Lexikon der Argumente


Philosophische Themen und wissenschaftliche Debatten
 
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Bedeutung Benkler Benkler I 289
Bedeutung/kulturelle Bedeutung/Internetkultur/Werbung/Werben/Benkler: Kultur, Symbolik und Bedeutung, die mit marktbasierten Gütern verbunden sind, werden zum Hauptfokus der Werbung und des Nachfragemanagements. Niemand, der in den letzten Jahrzehnten den Werbekampagnen von Coca-Cola, Nike oder Apple sowie praktisch einer der unterschiedlichsten Werbekampagnen ausgesetzt war, kann übersehen, dass es sich hierbei nicht in erster Linie um eine Kommunikation über die materiellen Eigenschaften oder Qualitäten der von den Werbetreibenden verkauften Produkte oder Dienstleistungen handelt.
I 290
Bei ihnen geht es um die Bedeutung. Diese Kampagnen versuchen, den Akt des Kaufs ihrer Produkte oder Dienstleistungen mit einer kulturellen Bedeutung zu versehen, die sie kultivieren, manipulieren und in den Praktiken der Gesellschaft, in der sie werben, zu verallgemeinern, um den Geschmack zu formen. Wenn es einen geschäftlichen Grund gibt, etwas gegen die Kultur zu unternehmen, dann ist es der Versuch, die kulturelle Bedeutung eines Objekts oder einer Praxis zu formen, um die Nachfrage danach ebenfalls zu formen, während die Rolle der Kultur verborgen bleibt und die Kontrolle über die sorgfältige kulturelle Choreographie der Firmen-gebundenen Symbole gewährleistet wird.
Während es einen gewissen verfassungsmäßigen Schutz vor freier Rede für Kritik gibt, gibt es auch einen grundlegenden Wandel im Verständnis des Markenrechts - von einem Verbraucherschutzgesetz, das sicherstellen soll, dass sich die Verbraucher auf die Konsistenz der auf eine bestimmte Weise gekennzeichneten Waren verlassen können, zu einem Schutzrecht, das die Bedeutung der Symbole kontrolliert, die ein Unternehmen erfolgreich kultiviert hat, so dass sie tatsächlich berühmt sind. Diese Gesetzesänderung markiert einen großen Wandel in der Rolle des Rechts bei der Zuweisung der Kontrolle über die kulturelle Bedeutung, die von den Marktakteuren erzeugt wird. >Kulturelle Freiheit/Benkler, >Kulturübergreifende Kommunikation/Benkler.

Benkler I
Yochai Benkler
The Wealth of Networks: How Social Production Transforms Markets and Freedom New Haven 2007
Bilder Flusser Blask I 26
Bild/Flusser: These: Der Mensch vergisst, dass er es war, der die Bilder erzeugte. Imagination ist in Halluzination umgeschlagen. >Vorstellung, >Halluzination.

Flusser I 111 ff
Bild/Flusser: Spezifische Definition: mit Symbolen bedeckte Fläche. Def Bild: Ein Bild ist eine Reduktion der "konkreten" vierdimensionalen Verhältnisse auf zwei Dimensionen.
Bsp Höhlenmalereien von Lascaux lassen sich als "prospektive Projektionen" betrachten: Ihre Absicht war wohl nicht "konkrete Sachlagen" darzustellen (etwa eine Anatomiestunde) sondern gewünschte Sachlagen zu entwerfen: einer Jagdmagie zu dienen. Sie wollen nicht zeigen, wie Ponies sind, sondern was man tun muss um sie zu jagen.
Andererseits ist an einer Straßenkarte wenig Magie: Sie zeigt nicht wie Straßen sein sollen, sondern wie sie tatsächlich sind. Und dennoch hat sie einen "Wert" Sie zeigt dem Fahrer, was er tun soll, um in die Stadt zu kommen. Dann sind sie "gute Bilder"
I 112
Bsp Lascaux: Die Höhlenmalereien sind "gute Bilder" wenn sie zu Jagdglück verhelfen, und das tun sie, wenn sie die Anatomie der Ponies richtig wiedergeben. Viele Bilder sind gefällig gestaltete Flächen, weder Straßen noch Ponies, und diese meint man gemeinhin mit Bildern.
I 135
Bild/Flusser: Def Technobilder/Flusser: Bilder, die nicht Szenen, sondern Texte bedeuten:
Bsp Gleichungen, die zu Atombomben führen, bestehen aus unvorstellbaren Symbolen. Daher kann der Text, den diese Gleichungen bilden, nicht als bedeutungslos angesehen werden. aber die Atombombe selbst ist in einem seltsamen Sinn unvorstellbar.
Und dasselbe gilt für den Fernsehapparat, das Auto, kurz für die meisten unserer Produkte der Technik. Wenn solche Texte funktionieren, führen sie zu noch wahnsinnigeren Codes.
I 137 ff
Technobilder: Wir glauben Filme zu kritisieren, Fernsehprogramme zu verstehen: das ist ein gefährlicher Irrtum. Die Entschlüsselung ist viel schwieriger.
traditionelles Bild: Szene < Bild < Mensch

Technobild: Szene > Bild > Mensch

Traditionelle Bilder sind von Menschen gemacht, Technobilder sind von Apparaten gemacht.
I 138
Im traditionellen Bild ist die Kausalkette zwischen Szene und Bild durch den Menschen unterbrochen. Bei Technobild ist die Kausalkette nicht unterbrochen, das Technobild ist direkte Folge der Szene, allerdings kann nicht von einer Kausalkette zwischen Wirklichkeit und Bild gesprochen werden. Der naive Glaube, man müsse nicht erst lernen, Kinoplakate oder Werbung zu entziffern, trägt zu der Verfremdung bei, die diese Bilder bewirken.

Technischer Text ↔ Apparat Operator ↔ Technobild

>Verfremdung, >Verstehen, >Interpretation, >Deutung.
I 139
Def Technobild/Flusser: Technobilder sind Flächen, die mit Symbolen bedeckt sind, welche Symbole linearer Texte bedeuten. >Symbole, >Texte.
Bsp Die Röntgenaufnahme des gebrochenen Arms ist für den Arzt zugleich Landkarte und auch Modell , wie der Arm zu behandeln ist, also "prospektiv" und sie ist "schön" insoweit sie wahr und gut ist.
Die Spezifität der Technobilder ist weder in der Methode der Erzeugung (durch Apparate) noch in dem Material (Kathodenröhren) zu suchen.
Technobilder sind wie alle Bilder Symbole, aber sie bedeuten nicht wie traditionelle Bilder Szenen, sondern sie bedeuten Begriffe.
Def Technobild: bedeutet Begriffe, bedeutet Texte.
>Begriffe.
Insofern sind auch traditionell erzeugte Bilder, insoweit sie Begriffe bedeuten, Technobilder: Blueprints, Diagramme, Kurven in Statistiken usw.
Seltsame Verwandtschaft von Technobildern mit Ideogrammen: beide sind Bilder, die Begriffe bedeuten. Allerdings hat "Begriff" in beiden Fällen nicht die gleiche Bedeutung.
>Meinen, >Bedeutung.
Bsp Man "fühlt" dass die Zahl "2", also ein Ideogramm eine ganz andere Art von Symbol ist, als z.B. die Fotografie eines BH in der Werbung, also ein Technobild, obwohl beide Begriffe bedeuten. Das Wesentliche der Technocodes zerrinnt immer zwischen den Fingern.
Ideogramme Übersetzung in alphabetischen Code. "Zwei und zwei ist vier" und 2+2=4: der erste scheint die Beschreibung des zweiten zu sein. Wir haben die Tendenz, in ideogrammatische Codes, obwohl sie linear sind, Bilderschriften zu sehen. "2+2=4"ist aber nicht das Bild einer linearen Sachlage! LL Er ist die Beschreibung einer Szene!
>Zahlen, >Ziffern.
I 141
Ideogramme: sind nicht Bilder sondern Symbole vom Typus "Buchstabe". Def Szene: ist nichtlinear.
Def Text: ist linear.
Def Ideogramme: Begriffe, welche Bilder bedeuten.
Ideogramme sind wie Technobilder übersprachlich. Bsp Sie können auch mit "Two and two makes four" und "Kauf einen BH!" oder Buy a bra!" übersetzt werden.
Traditionelle Bilder sind "untersprachlich". Sie werden besprochen. Menschen können sich zwar mit Bildern verständigen, trotzdem ist der Glaube falsch, sie seien "allgemein verständlich".
I 143
Technobilder: Die Übersetzung von Technobildern liegt in einer ganz anderen Richtung jenseits der gesprochenen Sprache als die Übersetzung von H20 in "water". Bsp "P" . "Parken erlaubt" / "Parking permitted" auf den ersten Blick ähnlich, aber diese neuartige Codeart muss das Alphabet mit der Zeit vernichten.
>Übersetzung.
Selbst wenn das "P" durch das Piktogramm eines Wagens ersetzt wird. Es könnte auch durch eine Reproduktion der Mona Lisa ersetzt werden.
>Konvention.
Die Art wie wir lernen, sie zu befolgen ist eine andere Art, als die nach der wir mathematische Formeln oder alphabetische Texte lernen.
>Lernen.
I 146
Technobilder bedeuten Texte. Bsp Die Fotografie im Elektronenmikroskop bildet physikalische Texte ab, der Film Verhältnisse aus einem Filmskript, die statistische Kurve bildet Verhältnisse ab, die ökonomische Texte im Hinblick auf eine ökonomische Tendenz aufstellen. Technocodes
a) Plakate: sind direkt verständlich
b) Röntgenaufnahme: muss entschlüsselt werden.
Bsp Wenn wir bei einer roten Ampel auf die Bremse drücken, tun wir nicht so, als ob wir einen Text läsen, sondern als ob wir ein Bild sähen, wo ein Fuß ein Bremspedal drückt.
>Code/Flusser und Technologie/Flusser.
I 162
Technobild/Flusser: Nur Archäologen oder Biologen, Astronomen oder Physiker verwenden Technobilder "richtig", nämlich als Symbole von Begriffen. Bild/Flusser: Videokunst liefert keine Technobilder, weil sie dort nicht Bilder für Begriffe sind.
I 163
Irrglaube: Technobilder seien Codes der Massenmedien. Die Gesellschaft ist nur an Technobildern, die amphitheatralisch ausgestrahlt werden, interessiert und wird von der Kunst-Diskussion völlig kalt gelassen.
>Gesellschaft, >Kunst, >Ästhetik.

Fl I
V. Flusser
Kommunikologie Mannheim 1996

Blask I
Falko Blask
Jean Baudrillard zur Einführung Hamburg 2013
Internetkultur Benkler Benkler I 233
Internetkritik/Internetkultur/Internetkritiker/Internet/Benkler: 1. Ein grundlegendes Problem, das entsteht, wenn jeder sich Gehör verschaffen kann, ist, dass es zu viele Aussagen oder zu viele Informationen geben wird. Zu
I 234
viele Beobachtungen und zu viele Standpunkte machen es äußerst schwierig, sie zu durchsuchen, was zu einem unkontrollierbaren "Lärm" führt. Diese allgemeine Sorge, eine Variante des Babel-Einwandes, liegt drei konkreteren Argumenten zugrunde: dass Geld ohnehin dominieren wird, dass es zu einer Fragmentierung des Diskurses kommen wird und dass die Fragmentierung des Diskurses zu seiner Polarisierung führen wird.
I 235
2. Eine Kritik der zweiten Generation an den demokratisierenden Auswirkungen des Internets ist, dass es sich in der Tat als nicht so egalitär oder verteilt erweist, wie es die Konzeption der 90er Jahre nahegelegt hatte. Erstens, gibt es eine Konzentration in den Kanälen und den grundlegenden Werkzeugen der Kommunikation. Zweitens, und unnachgiebiger für die Politik, selbst in einem offenen Netzwerk, konzentriert sich ein hohes Maß an Aufmerksamkeit auf einige wenige Top-Webseiten - eine winzige Anzahl von Webseiten wird von der überwiegenden Mehrheit der Leser gelesen, während viele Webseiten nie von jemandem besucht werden. In diesem Zusammenhang repliziert das Internet das Modell der Massenmedien, indem es vielleicht einige Kanäle hinzufügt, aber nicht wirklich etwas strukturelles verändert.
I 236
3. [Ein weiteres Anliegen] im Kontext des Internets, (...) am deutlichsten von Neil Netanel artikuliert, ist, dass in den modernen komplexen Gesellschaften, in denen wir leben, kommerzielle Massenmedien entscheidend für die Erhaltung der Watchdog-Funktion der Medien sind. Große, anspruchsvolle, kapitalkräftige Regierungs- und Unternehmensmarktakteure verfügen über enorme Ressourcen, um nach Belieben zu handeln und um Überprüfung und demokratische Kontrolle zu vermeiden. 4. Eine Reihe von Behauptungen und deren Kritik haben mit den Auswirkungen des Internets auf autoritäre Länder zu tun. Die Kritik richtet sich gegen einen grundlegenden Glauben, der angeblich, und vielleicht sogar tatsächlich, von einigen Cyber-Liberalisten vertreten wird, dass bei ausreichendem Zugang zu Internet-Tools die Freiheit überall Einzug finden wird. Das entscheidende Argument hier ist, dass China mehr als jedes andere Land zeigt, dass es möglich ist, einer Bevölkerung den Zugang zum Internet zu ermöglichen - es ist jetzt die Heimat der zweitgrößten nationalen Bevölkerung von Internetnutzern - und diese zu kontrollieren.
5. Während das Internet den Kreis der Teilnehmer im öffentlichen Raum vergrößern kann, ist der Zugang zu seinen Tools zugunsten derjenigen ausgelegt, die in der Gesellschaft bereits gut situiert sind - in Bezug auf Reichtum, Rasse und Fähigkeiten.
>Internet/Benkler, >Internet/Zittrain etc.
I 241
Ad. 1. Anstatt dem Problem der Informationsüberflutung zu erliegen, lösen die Benutzer es, indem sie sich auf wenigen Webseiten "versammeln". Diese Schlussfolgerung basiert auf einer neuen, aber wachsenden Literatur über die Wahrscheinlichkeit, dass eine Webseite von anderen verlinkt wird. Die Verteilung dieser Wahrscheinlichkeit erweist sich als stark verzerrt. Das heißt, es gibt eine winzige Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Webseite von einer großen Anzahl von Personen verlinkt wird, und eine sehr große Wahrscheinlichkeit, dass für eine bestimmte Seite nur eine andere Seite oder sogar keine Webseite einen Link zu ihr aufweist.
I 242
Ad. 2. Während das Internet, das Web und die Blogosphäre in der Tat eine viel größere Ordnung aufweisen als das "Free Wheeling" (nicht limitiert durch Regeln), würde das Bild "Jeder als Verfasser" (engl. everyone a pamphleteer) suggerieren,dass diese Struktur kein Massenmedienmodell repliziert. Wir sehen eine neu gestaltete Informationsumgebung, in der tatsächlich nur wenige Seiten von vielen gelesen werden, aber Cluster von mäßig gelesenen Webseiten bieten Plattformen für eine weitaus größere Anzahl von Sprechern als im massenmedialen Umfeld. Filterung, Akkreditierung, Synthese und Hervorhebung werden durch ein System des Peer Review durch informationsaffine Gruppen, thematisch oder interessenbezogen, geschaffen. Diese Gruppen filtern die Beobachtungen und Meinungen eines enormen Spektrums von Menschen und übermitteln diejenigen, die das lokale Peer-Review überstanden haben, an breitere Gruppen und letztlich an das Gemeinwesen, ohne auf marktbasierte Kontrollpunkte für den Informationsfluss zurückzugreifen. Das intensive Interesse und Engagement kleiner Gruppen, die gemeinsame Anliegen teilen, und nicht das Interesse des kleinsten gemeinsamen Nenners an großen Gruppen, die weitgehend voneinander entfremdet sind, ist es, was die Aufmerksamkeit auf Aussagen lenkt und sie sichtbarer macht. Dadurch wird die entstehende vernetzte Öffentlichkeit besser auf die stark geäußerten Bedenken eines viel breiteren Bevölkerungskreises reagieren, als die Massenmedien sehen konnten. So entsteht ein Kommunikationsprozess, der resistenter gegen Korruption durch Geld ist.
I 264
Ad. 3. So wie das Internet eine Plattform für die Entstehung eines riesigen und effektiven Almanachs bieten kann, so wie freie Software exzellente Software produzieren kann und Peer-Produktion eine gute Enzyklopädie produzieren kann, so kann auch Peer-Produktion die öffentliche Watchdog-Funktion übernehmen.
I 265
(...) netzwerkbasierte Peer Production vermeidet auch die inhärenten Konflikte zwischen investigativer Berichterstattung und dem Endergebnis - ihre Kosten, ihr Risiko der Rechtsstreitigkeiten, ihr Risiko, Werbung von entfremdeten Unternehmenssubjekten zurückzuziehen, und ihr Risiko, Leser zu entfremden. Aufbauend auf der großen Variation und Vielfalt von Wissen, Zeit, Verfügbarkeit, Einsicht und Erfahrung sowie den riesigen Kommunikations- und Informationsressourcen, die fast jedem in fortgeschrittenen Wirtschaften zur Verfügung stehen, stellen wir fest, dass auch die Watchdog-Funktion in der vernetzten Informationswirtschaft im Vergleich zu anderen "peer-produziert" wird.
I 270
Ad. 4. (...) in autoritären Ländern erschwert und verteuert die Einführung der Internetkommunikation die Kontrolle der Öffentlichkeit durch die Regierungen. Wenn diese Regierungen bereit sind, auf die Vorteile der Internetanbindung zu verzichten, können sie dieses Problem vermeiden. Wenn sie es nicht sind, haben sie weniger Kontrolle über die Öffentlichkeit. Es gibt natürlich auch andere Mittel der direkteren Repression.
Benkler I 359
Soziale Bindungen/Internetkultur/Studium/Benkler/Turkle/Kraut: Anstatt eine Lösung für die Probleme zu finden, die die Industriegesellschaft für Familie und Gesellschaft schafft, wurde das Internet als zunehmende Entfremdung angesehen, indem sich seine Nutzer darin verloren. Sie verbrachten keine Zeit mehr mit der Familie. Es tauchte sie in Ablenkungen von der realen Welt mit ihren realen Beziehungen. In einer Sozialversion des Babel-Einwandes (>Babel-Einwand/Benkler) wurde es als Verengung der gemeinsamen kulturellen Erfahrungen angesehen, so dass die Menschen mangels einer gemeinsamen Sitcom oder Nachrichtensendung zunehmend voneinander entfremdet wurden. Ein Strang dieser Kritik stellte den Wert von Online-Beziehungen selbst als plausibler Ersatz für eine reale menschliche Verbindung in Frage. Sherry Turkle, die bedeutendste frühe Forscherin virtueller Identität, charakterisierte dieses Anliegen wie folgt: "Ist es wirklich sinnvoll, vorzuschlagen, dass der Weg zur Revitalisierung der Gemeinschaft darin besteht, allein in unseren Zimmern zu sitzen, an unseren vernetzten Computern zu tippen und unser Leben mit virtuellen Freunden zu füllen?"(1)
Benkler I 360
Ein weiterer Kritikpunkt konzentrierte sich weniger auf die Oberflächlichkeit, um nicht zu sagen die Leere der Online-Beziehungen, als vielmehr auf die schiere Zeit. Nach diesem Argument ging die im Netz verbrachte Zeit und Mühe auf Kosten der Zeit mit Familie und Freunden. Prominent und oft in dieser Hinsicht zitiert wurden zwei Frühstudien. Das erste mit dem Titel "Internet Paradox" wurde von Robert Kraut(2) geleitet. Es war die erste Längsschnittstudie mit einer erheblichen Anzahl von Nutzern - 169 Nutzer im ersten oder zweiten Jahr ihrer Internetnutzung. Kraut und seine Mitarbeiter fanden einen leichten, aber statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Zunahme der Internetnutzung und (a) der Abnahme der familiären Kommunikation, (b) der Abnahme der Größe des sozialen Kreises in Nah und Fern und (c) der Zunahme von Depression und Einsamkeit. Die Forscher gingen davon aus, dass die Nutzung des Internets starke durch schwache Bindungen ersetzt.
Zwei Jahre später folgte eine zweite, sensationellere Veröffentlichung einer Studie. Im Jahr 2000 betonte das Stanford Institute for the Quantitative Study of Society in einem "vorläufigen Bericht" über Internet und Gesellschaft - mehr eine Pressemitteilung als ein Bericht - die Feststellung, dass "je mehr Stunden die Menschen im Internet verbringen, desto weniger Zeit verbringen sie mit echten Menschen"(3). Die tatsächlichen Ergebnisse waren etwas weniger stark als die weit verbreitete Pressemitteilung. Wie bei allen Internetnutzern gaben nur etwas mehr als acht Prozent an, weniger Zeit mit der Familie zu verbringen; sechs Prozent gaben an, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, und 86 Prozent verbrachten etwa die gleiche Zeitspanne.
I 361
Vs: Das stärkste Ergebnis, das die "Isolation"-These in dieser Studie unterstützt, war, dass 27 Prozent der Befragten, die ständige Internetnutzer waren, angaben, weniger Zeit am Telefon mit Freunden und Familie zu verbringen. Die Studie fragte nicht, ob sie E-Mail anstelle des Telefons benutzten, um mit diesen Familienmitgliedern und diesen Freunden in Kontakt zu bleiben, und ob sie dachten, sie hätten dadurch mehr oder weniger eine Verbindung zu diesen Freunden und der Familie.
I 362
Wenn Internetverbindungen nicht tatsächlich den direkten, unmittelbaren menschlichen Kontakt verdrängen, gibt es keine Grundlage zu der Annahme, dass die Nutzung des Internets zu einem Rückgang der gehaltvollen Verbindungen führen wird, die wir psychologisch benötigen, oder der nützlichen Verbindungen, die wir sozial herstellen und die auf dem direkten menschlichen Kontakt mit Freunden, Familie und Nachbarn basieren.
I 363
Die Beziehungen zu der lokalen geografischen Gemeinschaft und zu den engen Freunden und der Familie scheinen durch die Internetnutzung nicht wesentlich beeinträchtigt zu werden. Soweit diese Beziehungen betroffen sind, ist der Effekt positiv. So setzten Kraut und seine Mitarbeiter ihr Studium fort und vertieften dieses für weitere drei Jahre. Sie fanden heraus, dass sich die negativen Auswirkungen, die sie im ersten oder zweiten Jahr gemeldet hatten, über den gesamten Beobachtungszeitraum verteilt hatten(4). Ihre grundlegende Hypothese, dass das Internet wahrscheinlich schwache Bindungen verstärkt hat, steht jedoch im Einklang mit anderen Forschungs- und Theoriearbeiten.
I 364
Menschen, unabhängig davon, ob sie mit dem Internet verbunden sind oder nicht, kommunizieren weiterhin bevorzugt mit Menschen, die sich geografisch in der Nähe befinden, als mit Menschen, die weit entfernt sind(5). Dennoch kommunizieren Menschen, die mit dem Internet verbunden sind, mehr mit Menschen, die geografisch entfernt sind, ohne die Anzahl der lokalen Verbindungen zu verringern.
1. Sherry Turkle, “Virtuality and Its Discontents, Searching for Community in Cyberspace,” The American Prospect 7, no. 24 (1996); Sherry Turkle, Life on the Screen: Identity in the Age of the Internet (New York: Simon & Schuster, 1995).
2. Robert Kraut et al., “Internet Paradox, A Social Technology that Reduces Social Involvement and Psychological Well Being,” American Psychologist 53 (1998): 1017–1031.
3. Norman H. Nie and Lutz Ebring, “Internet and Society, A Preliminary Report,” Stanford Institute for the Quantitative Study of Society, February 17, 2000, 15 (Press Release), http://www.pkp.ubc.ca/bctf/Stanford_Report.pdf. [Website not available as of 08/08/19]
4. Robert Kraut et al., “Internet Paradox Revisited,” Journal of Social Issues 58, no. 1 (2002): 49.
5. Barry Wellman, “Computer Networks as Social Networks,” Science 293, issue 5537 (September 2001): 2031.

Benkler I
Yochai Benkler
The Wealth of Networks: How Social Production Transforms Markets and Freedom New Haven 2007
Lernen Klein Brocker I 932
Lernen/Kommerzialisierung/Werbung/Naomi Klein: Sportartikelfirmen statten Schulteams mit entsprechenden Schuhen und Trainingsanzügen aus und Hamburger- und Pizzaketten betreiben Verkaufsstellen in Schulkantinen. Im Unterricht selbst werden von den SchülerInnen Werbekampagnen für Fastfood und Coca-Cola entworfen. Auch die Verhinderung der Veröffentlichung von unliebsamen Forschungsergebnissen durch Pharmaunternehmen oder die Vergabe von aufgabenspezifischen Forschungsgeldern an industriefinanzierte Professuren werden von Klein mit dem Begriff »Branding des Lernens«(1) erfasst. Frage: »Warum so viele Linke in der Schlacht um die Kommerzialisierung der
Brocker I 933
Universitäten fehlen«. Erklärung/Klein: Die »alles verschlingenden Geschlechter- und Rassendebatten der sogenannten Political-Correctness-Kriege«(2) hätten vom Ausverkauf der Universitäten als Orte der öffentlichen und kommerzfreien Bildung abgelenkt.
>Bildung, >Bildungspolitik, >Märkte, >Ware, >Werbung, >Gesellschaft, >Emanzipation.

1. Naomi Klein, No Logo: Taking Aim at the Brand Bullies, Toronto 2000. (Tenth Anniversary Edition with a New Introduction by the Author, New York 32010.) Dt.: Naomi Klein, No Logo! Der Kampf der Global Players um Marktmacht – Ein Spiel mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern, Frankfurt/M. 2015 (zuerst 2001) S. 113
2. Ebenda, S. 116
Christine Bauhardt, „Naomi Klein, No Logo! (2000)“ in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Musikindustrie Benkler Benkler I 50
Musikindustrie/Benkler: Die Musik des 19. Jahrhunderts war weitgehend ein Beziehungsgut. Es war etwas, was die Menschen in der physischen Präsenz des anderen taten: auf volkstümliche Weise durch Hören, Wiederholen und Improvisieren; auf bürgerliche Weise, durch den Kauf von Noten und das Spielen für Gäste oder durch das Teilnehmen an öffentlichen Auftritten; oder auf die Weise der Oberschicht, Musiker einzustellen.
I 51
Die marktbasierte Produktion war abhängig von der Leistung durch Präsenz. Mit der Einführung des Phonographen wurde eine neue, passivere Beziehung zur gespielten Musik ermöglicht, da die hohen Kapitalanforderungen an die Aufnahme, das Kopieren und der Vertrieb spezifischer Instanziierungen von Schallplatten gestellt wurden. Was sich entwickelte, war eine konzentrierte, kommerzielle Industrie, die auf massiven finanziellen Investitionen in Werbung oder Präferenzfindung basierte und darauf abzielte, immer größere Menschenmassen zum Kauf der Aufnahmen zu bringen, die die Entscheidungsträger ausgesucht hatten. (...) Die Musikindustrie nahm ein industrielleres Produktionsmodell an, und viele der lokalen Veranstaltungsorte - vom Wohnzimmer bis zum lokalen Tanzsaal - wurden eher mit mechanischen Aufnahmen als mit amateurhaften und professionellen lokalen Auftritten besetzt. Dieses Modell (...) schuf neue Live-Performance-Märkte - die Megastar-Konzerttournee.
Als Computer musikfähiger wurden und digitale Netzwerke zu einem allgegenwärtig verfügbaren Distributionsmedium wurden, sahen wir die Entstehung des gegenwärtigen Konflikts um die
Regulierung der kulturellen Produktion. Dieser Konflikt, mit dem das Urheberrecht aufkam, entstand zwischen der industriellen Modellaufzeichnungsindustrie des zwanzigsten Jahrhunderts und den aufkommenden Amateurvertriebssystemen, die, zumindest nach Ansicht ihrer Anhänger, an ein Wiederaufleben dezentraler, beziehungsbasierter Märkte für professionelle Performancekünstler gekoppelt sind.
>Copyright, >Autorschaft, >Internet, >Internetkultur.

Benkler I
Yochai Benkler
The Wealth of Networks: How Social Production Transforms Markets and Freedom New Haven 2007
Nudging Sunstein Morozov I 198
Nudging/Verhalten/Regulation/Sunstein/Morozov: Was Cass Sunstein und Richard Thaler als "Nudges" bezeichnen, sind clevere Manipulationen von Standardeinstellungen - was die Autoren als "Choice Architecture" bezeichnen - um Sie dazu zu bringen, gesunde Lebensmittel zu essen oder Geld für den Ruhestand zu sparen.(1) Nudging ist für die Manipulation das, was Öffentlichkeitsarbeit für die Werbung ist: Sie bringt die Dinge zum Laufen, während sie den ganzen Hintergrund, der implizit und unsichtbar wirkt, zum Verschwinden bringt. Die effektivsten Nudges geben den Handelnden den Anschein von Selbständigkeit, ohne ihnen eine große Auswahl zu bieten.
Roger BrownswordVsSunstein/BrownswordVsThaler/Morozov: Diese Art von Regulierung appelliert an unser Eigeninteresse, aber in einer demokratischen Gesellschaft sollten solche Einstellungen öffentlich diskutiert werden. Bsp Es ist nicht unproblematisch anzunehmen, der „richtige Grund, ein energieeffizientes Auto zu fahren sei der, Geld sparen zu wollen. Es könnte auch sein, dass man das Klima schonen will.(2)
>Demokratie, >Gesellschaft, >Handlungen, >Verhalten, >Autonomie, >Subjekte.
Morozov I 199
MorozovVsSunstein/MorozovVsThaler/Morozov: Etwas durch ein bloßes technokratisches Gebot in einen Anschubser (Nudge) zu verwandeln, setzt einen gesellschaftlichen Konsens voraus - über beides, Ziele und Mittel - wo dieser Konsens vielleicht noch nicht existiert. Während sich die Nudges vermehren, könnten abweichende Ansichten darüber, was getan werden muss (und wie), tatsächlich verfliegen, aber dies sollte nicht als Hinweis darauf verstanden werden, dass der fragliche Nudge funktioniert hat. Seine mutmaßliche Wirksamkeit dürfte eher das Ergebnis eines erzwungenen Konsenses als das Ergebnis echter Beratungen sein. Morozov: Außerdem zählt als Nudge nur das, was tatsächlich das Ergebnis hat, das der Regulator wünschte.
Brownsword: Damit werden Gesetze und Normen, wenn sie in (Nudging-) Technologie eingewoben sind, schwerer in Frage zu stellen und zu ändern.(2)

1. Richard H. Thaler and Cass R. Sunstein, Nudge: Improving Decisions about Health, Wealth, and Happiness, updated ed. (New York: Penguin Books, 2009).
2. Roger Brownsword, “Whither the Law and the Law Books? From Prescription to Possibility,” Journal of Law and Society 39, no. 2 (2012): 296– 308; Brownsword, “Lost in Translation: Legality, Regulatory Margins, and Technological Management,” Berkeley Technology Law Journal 26 (2011): 1321– 1366; and Brownsword, Rights, Regulation and the Technological Revolution (New York: Oxford University Press, 2008).

Sunstein I
Cass R. Sunstein
Infotopia: How Many Minds Produce Knowledge Oxford 2008

Sunstein II
Cass R. Sunstein
#Republic: Divided Democracy in the Age of Social Media Princeton 2017

Morozov I
Evgeny Morozov
To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism New York 2014
Nudging Thaler Morozov I 198
Nudging/Verhalten/Regulation/Thaler/Morozov: Was Cass Sunstein und Richard Thaler als "Nudges" bezeichnen, sind clevere Manipulationen von Standardeinstellungen - was die Autoren als "Choice Architecture" bezeichnen - um Sie dazu zu bringen, gesunde Lebensmittel zu essen oder Geld für den Ruhestand zu sparen. (1) Nudging ist für die Manipulation das, was Öffentlichkeitsarbeit für die Werbung ist: Sie bringt die Dinge zum Laufen, während sie den ganzen Hintergrund, der implizit und unsichtbar wirkt, zum Verschwinden bringt. Die effektivsten Nudges geben den Handelnden den Anschein von Selbständigkeit, ohne ihnen eine große Auswahl zu bieten.
Roger BrownswordVsSunstein/BrownswordVsThaler/Morozov: diese Art von Regulierung appelliert an unser Eigeninteresse, aber in einer demokratischen Gesellschaft sollten solche Einstellungen öffentlich diskutiert werden. Bsp Es ist nicht unproblematisch anzunehmen, der „richtige Grund, ein energieeffizientes Auto zu fahren sei der, Geld sparen zu wollen. Es könnte auch sein, dass man das Klima schonen will. (2)
Morozov I 199
MorozovVsSunstein/MorozovVsThaler/Morozov: Etwas durch ein bloßes technokratisches Gebot in einen Anschubser (Nudge) zu verwandeln, setzt einen gesellschaftlichen Konsens voraus - über beides, Ziele und Mittel - wo dieser Konsens vielleicht noch nicht existiert. Während sich die Nudges vermehren, könnten abweichende Ansichten darüber, was getan werden muss (und wie), tatsächlich verfliegen, aber dies sollte nicht als Hinweis darauf verstanden werden, dass der fragliche Nudge funktioniert hat. Seine mutmaßliche Wirksamkeit dürfte eher das Ergebnis eines erzwungenen Konsenses als das Ergebnis echter Beratungen sein. Morozov: Außerdem zählt als Nudge nur das, was tatsächlich das Ergebnis hat, das der Regulator wünschte.
Brownsword: damit werden Gesetze und Normen, wenn sie in (Nudging-) Technologie eingewoben sind, schwerer in Frage zu stellen und zu ändern. (2)


Mause I 178f
Nudging/Thaler: Ein Nudge muss zugleich leicht und ohne großen Aufwand zu umgehen sein. Er ist nur ein Anstoß, keine Anordnung. Bsp Das Obst in der Kantine auf Augenhöhe zu drapieren zählt als Nudge. Junkfood aus dem Angebot zu nehmen hingegen nicht.(3) Bsp Rauchen wegen seiner Gesundheitsschädlichkeit zu verbieten oder zu besteuern, wäre demnach ganz traditioneller Zwang; das Anbringen von Warnhinweisen („ Rauchen tötet“) hingegen oder den Tabak in die hinterste Ecke des Ladenlokals zu verbannen, wäre ein Nudge.
Kosten/SchnellenbachVsNudging: Die Gegenfinanzierung der Kosten des Nudging würde wohl kaum anders möglich sein als durch das traditionelle Zwangsinstrument der Besteuerung völlig unbeteiligter Dritter.

1. Richard H. Thaler and Cass R. Sunstein, Nudge: Improving Decisions about Health, Wealth, and Happiness, updated ed. (New York: Penguin Books, 2009).
2. Roger Brownsword, “Whither the Law and the Law Books? From Prescription to Possibility,” Journal of Law and Society 39, no. 2 (2012): 296– 308; Brownsword, “Lost in Translation: Legality, Regulatory Margins, and Technological Management,” Berkeley Technology Law Journal 26 (2011): 1321– 1366; and Brownsword, Rights, Regulation and the Technological Revolution (New York: Oxford University Press, 2008).
3. Thaler, Richard H., und Cass R. Sunstein, Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt. Berlin 2009, S. 15.

EconThaler I
Richard Thaler
Misbehaving: The Making of Behavioral Economics New York 2016

Morozov I
Evgeny Morozov
To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism New York 2014

Mause I
Karsten Mause
Christian Müller
Klaus Schubert,
Politik und Wirtschaft: Ein integratives Kompendium Wiesbaden 2018
Politik Flusser I 202
Politik/Flusser: Def Politisieren/Flusser: Politisieren bedeutet, das Private in den öffentlichen Raum zu tragen. Beim Fernsehen betreten die Politiker den privaten Raum und entpolitisieren ihn. >Fernsehen, >Kino, >Gesellschaft, >Medien.
Die Bilder verwandeln den Empfänger in einen konsumierenden, passiven, leidenden. In diesem Sinne sind alle Bilder "Werbung" auch wenn Ansager angeben, dass es sich um "Indikative" (falsche Informationen) oder um "Kunst" handelt.
I 203
Der imperativische Charakter des Fernsehen ist im illusorischen Entschlüsseln und nicht erst in seiner Information verschlüsselt.
I 204
Das Entscheidende am Fernsehen ist, ist dass die Kiste unfähig ist, zu senden. Fernsehen könnte ebenso wie Telefone (in beiden Richtungen) funktionieren. Diese Unfähigkeit ist ideologischer Natur. Das Fernsehen könnte tatsächlich an der Schaffung eines "kosmischen Dorfes" ((s) wünschenswert) anstatt eines "kosmischen Zirkus" wirken. Also nicht an der Errichtung eines technokratischen Totalitarismus sondern einer "Demokratie" in einem noch nicht fassbaren Sinn des Wortes.
>Totalitarismus, >Demokratie.

Fl I
V. Flusser
Kommunikologie Mannheim 1996
Politik Singer I 39
Gleichheit/Gleichberechtigung/Gleichbehandlung/Politik/P. Singer: Affirmative Action - manchmal auch „umgekehrte Diskriminierung“ genannt - war in den USA das staatliche Bestreben, benachteiligten Menschen Vorteile zu verschaffen, indem Menschen mit evtl. besseren Voraussetzungen oder besseren Testergebnissen der Zugang zugunsten von Benachteiligten verwehrt wurde. Ein berühmter Fall war das Verfahren Regents of the University of California v. Bakke. Alan Bakke war ein Amerikaner europäischer Abstammung, dessen Bewerbung zugunsten eines afro-amerikanischen Bewerbers mit weniger guten Testergebnissen nicht berücksichtigt worden war. >Rassismus, >Gleichheit, >Ungleichheit, >Gleichberechtigung, >Chancengleichheit.
I 40
Ein häufig vorgebrachtes Argument in Zusammenhang mit der Benachteiligung von Gruppen ist der Vergleich der Anzahl von Menschen aus bestimmten ethnischen Gruppen in bestimmten Berufen mit der Prozentzahl, die den Anteil dieser Gruppen an der Gesamtbevölkerung ausmacht. Nehmen wir an, eine Gruppe bildet 20% an der Gesamtbevölkerung. Dann sollte man annehmen, dass in den meisten Berufen auch ein Anteil 20% aus dieser Gruppe stammen sollte. Das ist meist nicht der Fall. Singer: Dabei ist eine Zusatzannahme im Spiel, nämlich die, dass die Begabung für bestimmte Tätigkeiten in allen ethnischen Gruppen gleich verteilt ist.
Vgl. >Intelligenz.
Tests: Man könnte argumentieren, dass Menschen mit ernsthaften Benachteiligungen bei bestimmten Tests keine Chancen haben. Eine Korrektur von Testergebnissen, die einen gewissen Hintergrund der Vorbereitung berücksichtigt, wäre keine Rassendiskriminierung.
I 41
So konnte sich die University of California allerdings nicht verteidigen, weil sie schlicht 16% der Studienplätze für Minderheiten reserviert hatte. Die Abschlüsse von Absolventen der Affirmative Action sind im Allgemeinen niedriger als die der Klasse insgesamt.
Interesse/Gleichheit/P. Singer: Wir haben gesehen, dass die einzige haltbare Basis für die Feststellung, dass alle Menschen gleich sind, das Prinzip ist, dass ihre Interessen gleichermaßen berücksichtigt werden müssen. Konnte Bakke reklamieren, dass seine Interessen nicht angemessen berücksichtigt worden waren?
>Interesse.
Interesse: Das Problem ist, dass die Universität gar nicht mit Interessen argumentieren darf und argumentieren muss, dass die Interessen aller Bewerber das gleiche Gewicht haben.
I 42
Sollte die Universität ihre gesamtgesellschaftlichen Ziele ändern, können Bewerber, die nach der neuen Prozedur benachteiligt werden, nicht argumentieren, ihre persönlichen Rechte seien verletzt worden.
I 43
VsAffirmative Action/P. Singer: Gegner der Affirmative Action argumentierten nicht für eine stärkere Ungleichbehandlung, sondern meinten, sie würde überkommene Stereotype und Vorurteile verfestigen. >Vorurteil, >Stereotype.
Erhielten Benachteiligte aufgrund ihrer Benachteiligung Zugang, würden sich Vorbehalte gegen sie bloß stabilisieren. Stattdessen sollten sie aufgrund eigener Verdienste Zugang erhalten. Eine neueres Argument ist, dass durch benachteiligte Gruppenmitglieder die Homogenität der Gruppen gemindert würde und die benachteiligten innerhalb der Gruppe schlechte Erfahrungen machten, die ihnen in homogeneren Gruppen erspart geblieben wären.
I 44
In den USA sind Verwaltungsmaßnahmen gestattet, die eine größere Diversität zur Folge haben, nicht aber ethnische Quotierungen. Affirmative Action/P. Singer: auf jeden Fall ist Affirmative Action – sei es durch Quoten oder andere Maßnahmen nicht grundsätzlich im Widerspruch zu grundlegenden Gleichheitsprinzipien und sie verletzen keine Rechte derer, die durch sie ausgeschlossen werden.
I 46
Chancengleichheit: Gleicher Zugang für Benachteiligte stellt noch nicht sicher, dass diese gleichberechtigte Mitglieder einer Gemeinschaft werden. >Gemeinschaft, >Ethik.

SingerP I
Peter Singer
Practical Ethics (Third Edition) Cambridge 2011

SingerP II
P. Singer
The Most Good You Can Do: How Effective Altruism is Changing Ideas About Living Ethically. New Haven 2015
Privatsphäre Kelly Morozov I 235
Privatsphäre/Kelly/Morozov: Kelly schrieb: „Privatsphäre ist größtenteils eine Illusion, aber Sie können so viel davon haben, wie Sie wollen, wenn Sie bereit sind, dafür zu zahlen.“(1) >Werbung, >Soziale Medien, >Soziale Netzwerke, >Gesellschaft.

1. Quoted in “Privacy 2.0: The Garbo Economy,” NPR, April 27, 2011 http:// www.npr.org/ 2011/ 04/ 27/ 135623137/ privacy-2– 0-the-garbo-economy.

Kelly I
Kevin Kelly
What Technology Wants New York 2011

Morozov I
Evgeny Morozov
To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism New York 2014
Raum Klein Brocker I 930
Raum/Naomi Klein: Klein beschreibt die Eroberung sämtlicher Räume, seien es Stadträume, Schulen und Universitäten, seien es imaginäre Räume und imaginierte Identitäten, durch die Marken. Sie unterscheidet dabei die klassische Werbung seit ihrem Beginn im 19. und ihrer Weiterentwicklung im Laufe des 20. Jahrhunderts von der neuartigen Markenpolitik der 1990er Jahre. Dabei werden die Produkte selbst ((s) ohne besondere Eigenschaften) in transzendente Sinnvermittlungsmaschinen verwandelt.(1) >Identitätspolitik, >Sinn, >Märkte, >Ware.

1 Naomi Klein, No Logo: Taking Aim at the Brand Bullies, Toronto 2000. (Tenth Anniversary Edition with a New Introduction by the Author, New York 32010.) Dt.: Naomi Klein, No Logo! Der Kampf der Global Players um Marktmacht – Ein Spiel mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern, Frankfurt/M. 2015 (zuerst 2001) S. 82

Christine Bauhardt, „Naomi Klein, No Logo! (2000)“ in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Risikowahrnehmung Wirtschaftstheorien Parisi I 69
Risikowahrnehmung/Wirtschaftstheorien/Jolls: Es ist wichtig, (...) dass von Unternehmen nicht verlangt wird, Anekdoten zu liefern, die sehr ungewöhnliche Ereignisse widerspiegeln, da eine Betonung von Worst-Case-Szenarien zu übermäßigen Reaktionen führen könnte (Sunstein, 2002)(1). Wenn die Anforderungen an wahrheitsgemäße Berichte extrem ungewöhnliche oder unwahrscheinliche Szenarien einbeziehen, könnten die Verbraucher überreagieren - oder sie könnten das Vertrauen verlieren und den Berichten überhaupt kein Gewicht beimessen. Beachten Sie, dass sich Worst-Case-Szenarien mit dem Vorschlag einer gesetzlichen Anforderung an Unternehmen, wahrheitsgemäße Berichte über tatsächliche Ereignisse zu liefern, wahrscheinlich viel leichter vermeiden lassen als mit der alternativen Strategie - die häufig von der Regierung angewandt wird - von öffentlichen Informationskampagnen über Verbraucherrisiken. Solche Kampagnen haben oft zur Verwendung von extrem
Parisi I 70
anschaulichen und hervorstechenden Bilder geführt, bis zu dem Punkt, an dem das ernsthafte Risiko einer Überreaktion oder sogar einer Gegenreaktion besteht, weil die Bürger den Eindruck haben, dass die Regierung "manipuliert". Eine bekannte Anti-Drogen-Werbung aus den 1980er Jahren zeigte z. B. das Bild eines in der Pfanne bratenden Eies mit dem Voice-over: "This is your brain on drugs" (dt. "Das ist dein Gehirn auf Drogen.") (Dewan, 2004)(2).
>Optimismus/Wirtschaftstheorien.
Parisi I 71
Optimismus/Automobilsicherheit: Ein Kontext, in dem Belege aus einer Reihe von Quellen das Vorhandensein einer erheblichen Verzerrung im Optimismus unterstützen, ist die Automobilsicherheit (z. B. Arnould und Grabowski, 1981(3); Camerer und Kunreuther, 1989(4)). Die Unterschätzung des Risikos, bei einem Autounfall getötet oder verletzt zu werden, kann auftreten, weil Menschen die Wahrscheinlichkeit unterschätzen, dass die durchschnittliche Person in einen solchen Unfall verwickelt wird (Lichtenstein et al., 1978)(5); die Wahrscheinlichkeit, dass die Person selbst in einen solchen Unfall verwickelt wird, im Verhältnis zur Wahrscheinlichkeit, dass die durchschnittliche Person in einen solchen Unfall verwickelt wird (z. B. Dejoy, 1989(6); Svenson, Fischhoff und MacGregor, 1985(7)); oder eine Kombination der beiden Effekte.* >Recht und Verhalten/Wirtschaftstheorien.
* Siehe Jolls (1998)(8) für eine weitere Diskussion der Beweise in diesen Studien.

1. Sunstein, Cass R. (2002). “Probability Neglect: Emotions, Worst Cases, and Law.” Yale Law Journal 112: 61–107.
2. Dewan, Shaila K. (2004). “The New Public Service Ad: Just Say ‘Deal With It’.” New York Times, January 11.
3. Arnould, Richard J. and Henry Grabowski (1981). “Auto Safety Regulation: An Analysis of Market Failure.” Bell Journal of Economics 12: 27–48.
4. Camerer, Colin F. and Howard Kunreuther (1989). “Decision Processes for Low Probability Events: Policy Implications.” Journal of Policy Analysis and Management 8: 565–592.
5. Lichtenstein, Sarah, Paul Slovic, Baruch Fischhoff, Mark Layman, and Barbara Combs (1978). “Judged Frequency of Lethal Events.” Journal of Experimental Psychology: Human Learning and Memory 4: 551–578.
6. DeJoy, David M. (1989). ‘The Optimism Bias and Traffic Accident Risk Perception.” Accident Analysis and Prevention 21: 333–340.
7. Svenson, Ola, Baruch Fischhoff, and Donald MacGregor (1985). “Perceived Driving Safety and Seatbelt Usage.” Accident Analysis and Prevention 17: 119–133.
8. Jolls, Christine (1998). “Behavioral Economics Analysis of Redistributive Legal Rules.” In Symposium: The Legal Implications of Psychology: Human Behavior, Behavioral Economics, and the Law, Vanderbilt Law Review 51: 1653–1677.

Jolls, Christine, „Bounded Rationality, Behavioral Economics, and the Law“. In: Parisi, Francesco (Hrsg.) (2017). The Oxford Handbook of Law and Economics. Bd. 1: Methodology and Concepts. NY: Oxford University Press.

Parisi I
Francesco Parisi (Ed)
The Oxford Handbook of Law and Economics: Volume 1: Methodology and Concepts New York 2017
Rousseau Kant Höffe I 284
Rousseau/Kant/Höffe: Autonomie: Kants moralphilosophischer Gedanke der Selbstgesetzgebung, Autonomie, geht auf eine Stelle des Gesellschaftsvertrags(1) zurück, derzufolge der Gehorsam gegen das selbstgegebene Gesetz Freiheit sei. Freiheit: Wie bei Rousseau, allerdings auch anderen Vorläufern, ist die Freiheit laut Kant nicht erworben, sondern angeboren, geht nämlich allen rechtlichen Akten voraus.
Religion/Glaube: Der Gedanke aus Kants Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, dass die moralische Religion des guten Lebenswandels jede Religion der „Gunstbewerbung» übertreffe, hat Entsprechungen in Rousseaus Gesellschaftsvertrag.
Geschichte/Entwicklung: Die geschichtsphilosophische Behauptung, wir seien zwar «in hohem Grade durch Kunst und Wissenschaft kultiviert», zur Moralisierung jedoch fehle «noch sehr viel», bezieht Kant auf Rousseau.
Verfassung: Nicht zuletzt hält er eine republikanische Staatsverfassung für ein wesentliches Ziel der menschlichen Entwicklung.
>Autonomie/Kant.

1. Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts (Du contrat social ou Principes du droit politique, 1762, I, 8
I. Kant
I Günter Schulte Kant Einführung (Campus) Frankfurt 1994
Externe Quellen. ZEIT-Artikel 11/02 (Ludger Heidbrink über Rawls)
Volker Gerhard "Die Frucht der Freiheit" Plädoyer für die Stammzellforschung ZEIT 27.11.03
Soziale Netzwerke Lanier I 77
Soziale Netzwerke/Lanier: Die eigentlichen Kunden des sozialen Netzwerks sind gar nicht dessen Mitglieder. Die eigentlichen Kunden sind die darauf werbetreibenden Firmen. >Soziale Medien, >Medien, >Werbung, >Internet, Internetkultur, >Internetprotokoll, >Onlinerecht, >World Wide Web, >Märkte.

Lanier I
Jaron Lanier
Gadget: Warum die Zukunft uns noch braucht Frankfurt/M. 2012
Terminologien Klein Brocker I 939
Terminologie/Klein: Branding: Das Schaffen von Markenbewusstsein und damit eines entsprechenden Konsumverhaltens, ihre Gewinnspannen in den 1990er Jahren dramatisch erhöhen konnten. Dieser Prozess der Schaffung neuer Nachfragemärkte – nicht mehr das materielle Produkt, sondern nur noch die Marke wird produziert, beworben, nachgefragt und im beliebigen materiellen Produkt gekauft – läuft parallel zur Abschaffung traditioneller industrieller Produktion und konventioneller Arbeits- und Beschäftigungsformen im globalen Norden. >Arbeitsplätze/Klein.
Den Sportschuhvermarkter Nike, der keine der Produktionsfabriken, in denen er fertigen lässt, selbst besitzt, nennt Klein den »Prototyp der produktfreien Marke«.(1)
Brocker I 933
„branding breathrough“/Klein: Markendurchdringung: den KonsumentInnen für das Markenbewusstsein kein Preis zu hoch ist: »Für markenversessene
Brocker I 934
Käufer ist das Konsumieren schon fast zum Fetisch geworden und dem Markennamen wird eine talismanähnliche Kraft zugesprochen«.(2) Das erlaubt den Unternehmen ein immer größeres Spektrum an ökonomischen Aktivitäten.
Brocker I 937
»Culture-Jamming«: die Praxis, Werbung zu parodieren und ihre Botschaft intelligent zu unterwandern, bezeichnet Klein als »eine Röntgenaufnahme des unbewussten Gehalts einer Werbekampagne«(3). >Werbung.

Naomi Klein, No Logo: Taking Aim at the Brand Bullies, Toronto 2000. (Tenth Anniversary Edition with a New Introduction by the Author, New York 32010.) Dt.: Naomi Klein, No Logo! Der Kampf der Global Players um Marktmacht – Ein Spiel mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern, Frankfurt/M. 2015 (zuerst 2001) S. 202
2. Ebenda S. 152
3. Ebenda S. 282
Christine Bauhardt, „Naomi Klein, No Logo! (2000)“ in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Totalitarismus Lanier I 39
Kybernetischer Totalitarismus/Lanier: Der Kybernetische Totalitarismus überträgt Metaphern aus diversen Strängen der Computerwissenschaft auf Menschen und die übrige Realität.
I 70
Es gibt eine zunehmende Tendenz zu Multiple-Choice-Identitäten, indem Menschen auf die Antworten auf Fragen reduziert werden, die ihnen vorgelegt wurden. Wenn eine Kirche oder ein Staat solche Dinge turn, halten wir sie für autoritär, doch wenn Technologen die Übeltäter sind, gilt das als hip, frisch und innovativ.
>Soziale Netzwerke, >Soziale Medien, >Werbung, >Internet, Internetkultur, >Internetprotokoll, >Onlinerecht, >World Wide Web, >Märkte, >Innovation, >Fortschritt, >Technologie, >Technokratie, >Fragen, >Antworten, >Question Answering, vgl. >E. Morozov, >Y. Benkler, >J. Zittrain, >E. Pariser, >L. Lessig.

Lanier I
Jaron Lanier
Gadget: Warum die Zukunft uns noch braucht Frankfurt/M. 2012
Video Flusser I 196 f
Video/Flusser: Das Video ist ein relativ neues Element in der kodifizierten Welt. Man sieht noch nicht voraus, wie Videos funktionieren. Sie sind "gefährlich", weil es bei ihnen noch möglich ist, sie von der Absicht abzulenken, für die sie konstruiert sind.

((s) Flusser schrieb vor der Entstehung des World Wide Web, Youtube, Instagram, TicToc etc. - Youtube-Filme unterscheiden sich allerdings nicht unbedingt von den von Flusser diskutierten Formen).

Flusser: Videos sind "revolutionär" etwa wie Autos "revolutionär" sind, die für Geschlechtsverkehr statt für Autoverkehr verwendet werden.
>Revolution/Flusser.
I 197.
Das Videoband kann nicht redigiert werden, es rollt ab, wie es aufgenommen wurde. Eine ganz neuartige Wiederholung der Geschichte. Das Video kann die Zeit räumlich machen, indem auf dem Band "früher" als "hinter" dargestellt wird. ((s) Flusser schrieb zu einer Zeit, in der Videos auf Band aufgenommen wurden und nicht manipulierbar waren, weil sie sich in Kassetten befanden, die nicht geöffnet werden konnten.)
Flusser: Das Video wird nicht geschnitten. Man kann die Zeit "ausradieren", wie auf der Tafel mit Kreide geschriebene Texte.
Verschiedene, überlagerte Zeitschichten lassen sich beseitigen, so dass eine verdeckte Zeitschicht sichtbar wird, ein Vorgang, der aus der Psychoanalyse und Archäologie als "Emergenz" bekannt ist.
>Zeit, >Psychoanalyse.
Statt eines Spiegels: ein Monitor, der sich mitten in der Szenen befindet und eine Art Dialog mit sich selbst führt.
I 198
Er ist kein klassischer Spiegel mit Rechts/Links-Umkehrung und bietet daher kein Spiegelbild. Da das Kathodenlicht ein ganz seltenes Licht ist, das weder direkt noch indirekt von der Sonne kommt, ist der Monitor in ein außerordentliches und revolutionäres Licht gebadet.
I 199
Der Fernsehapparat funktioniert wie ein Fenster, durch das Dinge jenseits des Horizonts gezeigt werden, der Monitor wie ein Spiegel gegenwärtiger oder vergangener Ereignisse. >Fernsehen.
Der Stammbaum des Videos gliedert sich in Wasseroberfläche, Spiegel, Mikroskop, der des Films in Höhlenwand, Hauswand, gerahmtes Bild, und Fotografie.
>Bild/Flusser, >Kino/Flusser, >Fotografie/Flusser.
Video ist wesentlich dialogisch. Man kann sich z.B. von hinten oder etwas verzögert sehen.
I 200 ff
Fernsehen/Flusser: Die Bedienung ist einfach, aber die Gründe, warum die Kiste funktioniert, sind undurchsichtig. Solche Systeme sind strukturell komplex und funktionell einfach. >Komplexität.
Gegenteil: Systeme deren Aufbau durchschaubar ist, deren Handhabung aber schwierig. Bsp Schachspiel.
>Schach.
I 201
Fernsehen dadurch gekennzeichnet, dass der mit ihnen Spielende selbst zum Spielball wird, das Spiel verschluckt ihn. >Spiel.
Es ist eine verbreitete Meinung, dass die Familie im Halbkreis um die Kiste herumsitzt, die daher die Stelle einnimmt, die früher die Mutter oder der Lehrer eingenommen hat. Das ist falsch: Die Kiste ist kein Sender, sondern Endpunkt eines Strahls.
Der Halbkreis ist ein Segment eines gigantischen und für die Raumbewohner unsichtbaren Kreises.
Bilder und Töne werden empfangen, als ob sie traditionelle Bilder und Töne wären. Sie bedeuten für den Empfänger "Szenen" Dabei verdrängen die Empfänger ihr nebelhaftes Wissen von dem Apparat, er ist nicht etwas gutgläubig, sondern arbeitet (mit etwas schlechtem Gewissen) bei der beabsichtigten Täuschung mit, die Zeichen seien Zeichen für Szenen.
>Zeichen.
Tatsächlich gibt es ein spezifisches Bild zum Entschlüsselns aller anderen Bilder: den "Ansager" dieses Bild "sagt an", ob es sich bei den nachfolgenden um Fakten, Fiktionen (z.B. Fernsehspiele) oder Imperative (Werbung) handelt.
>Tatsachen, >Fiktionen, >Imperative.
I 202
Den Bildern selbst lassen sich diese Unterschiede nicht entnehmen. Der "Ansager" kann auch fiktiv sein z.B. ein Schauspieler, der einen Ansager mimt. Als Folge davon ist es dem Empfänger gleichgültig, ob er faktisch, fiktiv oder imperativisch informiert wird. Da er so tut, als ob aus der Kiste "Bilder der Welt" strömten, ist es ihm gleich, ob diese Welt faktisch oder imperativisch ist.

Fl I
V. Flusser
Kommunikologie Mannheim 1996