verfügbar gemacht hat. (7) MacIntyre hat keine Hoffnung auf eine Erlösung aus dem Unbehagen an der Moderne. Ein Gefühl der Sentimentalität oder sogar Trauer ist intendiert. (8) 1. Alasdair MacIntyre, After Virtue. A Study in Moral Theory, Notre Dame, Ind. 1981. Dt: Alasdair MacIntyre, Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegenwart. Erweiterte Neuausgabe, Frankfurt/M. 2006 (zuerst 1987), S. 345 2. Ebenda S. 160 3. Ebenda S. 337. 4. Ebenda S. 350. 5. Ebenda S. 16 6. Ebenda S. 288 7. Ebenda S. 297f. 8. Ebenda S. 201. Jürgen Goldstein, „Alasdair MacIntyre, Der Verlust der Tugend“ in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018 |
Brocker I Manfred Brocker Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018 |
| Moral | Weber | Habermas III 231 Moral/Weber/Habermas: Die kognitive Verselbständigung von Recht und Moral, d.h. die Ablösung moralisch-praktischer Einsichten ethischer und rechtlicher Doktrinen, Grundsätze, Maximen und Entscheidungsregeln von Weltbildern, in die sie zunächst eingebettet waren, nennt Weber Rationalisierung. >Rationalisierung, >Weltbilder, >Gesellschaft, >Kultur, >Kulturelle Überlieferung, >Rationalität. Kosmologische, religiöse und metaphysische Weltbilder sind so strukturiert, dass die internen Unterschiede zwischen theoretischer und praktischer Vernunft noch nicht zur Geltung kommen können. Habermas III 232 Die Autonomisierung von Recht und Moral führt zum formalen Recht und zu profanen Gesinnungs- und Verantwortungsethiken. Freilich bahnt sich diese Autonomisierung selbst noch innerhalb religiöser Deutungssysteme an. Das führt zur Dichotomisierung zwischen einer Heilssuche, die an inneren Heilsgütern und Erlösungsmitteln orientiert ist, und der Erkenntnis einer äußeren, objektivierten Welt. Weber zeigt, wie sich aus dieser Gesinnungsreligiosität gesinnungsethische Ansätze entwickeln.(1) >Recht, >Gesinnungsethik, >Ethik. 1. M. Weber, Gesammelte Ausätze zur Religionssoziologie, Bd. I. 1963, S. 541. |
Weber I M. Weber Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus München 2013 Ha I J. Habermas Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988 Ha III Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981 Ha IV Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981 |
| Musik | Nietzsche | Pfotenhauer IV 36 Individuation/Musik/Philosophie/Nietzsche: Nietzsche spricht von einem „geheimnisvollen Ur-Einen“ von der „Weltharmonie“ und der „höheren Gemeinsamkeit“ in welche der eingehe,(1) der sich ekstatisch selbst vergesse, der dem Verhängnis der Individuation entrinne. >Welt/Nietzsche. Pfotenhauer: Dieser Gedanke an Erlösung in höherer Harmonie ist an der Musik orientiert. Nietzsche selbst spricht in Anlehnung an Schopenhauer von einer „tiefsinnigen Metaphysik der Musik“(2) Die Musik, in der der dionysische Zustand seine eigentliche Wehe erführt, ist demnach der kunstphilosophische Ort, an dem das Werden stillgestellt ist. >Kunst/Nietzsche, >Schopenhauer. 1. F. Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, KGW VI, 3, S. 26 2. Ebenda, Kap. 5, S. 42. |
Nie I Friedrich Nietzsche Sämtliche Werke: Kritische Studienausgabe Berlin 2009 Nie V F. Nietzsche Beyond Good and Evil 2014 Pfot I Helmut Pfotenhauer Die Kunst als Physiologie. Nietzsches ästhetische Theorie und literarische Produktion. Stuttgart 1985 |
| Pigou-Steuer | Wittman | Parisi I 431 Pigovian tax/fine/liability/efficiency/Wittman: [Z.B.] (...) sollte der Motorradfahrer ((s), der an der falschen Stelle parkt) (soweit machbar) für die Grenzkosten aufkommen, die er anderen auferlegt. Auf diese Weise werden Motorradfahrer dazu neigen, effiziente Entscheidungen zu treffen. >Grenzkosten/Wittman. Es liegt auf der Hand, dass eine Haftungsregelung für alle Fahrer, die ausweichen oder auf eine andere Straße fahren, um einen Zusammenstoß mit dem Motorrad zu vermeiden, völlig unpraktisch ist. Die Kosten für den einzelnen Fahrer sind minimal, aber die Gesamtsumme für alle Fahrer kann beträchtlich sein; deshalb soll der Fahrer des geparkten Motorrads für die Kosten aufkommen, die er auf andere abwälzt. Die geeignete Lösung besteht darin, dem Motorradfahrer eine Geldstrafe in Höhe der gesamten Grenzkosten aufzuerlegen, die anderen auferlegt werden (eine Pigovsche Steuer auf den Input). Diese Geldbuße schafft für den Motorradfahrer die gleichen Anreize wie die zivilrechtliche Haftung zu Grenzkosten. Unabhängig davon, ob der Motorradfahrer an den Staat oder an eine Privatperson zahlt, ist der Anreizeffekt für den Motorradfahrer derselbe. Wenn der Motorradfahrer nicht immer beim illegalen Parken auf der Autobahn erwischt wird, kann das Bußgeld erhöht werden, um die geringere Wahrscheinlichkeit auszugleichen. Wird der Motorradfahrer beispielsweise nur die Hälfte der Zeit erwischt, wäre die Geldstrafe doppelt so hoch wie wenn er immer erwischt würde. Wir untersuchen nun die Auswirkungen dieser Pigouschen Steuerlösung auf Lkw- und Pkw-Fahrer. Im Rahmen eines Grenzkosten-Haftungssystems werden diese Fahrer für die Kosten des präventiven Verhaltens entschädigt, unabhängig davon, ob sie Präventionsmaßnahmen ergreifen. Die Entschädigung wirkt sich nicht auf ihr kurzfristiges Verhalten aus, da sie nicht auf ihrer Entscheidung beruht, sondern auf der Entscheidung des Motorradfahrers. Wenn die Motorradfahrerin also eine Geldstrafe an den Staat zahlt, anstatt gegenüber den ausweichenden Fahrern zu haften, hat ihre Nichtzahlung an diese anderen Fahrer keine Auswirkungen auf deren Sorgfaltsniveau. Mit anderen Worten: Eine Entschädigung für Grenzkosten, die eigentlich anfallen müssten, ist für das Funktionieren des Systems nicht erforderlich. >Entschädigung/Wittman, >Zeit/Wittman, >Anreize/Wittman. Zeit: Wir wollen, dass die Fahrer die Grenzkosten berücksichtigen, die sie verursachen. Die Doktrin der letzten klaren Chance, die den Fahrer für den Schaden haftbar macht, wenn er wirklich der zweite in der Reihe ist, ermutigt ihn, effiziente Entscheidungen zu treffen. Parisi I 432 Ein Strafzettel für das illegale Abstellen des Motorrads in der Mitte der Straße und die Haftung für den Schaden durch den Fahrer des fahrenden Lastwagens (weil er die letzte klare Chance hatte) ist also eine nacheinander angewandte Grenzkostenhaftungsregel. Verantwortung/Haftung: Diese Analyse liefert auch einen wichtigen Grund für die Verhängung von Bußgeldern bei Eingaben wie Trunkenheit oder rücksichtslosem Fahren, anstatt sich nur auf die Haftung für den entstandenen Schaden zu verlassen. Andere Autofahrer können ausweichen, um einen Unfall zu vermeiden (und das Rechtssystem sollte sie dazu ermutigen, dies zu tun). In dem Maße, in dem diese anderen Fahrer erfolgreich sind, werden rücksichtslose Fahrer nicht für ihr Verhalten bezahlen, wenn die Haftung nur vom tatsächlichen Schaden abhängt. Rücksichtslose Fahrer werden nicht ausreichend abgeschreckt, wenn die Kosten für den Schutz auf andere Fahrer abgewälzt werden. Mit anderen Worten: Würde die Haftung nur auf dem Schaden basieren, würden rücksichtslose Fahrer nicht für einige der negativen externen Effekte, die sie verursachen, bezahlen. Deshalb gibt es Bußgelder, um diese rücksichtslosen Fahrer für die Kosten der Schadensvermeidung haftbar zu machen, die sie auf andere abwälzen. >Haftung. Donald Wittman. “Ex ante vs. ex post”. In: Parisi, Francesco (ed) (2017). The Oxford Handbook of Law and Economics. Vol 1: Methodology and Concepts. NY: Oxford University. |
Parisi I Francesco Parisi (Ed) The Oxford Handbook of Law and Economics: Volume 1: Methodology and Concepts New York 2017 |
| Politische Theologie | Lilla | Lilla I 30 Politische Theologie/Lilla: [in der hebräischen Bilbe] der Mensch ist aufgerufen, treu zu sein und auf Gott zu vertrauen; er ist nicht eingeladen, Gottes Papiere zu inspizieren. Politik: Ein ähnlicher Ansatz wird für das politische Leben gewählt. Wenn sich die Bibel schließlich der Politik zuwendet, dann nicht, um die Natur des Menschen als politisches Tier zu untersuchen, sondern um den zwischen Gott und Israel geschlossenen Bund zu beschreiben und dann das göttliche Gesetz zu verkünden, das diesen Bund regelt. Gesetz: Bund und Gesetz sind Produkte der Sprache; es gibt Gründe für sie. Aber hinter dem letzten Grund steht nur die Offenbarung. Ob Israel von Richtern, Königen oder Priestern regiert wird, ob es sich selbst regiert oder unter die Völker zerstreut ist, die Quellen seiner politischen Autorität sind diese Bündnisse und Gesetze. Sie sind die ursprünglichen Quellen der biblischen politischen Theologie. >Hebräische Bibel, >Bibel, >Bibelkritik, >Theismus, >Theologie, >Politik, >Gesetze. [Es gibt] drei Bilder von Gott, Mensch und Welt; drei Familien der politischen Theologie. 1) In der ersten wird Gott als derjenige gesehen, der in der Welt wohnt und wirkt. Politische Theologie besteht dann in dem Versuch zu verstehen, wie man die Macht des Göttlichen, das uns umgibt, nutzen kann, um die Nation zu schützen und sie zum Blühen zu bringen. 2) Im zweiten Fall stellt man sich den höchsten Gott als ein fernes Wesen vor, weit entfernt von den Sorgen des geschaffenen Kosmos, in dem der niedere Demiurg die Herrschaft hat. Lilla I 31 Ein solches Bild kann Gedanken des Rückzugs aus der Welt, einschließlich der politischen Welt, inspirieren; es kann auch Spekulationen über göttliches Wissen nähren, das die Welt apokalyptisch verändert und das Zeitalter der Erlösung einleitet. 3) Im dritten Bild sehen wir einen transzendenten Gott, der über unserer Welt steht, aber an sie gebunden ist. Dieser Gott verlässt die Welt, damit wir uns selbst regieren können; wir sind frei in dem Sinne, dass er uns nicht direkt regiert. Er gibt uns jedoch ein offenbartes Gesetz als Richtschnur, das wir annehmen oder ablehnen können. Die Politik betrifft in diesem Bild immer noch die Beziehung zwischen Gott und Mensch, obwohl sich diese Beziehung von einer reinen Machtbeziehung zu einer Beziehung des Gehorsams und der moralischen Verantwortung gewandelt hat. Dieses Bild eines transzendenten Gottes scheint uns im Westen das natürlichste zu sein. Auch wenn wir die politischen Theologien, die es inspiriert hat, nicht mehr konsultieren, hat es als Bild immer noch Einfluss auf unser Denken. >Theismus, >Gott, >Deismus, >Hebräische Bibel. Politische Theologie/Lilla: (...) Die politische Theologie hat eine Art von Logik. Sie entspricht der natürlichen Tendenz des menschlichen Geistes, nach den Bedingungen seiner Erfahrung zu suchen, unabhängig davon, ob sich diese Erfahrung auf den natürlichen Bereich oder auf das Politische bezieht. Wenn sich eine politische Theologie entwickelt, gibt sie eine Erklärung für die legitime politische Autorität im Sinne einer Offenbarung über den göttlichen Nexus. Durch unterschiedliche Annahmen über das Wesen Gottes und seinen Aufenthaltsort kann der Verstand verschiedene Argumente für ein gutes politisches Leben ableiten. >Theologie, >Religion, >Religiöser Glaube. Lilla I 49 Es stimmt zwar, dass Jesus wenig über politische Autorität oder Regierungssysteme gesagt hat, aber sein Handeln und seine Gleichnisse berührten alle großen Probleme, mit denen sich die Politik auseinandersetzen muss: Hunger und Durst, Ungerechtigkeit und Grausamkeit, Verbrechen und Strafe. Und obwohl er ein Friedensprediger war, sagen uns die Evangelien, dass er auch in der Lage war, gegen Ungerechtigkeit vorzugehen, wenn es nötig war. Lilla I 50 Die ganze Bibel, richtig interpretiert, verspricht, dass eines Tages Gerechtigkeit herrschen wird, und es liegt an jedem Christen, diesen Tag zu beschleunigen. >Christentum/Lilla. Lilla I 53 Es ist ein altes christliches Laster, vom Christentum als einer vollendeten Religion zu sprechen, die an der Spitze der Weltgeschichte steht und auf die Religionen herabblickt, die sie überflügelt hat. Aber in gewissem Sinne ist der Anspruch auf Ausnahmestellung gerechtfertigt: Im Christentum finden sich Versionen jeder Art von politischer Theologie, die alle miteinander im Krieg liegen. Diese enorme innere Vielfalt wurde durch die Lehren von der Inkarnation und der Trinität ermöglicht, die die Christen dazu einluden, ihren Gott gleichzeitig als in der Welt, als abwesend von der Welt und als in einer ständigen transzendenten Beziehung zur Welt stehend zu denken. Im christlichen Denken werden alle Möglichkeiten der politischen Theologie und die damit verbundenen intellektuellen Schwierigkeiten sichtbar. >Trinität/Lilla. Lilla I 301 Die liberale Theologie begann in rationaler Hoffnung, nicht in Fieberträumen. Ihr gemäßigter Wunsch war, dass die moralischen Wahrheiten des biblischen Glaubens intellektuell mit den Realitäten des modernen politischen Lebens in Einklang gebracht und nicht nur angepasst werden sollten. Doch die liberale Gottheit erwies sich als totgeborener Gott, der nicht in der Lage war, bei denjenigen, die die letzte Wahrheit suchten, echte Überzeugung zu wecken. Denn was bot der neue Protestantismus der Seele eines Menschen, der die Vereinigung mit seinem Schöpfer sucht? Er verordnete einen Katechismus aus moralischen Gemeinplätzen und historischem Optimismus über das bürgerliche Leben, gewürzt mit tiefem Pessimismus über die Möglichkeit, dieses Leben zu ändern. Sie predigte guten Bürgersinn und Nationalstolz, wirtschaftliche Vernunft und die richtige Länge des Bartes eines Gentleman. |
Lilla I Mark Lilla The Stillborn God. Religion, Politics, and the Modern West New York: Random House. 2007 |
| Protestantische Ethik | Weber | Habermas III 299 Protestantische Ethik/Weber/Habermas: In der traditionellen Gesellschaft kann das kognitive Potential, das mit den durchrationalisierten Weltbildern entsteht, innerhalb deren sich der Entzauberungsprozess vollzieht, noch nicht wirksam werden. Es wird erst in modernen Gesellschaften entbunden. Dieser Vorgang bedeutet die Modernisierung der Gesellschaft.(1) >Rationalität, >Rationalisierung, >Kulturelle Überlieferung, >Moderne, >Modernisierung, >Gesellschaft. Habermas III 307 Beruf/Protestantismus/Weber: Die moderne Berufskultur ist genau diejenige Implementierung der Gesinnungsethik, mit der die Zweckrationalität des Unternehmerhandelns in einer für den kapitalistischen Betrieb folgenreichen Weise motivational gesichert wird. >Gesinnungsethik. Habermas III 308 Weber will nicht erklären, warum die katholischen Hemmungen gegen das kaufmännische Gewinnstreben gefallen sind, sondern wodurch die Umstellung möglich geworden ist. Die entsprechenden Lehren entdeckt er im Calvinismus und im Umkreist der protestantischen Sekten. >Calvinismus. Im religiösen Gemeindeleben findet er die Institutionen, die für die sozialisierende Wirksamkeit der Lehren in den Trägerschichten des frühen Kapitalismus sorgte.(2) >Institutionen, >Religion. Habermas III 310 Beruf/Weber/Habermas: Die Berufsarbeit als ganze wird ethisch aufgeladen und dramatisiert. Die Sphäre des Berufs wird von traditionaler Sittlichkeit freigesetzt und wird zur Sphäre zweckrationaler beruflicher Bewährung. Das hängt mit einer auf individuelle Gnadenerweise eingeschränkten Gesinnungsethik zusammen, die das katholische Nebeneinander von Mönchs-, Priester- und Laienethik zugunsten einer elitären Trennung zwischen Virtuosen und Massenreligiosität beseitigt. >Zweckrationalität, >Wertsphären. Konsequenzen daraus sind die innere Vereinsamung des Individuums und das Verständnis des Nächsten als eines in strategischen Handlungszusammenhängen neutralisierten Anderen.(3) Habermas III 311 Protestantische Ethik/Schluchter: Die Ethik des asketischen Protestantismus stellt die Beziehung des Einzelnen zu Gott über seine Beziehungen zu den Menschen und gibt diesen Beziehungen eine neue Bedeutung: Sie sind nicht mehr in Pietätsbegriffen interpretiert.(4) Habermas: Bereits die Versachlichung dieser Beziehungen zerstört die Legitimationsgrundlage der Pietät. Sie degradiert alle überlieferten Normen zu bloßen Konventionen. Dazu bedarf es allerdings nicht der speziellen Versachlichung, die für den kapitalistischen Wirtschaftsverkehr erforderlich ist und die Segmentierung eines rechtlich organisierten Bereichs strategischen Handelns ermöglicht. HabermasVsWeber: Weber verneint eine solche Entwickungsmöglichkeit. Habermas III 312 Und zwar wegen er strukturellen Unvereinbarkeit jeder konsequent ethisierten Erlösungsreligion mit den unpersönlichen Ordnungen einer rationalisierten Wirtschaft und einer versachlichten Politik. >Wirtschaft, >Politik. 1.Vgl. H.V. Gumbrecht, R. Reichardt, Th. Schleich (Hrg), Sozialgeschichte der Französischen Aufklärung, 2 Bde, München, 1981 2. M. Weber, Die protestantische Ethik, hrsg. v. J. Winckelmann, Bd 2, Hamburg 1972, S. 232. 3. Schluchter, Die Entwicklung des okzidentalen Rationalismus, Tübingen 1979, S. 250f. 4. Schluchter ebenda S. 251. |
Weber I M. Weber Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus München 2013 Ha I J. Habermas Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988 Ha III Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981 Ha IV Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981 |
| Recht | Weber | Habermas III 231 Recht/Weber/Habermas: Die kognitive Verselbständigung von Recht und Moral, d.h. die Ablösung moralisch-praktischer Einsichten ethischer und rechtlicher Doktrinen, Grundsätze, Maximen und Entscheidungsregeln von Weltbildern, in die sie zunächst eingebettet waren, nennt Weber Rationalisierung. Kosmologische, religiöse und metaphysische Weltbilder sind so strukturiert, dass die internen Unterschied zwischen theoretischer und praktischer Vernunft noch nicht zur Geltung kommen können. >Moral, >Ethik, >Weltbilder, >Rationalisierung, >Rationalität. Habermas III 232 Die Autonomisierung von Recht und Moral führt zum formalen Recht und zu profanen Gesinnungs- und Verantwortungsethiken. >Gesinnungsethik, >Verantwortung. Freilich bahnt sich diese Autonomisierung selbst noch innerhalb religiöser Deutungssysteme an. Das führt zur Dichotomisierung zwischen einer Heilssuche, die an inneren Heilsgütern und Erlösungsmitteln orientiert ist, und der Erkenntnis einer äußeren, objektivierten Welt. Weber zeigt, wie sich aus dieser Gesinnungsreligiosität gesinnungsethische Ansätze entwickeln.(1) >Religion. Habermas III 278 Recht/Weber/Habermas: Für die Entstehung des modernen Rechts muss Weber einen Vorgang postulieren, der parallel, wenn auch nicht gleichzeitig von ihm für die Rationalisierung von Weltbildern angenommen wird. >Weltbilder/Weber. Die Verfügbarkeit posttraditionaler Rechtsvorstellungen ist noch nicht identisch mit der Durchsetzung eines modernen Rechtssystems. Erst auf der Grundlage eines rationalen Naturrechts gelingt es, Rechtsmaterien in Grundbegriffen des formalen Rechts so zu rekonstruieren, dass Rechtsinstitutionen geschaffen werden können, die universalistischen Grundsätzen formal genügen können. Vgl. >Naturrecht. Diese müssen privaten Geschäftsverkehr der Warenbesitzer untereinander und die komplementäre Tätigkeit der öffentlichen Verwaltung regeln. HabermasVsWeber: Weber zeigt die Parallelität dieser beiden Vorgänge nicht deutlich genug. Habermas III 332 Recht/Weber/HabermasVsWeber/Habermas: Die theoretische Stellung des Rechts in seiner Theorie der Rationalisierung ist bei Weber insofern zweideutig, als sie gleichzeitig die Institutionalisierung zweckrationalen Wirtschafts- und Verwaltungshandelns erlaubt und auch die Ablösung der Subsysteme von ihren moralisch-praktischen Grundlagen zu ermöglichen scheint. Die dialektische Erklärung der widerstreitenden Entwicklungen von Wissenschaft und Religion lässt sich auf die Entwicklung des Rechts nicht übertragen, da dieses von Anfang an in säkularisierter Form auftritt. Habermas: Weber deutet das moderne Recht so um, dass es von der evaluativen Wertsphäre getrennt ist. Habermas III 346 HabermasVsWeber: Weber deutet die Legitimationsproblematik empiristisch um und entkoppelt das politische System von Formen moralisch-praktischer Rationalität. Er schneidet auch die politische Willensbildung auf Prozesse des Machterwerbs und der Machtkonkurrenz zurück. >Legitimität, >Legitimation, >Rechtfertigung, >Letztbegründung. Recht/Weber: Soweit sich das normative Einverständnis auf Tradition stützt, spricht Weber von konventionellem Gemeinschaftshandeln. In dem Maße, wie dieses durch erfolgsorientiertes, zweckrationales Handeln ersetzt wird, entsteht das Problem, wie diese neuen Spielräume ihrerseits legitim, d.h. normativ verbindlich geordnet werden können. Rationales Gesellschaftshandeln tritt an die Stellen von konventionellem Gemeinschaftshandeln. >Zweckrationalität, >Konventionen, >Gemeinschaft. Habermas III 347 Allein die Prozedur des Zustandekommens begründet die Vermutung, das ein normatives Einverständnis rational motiviert ist. Lediglich innerhalb normativ festgelegter Grenzen dürfen die Rechtssubjekte ohne Rücksicht auf Konventionen zweckrational handeln. HabermasVsWeber: Weber schwankt hier zwischen diskursiver Vereinbarung und willkürlicher Satzung. Habermas III 351 Modernes bürgerliches Privatrecht/Weber/Habermas: Das moderne bürgerliche Privatrecht wird durch drei formale Merkmale charakterisiert: Positivität, Legalismus und Formalität. Def Positivität/Habermas: Positiv gesetztes Recht wird nicht durch Interpretation anerkannter und geheiligter Traditionen fortgebildet, es drückt vielmehr den Willen eines souveränen Habermas III 352 Gesetzgebers aus, der mit rechtlichen Organisationsmittel soziale Tatbestände konventionell regelt. Def Legalismus/Habermas: Den Rechtspersonen werden außer einem generellen Rechtsgehorsam keine sittlichen Motive unterstellt. Es schützt ihre privaten Neigungen innerhalb sanktionierter Grenzen. Nicht nur böse Gesinnungen, sondern auch normabweichende Handlungen werden sanktioniert, wobei Zurechnungsfähigkeit vorausgesetzt wird. Def Formalität/Recht/Habermas: Das moderne Recht definiert Bereiche der legitimen Willkür von Privatpersonen. Die Willkürfreiheit der Rechtspersonen in einem sittlich neutralisierten Bereich privater, aber mit Rechtsfolgen verknüpfter Handlungen wird vorausgesetzt. Der Privatrechtsverkehr kann daher negativ auf dem Wege der Einschränkung von prinzipiell anerkannten Berechtigungen geregelt werden (anstelle einer positiven Regelung über konkrete Pflichten und materiale Gebote). In diesem Bereich ist alles erlaubt, was nicht rechtlich verboten ist. Habermas: Die diesen Merkmalen entsprechende Systemfunktionalität ergibt sich aus Rechtstrukturen, in denen zweckrationales Handeln allgemein werden kann. Sie erklärt nicht, wie diese Rechtstrukturen selbst möglich sind. Habermas III 353 Erklärt wird die Form des modernen Rechts vielmehr aus den posttraditionalen Bewusstseinsstrukturen, die es verkörpert. HabermasVsWeber: Weber müsste das moderne Rechtssystem als eine Lebensordnung verstehen, die der moralisch-praktischen Lebensführung zugeordnet ist. Dem widerspricht aber Webers Versuch, die Rationalisierung des Rechs ausschließlich unter dem Aspekt der Zweckrationalität zu betrachten. Habermas: erst auf einer postkonventionellen Stufe entsteht die Idee der grundsätzlichen Kritisierbarkeit und Rechtfertigungsbedürftigkeit von Rechtsnormen. Habermas III 354 Modernes Recht/Weber/Habermas: Weber trennt Moralität und Legalität. Das bedarf einer praktischen Rechtfertigung. Die moralfreie Sphäre des Rechts verweist auf eine ihrerseits in Prinzipien begründete Moral. Die Leistung der Positivierung besteht darin, Begründungsprobleme zu verlagern, d.h. die technische Handhabung des Rechs von Begründungsproblemen zu entlasten, diese Begründungsprobleme aber nicht zu beseitigen. Ausdruck dieser strukturell notwendig gewordenen Rechtfertigung ist der Katalog der Grundrechte, den die bürgerlichen Verfassungen neben dem Grundsatz der Volkssouveränität enthalten. Habermas III 357 Modernes Recht/Weber: für Weber ist modernes Recht im positivistischen Sinn als das Recht zu verstehen, das durch Dezision gesetzt wird und von rationalem Einverständnis, von Begründungsvorstellungen, und seien diese noch so formal, völlig losgelöst ist. WeberVsNaturrecht: These: Es kann kein rein formales Naturrecht geben. Sein-Sollen/Weber: Das Gelten-Sollende gilt als identisch mit dem faktisch im Durchschnitt überall Seienden; die durch logische Bearbeitung von Begriffen juristischen oder ethischen, gewonnenen ‚Normen‘ gehören im gleich Sinn wie die ‚Naturgesetze‘ zu denjenigen allgemein verbindlichen Regeln, welche ‚Gott selbst nicht ändern kann‘ und gegen welche eine Rechtsordnung sich nicht aufzulehnen versuchen darf.“(2) >Naturrecht. Habermas III 358 HabermasVsWeber: Weber verwechselt die formalen Eigenschaften eines post-traditionellen Begründungsniveaus mit besonderen materiellen Werten. Er unterscheidet auch am rationalen Naturrecht nicht hinreichend zwischen strukturellen und inhaltlichen Aspekten und kann deshalb „Natur“ und „Vernunft“ mit Wertinhalten gleichsetzen, von denen sich das im strikten Sinn moderne Recht als ein Instrument zur Durchsetzung beliebiger Werte und Interessen löst. >Fundierung/Weber. Habermas III 362 Verfahrenslegitimität/Zweckrationalität/Recht/HabermasVsWeber: Sobald die Rationalisierung des Rechts zu einer Frage der zweckrationalen Organisation zweckrationalen Wirtschaftens und Verwaltens uminterpretiert wird, können Fragen der institutionellen Verkörperung moralisch-praktischer Rationalität nicht nur beiseite geschoben, sondern geradezu in ihr Gegenteil verkehrt werden: Diese erscheinen nun als Quelle von Irrationalität, jedenfalls von „Motiven, welche den formalen Rationalismus des Rechts abschwächen.“ (3) Habermas: Weber verwechselt den Rekurs auf die Begründung legaler Herrschaft mit einer Berufung auf partikulare Werte. Habermas IV 122 Recht/Weber/Habermas: Frage: wie kann ein Vertrag die Parteien binden, wenn die sakrale Grundlage des Rechts entfallen ist? Lösung/Hobbes/Weber/Habermas: Die Standardantwort ist seit Hobbes und bis zu Max Weber, dass das moderne Recht eben Zwangsrecht ist. Der Verinnerlichung der Moral entspricht eine komplementäre Verwandlung des Rechts in eine äußerlich auferlegte, staatlich autorisierte und auf den staatlichen Sanktionsapparat gestützte Gewalt. Die gleichsam automatische Erzwingbarkeit der Erfüllung von Rechtsansprüchen Habermas IV 123 soll den Gehorsam garantieren. >Gehorsam. DurkheimVsHobbes/DurkheimVsWeber/Habermas: Damit gibt sich Durkheim nicht zufrieden. Auch der Gehorsam muss einen moralischen Kern haben. Das Rechtssystem ist nämlich Teil einer politischen Ordnung, mit der es verfallen würde, wenn diese nicht Legitimität beanspruchen könnte. >E. Durkheim. 1. M. Weber, Gesammelte Ausätze zur Religionssoziologie, Bd. I. 1963, S. 541. 2. M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, hrsg.v. J. Winckelmann, Tübingen 1964,S. 638 3. Ebenda S. 654 |
Weber I M. Weber Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus München 2013 Ha I J. Habermas Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988 Ha III Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981 Ha IV Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981 |
| Religion | Lilla | Lilla I 66 Religion/Lilla: (...) es gibt einen Aspekt, über den die Bibel nahezu schweigt, und das ist die Religion. Es gibt keine biblische Lehre über die menschlichen Quellen der Religion. Das mag eine exzentrische Behauptung sein, aber bedenken Sie die Sache. Die hebräische Bibel beschreibt Gottes Bündnisse und seine Gesetze; sie schreibt Zeremonien, Rituale und heilige Tage vor. Sie spricht von Treue und Untreue in der Geschichte des Volkes Gottes; sie warnt vor Strafe und verspricht Belohnung. Das Neue Testament spricht von denen, die alles fallen lassen, um Jesus zu folgen, die aufgerufen sind, sein Beispiel nachzuahmen; es spricht auch von denen, die ihn verraten, von Judas und sogar von Petrus, der schwach wurde, bevor der Hahn krähte. Jesus lehrt seine Jünger, wie sie beten sollen, und sie tun es. Die Bibel fragt nicht, warum sie es tun, so wie sie auch nicht fragt, warum Abraham beschloss, Gott zu vertrauen und Isaak fast zu opfern. In der Tat stellt sie keine der Fragen, die wir als selbstverständlich ansehen, wenn wir heute über Religion nachdenken. >Christentum/Lilla. Lilla I 67 Warum ist der Mensch religiös? Welche Art von Rolle spielt die Religion in der menschlichen Gesellschaft? Welche Arten von religiösen Erfahrungen gibt es? Wie haben sie sich im Laufe der Zeit und in den verschiedenen Kulturen entwickelt? Wir scheinen davon auszugehen, dass wir den Menschen umso besser verstehen, je mehr wir die Religion verstehen. Das ist nicht die Annahme der Bibel. Der moderne Mensch stellt sich diese Art von Fragen zu religiösen Gefühlen und Praktiken, aber es sind keine neuen Fragen. Die Philosophen der griechischen und römischen Antike waren die ersten, die sich systematisch mit diesem Thema befassten und konkurrierende Theorien entwickelten, die Religion als menschliches Phänomen erklärten. Unabhängig davon, ob sie selbst an Götter glaubten oder nicht, hielten sie es für möglich, das, was später als „natürliche Religion“ bezeichnet wurde, als eine soziale Tatsache zu untersuchen. Sie waren neugierig auf die Vielfalt religiöser Praktiken in antiken Städten und Reichen, auf die Frage, wie sich diese Praktiken im Laufe der Zeit veränderten und wie sie mit der Ausübung politischer Macht zusammenhängen könnten. Und so fragten sie sich, was der Mensch an sich hat, das ein solches Phänomen möglich macht. >Bibel, >Bibelkritik. Aristoteles: Aristoteles machte den einflussreichen Vorschlag, dass die Religion aus dem Wunder geboren wurde, das dann durch den Mythos zum Ausdruck gebracht wurde. >Aristoteles. Epikur: Eine andere Schule, die Epikureer, vermutete, dass die Religion aus Unwissenheit und Angst vor Leiden entstand, und hoffte, dass die Götter uns beschützen würden. >Epikur. Einige, die so genannten Euhemeristen, bemerkten, dass viele Völker ihre Helden zu Göttern machen, und folgerten, dass viele traditionelle Götter wahrscheinlich als menschliche Helden entstanden sind. Lilla I 68 Stoizismus: Und dann waren da noch die Stoiker, die die Tatsache betonten, dass unabhängig von der Rolle, die Unwissenheit und Furcht im Glauben spielen mögen, die grundlegenden religiösen Vorstellungen in allen Kulturen bemerkenswert ähnlich sind. Sie stellten die geniale Theorie auf, dass eine großmütige Kraft (spermatikos logos) göttliche Samen in alle menschlichen Seelen pflanzt, die in allen Völkern zu annähernd ähnlichen moralischen und religiösen Vorstellungen erblühen. >Stoizismus. Heidentum: Die Heiden kannten das Wort des wahren Gottes nicht oder wollten es nicht hören, und deshalb galt ihre Analyse der Religion nicht für echten Glauben und Gehorsam. Gott hat sein Wort in der Bibel offenbart, um dem Menschen zu helfen, seine Neigung zu einer solchen „Religion“ zu überwinden. Das Judentum: Das Judentum hat eine lange theologische Tradition des Nachdenkens über den Götzendienst, der in der biblischen Erzählung eine zentrale Rolle spielt, und auch über die Unterscheidung zwischen echten und falschen Propheten. >Judentum. Maimonides: Maimonides beispielsweise legte strenge Regeln für die Beurteilung von Propheten fest und vermutete, dass sich der Götzendienst aus dem Verfall eines ursprünglichen Monotheismus entwickelte, der schließlich von Abraham wiederhergestellt wurde. Lilla I 69 Islam: Die muslimische Theologie war bereits vor Maimonides zu vielen dieser Schlussfolgerungen gelangt. Aber keine der beiden Traditionen stellt sich die anthropologischen Fragen: Was macht den Menschen überhaupt religiös? Und gibt es einen Zusammenhang zwischen echtem und götzendienerischem religiösen Verhalten? >Islam. Der Götzendienst: Zu Beginn des Römerbriefs bietet der heilige Paulus den klassischen Bericht, wie Gott sich allen nichtjüdischen Völkern offenbart hat, die ihn nicht erkannten und sich stattdessen vor Götzenbildern verneigten. „Sie hielten sich für weise und wurden zu Narren“ und zogen die Werke ihrer eigenen Hände denen ihres Schöpfers vor (Römer 1,18-25). Augustinus/Bonaventura: Einen anderen Ansatz verfolgten der heilige Augustinus und später der heilige Bonaventura, die den stoischen Gedanken aufgriffen, dass Gott die Seelen von innen her erleuchtet; sie vertraten die Ansicht, dass die götterfreien religiösen Instinkte der Christen aus dieser inneren Erleuchtung erwuchsen. Katholische Kirche: Ein Konsens in dieser Frage wurde in der katholischen Kirche erst mit dem Heiligen Thomas im dreizehnten Jahrhundert erzielt. Thomas von Aquin: Unter Berufung auf die Moralpsychologie des Aristoteles fand Thomas einen Weg, die christliche Religiosität als eine Art moralische Tugend darzustellen, die in der Mitte zwischen den Lastern des Aberglaubens und des Unglaubens liegt. Religiöse Praxis ist kein Mittel zur Erlösung, lehrte er; sie kann die Gnade nicht ersetzen. Aber sie kann eine moralische Hilfe für diejenigen sein, die glauben, aber Hilfe in ihrem Unglauben brauchen. >Thomas von Aquin. Lilla I 70 Calvinismus: (...) während der Reformation hatte Calvin vorgeschlagen, dass der Mensch ein natürliches Bewusstsein des Göttlichen (sensus divinitatis) hat, das ihm von Gott eingepflanzt wurde, auch wenn es durch die Sünde korrumpiert ist. Aber erst im siebzehnten Jahrhundert, mit der Wiederbelebung des Stoizismus und Epikureismus, wurde eine vollständige Anthropologie der Religion wieder zu einem zentralen Merkmal des westlichen Denkens, einschließlich des politischen Denkens. >Politische Theologie, >Politische Theorie, >Calvinismus. |
Lilla I Mark Lilla The Stillborn God. Religion, Politics, and the Modern West New York: Random House. 2007 |
| Revolution | Flusser | Rötzer I 60 Revolution/Kunst/Flusser: Der Bischof setzte auf dem Markt den gerechten Wert z.B. für einen Topf fest. Mit dem Aufstand der Handwerker, den wir Renaissance oder Humanismus nennen, ist derselbe als Autor vom Feld in die Werkstatt übergewechselt. >Renaissance, >Humanismus, >Markt, >Emanzipation. Zunächst mussten die Handwerker einen freien Markt schaffen d.h. die Kunstkritiker vom Markt entfernen Bisher hatte der Bischof den Einblick in die ewigen und höchsten Werte, Platon: theoria. >Platon. Die revolutionären Handwerker behaupteten nun, sie würden die ewige Idee nicht mehr nachahmen, sondern immer neue und bessere und darum auch wahrere Töpfe erfinden. Damit wurde der Unterschied von Entdecken und Erfinden in Frage gestellt. Annäherung an die Idee konnte ja nur eine gewisse unvollkommene Entdeckung bringen, und damit Irrtum und Täuschung. Rötzer I 61 Die neuen Handwerker aber nahmen für sich in Anspruch, Erfinder zu sein. Damit schlug die Verachtung des Kunstmachens in Bewunderung um. Alte Theorie: Die Formen sind ordentlich übereinander gelegt: die höheren enthalten die niedrigeren, z.B. der Topf die Kugel. Dadurch wurde die Philosophie zum Emporklettern. Neue Sicht: nicht mehr aus einer Form auf andere zu schließen, sondern eine andere Form machen. Rötzer I 61 Neue Theorie/Flusser: Entwicklung immer besserer Modelle. Die Theorie wechselt vom Dom in die Werkstatt und tritt in doppelten Widerspruch zu dem, was dort gemacht wird. 1. Der theoretische Blick muss sich den Gegebenheiten anpassen und 2. Modelle werden übergeben und man muss sehen, was dabei herauskommt. Doppelter Widerspruch zwischen Observation und Theorie einerseits und Experiment und Theorie andererseits. > Moderne Wissenschaft und Technik. In den entsprechenden Werkstätten wurde dann nicht mehr von Kunst, sondern von Technik geredet, und einen Autor sucht man dort vergebens. >Technologie, >Kunst, >Autorschaft. Rötzer I 64 Revolution/Flusser: a) Vorher war es sinnlos zwischen Güte eines Pflugs und der eines Heiligenbildes ontologisch zu unterscheiden, beides diente der Erlösung aus dem Tränental. >Das Gute, >Techne. Techne ist das Äquivalent zu ars, also ein und dasselbe. b) Nachher existiert nicht nur ein Unterschied, sondern das Heiligenbild wurde überflüssig, vielleicht sogar störend, das es ideologisch die Aufmerksamkeit von der Arbeit ablenkte. >Arbeit. Deswegen musste die Kunst von der Technik getrennt werden. >Kunst. Rötzer I 70 Kulturrevolution/Flusser: Kulturrevolution ist die Zurückhaltung, nicht alle diese Bilder und Töne als Kunst anerkennen zu wollen, da sie dem neuzeitlichen Kunst-Begriff nicht entsprechen. Bsp Rockmusik hat großen Einfluss auf unser Verhalten, wie Autoschaltungen. >Geschichte, >Fortschritt, >Kultur. |
Fl I V. Flusser Kommunikologie Mannheim 1996 |
| Sprache | Christentum | Gadamer I 422 Sprache/Christentum/Gadamer:: Es gibt (...) einen Gedanken, der kein griechischer Gedanke ist und der dem Sein der Sprache besser gerecht wird (Vgl. >Denken und Sprache/Antike Philosophie), so dass die Sprachvergessenheit des abendländischen Denkens keine vollständige werden kann. Es ist der christliche Gedanke der >Inkarnation. Inkarnation ist offenbar nicht Einkörperung. I 423 Gadamer: [Die Inkarnation hängt mit dem] Problem des Wortes aufs engste zusammen. Die Ausdeutung des Geheimnisses der Trinität, wohl die wichtigste Aufgabe, die dem Denken des christlichen Mittelalters gestellt war, lehnt sich schon bei den Vätern und schließlich in systematischer Durchbildung des Augustinismus in der Hochscholastik an das menschliche Verhältnis von Sprechen und Denken an. Die Dogmatik folgt damit vor allem dem Prolog des Johannes-Evangeliums, und so sehr es griechische Denkmittel sind, mit denen sie ihre eigene theologische Aufgabe zu lösen sucht, so gewinnt doch das philosophische Denken durch sie eine dem griechischen Denken verschlossene Dimension. Wenn das Wort Fleisch wird und erst in dieser Inkarnation die Wirklichkeit des Geistes sich vollendet, so wird damit der Logos aus seiner Spiritualität, die zugleich seine kosmische Potentialität bedeutet, befreit. Die Einmaligkeit des Erlösungsgeschehens führt den Einzug des geschichtlichen Wesens in das abendländische Denken herauf und lässt auch das Phänomen der Sprache aus seiner Versenkung in die Idealität des Sinnes heraustreten und sich dem philosophischen Nachdenken darbieten. Denn im Unterschied zum griechischen Logos gilt: das Wort ist reines Geschehen (verbum proprie dicitur personaliter tantum).(1) Gewiss ist dabei die menschliche Sprache nur indirekt zum Gegenstand der Besinnung erhoben. Es soll ja nur am Gegenbild des menschlichen Wortes das theologische Problem des Wortes, des verbum dei, nämlich die Einheit von Gottvater und Gottsohn heraustreten. Aber gerade das ist für uns das entscheidend Wichtige, dass das Mysterium dieser Einheit am Phänomen der Sprache seine Spiegelung hat. >Sprache/Gadamer, >Wort/Antike Philosophie. So versucht man anfangs, von dem stoischen Begriff des inneren und des äußeren Logos (logos endiathetos - prophorikos) Gebrauch zu machen.(2) Diese Unterscheidung sollte ursprünglich das stoische Weltprinzip des Logos von der Äußerlichkeit des bloßen Nachsprechens abheben.(3) Für den christlichen Offenbahrungsglauben wird nun sogleich die umgekehrte Richtung von positiver Bedeutung. Die Analogie von innerem und äußerem Wort, das Lautwerden des Wortes in der vox, gewinnt jetzt einen exemplarischen Wert. >Wort/Gadamer, >Wort/Antike Philosophie, >Schöpfungsmythos/Gadamer. 1. Thomas I. qu 34 2. Ich beziehe mich im folgenden auf den unterrichtenden Artikel "Verbe" 1m Dictionnaire de Théologie catholique, sowie auf Lebreton, Histoire du dogme de la Trinité. 3. Die Papageien: Sext. adv. math. V Ill, 275. |
Gadamer I Hans-Georg Gadamer Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010 Gadamer II H. G. Gadamer Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977 |
| Terminologien | Nietzsche | Ries II 11 Krise/Nietzsche: soll vorangetrieben werden zur Umwertung aller Werte. Ries II 11 Amor fati/Nietzsche: höchster Zustand, den ein Philosoph erreichen kann: dionysisch zum Dasein stehen. Ries II 13 Mittag/Nietzsche: Ein erwachsener alter Baum, »der von der reichen Liebe eines Weinstockes rings umarmt und vor sich selber verborgen war. Im Augenblick des Glücks erscheint der Lauf der Zeit anzuhalten. Ries II 16 Nietzsche: Seefahrerleidenschaft zum »Unbekannten«, das in einer Richtung liegt, »wo bisher alle Sonnen der Menschheit untergegangen sind«. Ries II 17 Zarathustra/Nietzsche: These: Der Sinn des Lebens ist Liebe. Ries II 19 Glück/Nietzsche: »Das Glück meines Daseins, um dessen Rätselform auszudrücken, ich bin als mein Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch, und werde alt.« Ries II 20 Nietzsche/Biographie: Nietzsche lernte Jacob Burckhardt kennen. Im deutsch-französischen Krieg war er mehrere Monate lang freiwilliger Krankenpfleger. Ries II 25 »Finstere Antike«: Der Ausdruck stammt von Jacob Burckhardt. (Nicht wörtlich!). Ries II 28 Apollinisch/Nietzsche: Symbol der Welt als Erscheinung, im Sinne des Schopenhauerschen Begriffs der Vorstellung. Täuschende Befreiung von der schrecklichen dionysischen Erkenntnis des »Urschmerzes«. Apollinisch/Nietzsche: Kunstmittel Dionysisch/Nietzsche: Weisheit Apollinisch/dionysisch/Nietzsche: am Ende reden beide die Sprache des anderen. Zwecklos in sich kreisendes Weltspiel, »welches der Wille in der ewigen Lust mit sich selbst spielt«. Ries II 29 Tragödie: Schopenhauer: Pathos als Urschmerz - Nietzsche Urlust. Ries II 30 Nietzsche: »Aus dem Lächeln des Dionysos sind die olympischen Götter, aus seinen Tränen den Menschen entstanden.« Ries II 30 Pessimismus/Nietzsche: »jenseits von Gut und Böse«: eine Philosophie, die es wagt, die Moral selbst in die Welt der Erscheinung zu setzen, herabzusetzen , und zwar Erscheinung als Täuschung, Schein, Wahn, Irrtum. Ries II 29/30 Nietzsche/Biographie/Ries: Durch die »Geburt der Tragödie« war er wissenschaftlich als Philologe tot. Ries II 49 Menschliches/Allzumenschliches/Nietzsche: 2. Hauptstück: "Der Wanderer und sein Schatten": "Schattenhafte Philosophie"/Schatten/Nietzsche: in der die "Objekte" ihre Körperlichkeit verlieren. Mittag/Nietzsche: wem ein tätiger und stürmereicher Morgen beschieden war, dessen Seele überfällt um den Mittag des Lebens eine seltsame Ruhesucht.. Es ist ein Tod mit wachen Augen. Ries II 50 Jesus/Christentum/Nietzsche: Parabel "Die Gefangenen" (Fröhliche Wissenschaft): Der Sohn des Wärters: ich will euch retten, aber nur die von euch, welche glauben, dass ich der Sohn (Jesus) des Gefangenenwärters bin. Ries II 55 Fröhliche Wissenschaft/Nietzsche: Wissenschaft des freien Geistes. Ries II 57 Ewige Wiederkehr/Nietzsche: (Zarathustra) Der Gedanke überfällt Nietzsche im August des Jahres 1881 am See von Silvaplana. »Wie, wenn dir eines Tages oder nachts ein Dämon in deiner einsamsten Einsamkeit nachschliche und sagte: »Dieses Leben, wie du es jetzt liebst und geliebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen. Und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jeder Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich kleine und große deines Lebens muss dir wiederkommen und alles in derselben Reihenfolge - und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen... würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon verfluchen, der so redete? >Wiederkehr/Nietzsche. Die Frage bei allem und jedem: »willst du dies noch einmal und noch unzählige Male?« Würde als das größte Schwergewicht auf deinem Handeln liegen!« Ries II 58/ 59 Zarathustra/Nietzsche: Als klassische Figur, Umkehrung der Geschichte, »Selbstüberwindung der Moral«. Zarathustra, der einst den verhängnisvollsten Irrtum, den der Moral, selber geschaffen hat – er ist auch der erste, der ihn erkennt das Schwergewicht ist aus den Dingen gewichen. Der ganze göttliche Horizont ist weggewischt. Ries II 60/61 Der letzte Mensch/Nietzsche: Gegenbild des Übermenschen, vegetierend am Ende der Zivilisation. Der letzte Mensch riecht schlecht! Ries II 62 Drei Stadien: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft: Kamel/Nietzsche: Idealistisches Stadium, Gehorsam, theologischer Absolutismus »du sollst«. Löwe/Nietzsche: Der Idealismus wendet sich gegen sich selbst, gegen den ihm beherrschenden tausendjährigen »großen Drachen« des »du sollst«: »ich will«. Ries II 63 Kind/Nietzsche: Aber die Freiheit dieses »ich will« konstituiert sich immer noch von dem her, was sie verneint: Moral, Metaphysik, Religion. Erst das dritte Stadium bringt die Unschuld des Werdens, jenseits von Gut und Böse. >Moral/Nietzsche, >Metaphysik/Nietzsche, >Religion/Nietzsche. Ries II 64 Selbstüberwindung/Nietzsche: »Wo ich lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht... das Leben selber redete zu mir: ich bin das, was sich immer selber überwinden muss.«. Der Wille überwindet sich selbst zu seiner reinsten Form: dem Willen zur Macht. Dadurch ständige Wiederholung, dadurch Kreisform, dadurch Wiederkehr des immer Gleichen! Ries II 65 Dionysisch/Nietzsche: Dasein in dionysischer Unmittelbarkeit bleibt dem Schein notwendig unterworfen. Ries II 70 Erlösung der »höheren Menschen«: Figuren/Gleichnisse/Zarathustra/Nietzsche/Riess: Schopenhauer: Schopenhauer wird von Nietzsche im Zarathustra als der Wahrsager der großen Müdigkeit karikiert. Die beiden Könige/Zarathustra/Nietzsche: 1. Verächter der falschen Repräsentation des Politischen 2. Der Gewissenhafte des Geistes (der Wissenschaftler). Der alte Zauberer/Zarathustra/Nietzsche: Richard Wagner. Der alte Papst/Zarathustra/Nietzsche: Der um den »toten Gott« trauernde und in dieser Trauer fromme Mensch. Der hässlichste Mensch/Zarathustra/Nietzsche: »der Mörder Gottes«, der große Selbsthasser und sich am Menschen Ekelnde. Der freiwillige Bettler/Zarathustra/Nietzsche: Der selbstlose Mensch. Der Schatten Zarathustras: Der freie Geist. Sie alle sind, als der »Überrest Gottes« tief Verzweifelte und Gescheiterte. Sie karikieren sich alle beim »Eselsfest«. Das immer gleiche A des Esels als das dionysische Ja Sagen zum Ganzen des Seins. Ries II 71 Mittag/Zarathustra/Nietzsche: durch den »Mittagsabgrund« hindurch fällt Zarathustra »in den Brunnen der Ewigkeit«. Nicht mehr Aufbruch ins Unbekannte wird gepriesen, sondern Heimkehr des Schiffes in die »stillste Bucht«. Danto III 207 Terminologie/Blonde Bestie/Nietzsche/Danto: Der Ausdruck blonde Bestie hat bei Nietzsche keinerlei direkten Bezug auf Deutsche oder Arier. In dieser Passage angesprochen werden „römischer, arabischer, germanischer, japanesischer Adel, homerische Helden, skandinavische Wikinger.“(1) Höchstwahrscheinlich ist die „Blonde Bestie“ ein literarischer Topos für „Löwe“, den sogenannten König der Tiere. Danto III 218 Verinnerlichung/Terminologie/Nietzsche/Danto: Verinnerlichung nennt Nietzsche das Phänomen, dass ein Trieb sich bei einem Verbot immer noch entlädt, jedoch nicht gegen ein äußerliches Objekt, sondern ein internes Objekt, die Person selbst. Dieses Phänomen spielt eine Rolle bei der weiteren Ausbildung des Bewusstseins.(2) >Verinnerlichung. Danto III 219 Schlechtes Gewissen: Womöglich bleiben die Menschen im Stadium bloßer Selbstaggression oder des bloßen Selbsthasses stehen. Das nennt Nietzsche das Schlechte Gewissen. 1. Vgl. F. Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, KGW VI. 2, S. 289. 2. Ebenda, S: 338 |
Nie I Friedrich Nietzsche Sämtliche Werke: Kritische Studienausgabe Berlin 2009 Nie V F. Nietzsche Beyond Good and Evil 2014 Ries II Wiebrecht Ries Nietzsche zur Einführung Hamburg 1990 Danto I A. C. Danto Wege zur Welt München 1999 Danto III Arthur C. Danto Nietzsche als Philosoph München 1998 Danto VII A. C. Danto The Philosophical Disenfranchisement of Art (Columbia Classics in Philosophy) New York 2005 |
| Theologie | Benjamin | Bolz II 14 Theologie/Politik/Benjamin: Theologie und politisches Denken bilden eine Totalität, die als Nebeneinander von Extremen gedacht werden muss. Bolz II 17 Benjamin wird oft als Kronzeuge des historischen Materialismus, der negativen Theologie und sogar des literaturwissenschaftlichen Dekonstruktivismus aufgerufen. >Dekonstruktivismus. Bolz II 21 Säkularisierung der Theologie (Erste geschichtsphilosophische These: Theologie muss im historischen Materialismus Schutz suchen). Bolz II 31 Theologie/Benjamin: Exodus aus der Philosophie in den Kommentar. >Kritik/Benjamin. Benjamin versteckt selbst in seinem Werk seine metaphysischen und theologischen Motive. Typische Formeln: "gegen den Strich bürsten" "Hülle und Verhülltes". Säkularisierung der Theologie um ihrer Rettung willen. Wendung zu einem "pragmatischen" Kommunismus. Bolz II 35 Erlösung: nicht Ziel der Geschichte, sondern deren Ende. >Erlösung, vgl. >Ende der Geschichte. Bolz II 34 Theologie/Benjamin: Weil die Theokratie keinen politischen Sinn hat, muss die Weltpolitik des politischen Theologen nihilistisch verfahren, um ihren geistlichen Sinn zu befördern.(1) >Nihilismus. Das ist das Schema, nach dem auch Benjamins Studien zu Barock, Baudelaire und Surrealismus einen gnostischen Protest artikulieren. Er richtet sich gegen die Wiederkehr der Antike auf der Spitze der Modernität, wie sie - im Anschluss an Nietzsche - in Max Webers Lehre vom okzidentalen Realismus prophezeit wird. >Zweckrationalität/Weber, >Westlicher Rationalismus. Bolz II 35 Aug' in Aug' mit dem Faschismus wird die Theologie zur Inversion gezwungen. Soll einmal eine freie Menschheit auf dem Feld der Geschichte das Glück suchen, so muss die unfreie Menschheit heute im Hoffnungslosen Fuß fassen. Fuß... nicht Hoffnung. Bolz II 36 Lehre ist aufgehobene Kritik, Kritik ist inverse Theologie und Religion ist die "konkrete Totalität der Erfahrung".(2) 1. W. Benjamin, Gesammelte Schriften. Unter Mitwirkung von Th. W. Adorno und Gershom Sholem herausgegeben von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser Frankfurt/M. 1972-89. Bd II, S. 204 2. Ebenda. S. 170 |
Bo I N. Bolz Kurze Geschichte des Scheins München 1991 Bolz II Norbert Bolz Willem van Reijen Walter Benjamin Frankfurt/M. 1991 |
| Toleranz | Rousseau | Rawls I 215 Toleranz/Rousseau/Rawls: wenn Gründe für eine Begrenzung von Toleranz angegeben werden, verstoßen sie oft gegen das Prinzip der Freiheit. Bsp Rousseau dachte, dass die Menschen es für nicht möglich halten würden, mit anderen in Frieden zusammen zu leben, die sie selbst als verdammt betrachteten. Denn diese zu lieben wäre gleichbedeutend damit, Gott zu hassen, der sie bestraft. Wer andere als verdammt ansieht, müsste sie nach Rousseau bekämpfen oder bekehren. RawlsVsRousseau: Rousseau würde also selber nicht diejenigen Religionen tolerieren, die sagen, dass es außerhalb der Kirche keine Erlösung gibt. (Siehe Rousseau, The Social Contract, bk. IV, ch. VIII.) Rawls: aber die Konsequenzen stützen sich nicht auf Erfahrung. Ein a priori psychologisches Argument, wie plausibel auch immer, ist nicht hinreichend dafür, Toleranz aufzugeben. Gerechtigkeit geht dagegen davon aus, dass Störungen der öffentlichen Ordnung oder Freiheit in der gemeinschaftlichen Erfahrung festgestellt werden. >Freiheit, >Freiheit/Rousseau, >Gesellschaftsvertrag, >Gesellschaftsvertrag/Rousseau, >Gemeinschaft. |
Rousseau I J. J. Rousseau The Confessions 1953 Rawl I J. Rawls A Theory of Justice: Original Edition Oxford 2005 |
| Trinität | Gadamer | I 423 Trinität/Sprache/Gadamer: Die Ausdeutung des Geheimnisses der Trinität, wohl die wichtigste Aufgabe, die dem Denken des christlichen Mittelalters gestellt war, lehnt sich schon bei den Vätern und schließlich in systematischer Durchbildung des Augustinismus in der Hochscholastik an das menschliche Verhältnis von Sprechen und Denken an. Die Dogmatik folgt damit vor allem dem Prolog des Johannes-Evangeliums, und so sehr es griechische Denkmittel sind, mit denen sie ihre eigene theologische Aufgabe zu lösen sucht, so gewinnt doch das philosophische Denken durch sie eine dem griechischen Denken verschlossene Dimension. Wenn das Wort Fleisch wird und erst in dieser Inkarnation die Wirklichkeit des Geistes sich vollendet, so wird damit der Logos aus seiner Spiritualität, die zugleich seine kosmische Potentialität bedeutet, befreit. Die Einmaligkeit des Erlösungsgeschehens führt den Einzug des geschichtlichen Wesens in das abendländische Denken herauf und lässt auch das Phänomen der Sprache aus seiner Versenkung in die Idealität des Sinnes heraustreten und sich dem philosophischen Nachdenken darbieten. Denn im Unterschied zum griechischen Logos gilt: das Wort ist reines Geschehen (verbum proprie dicitur personaliter tantum).(1) Gewiss ist dabei die menschliche Sprache nur indirekt zum Gegenstand der Besinnung erhoben. Es soll ja nur am Gegenbild des menschlichen Wortes das theologische Problem des Wortes, des verbum dei, nämlich die Einheit von Gottvater und Gottsohn heraustreten. Aber gerade das ist für uns das entscheidend Wichtige, dass das Mysterium dieser Einheit am Phänomen der Sprache seine Spiegelung hat. >Sprache/Gadamer, >Wort/Antike Philosophie, >Schöpfungsmythos/Gadamer, >Wort/Augustinus. I 425 Wort Gottes/Schöpfung/Sprache: Das Geheimnis der Trinität findet im Wunder der Sprache insofern seinen Spiegel, als das Wort, das wahr ist, weil es sagt, wie die Sache ist, nichts für sich ist und nichts für sich sein will: nihil de suo habens, sed totum de illa scientia de qua nascitur. Es hat sein Sein in seinem Offenbarmachen. Genau das gilt vom Mysterium der Trinität. Auch hier kommt es nicht auf die irdische Erscheinung des Erlösers als solche an, sondern vielmehr auf seine vollständige Göttlichkeit, seine Wesensgleichheit mit Gott. In dieser Wesensgleichheit dennoch die selbständige personale Existenz Christi zu denken, ist die theologische Aufgabe. Hierzu wird das menschliche Verhältnis aufgeboten, das am Wort des Geistes, dem verbum intellectus, sichtbar wird. Es handelt sich um mehr als um ein bloßes Bild, denn das menschliche Verhältnis von Denken und Sprechen entspricht in aller Unvollkommenheit doch dem göttlichen Verhältnis der Trinität. Das innere Wort des Geistes ist mit dem Denken genauso wesensgleich, wie Gottessohn mit Gottvater. I 427 Trinität/Gadamer: Der Vorgang und Hervorgang des Denkens ist (...) kein Veränderungsvor- I 428 gang (motus), also kein Übergang von Potenz in Akt, sondern ein Hervorgehen ut actus ex actu: das Wort wird nicht erst gebildet, nachdem die Erkenntnis vollendet ist, scholastisch gesprochen, nachdem die Information des Intellektes durch die species abgeschlossen ist, sondern es ist der Vollzug der Erkenntnis selbst. Insofern ist das Wort mit dieser Bildung (formatio) des Intellektes zugleich. >Wort/Thomas, >Wort Gottes/Gadamer. Wort/Sprache/Denken/Gadamer: So lässt es sich verstehen, dass die Erzeugung des Wortes als ein echtes Abbild der Trinität verstanden wurde. Es handelt sich um wirkliche generatio, und wirkliche Geburt, wenngleich er hier natürlich keinen empfangenden Teil neben einem zeugenden gibt. Gerade dieser intellektuale Charakter der Erzeugung des Wortes ist jedoch für seine theologische Modellfunktion entscheidend. Es gibt wirklich etwas Gemeinsames zwischen dem Prozess der göttlichen Personen und dem Prozess des Denkens. Trinität/Gadamer: Das Mysterium der Trinität, das durch die Analogie mit dem inneren Wort aufgehellt werden soll, muss vom menschlichen Denken her am Ende doch unverständlich bleiben, Wenn im göttlichen Wort das Ganze des göttlichen Geistes ausgesprochen ist, dann bedeutet das prozessuale Moment an diesem Wort etwas, wofür uns im Grunde jede Analogie im Stich lässt. Sofern der göttliche Geist, indem er sich selbst erkennt, zugleich alles Seiende erkennt, ist das Wort Gottes das Wort des alles in einem Anschauen (intuitus) schauenden und schaffenden Geistes. Der Hervorgang verschwindet in der Aktualität der göttlichen Allweisheit. Auch die Schöpfung sei kein wirklicher Prozess, sondern lege nur das Ordnungsgefüge des Weltganzen im zeitlichen Schema aus.(2) 1. Thomas I. qu 34 2. Es ist unverkennbar, dass die patristische und scholastische Genesisauslegung in gewissem Umfang die Diskussion um die rechte Auffassung des“Timaios“ wiederholt, die zwischen Platos Schülern geführt worden ist. (Vgl. meine Studie über „ldee und Wirklichkeit in Platos „Timaios““. (Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philos.-histor. Klasse, 2. Abh. Heidelberg 1974; jetzt in Bd. 6 der Ges. Werke, S. 242-270.) |
Gadamer I Hans-Georg Gadamer Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010 Gadamer II H. G. Gadamer Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977 |
| Vorstellung | Flusser | I 114 Bild/Imagination/Flusser: Reduktion der Dimension ist vom Willen nach Veränderung der Welt und infolgedessen von der Tendenz zur Schönheit motiviert. >Schönheit, >Reduktion. Eine solche Beschreibung macht allerdings eine neue Definition von Imagination" erforderlich: Rückschluss von zwei auf vier Dimensionen. I 114 Bsp Piktogramm. Strichmännchen im Rahmen: suggeriert eine vierdimensionale Szene. >Bilder/Flusser. I 115 Dagegen: Ideogramm: H – O – H (Darstellung der Molekülzusammensetzung statt des Symbols H2O. Def Imagination: ist dann nicht nur die Fähigkeit, Ähnlichkeiten herzustellen, sondern die Fähigkeit, sich die Verhältnisse zwischen Gegenständen der Welt vorzustellen, und zwar als Verhältnisse von Symbolen auf der Fläche. >Symbole. Def Imagination: Das Vorschlagen und Annehmen einer Übereinkunft. Man macht also Bilder nicht um eine bekannte Lage zu imitieren, sondern eine unbekannte vorstellbar zu machen. >Verstehen, >Vorstellbarkeit. I 116 Die Übereinkunft lautet: Die "Wirklichkeit" ist so gestaltet, dass sie flach wird, wenn man die Tiefe - und stillsteht, wenn man die Zeit aus ihr abstrahiert. I 117 Wegen der Übereinkunft ist Imagination keine in der Einsamkeit ausgeübte Tätigkeit. >Konvention, >Intersubjektivität. Imagination/Flusser: Wir sind uns nicht bewusst, dass die imaginären Verhältnisse "oben" und "rechts" welche die Symbole im Bild anordnen, ebenso konventionell sind, wie die Verhältnisse im Morsealphabet. Wir sind programmiert, an Bilder zu "glauben", also eben nicht in ihnen Mediationen, sondern Abbilder zu sehen. I 123 Imagination II: Bilder werden entworfen, um die unkenntlich gewordene Welt zu erkennen: Landkarten. >Landkarten-Beispiel. Dann beginnt die Welt, als Bild erlebt zu werden, d.h. die Kategorien des Bildes zu spiegeln. Darin wird das Leben entsetzlich, ab jetzt müssen die Bilder einer Strategie dienen, dem Entsetzlichen zu entgehen, und als magische Werkzeuge funktionieren. >Magisches Denken. Erst wenn später die Bilder beginnen, ihre "magische Dimension" als Vermittlung zwischen Welt und dem Menschen zu verlieren, und sie opak werden, ist das Zeitalter der Imagination abgeschlossen. Die Bilder bilden einen Wall der die Menschen von der Welt der Erlebnisse abschließt. >Opazität. Die Welt wird "phantomartig", "phantastisch". Diese Entwicklung vom Imaginären ins Phantastische kann man an den Azteken, oder, individuell an Paranoikern erkennen. Hier muss das Aufkommen des linearen Texts wohl als Erlösung empfunden worden sein. >Text/Flusser. I 161 Begriff/Vorstellung/Flusser: Wir versuchen ständig, uns Begriffe vorzustellen, diese Vorstellung zu begreifen, und diesen Begriff dann wieder vorstellbar zu machen. >Begriffe/Flusser. Dieses Überbieten der Imagination durch Konzeption und umgekehrt, bei der Bilder konzeptuell werden (concept art) und Texte "imaginär" (science fiction) ist ein wichtiger Aspekt der heutigen "Krise der Kunst". >Kunst, >Fiktionen, >Literatur. |
Fl I V. Flusser Kommunikologie Mannheim 1996 |
| Wahrheit der Kunst | Idealismus | Gadamer I 105 Wahrheit der Kunst/Idealismus/Gadamer: Wenn der spekulative Idealismus den auf Kant gegründeten ästhetischen Subjektivismus und Agnostizismus zu überwinden suchte, indem er sich zum Standpunkt des unendlichen Wissens erhob, so schloss (...) eine solche gnostische Selbsterlösung der Endlichkeit die Aufhebung der Kunst in die Philosophie in sich. >Kunst, >Kunstwerke, >Ästhetik. GadamerVsIdealismus: Wir werden stattdessen den Standpunkt der Endlichkeit festzuhalten haben. >Subjektivismus/Heidegger, >Wahrheit der Kunst. |
Gadamer I Hans-Georg Gadamer Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010 Gadamer II H. G. Gadamer Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977 |
| Welt | Nietzsche | Ries II 17 Welt/Erlösung/Nietzsche: Anspruch einer Erlösung der Welt zum »Tanzboden für göttliche Zufälle«. Danto III 45 Welt/Werte/Nietzsche/Danto: Die Welt als wertlos zu bezeichnen heißt noch lange nicht, ihr im Rahmen eines Werteschemas einen niedrigen Wert beizumessen (…) es muss darum nicht sinnvoll sein, ihr überhaupt einen Wert beizumessen. Werte sind auf die Welt nicht besser anwendbar als Gewichtsmaße auf Zahlen. Es gibt weder Zwecke noch Ordnung, weder Dinge noch Tatsachen, also gar nichts, dem unsere Überzeugungen entsprechen können. Und so sind all unsere Überzeugungen falsch. Dies betrachtet Nietzsche als extremste Form des Nihilismus.(1) >Nihilismus/Nietzsche. Danto III 46 Nach Nietzsches eigener Erfahrung wirkt das Wissen darum, dass die Welt bar aller Form und Bedeutung ist, berauschend; und sollte diese Erkenntnis irgend etwas nahelegen, dann ein „dionysische(s) Ja-sagen zur Welt, wie sie ist, ohne Abzug, Ausnahme und Auswahl.“(2) >Terminologie/Nietzsche. Danto III 159 Welt/NietzscheVsHegel/Nietzsche/Danto: Die Welt hat keine vernünftige Gestalt neben derjenigen, die wir ihr verliehen haben. Dann stellen wir aber auch in keinem höheren Maße vernünftige Wesen dar, als die Welt selbst ein vernünftiger Ort ist. Das heißt nicht, dass wir irrational sind, sondern lediglich, dass die Unterscheidung zwischen Rationalität und Irrationalität nicht in Anschlag zu bringen ist. Dass alles Wahre falsch sei, dass Erkenntnis Unkenntnis gleichkommt – dies und ähnliches zu sagen, bedeutet nichts weiter, als Worte zu verdrehen und aufzubauschen. Das heißt nicht, dass wir vor diesen Luftschlössern Reißaus nehmen sollten. Danto III 274 Welt/Nietzsche/Danto: Nach Nietzsche ist die Welt etwas von uns Gemachtes und immer wieder zu Machendes. Sie hat keine andere Gestalt oder Bedeutung, als diejenige, die wir ihr auferlegen. >Welt/Denken/Nietzsche, >Realität/Nietzsche. Nietzsche: Der Glaube, dass die Welt, die sein sollte, ist, wirklich existiert, ist ein Glaube der Unproduktiven, die nicht eine Welt schaffen wollen, wie sie sein soll. Sie setzen sie als vorhanden, sie suchen nach Mitteln und Wegen, um zu ihr zu gelangen. ‚Wille zur Wahrheit‘ – als Ohnmacht des Willens zum Schaffen.(3) ((s) Vgl.Putnam: ‚Warum es keine Fertigwelt gibt‘ in Von einem realistische Standpunkt, Frankfurt, 1993). 1. F. Nietzsche Nachlass, Berlin, 1999, S. 555. 2. Ebenda, S. 834. 3. Ebenda, S. 549. |
Nie I Friedrich Nietzsche Sämtliche Werke: Kritische Studienausgabe Berlin 2009 Nie V F. Nietzsche Beyond Good and Evil 2014 Ries II Wiebrecht Ries Nietzsche zur Einführung Hamburg 1990 Danto I A. C. Danto Wege zur Welt München 1999 Danto III Arthur C. Danto Nietzsche als Philosoph München 1998 Danto VII A. C. Danto The Philosophical Disenfranchisement of Art (Columbia Classics in Philosophy) New York 2005 |
| Weltverneinung | Weber | Habermas III 283 Weltverneinung/Weltbejahung/Religion/Max Weber/Habermas: Max Weber unterscheidet Religionen danach, ob sie eher zur Weltbejahung oder zur Ablehnung der Welt im Ganzen motivieren. „Die Welt“ heißt dabei die Gesellschaft und die umgebende Natur des Gläubigen. Es geht darum, ob sie grundsätzlich positiv oder negativ bewertet, mit einem intrinsischen Wert versehen wird oder nicht. >Religion, >Religiöser Glaube. Erst durch den Dualismus, der die radikalen Erlösungsreligionen kennzeichnet, wird eine negative Einstellung zur Welt erst möglich. Dabei muss das entsprechende Weltbild von einer solchen Struktur sein, dass die „Welt“ entweder als ein historisch Vergängliches gegenüber einem Schöpfergott betrachtet wird, oder als bloß phänomenaler Vordergrund gegenüber dem Wesensgrund aller Dinge abgewertet wird. In diesem Fall wird als Bezugspunkt der Heilssuche eine Realität hinter der Welt angenommen, die selbst zu einem Schein herabgesunken ist. >Metaphysik, >Schein, >Realität, >Wirklichkeit, >Glauben. Habermas III 284 Weltverneinung: Für die Weltverneinung bietet Weber eine soziologische Erklärung an, nämlich die gesellschaftlichen Konflikte, die das Auftreten von Propheten ermöglichen. Religiöse Weltbilder: unterschiedet Weber nach folgenden inhaltlichen Kriterien: Kosmozentrisch – theozentrisch Bejahend – verneinend. Judentum/Christentum: werden zu den verneinend-theozentrischen Buddhismus/Hinduismus: zu den verneinend- kosmozentrischen Konfuzianismus/Taoismus: zu den bejahend-kosmozentrischen Religionen gezählt. >Judentum, >Christentum, >Konfuzianismus. Habermas III 287 Weltverneinung/Weber/Habermas: Eine negative Einstellung zur Welt ist für die ethische Rationalisierung der Lebensführung nicht per se förderlich. Zu einer Objektivierung der Welt führt sie nur dann, wenn sie sich mit einer aktiven weltzugewandten Lebensführung verbindet. >Rationalisierung. Habermas III 289 Weber unterscheidet mystisch-weltabgewandte Religionen wie den Hinduismus von asketisch-weltzugewandten: Judentum und Christentum. Letztere zielen durch innerweltliches Handeln letztlich auf Weltbeherrschung. |
Weber I M. Weber Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus München 2013 Ha I J. Habermas Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988 Ha III Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981 Ha IV Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981 |
| Wort Gottes | Gadamer | I 424 Wort Gottes/Gadamer: Wenn Augustinus und die Scholastik das Problem des verbum behandeln, um für das Geheimnis der Trinität die begrifflichen Mittel zu gewinnen, so ist es ausschließlich dies innere Wort, das Wort des Herzens und dessen Verhältnis zur intelligentia, das sie zum Thema machen. >Trinität/Gadamer, >Sprache/Christentum, >Schöpfungsmythos/Gadamer. Das größere Wunder der Sprache liegt nicht darin, dass das Wort Fleisch wird und im äußeren Sein heraustritt, sondern dass das, was so heraustritt und sich in der Äußerung äußert, immer schon Wort ist. Dass das Wort bei Gott ist, und zwar von Ewigkeit her, das ist die in der Abwehr des Subordinationismus siegreiche Lehre der Kirche, die auch das Problem der Sprache ganz in das Innere des Denkens einkehren lässt. >Sprache/Christentum, >Sprache/Antike Philosophie, >Wort/Augustinus. I 425 Gadamer: Was soll das für ein Wort sein, das inneres Gespräch des Denkens bleibt und keine Lautgestalt gewinnt? Gibt es das überhaupt? Zieht nicht all unser Denken immer schon in den Bahnen einer bestimmten Sprache, und wissen wir nicht zu gut, dass man in einer Sprache denken muss, wenn man sie wirklich sprechen will? >Sprache und Denken/Gadamer, >Sprache und Denken/Antike Philosophie. Auch wenn wir uns der Freiheit erinnern, die sich unsere Vernunft angesichts der Sprachgebundenheit unseres Denkens bewahrt, sei es dadurch, dass sie künstliche Zeichensprachen erfindet und gebraucht, sei es dass sie aus der einen Sprache in die andere zu übersetzen weiß, ein Beginnen, das ja ebenso eine Erhebung über die Sprachgebundenheit zu dem gemeinten Sinn hin voraussetzt, so ist doch jede solche Erhebung selbst wieder (...) eine sprachliche. Die „Sprache der Vernunft“ ist keine Sprache für sich. Was soll es also für einen Sinn haben, angesichts der Unaufhebbarkeit unserer Sprachgebundenheit von einem "inneren Wort“ zu sprechen, das gleichsam in der reinen Vernunftsprache gesprochen wird? Sprache der Vernunft/Gotteswort/Gadamer: Was soll dieses „innere Wort“ sein? Es kann nicht einfach der griechische Logos, das Gespräch, das die Seele mit sich selbst führt, sein. Vielmehr ist die bloße Tatsache, dass „logos“ sowohl durch „ratio“ als durch „verbum“ wiedergegeben wird, ein Hinweis darauf, dass sich die Phänomene der I 426 Sprache in der scholastischen Verarbeitung der griechischen Metaphysik stärker zur Geltung bringen wird, als bei den Griechen selbst der Fall war. >Wort Gottes/Scholastik. I 430 Wort Gottes/Einheit/Vielheit/Gadamer: Der Unterschied zwischen der Einheit des göttlichen Wortes und der Vielheit der menschlichen Worte schöpft die Sachlage nicht aus. Vielmehr haben Einheit und Vielheit ein von Grund auf dialektisches Verhältnis. Die Dialektik dieses Verhältnisses beherrscht das ganze Wesen des Wortes. Auch I 431 vom göttlichen Wort ist der Begriff der Vielheit nicht ganz fernzuhalten. Das göttliche Wort ist zwar wirklich nur ein einziges Wort, das in der Gestalt des Erlösers in die Welt gekommen ist, aber sofern es doch Geschehen bleibt - und das ist trotz aller Ablehnung der Subordination, wie wir sahen, der Fall so besteht damit eine wesenhafte Beziehung zwischen der Einheit des göttlichen Wortes und seiner Erscheinung in der Kirche. Verkündigung/Gadamer: Die Verkündigung des Heils, der Inhalt der christlichen Botschaft, ist selbst ein eigenes Geschehen in Sakrament und Predigt und bringt doch nur das zur Aussage, was in der Erlösungstat Christi geschehen ist. Insofern ist es ein einziges Wort, von dem doch immer wieder in der Predigt gekündet wird. Offenbar liegt in seinem Charakter als Botschaft bereits der Verweis auf die Vielfalt seiner Verkündigung, Der Sinn des Wortes ist vom Geschehen der Verkündigung nicht ablösbar. Der Geschehenscharakter gehört vielmehr zum Sinne selbst. Sprachhandeln/Sprechhandlung/Sprechakt/Gadamer: Es ist so wie bei einem Fluch, der offenbar auch nicht davon ablösbar ist, dass er von jemanden und über jemanden gesprochen wird. Was an ihm verstanden werden kann, ist nicht ein abstrahierbarer logischer Sinn der Aussage, sondern die Verflechtung, die in ihm geschieht.(1) Verkündigung: Das gleiche gilt für die Einheit und Vielheit des Wortes, das durch die Kirche verkündet wird. Christi Kreuzestod und Auferstehung ist der Inhalt der Heilsverkündigung, der in jeder Predigt gepredigt wird. Der auferstandene und der gepredigte Christus sind ein und derselbe. Insbesondere die moderne protestantische Theologie hat den eschatologischen Charakter des Glaubens herausgearbeitet, der auf diesem dialektischen Verhältnis beruht. Menschliches Wort/Gadamer: Umgekehrt zeigt sich im menschlichen Wort der dialektische Bezug der Vielheit der Worte auf die Einheit des Wortes in seinem neuen Licht. Vgl. >Wort/Gadamer. 1. Vortreffliches findet sich dazu bei Hans Lipps, „Untersuchungen zu einer hermeneutischen Logik“(1938), und bei Austin, „How to do things with words“. |
Gadamer I Hans-Georg Gadamer Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010 Gadamer II H. G. Gadamer Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977 |
| Zensur | Lessig | I 253 Zensur/Filterung/Märkte/Lessig: Das Gesetz schafft einen Anreiz (....) für Webseiten mit "jugendgefährdendem" Material. Diese werden bewogen ihre ARCHITEKTUR zu ändern (durch Hinzufügen von Tags), was einen MARKT für I 254 Browserhersteller (neue Märkte) schafft, um Filter zu ihrem Code hinzuzufügen, so dass Eltern ihre Kinder schützen können. Die einzige Belastung, die durch diese Lösung entsteht, liegt bei dem Redner; diese Lösung belastet den rechtmäßigen Pornokonsumenten überhaupt nicht. Für diesen Verbraucher gibt es keine Änderung in der Art und Weise, wie das Web erlebt wird, denn ohne einen Browser, der nach dem Tag sucht, ist der Tag für den Verbraucher unsichtbar. Aber warum nicht einfach auf Filter vertrauen, die Eltern und Bibliotheken auf ihren Computern installieren? Freiwillige Filter erfordern keine neuen Gesetze und damit auch keine staatlich geförderte Zensur, um ihre Ziele zu erreichen. Es ist gerade diese Ansicht, die ich am stärksten versuche zu verdrängen, denn in ihr sind all die Fehler eingebaut, die ein Verständnis von einem vor-Cybergesetz zur Frage der Regulierung im Cyberspace mit sich bringt. >Cyberspace. I 256 Aber was ist mit öffentlichen Filtertechnologien wie PICS? Wäre PICS nicht eine Lösung, die das von ihnen identifizierte "Geheimlistenproblem" vermeidet? PICS ist ein Akronym für die Plattform des WorldWideWeb Consortiums zur Auswahl von Internet-Inhalten. Wir haben bereits einen Verwandten (eigentlich ein Kind) von PICS im Kapitel über den Datenschutz gesehen: P3P. Wie PICS, ist es ein Protokoll zur Bewertung und Filterung von Inhalten im Netz. Im Zusammenhang mit dem Schutz der Privatsphäre bestand der Inhalt aus Behauptungen über die Datenschutzpraktiken, und das Regime wurde entwickelt, um Einzelpersonen bei der Aushandlung dieser Praktiken zu unterstützen. Bei der Online-Sprache ist die Idee ähnlich. PICS trennt das Problem der Filterung in zwei Teile - Labeling (Bewertungsinhalt) und anschließender Filterung. I 257 PICS wäre neutral bei den Bewertungen und neutral bei den Filtern; das System würde lediglich eine Sprache liefern, mit der Inhalte im Netz bewertet werden können und mit der Entscheidungen über die Verwendung dieses bewerteten Materials von Maschine zu Maschine getroffen werden können. (1) Neutralität klingt nach einer guten Sache. Es klingt wie eine Idee, die die Politiker annehmen sollten. Ihre Rede ist nicht meine Rede; wir sind beide frei zu sprechen und zuzuhören, wie wir wollen. Aber PICS enthält mehr "Neutralität" als uns lieb ist. PICS ist ebenfalls vertikal neutral, so dass der Filter auf jeder Ebene der Vertriebskette eingesetzt werden kann. Nichts im Design von PICS erfordert, dass sich solche Filter von selbst ankündigen. Das Filtern in einer Architektur wie PICS kann unsichtbar sein. In der Tat, in einigen seiner Implementierungen ist Unsichtbarkeit Teil seines Designs. (2) I 259 Wenn der Inhalt beschriftet ist, dann ist es möglich zu überwachen, wer was bekommt, ohne den Zugriff zu blockieren. Das könnte größere Bedenken aufwerfen als das Blockieren, da das Blockieren den Benutzer zumindest aufmerksam macht. I 260 Welche Werte sollten wir also wählen? Meiner Meinung nach sollten wir uns nicht für eine perfekte Filterung entscheiden. Wir sollten nicht für das effizienteste System der Zensur entwerfen - oder zumindest nicht auf eine Art und Weise, die eine unsichtbare Upstream-Filterung ermöglicht - und wir sollten uns auch nicht für eine perfekte Filterung entscheiden, solange die Tendenz weltweit zur Überfilterung von Sprache besteht. I 261 Ich würde mich für eine Zoneneinteilung entscheiden, auch wenn sie ein Gesetz erfordert und die Filterlösung nur eine private Wahl erfordert. Wenn der Staat auf eine Veränderung in der Mischung von Recht und Architektur drängt, ist es mir egal, dass er mit Recht in dem einen Kontext und mit Normen in dem anderen drängt. Aus meiner Sicht ist die Frage das Ergebnis, nicht die Mittel - schützt das durch diese Veränderungen geschaffene Regime die Werte der freien Meinungsäußerung? Die Werte der Sprache unterscheiden sich von den Werten der Privatsphäre; Aus den gleichen Gründen, aus denen wir einen Teil der Kontrolle über geistiges Eigentum deaktivieren, sollten wir einen Teil der Kontrolle über Sprache deaktivieren. Ein wenig Unordnung oder Reibung im Zusammenhang mit Sprache ist ein Wert, kein Kostenfaktor. Aber sind diese Werte anders, nur weil ich es sage? Nein. Sie sind nur anders, wenn wir sagen, sie sind anders. Im realen Raum behandeln wir sie anders. Mein Hauptargument ist, dass wir wählen, wie wir sie im Cyberspace behandeln wollen. >Autorschaft, >Copyright. 1. Paul Resnick, “PICS-Interest@w3.0rg,Moving On,” January 20 1999, available at link #89; Paul Resnick, “Filtering Information on the Internet,” Scientific American 106 (March 1997), also available at link #90; Paul Resnick, “PICS, Censorship, and Intellectual Freedom FAQ,” available at link #91; Paul Resnick and JimMiller, “PICS: Internet Access ControlsWithout Censorship,” Communications of the ACM 39 (1996): 87, also available at link #92; Jim Miller, Paul Resnick, et al., “PICS 1.1 Rating Services and Rating Systems—and TheirMachine- Readable Descriptions,”October 31, 1996, available at link #93); TimKrauskopf, Paul Resnick, et al., “PICS 1.1 Label Distribution—Label Syntax and Communication Protocols,”October 31, 1996, available at link #94; Christopher Evans, Paul Resnick, et al., “W3C Recommendation: PICS Rules 1.1, REC-PICS, Rules-971229,”December 29, 1997, available at link #95. 2. See Jonathan Weinberg, “Rating the Net,”Hastings Communications and Entertainment Law Journal 19 (1997): 453, 478 n.108. |
Lessig I Lawrence Lessig Code: Version 2.0 New York 2006ff |