Philosophie Lexikon der Argumente

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Qualia, Philosophie: Die empfindungsmäßigen Entsprechungen zu an äußeren Gegenständen oder Vorgängen wahrgenommenen Eigenschaften. Probleme ergeben sich im Zusammenhang mit der Erklärung ihres Entstehens und ihrer Vergleichbarkeit zwischen Individuen. Siehe auch Phänomene, Sinneswahrnehmung, Empfindungen, Wahrnehmungen, Reize, Qualitäten, Subjektivität, Intersubjektivität, Objektivität, vertauschte Spektren, Bewusstsein.

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Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente.
 
Autor/Titel Begriff Exzerpt Metadaten

 
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I 251
Qualia/fehlende Qualia/ChalmersVsBlock: (Block 1978) Gedankenexperimente, bei denen Systemeigenschaften, die ein menschliches Bewusstseinssystem spiegeln in einer Volkswirtschaft oder in der chinesischen Bevölkerung als ganzer realisiert sind, haben höchstens intuitive Kraft. Sie sollen zeigen, dass ein solches System, bei dem ein Individuum z.B. für ein Neuron stehen soll, als ganzes System kein Bewusstsein entwickeln kann.
ChalmersVsBlock: genauso intuitiv argumentieren wir, wenn wir sagen, dass es kaum glaublich ist, dass ein Stück graue Masse Bewusstsein produziert und dennoch tut sie es!
Wir würden in einer Volkswirtschaft als ganzer keine Erfahrungen sehen, aber das tun wir beim Gehirn auch nicht!
I 252
Ebenso können wir das Funktionieren des Gesamtsystems sowohl im Fall der Bevölkerung als auch beim Gehirn auch ohne bewusste Erlebnisse erklären.
Andererseits wäre es nicht prinzipiell ausgeschlossen, dass eine entsprechende Organisationsstruktur in einer Bevölkerung als ganzer bewusste Erfahrungen hervorbringt, man müsste allerdings die Geschwindigkeit der Signalleitungen erheblich erhöhen.
BlockVsVs: wir wissen über Neuronen, dass sie die Arbeit leisten können, von Homunculi (das wären Individuen in der Bevölkerung in dem Beispiel) wissen wir es nicht.
I 253
Verblassende Qualia/Fading Qualia/VsChalmers: Bsp Angenommen, Teile des Gehirns würden durch Siliziumchips ersetzt (Pylyshyn 1980), Savitt (1982), Cuda (1985) dann könnte es sein, dass Qualia Stück für Stück verblassen bzw. verschwinden.
I 254
ChalmersVsVs: Wenn die einzelnen Chips genug Inputinformation erhalten (und sei es, dass sie irgendwo nachschauen) dann macht es keinen Unterschied und die Qualia bleiben erhalten. Stück für Stück könnten alle Neuronen durch Chips ersetzt werden.
I 256
Ein Wesen mit schwächeren Qualia irrt sich systematisch über alles, was es erlebt. Dinge, die ich als unterschiedlich wahrnehme, werden für es homogen sein. Das Wesen wird dennoch glauben,
I 257
dass es diese komplexen Erlebnisse hat, die ihm tatsächlich fehlen. Es hat damit den Kontakt zu seinen Erlebnissen verloren. Das scheint unplausibel.
Verschwindende Qualia: sind nichtsdestotrotz logisch möglich.
I 261
ChalmersVsVs: es ist vernünftig anzunehmen, dass kein System völlig missverstanden werden kann in Bezug auf seine Erlebnisse.
I 262
Invarianz des Verhaltens/VsChalmers: könnte es andererseits ein System geben, das völlig anders strukturiert ist als ich, aber sich genauso verhält wie ich? Ein solches System müsste genauso bewusst sein!
VsVs: andererseits ist Blocks Beispiel einer riesigen Schautafel mit allen Inputs und Outputs nicht sicher bewusst. (Block 1981). Also muss etwas falsch sein an dem Argument.
ChalmersVsVs: 1. Mein Argument gilt nicht für verhaltensmäßig äquivalente Systeme. Ein perfekter Schauspieler muss nicht derselben Meinung sein wie die dargestellte Person.
2. Ein Gedankenexperiment mit äquivalentem Verhalten kann nicht so Stück für Stück eingeführt werden wie das mit dem ersetzen von Neuronen durch elektronische Chips.
I 263
Ein System wie das hier betrachtete wäre auf jeden Fall rational.
I 266f
Def Tanzende Qualia/Chalmers: Angenommen, 10%, 20%, 30% ... des Gehirns werden durch Silikonchips ersetzt und die resultierenden Qualia mögen sprunghaft, systematisch schwach oder unsystematisch wechseln, das kann uns egal sein. Es muss nur zwei Punkte A und B geben, so dass
I 267
1. zwischen A und B nicht mehr als 10% des Gehirns ausgetauscht wurden und
2. A und B signifikant unterschiedliche Erlebnisse haben.
Problem: es kann wohl unbemerkte Unterschiede zwischen verschiedenen Erlebnissen geben. (>Sorites).
Schalter: wir nehmen an, dass ich ein Backup-System meines Gehirns habe und ab und zu zurückschalten kann.
I 268
Nach dem Umschalten werde ich wie das neue System – nennen wir es Bill – sein. Dieser mag ein blaues anstelle meines roten Erlebnisses haben. Ich könnte dann sogar immer hin und her schalten, das wären die tanzenden Qualia.
Pointe: beim hin und herschalten werde ich gar keinen Unterschied wahrnehmen!
I 269
Eine Veränderung bzw. verändertes Verhalten würde erfordern, dass es eine funktionale Differenz der beiden Systeme gäbe, entgegen der stipulierten (funktionalen) Isomorphie. Da es nicht so ist, kann ich auch keine neuen Überzeugungen erwerben wie z.B. „Meine Qualia sind gerade gesprungen.“ Wenn es anders wäre, müssten wir eine völlig neue, geänderte Psychologie und Phänomenologie annehmen.
Pointe: es könnte sogar sein, dass unsere Qualia tatsächlich ständig vor unseren Augen hin und her tanzen!
I 270
Der einzige Ort, wo man eine prinzipielle Linie ziehen könnte, wäre die funktionale Ebene!
Lösung/Chalmers: das einzige was uns hindert, die Möglichkeit der tanzenden Qualia in unserem eigenen Fall anzunehmen ist folgendes Prinzip:
Prinzip: Wenn jemandes bewusste Erlebnisse sich signifikant ändern, bemerkt man die Veränderung. ((s) Zirkulär zwischen „signifikant“ und „merklich“). Wenn wir das Prinzip missachten, haben wir keine Verteidigung gegen den Skeptizismus mehr.
I 271
VsChalmers: Einwände beziehen sich auf Lücken in der Argumentation bezüglich der Wahrnehmungsgeschichte, Geschwindigkeit, schwache Inversionen,
I 272
Unbemerkte Qualia, die ihrerseits vertauscht sind, z.B. am Rand des Gesichtsfelds,
I 273
Mehrfache Wechsel.
ChalmersVsVs: keines dieser Argumente is entscheidend in Bezug auf meine Argumentation.
Fehlende Qualia/Chalmers: sind extrem unplausibel, tanzende und vertauschte Qualia sind sogar extrem unplausibel.
Funktionalismus: Damit wird aber kein Funktionalismus in seiner stärksten Form (die These, nach der die funktionale Organisation konstitutiv für Bewusstsein ist) bestätigt, da solche Qualia nicht logisch ausgeschlossen sind.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders.

Cha I
D.Chalmers
The Conscious Mind Oxford New York 1996

Cha II
D. Chalmers
Constructing the World Oxford 2014

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Hg. Martin Schulz, Abfragedatum 28.06.2017