Philosophie Lexikon der Argumente

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Interpretation: A. Das Aufstellen von Aussagen über andere Aussagen, wobei sich die neuen Aussagen des Vokabulars der ursprünglichen Aussagen bedienen sowie eventuell neues Vokabular einführen. Wird kein neues Vokabular eingeführt, kann neue Information durch Umstellung der syntaktischen Elemente gewonnen werden.
B. In der Logik das Einsetzen von Werten (Gegenständen) anstelle der Konstanten bzw. freien Variablen.


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Anmerkung: Die obigen Begriffscharakterisierungen verstehen sich weder als Definitionen noch als erschöpfende Problemdarstellungen. Sie sollen lediglich den Zugang zu den unten angefügten Quellen erleichtern. - Lexikon der Argumente.

 
Autor/Titel Begriff Zusammenfassung Metadaten

Martin Luther über Interpretation – Lexikon der Argumente

Gadamer I 178
Bibel/Interpretation/Heilige Schrift/Luther/Gadamer: Der Standpunkt Luthers(1) ist etwa folgender: die Heilige Schrift ist sui ipsius interpres. Man bedarf nicht der Tradition, um das rechte Verständnis derselben zu erwerben, auch nicht einer Auslegungskunst im Stile der antiken Lehre vom vierfachen Schriftsinn, sondern der Wortlaut der Schrift hat einen eindeutigen, aus ihr selbst zu ermittelnden Sinn, den sensus litteralis.
Die allegorische Methode im Besonderen, die für die dogmatische Einheitlichkeit der biblischen Lehre vordem unentbehrlich schien, ist nur dort legitim, wo die allegorische Absicht in der Schrift selbst gegeben Ist. So ist sie bei den Gleichnisreden am Platz. Das Alte Testament dagegen darf seine spezifisch christliche Relevanz nicht durch eine allegorische Interpretation gewinnen.
Man muss es wörtlich verstehen, und gerade indem man es wörtlich versteht
Gadamer I 179
und in ihm den Standpunkt des Gesetzes erkennt, den die Gnadentat Christi aufhebt, hat es eine christliche Bedeutung. Der wörtliche Sinn der Schrift freilich ist nicht an jeder Stelle und in
jedem Augenblick eindeutig verstehbar. Denn es ist das Ganze der Heiligen Schrift, das das Verständnis des Einzelnen leitet so wie umgekehrt dieses Ganze nur aus dem durchgeführten Verständnis des Einzelnen erworben wird.
Gadamer: Ein solches zirkelhaftes Verhältnis von Ganzem und Teilen ist an sich nichts Neues. Das wusste schon die antike Rhetorik, die die vollkommene Rede mit dem organischen Körper, dem Verhältnis von Haupt und Gliedern vergleicht.
Luther und seine Nachfolger übertrugen dieses aus der klassischen Rhetorik bekannte Bild auf das Verfahren des Verstehens und entwickelten als allgemeinen Grundsatz einer Textinterpretation, dass alle Einzelheiten eines Textes aus dem contextus, dem Zusammenhang, und aus dem einheitlichen Sinn, auf den das Ganze zielt, dem scopus, zu verstehen sind.
Problem/GadamerVsLuther: 1. Indem sich die reformatorische Theologie für die Auslegung der Heiligen Schrift auf diesen Grundsatz beruft, bleibt sie freilich ihrerseits in einer dogmatisch begründeten Voraussetzung befangen. Sie macht die Voraussetzung, dass die Bibel selbst eine Einheit ist.
Gadamer I 180
GadamerVsLuther: 2. (…) die reformatorische Theologie erscheint nicht einmal als konsequent.
Indem sie schließlich die protestantischen Glaubensformeln als Leitfaden für das Verständnis der Einheit der Bibel in Anspruch nimmt, hebt auch sie das Schriftprinzip auf zugunsten einer allerdings kurzfristigen reformatorischen Tradition. So hat darüber nicht nur die gegenreformatorische
Theologie, sondern auch Dilthey geurteilt(2).


1. Die hermeneutischen Prinzipien der lutherischen Bibelerklärung sind nach K. Roll vor allem durch G. Ebeling eingehend erforscht worden. (G. Ebeling, Ev. Evangelienauslegung. Eine Untersuchung zu Luthers Hermeneutik [1942] und Die Anfänge von Luthers Hermeneutik [ZThK 48, 1951 , 172 -230] und neuerdings Wort Gottes und Hermeneutik [ZThK 56, 1959]) .
2. Vgl. Dilthey II, 126 Anm. 3 die von Richard Simon an Flacius geübte Kritik.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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