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John Rawls über Überlappender Konsens – Lexikon der Argumente

Gaus I 93
Überlappender Konsens/Vielfalt/Individualismus/Rawls/Waldron: Was eine Auffassung von Gerechtigkeit rechtfertigt, ist nicht, dass sie einer Ordnung entspricht, die uns vorausgegangen ist und die uns gegeben wurde, sondern dass sie mit unserem tieferen Verständnis von uns selbst und unseren Bestrebungen übereinstimmt und mit unserer Erkenntnis, dass sie angesichts unserer Geschichte und der Traditionen, die in unser öffentliches Leben eingebettet sind, für uns die vernünftigste Doktrin ist. (Rawls 1980(1): 518-19).
Gaus I 94
Ethische und religiöse Heterogenität sollte nicht länger als ein Merkmal betrachtet werden, das Gesellschaften, die durch Gerechtigkeit regiert werden, haben oder nicht haben können oder in einer Zeitperiode haben können und in einer anderen aber nicht. Sie ist vielmehr als ein dauerhaftes Merkmal der Gesellschaften zu betrachten, von dem man nicht erwarten konnte, dass es bald vergeht. >Gesellschaft/Walzer.
RawlsVsRawls: Anfang der 1990er Jahre war Rawls zu der Überzeugung gelangt, dass sein Ansatz in "A Theory of Justice"(2) aus diesem Grund generell disqualifiziert wurde. >Individualismus/Rawls.
Diversität/Inhomogenität/Gesellschaft/Rawls: "[W]ie ist es möglich", fragte Rawls, "dass es im Laufe der Zeit eine gerechte und stabile Gesellschaft freier und gleicher Bürger gibt, die durch vernünftige religiöse, philosophische und moralische Doktrinen zutiefst gespalten bleiben?" (1993(3): 4). In der Einführung zum Politischen Liberalismus argumentierte er, dass dies nicht mehr erreicht werden könne, indem man jeden von den ethischen und philosophischen Prämissen überzeugt, auf denen eine umfassende liberale Theorie der Gerechtigkeit beruhen könnte. Stattdessen müsse die Rawls'sche Gerechtigkeit nun als etwas dargestellt werden, das aus verschiedenen ethischen Perspektiven Unterstützung finden könne.
Frage: Wie viele der wesentlichen Prinzipien und Doktrinen einer Theorie der Gerechtigkeit würden diesen neuen Ansatz überleben?
Rawls beschrieb (...) die Vielfalt als eine soziale Tatsache - ein fester Bestandteil der modernen Gesellschaft. Das menschliche Leben ist mit einer Vielzahl von Werten verbunden, und es ist natürlich, dass sich die Menschen nicht darüber einig sind, wie diese Werte auszugleichen oder Prioritäten zu setzen sind.
Gaus I 95
Waldron: Der Schlüssel (...) ist, darauf zu bestehen, dass eine akzeptable Gerechtigkeitstheorie, T, so beschaffen sein muss, dass unter den Gründen für die Ablehnung von T oder die Nicht-Übereinstimmung von T, keiner sich gegen die Verpflichtung von T auf eine bestimmte Wertvorstellung oder eine andere umfassende philosophische Konzeption wendet. >Individualismus/Rawls, >Rawls/Waldron.
Probleme: (...) es gibt weitere Fragen, wie [ein] Schwellenwerttest zu verstehen ist. Eine Möglichkeit ist, daß T einen akzeptablen modus vivendi für die Anhänger der verschiedenen umfassenden Konzeptionen darstellt {C1, C2, ..., Cn }. Wie ein Vertrag, der den Konflikt zwischen ehemals verfeindeten Mächten beendet, kann T als das Beste dargestellt werden, was C1 im Sinne einer Gerechtigkeitstheorie erhoffen kann, da es mit C2 , ..., Cn koexistieren muss, und das Beste, was C2 erhoffen kann, da es mit C1 , C3 ,..., Cn und so weiter koexistieren muss.
Rawls hält dies jedoch als Grundlage für ein Gerechtigkeitsverständnis für unbefriedigend. Es macht T verwundbar gegenüber demographischen Veränderungen oder anderen Veränderungen des Kräfteverhältnisses zwischen rivalisierenden Gesamtkonzepten - eine Verwundbarkeit, die ganz im Gegensatz zu der unerschütterlichen moralischen Kraft steht, die wir gewöhnlich mit Gerechtigkeit assoziieren (1993(3): 148).
Lösung/Rawls: Stattdessen entwickelt Rawls die Idee, dass T einen überlappenden moralischen Konsens zwischen {C1 , C2 , ... , Cn } darstellen sollte. Damit meint er, dass T für die Anhänger von C1 aus moralischen Gründen akzeptabel und für die Anhänger von C2 aus moralischen Gründen akzeptabel gemacht werden könnte, und so weiter.
Vielfalt/Toleranz/Locke/Kant/Rawls/Waldron: So kann zum Beispiel die Behauptung, dass religiöse Toleranz als eine Frage der Gerechtigkeit erforderlich ist, von Christen aus Locke'schen-Gründen, die mit der individualisierten Verantwortung eines jeden Menschen gegenüber Gott für seine eigenen religiösen Überzeugungen zu tun haben, von säkularen Locke-Anhängern aus Gründen der Unabänderlichkeit des Glaubens gegenüber Zwang, von Kantianern aus Gründen der hohen ethischen
Gaus I 96
Bedeutung, die der Autonomie beigemessen wird, von Anhängern von John Stuart Mill auf der Grundlage der Bedeutung der Individualität und des freien Zusammenspiels von Ideen usw. bestätigt werden. >Toleranz/Locke.
Waldron: Ob dies tatsächlich funktioniert, ist eine Frage, die wir in Betracht zogen, als wir Ackermans Ansatz zur Neutralität diskutiert haben. >Neutralität/Waldron.
Überlappender Konsens/WaldronVsRawls: Die Idee des überlappenden Konsenses geht davon aus, dass es viele Wege zum gleichen Ziel geben kann. Geografisch ist die Metapher plausibel genug, aber wenn das Ziel eine Reihe moralischer Prinzipien ist und "Routen" als Gründe für die Akzeptanz dieser Prinzipien gelesen werden, dann ist die Sache weniger klar. Anders als gesetzliche Regeln sind moralische Aussagen nicht nur Formeln. Ein Grundsatz lässt sich vielleicht am besten als normativer Satz zusammen mit den Gründen verstehen, die zu seiner Unterstützung ordnungsgemäß angeführt werden. In beiden Fällen unterscheidet sich das Prinzip der Duldung auf christlichem Weg von dem Prinzip der Duldung basierend auf Mill. Und dies ist ein Unterschied, der von Bedeutung sein kann, denn eine Theorie der Gerechtigkeit soll nicht nur eine Reihe von Slogans für eine Gesellschaft liefern, sondern sie soll auch die Mitglieder dieser Gesellschaft durch die Streitigkeiten führen, die sich darüber entzünden können, wie diese Slogans zu verstehen und anzuwenden sind. >Gerechtigkeit/Liberalismus, >Liberalismus/Waldron.
WaldronVsRawls: Soziale Gerechtigkeit wirft schließlich Bedenken auf, die mit der Strategie der Vagheit oder Ausflucht, die mit einem sich überlappenden Konsens einhergeht, kaum zu bewältigen sind - indem man eine Reihe von Anodyne-Formeln aufstellt, die für alle Menschen alles bedeuten können. Vgl. >Abtreibung/Rawls.


(1) Rawls, John (1980) ‘Kantian constructivism in moral theory’. Journal of Philosophy, 77 (9): 515–72.
(2) Rawls, John (1971) A Theory of Justice. Cambridge, MA: Harvard University Press.
(3) Rawls, John (1993) Political Liberalism. New York: Columbia University Press.


Waldron, Jeremy 2004. „Liberalism, Political and Comprehensive“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Begriff/Autor], [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] bzw. "Problem:"/"Lösung", "alt:"/"neu:" und "These:" ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Rawl I
J. Rawls
A Theory of Justice: Original Edition Oxford 2005

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004

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> Gegenargumente zu Überlappender Konsens

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